Interkulturelle Beratung 1
Inhaltsverzeichnis
1. Deutschland als Einwanderungsland 02
2. Kultur, was ist das? 03
2.1 Kulturdefinitionen 03
2.2 Kulturebenen 04
2.3 Kulturdimensionen 05
2.4 „Culture is communication“ - Die Bedeutung der Sprache 06
3. Migration und psychische Erkrankung 07
3.1 Die Migrationsphasen 07
3.2 Belastungsfaktoren 10
3.3 Depression als Beispiel 11
4. Aspekte der Beratung von Migranten 13
4.1 Potentielle Problemquellen 13
4.2 Interkulturelle Kompetenz 14
4.3 Dolmetscher als Kulturmittler 16
5. Spezifische Angebote in München 18
5.1 Die Notwendigkeit spezifischer Angebote 18
5.2 Refugio München 20
6. Familie M. - Ein Beispiel guter Kooperation zwischen Institutionen 22
7. Literatur 25
8. Anhang: Interview mit einer Sozialpädagogin des SPDIs Neuhausen 28
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1. Deutschland als Einwanderungsland
Die heutige Migrationsrealität in Deutschland ist von verschiedenen, komplexen Migrationsvorgängen bestimmt, die größtenteils nach dem Zweiten Weltkrieg stattfanden. In den Wachstumsphasen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vorwiegend Arbeitskräfte aus dem südeuropäischen Raum angeworben, von denen viele in den nachfolgenden Jahrzehnten ihre Familien nach Deutschland holten. Als in den 80er Jahren die Familienzusammenführungen weitgehend abgeschlossen waren, zählten ca. 4,5 Mio. Menschen in Deutschland zur „ausländischen Wohnbevölkerung.“ 1 Ende der 80er Jahre setzte eine zweite Migrationswelle ein; bis heute reisten ca. 3 Mio. Aussiedler aus den ost-und südeuropäischen Ländern ein 2 . Trotz ihres Status als deutsche Staatsbürger brachten sie ihre Herkunftskultur und Sprache mit; weshalb auch sie nicht vor Eingliederungsproblemen gefeit waren. Ein dritter entscheidender Faktor in der Migrationsgeschichte der Bundesrepublik war die Zuwanderung von Flüchtlingen, die ab der zweiten Hälfte der 80er Jahre stetig zunahm und 1993 ihren Höhepunkt erreichte. Zwischen 1990 und 2003 ersuchten ca. 2,1 Mio. Menschen politisches Asyl 3 . Als weitere Facetten der Migrationsrealität sind EU-Ausländer, ausländische Studierende und illegale Migranten zu nennen. 2003 lebten 7,335 Mio. Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland, was 8,9 % der Gesamtbevölkerung ausmachte 4 . Im Jahre 2005 wiesen 19% der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund auf, diese Zahl umfasst Ausländer uns Eingebürgerte. 5
Diese Migrationsgeschichte beschert Deutschland eine plurale Gesellschaft mit einer Vielfalt von Sprachen, Kulturen, Religionen und Lebensweisen. Dies stellt nicht nur große Anforderungen an die Gesellschaft als Ganzes, sondern verlangt auch spezifische Kompetenzen und Strukturen, was das Netz an Hilfsangeboten allgemein und (sozial-) psychiatrische Einrichtungen und ihre Mitarbeiter im Speziellen, betrifft.
1 Borde & David (2007), S. 29
2 BVA Internetauftritt, zitiert in Borde & David (2007), S. 29
3 BBFMFI 2004, zitiert in Borde & David (2007), S. 31
4 BBFMFI 2004, zitiert in Borde & David (2007), S. 31
5 Statistisches Bundesamt 2006, zitiert in Borde & David (2007), S. 31
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2. Kultur, was ist das?
2.1 Kulturdefinitionen
„Kultur ist ein für uns alle geltender Hintergrund von etablierten und über Generationen überlieferten Sichtweisen, Werten, Ansichten und Haltungen, welche einerseits unser ganzes Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen, die wir andererseits aber in individueller wie auch kollektiver Weise übernehmen, modifizieren und weiterentwickeln, und zwar in Abhängigkeit von unserer Teilhabe an 6 unterschiedlichen Kontexten.“
„Ein gemeinsames, für alle verbindliches System von bedeutungshaltigen Zeichen […], das [den Menschen] erlaubt, die Welt und sich selbst in einer bestimmten Art und Weise wahrzunehmen, zu interpretieren und zu behandeln, und zwar in der Art, wie es die eigene soziale Gemeinschaft 7 akzeptiert und versteht.“
8 „Culture is bias.“
„Kultur […] ist eine kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder 9 Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet.“
10 „Culture is communication.“
11 “Learned and shared patterns of beliefs, behaviors and values of groups of interacting people.”
„Kultur“ ist ein in der Gesellschaft häufig gebrauchtes Wort, das so lange klar scheint, bis man nach einer einheitlichen Definition sucht. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass Heimannsberg (2000) über 50 Kulturbegriffe aufzählt. Auf jeden Fall kann man davon ausgehen, dass jeder Mensch bestimmte Grundprämissen des Denkens, Fühlens und Handelns in sich trägt, die durch die Vermittlung bestimmter Wertungen verinnerlicht worden sind. Vermittelt werden diese Werte in der Familie durch die Erziehung und durch die Sozialisation in der Gesellschaft (Kindergarten, Schule, Nachbarschaft). Problematisch wird es im Falle von Kindern mit Migrationshintergrund, wenn diese Wertesysteme weit auseinander klaffen. Abbildung 1 zeigt diese Situation.
6 Hegemann (2009), S. 12
7 von Schlippe et al. (2001), S. 28
8 Heimannsberg (2000) zitiert in: von Schlippe et al. (2008), S. 28
9 Hofstede (1997), zitiert in: Koptelzewa (2004), S. 56
10 Hall (1956), zitiert in: Koptelzewa (2004), S. 56
11 Bennett (1998), zitiert in: Koptelzewa (2004), S. 56
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Abb.1: Die Triangulationssituation des Kindes in der Migration (nach Roer-Strier 1996); aus von Schlippe et al. (2001), S. 30
Aber auch für die Arbeit im interkulturellen Kontext, ist eine Bewusstmachung der beteiligten Kulturen und eine intensive Beschäftigung notwendig. Von Schlippe et al. (2001) weisen im Beratungskontext auf die Erkenntnisse von Hofstede (2001) zu Kulturebenen unddimensionen hin.
2.2 Kulturebenen
Jeder Mensch gehört gleichzeitig einer Vielzahl von Gruppen an und muss sich so zwangsläufig an verschiedenen Wertesystemen orientieren, die nicht immer im Einklang stehen müssen. Hofstede (2001) unterscheidet folgende Ebenen:
nationale Ebene, entsprechend dem Herkunftsland
regionale (Bayerisch), ethnische (Native-American), religiöse (katholisch) oder sprachliche Ebene (Französische Schweiz), falls in einem Land mehrere vorhanden Ebene des Geschlechts Ebene der Generation Ebene der sozialen Klasse (Bildung, Beruf)
So können beispielsweise religiöse Werte mit Generationswerten kollidieren.
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2.3 Kulturdimensionen
Hofstede (2001) fand in kulturvergleichenden Studien fünf universelle Dimensionen, mit Hilfe derer Kulturen charakterisiert werden können.
1. Machtgefälle bzw. Machunterschiedstoleranz
Hierbei geht es um die Frage, in welchem Ausmaß in der Kultur ungleiche Machtverteilungen akzeptiert werden. In einigen Ländern werden ungleiche Machtverteilungen als natürlich akzeptiert (z.B. Indien), in anderen Ländern wird Gleichberechtigung betont (z.B. Skandinavische Länder).
2. Unsicherheitsvermeidung
Kulturen legen unterschiedlichen Wert auf Sicherheit. In Kulturen mit geringer Unsicherheitsvermeidung löst Fremdes Neugier und Kreativität aus; Risikobereitschaft und Toleranz sind wichtige Werte. In Ländern mit hoher Unsicherheitsvermeidung löst Fremdes eher Abneigung und Angst aus.
3. Individualismus vs. Kollektivismus
Individualistisch orientierte Kulturen betonen die Verantwortung des Einzelnen und seine Unabhängigkeit von der Gemeinschaft. In kollektivistisch orientierten Kulturen hingegen wird die Gemeinschaft in den Vordergrund gestellt, Harmonie und Loyalität sind wichtige Werte, während Konflikte vermieden werden.
4. Maskulinität vs. Femininität
Kulturen mit hohen Ausprägungen auf der Kulturdimension Maskulinität sind gekennzeichnet durch eine klare Rollenabgrenzung zwischen den Geschlechtern. Maskuline Werte wie Unabhängigkeit und Wettbewerb dominieren. Femininität spricht dafür, dass sich die Geschlechterrollen überschneiden und weibliche Werte ebenso geschätzt werden.
5. Langfristige vs. kurzfristige Orientierung
Diese Kulturdimension macht Aussagen darüber, ob in einer Kultur an Traditionen festgehalten wird oder man sich neuen Gegebenheiten schnell anpasst. Außerdem unterscheiden sich Kulturen darin, ob man in der Gesellschaft eher auf schnelle Resultate aus ist oder Beharrlichkeit und Nachhaltigkeit vorrangig sind.
Von Schlippe et al. (2001) warnen davor, pauschalisierende Beschreibungen zu verwenden; wichtig ist immer, den Selbstbildern der Klienten Vorrang zu geben. Trotzdem kann es sinnvoll sein, sich mit der vergleichenden Kulturforschung zu befassen und sie eventuell als
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Hypothesen zur Diskussion zu stellen. Die Kulturdimensionen können dem Berater hierbei als Struktur dienen.
2.4 „Culture is communication“ - Die Bedeutung der Sprache
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ 12
Dass in beinahe allen Definitionen des Begriffs „Kultur“ Sprache und Verhaltensmuster erwähnt werden, zeigt die enorme Bedeutung von Kommunikation. Koptelzewa (2004) ist der Meinung, dass „Kultur erst in ihrer Auswirkung auf die Kommunikation interessant wird bzw. ohne ihre kommunikative Komponente nicht erforschbar ist“. 13 Edward T. Hall, Begründer der Interkulturellen Kommunikation definiert „Culture is communication.“ 14
Eine besondere Rolle kommt hierbei der Sprache zu. Nach dem Konzept des Symbolischen Interaktionismus von Blumer (1978) entstehen geteilte Bedeutungen und Symbole in einer Gesellschaft erst durch Interaktion und Kommunikation: Er stellt folgende Grundannahmen auf:
1. Menschen handeln gegenüber Dingen auf der Grundlage der Bedeutungen, die diese Dinge für sie besitzen.
2. Die Bedeutung der Dinge entsteht durch soziale Interaktion. 3. Die Bedeutungen werden durch einen interpretativen Prozess verändert, den die Person in ihrer Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt.
Die Bedeutung von Dingen geht also aus dem Interaktionsprozess zwischen verschiedenen Personen hervor. Dabei geschieht vieles auf der non-verbalen Ebene; „Die Bedeutungen eines Dinges für eine Person ergibt sich aus der Art und Weise, in der andere Personen ihr gegenüber in Bezug auf dieses Ding handeln 15 “. Trotzdem hilft die Sprache enorm dabei, diese Bedeutungen auszutauschen, ein großer Teil der Kommunikation läuft verbal. Eine gemeinsame Sprache zu haben, bedeutet also nicht nur, Vokabeln und Grammatik zu beherrschen, sondern „auch kulturell determinierte Symbole zu teilen.“ 16 Übertragen auf den Beratungsprozess bedeutet dies also, dass das Fehlen einer gemeinsamen Sprache nicht nur ein Verständnisproblem auf der rein sprachlichen Ebene darstellt, sondern dass Verständnisprobleme viel tiefer gehen können.
12 Wittgenstein (1996), zitiert in Hegemann & Oestereich (2009), S. 55
13 Koptelzewa (2004), S. 59
14 Hall (1956), zitiert in Koptelzewa (2004), S. 56
15 Blumer (1973), S. 83
16 Kronsteiner (1995), zitiert in von Schlippe et al. (2001), S. 67
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3. Migration und psychische Erkrankung
3.1 Die Migrationsphasen
Erstaunlicherweise lässt sich trotz enormer Unterschiede bezüglich Kultur und Migrationsmotiven eine Regelhaftigkeit erkennen, was den Migrationsprozess betrifft. Nach Sluzki (2001) lässt sich der Prozess in fünf Stadien einteilen. Jedes dieser Stadien zeichnet sich durch charakteristische Abläufe und typische familiäre Bewältigungsmuster aus und bringt bestimmte Krisen, Konflikte und Anpassungserfordernisse mit sich.
Abb.2.: Der Migrationsprozess nach Slutzki (2001) aus Hegemann & Ostereich (2009), S. 50
1. Die Vorbereitungsphase
Diese Phase beginnt, wenn einzelne Familienmitglieder anfangen, sich mit der Auswanderung zu beschäftigen und erste Schritte planen. Die Länge dieser Phase ist von Familie zu Familie unterschiedlich, Entscheidungen können Hals über Kopf getroffen oder jahrelang überdacht werden. Bereits in dieser Phase werden Rollen innerhalb der Familie neu verteilt. Es gibt immer Familienmitglieder, die von den anderen Mitgliedern als „verantwortlich oder motivierend“ 17 für die Migration beschrieben werden. Ebenso gibt es häufig Familienmitglieder, die durch die Migration mehr als andere verloren haben. Diese Konstellationen beeinflussen das weitere Familienleben enorm.
17 Hegemann & Oestereich (2009), S. 51
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2. Der Migrationsakt selbst
Auch der Migrationsakt kann eine Vielzahl unterschiedlicher Ausprägungen annehmen. Es kann sich hierbei um einen mehrstündigen Flug handeln, aber auch monatelange Zwischenstopps in verschiedenen Ländern und Notunterkünften beinhalten. Doch selbst wenn der Akt kurz ist, kann der „Prozess emotional und sozial in vielen Fällen über längere Zeiträume andauern.“ 18 Auch der Ablauf und der Stil des Migrationsakts unterscheiden sich immens. Ist die Migration vorübergehen oder endgültig? Migriert die gesamte Familie auf einmal oder kommen einzelne Mitglieder zu einem späteren Zeitpunkt nach? Erfolgt die Einwanderung legal oder illegal? All diese Faktoren haben einen Einfluss darauf, wie später mit der Migration umgegangen werden kann.
3. Phase der Überkompensierung
In den ersten Wochen und Monaten steht die Erfüllung der Grundbedürfnisse an erster Stelle. Um diese zu gewährleisten, findet ein Höchstmaß an Anpassung statt. Innerfamiliäre Konflikte sowie Unstimmigkeiten zwischen Erwartungen und der Realität werden verdrängt. Eventuell herrscht auch eine Anfangseuphorie vor, da man es nach langem Warten endlich geschafft hat.
Eine weitere Bewältigungsstrategie ist die „kollektive Pflege des Mythos ´wir werden ja bald wieder in unsere Heimat zurückkehren`“ 19 . Diese führt dazu, dass die Familie starr an gewohnten Werten und Normen festhält und sich weigert, sich auf das neue Leben einzulassen.
4. Die Phase der Dekompensation
Die Anfangsphase der Überanpassung ist vorbei, bislang bewährte Verdrängungs- und Verleugnungsstrategien greifen nicht mehr und die vielfältigen Belastungen wie Heimweh, beengte Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und
Orientierungslosigkeit dringen ins Bewusstsein. All diese Faktoren „türmen sich auf und es kann zu einem Punkt kommen, den Sluzki (2001) als „Dekompensation“ 20 bezeichnet; man könnte auch von einer „Anpassungskrise“ 21 sprechen. In dieser Phase sieht sich die migrierte Familie mit zwei meist konkurrierenden Aufgaben konfrontiert. Einerseits soll die Kontinuität der Familie erhalten bleiben, andererseits muss sie die Fähigkeit ausbilden, sich an die neue Umwelt anzupassen. Probleme können unter anderem darin bestehen, dass sich Kinder schneller an die neue Kultur und Sprache anpassen, was zu
18 ebd.
19 Hegemann & Oestereich (2009), S. 52
20 von Schlippe et al. (2001), S. 43
21 Berry et al. (2002) zitiert in: von Schlippe et al. (2001), S. 43
Arbeit zitieren:
Veronika Hagenauer, 2010, Interkulturelle Beratung und Psychotherapie inklusive eines Fallbeispiels, München, GRIN Verlag GmbH
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