Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 3
2. Zum Konzept der Öffentlichkeit 4
2.1. Öffentlichkeit und öffentliche Meinung: Definitionen und Funktionen 4
2.2. Die Rolle der Massenmedien bei der Entstehung von öffentlicher Meinung 5
3. Das Modell einer einheitlichen europäischen Öffentlichkeit 5
3.1. Schwierigkeiten bei der Entstehung einer einheitlichen europäischen
Öffentlichkeit 5
3.1.1. Die nationalstaatlich orientierte Organisation der Medien 5
3.1.2. Unterschiedliche Definitionen der Journalisten-Rolle 7
3.2. Chancen der Entwicklung einer einheitlichen europäischen Öffentlichkeit 7
4. Das Modell einer Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten 8
4.1. Schwierigkeiten bei einer Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten 8
4.1.1. Die nationale Perspektive in der Berichterstattung 8
4.1.2. Die Struktur der EU-Institutionen 10
4.2. Chancen einer Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten 12
4.2.1. Reform der EU-Institutionen 12
4.2.2. Verbesserung der EU-Öffentlichkeitsarbeit 13
4.2.3. Verankerung von EU-Themen in lokalen Medien 14
4.2.4. Europäisierung der journalistischen Ausbildung 14
5. Auf dem Weg zu einer europäischen Identität? 15
6. Eine politische Organisationsform für Europa 17
7. Schlussbemerkung 19
Literaturverzeichnis 20
2
1. Vorwort
Ein altbekanntes Lied: „Europa hat keine öffentliche Meinung“ (Schmid 1996); es herrscht „Mangel an einer europäischen Öffentlichkeit“ (Lepsius 1991: 266). Auf ökonomischer und politischer Ebene sei der Integrationsprozess weit fortgeschritten, jedoch fehle eine öffentliche Meinung dazu (vgl. Sievert 1998: 20). Ansichten zum Thema Europa sind in erster Linie vom nationalen Standpunkt geprägt. Die Mehrheit der Bürger denkt kaum in europäischen Dimensionen; Politiker argumentieren erst allmählich europäisch. Der Integrationsprozess leidet definitiv unter einem Öffentlichkeits- und Demokratiedefizit. Eine europäische Öffentlichkeit existiert nur in Ansätzen: „Während der ökonomische und politische Integrationsprozess weit fortgeschritten ist, hinkt die Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit dieser Entwicklung weit hinterher.“ (Gerhards 1993: 96).
In der vorliegenden Arbeit werden zwei mögliche Öffentlichkeitsmodelle für den Kommunikationsraum Europa diskutiert. Es wird versucht neben den jeweiligen Problemen, die der Realisierung der Modelle im Weg stehen, als auch mögliche Chancen ihrer Entstehung darzustellen. Damit soll ein Überblick auf das Thema geboten werden, der die wichtigsten Aspekte anreisst, aufgrund der Rahmenbedingungen dieser Arbeit jedoch nicht detailliert analysiert. Wenn nicht explizit erwähnt, beziehen sich alle Angaben und dargestellten Meinungen auf die Situation in Deutschland.
Zentrales Problem des vielzitierten Öffentlichkeitsdefizits ist, dass eine europäische Öffentlichekit Voraussetzung für eine europäische Identität und damit eine europäische Staatlichkeit zu sein scheint, in welcher Form auch immer diese realisiert werden kann. Abschliessend soll daher als Weiterentwicklung der Ausgangsfrage nach den Entstehungsbedingungen einer europäischen Öffentlichkeit ihre Bedeutung bei der Bildung einer gemeinsamen Identität der Europäer skizziert werden, um dann die Frage aufzunehmen, in welcher politischen Organisa-tionsform ein geeintes Europa angesichts fehlender europäischer Öffentlichkeit und Identität gegenwärtig überhaupt verwirklicht werden kann.
3
Zum Konzept der Öffentlichkeit 1 2.
2.1. Öffentlichkeit und öffentliche Meinung: Definitionen und Funktionen
Jürgen Habermas definiert die Sphäre der politischen Öffentlichkeit als „Organ der Selbstvermittlung der bürgerlichen Gesellschaft“ (Habermas 1990: 142). Erst das Prinzip des allgemeinen Zugangs konstituiere Öffentlichkeit. Dieser Zugang müsse schon in der Struktur der Gesellschaft angelegt sein (ebd.: 157). „Öffentlichkeit ist dann garantiert, wenn die ökonomischen und sozialen Bedingungen jedermann gleiche Chancen einräumen, die Zulassungskriterien zu erfüllen: eben die Qualifikationen der Privatautonomie [...].“ (ebd.: 157) Öffentlichkeit sei ein normatives, basisdemokratisch orientiertes Idealmodell und stelle den Bereich dar, in dem alle Bürger Themen mit öffentlicher Relevanz diskutieren. Ergebnis der Debatten ist laut Habermas die vernünftige öffentliche Meinung, die die Grundlage politischer Entscheidungen bilde: „Das Selbstverständnis der Funktion bürgerlicher Öffentlichkeit hat sich im Topos der ‘öffentlichen Meinung’ kristallisiert.“ (ebd.: 161)
Die öffentliche Meinung entspringt dem Streben der in einer Gemeinschaft lebenden Menschen, gemeinsame Grundlagen zu finden, um Handeln und Entscheiden zu können. Regierung und Bürger müssen die öffentliche Meinung respektieren. Der Regierung droht andernfalls der Machtentzug; dem Einzelnen die Isolation, der Ausschluss aus der Gesellschaft. Daraus erwachsen zwingenderweise Integration und Konsens (vgl. Noelle-Neumann 1996: 367 u. 371)
Die Sphäre der politischen Öffentlichkeit dient also der wechselseitigen Beobachtung und Kommunikation zwischen Bürgern, den Akteuren des politischen Systems, sowie der Gesellschaft allgemein. Daraus erhalten alle Gruppen Orientierung für ihr Handeln. Öffentlichkeit erfüllt somit zwei Funktionen: erstens leitet sie die Interessen der Bürger an die Politiker weiter, und zweitens trägt sie zur „Konstitution einer Identität der Gesellschaft“ (Gerhards 1993: 98) bei, denn nur über das Mittel der Öffentlichkeit ist die Beobachtung der, die Teilhabe an und schliesslich die Identifikation mit der Gesellschaft möglich (vgl. ebd.). Niklas Luhmann definiert öffentliche Meinung „funktional als Selektionshilfe“ (Luhmann 1975: 9f). Aus einer Vielzahl von rechtlichen und politischen Möglichkeiten wählt die Gesellschaft aufgrund der öffentlichen Meinung der aktuellen Probleme aus (ebd.: 10). Damit bietet die öffentliche Meinung die „Themenstruktur des politischen Kommunikationsprozesses“ (ebd.: 20). Dieser Struktur müssen sich alle Akteure im politischen Kommunikationsprozess unterordnen (ebd.).
1 Die Gesellschaft setzt sich aus unzählig vielen Teilöffentlichkeiten zusammen. Im Rahmen dieser Arbeit wird unter dem Begriff Öffentlichkeit jedoch stets die politische Öffentlichkeit verstanden, da sie die für das Thema höchste Relevanz besitzt.
4
„Öffentlichkeit ist ein Problem der Institutionalisierung von Themen politischer Kommunikation [...]. Und deshalb ist für die Funktion der öffentlichen Meinung nicht die (unerreichbare) Öffentlichkeit aller politischen Kommunikationen entscheidend, sondern die Strukturierung aller, auch der nichtöffentlichen politischen Kommunikationen durch institutionalisierte Themen.
Themen können als instituionalisiert gelten, wenn und soweit die Bereitschaft, sich in Kommunikationsprozessen mit ihnen zu befassen, unterstellt werden kann. Öffentlichkeit wäre demnach die Unterstellbarkeit der Akzeptiertheit von Themen.“ (ebd.: 22)
2.2. Die Rolle der Massenmedien bei der Entstehung von Öffentlichkeit „Entweder teilen die Massenmedien der Öffentlichkeit im Namen der Demokratie etwas mit, oder die Öffentlichkeit wendet sich im Namen der Demokratie an die Massenmedien, um (z.B. den Herrschenden, den Politikern) etwas mitzuteilen.“ (Klier 1990: 97) Öffentlichkeit wird in modernen Gesellschaften vor allem durch die Massenmedien hergestellt. Öffentliche Meinung wird gleichgesetzt mit veröffentlichter Meinung (vgl. Gerhards 1993: 98). Zugleich kontrollieren die Massenmedien die Entscheidungen, die Entscheidungen, die öffentlich getroffen werden (vgl. Klier 1990: 100).
Laut Luhmann allerdings besteht die Funktion der Massenmedien in ständiger „Erzeugung und Bearbeitung von Irritation“ (Luhmann 1996: 174). Massenmedien produzierten keine Öffentlichkeit, sondern stellten den Raum zur Verfügung, in dem sich die Öffentlichkeit präsentieren kann (vgl. ebd.: 188).
Umweltbeobachtung und die Beobachtung der Massenmedien dienen schliesslich der Urteilsbildung über die öffentliche Meinung. Damit beeinflussen die Massenmedien den Zeitgeist, der sich wiederum in den Einstellungen und Verhaltensweisen des Einzelnen niederschlägt (Noelle-Neumann 1996: 378).
3. Das Modell einer einheitlichen europäischen Öffentlichkeit
3.1. Schwierigkeiten bei der Entstehung einer einheitlichen europäischen Öffentlichkeit
3.1.1. Die nationalstaatlich orientierte Organisation der Medien
Unter dem Begriff der einheitlichen europäischen Öffentlichkeit wird hier ein einheitliches Mediensystem verstanden. Seine Programminhalte müssten auf die Rezeption in allen der 15 EU-Staaten hin konzipiert werden. Da die Medien aber in erster Linie den länderspezifischen Strukturen entsprechend organisiert sind (zu den Ausnahmen s. 3.2.), beschränkt sich der Rezipientenkreis auf den jeweiligen Nationalstaat. Vor allem einer Europäisierung im Printbereich stehen Hindernisse im Weg, die kaum bzw. gar nicht überwunden werden können. Durch die privatwirtschaftliche Organisation ist die Presse - im Gegensatz zum Rundfunkseit jeher auf Verkauf und Werbung angewiesen. Eine Zeitung für Gesamt-Europa wird je-
5
doch aus mehreren Gründen nicht nachgefragt und kann sich daher nicht behaupten. Da ist zum einen das Sprachproblem. Eine Sprache, die von allen Bürgern Europas gut beherrscht wird, gibt es nicht. Übersetzungen in die verschiedenen Amtssprachen der EU wären zu kostenaufwendig. Englischsprachige Zeitungen erreichen - abgesehen von den Eliten - nur ein begrenztes, nicht repräsentatives Lesepublikum. Zudem sind es technische Grenzen, auf die eine europäische massenmediale Presse stösst. Umfassende Übersetzungen und lange Trans-portwege nehmen zu viel Zeit und Kosten in Anspruch, um rentabel zu sein und um schnelle Kommunikation zu ermöglichen (vgl. Gerhards 1993: 100).
Im Rundfunkbereich sind die Möglichkeiten für eine Europäisierung von Öffentlichkeit weniger eingeschränkt. Satellitenübertragung, die politische Deregulierung des Fernsehmarktes sowie die EG-Fernsehrichtlinie schaffen den Rahmen für ein transnationales Mediensystem. Die geringe Akzeptanz europaweiter Programme 2 ist den Rezipienten zuzuschreiben: „Ein einheitliches europäisches Fernsehprogramm würde eine Homogenität der Präferenzen der Zuschauer voraussetzen. Die Zuschauer sind aber im Hinblick auf ihre Sehgewohnheiten, ihre kulturell geprägten Wünsche, und vor allem im Hinblick auf ihre Sprachkompetenz zu heterogen, als dass ein homogenes Programm die Nachfragerpräferenzen befriedigen könnte.“ (Gerhards 1993: 102)
Die Chancen, dass sich ein grenzüberschreitendes europäisches Fernsehen auf dem Markt behaupten kann, sind daher äusserst gering. 3
Die „sprachlich-kulturellen Heterogenität von grossräumigen, übernationalen Vergemeinschaftungen“ (Kocka 1995: 43) ist ein zu grosses Hindernis bei der Entstehung von Öffentlichkeit.
2 Natürlich haben sich europaweite Programme etablieren können. Sie sind jedoch wie z.B. MTV, Eurosport oder wie der (sogar fünfsprachige) Kanal Euronews Spartenprogramme mit ergänzendem Charakter.
3 Übernationale Vollprogramme scheinen gegenwärtig nicht realisierbar. Das Mehrsprachenprogramm „Europa TV“ war der bislang grösste Versuch in mehreren Sprachen zu produzieren und zu senden und kommt daher dem Konzept eines europäischen Fernsehens am nächsten. Nach einem Jahr Sendezeit musste es jedoch wieder eingestellt werden (vgl. Gerhards 1993: 101).
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Arbeit zitieren:
Daniela Schroeder, 2000, Ein Europa ohne öffentliche Meinung? Zur Entstehung und Bedeutung einer europäischen Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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