Inhaltsangabe
1 Einleitung
3
2 Thomas von Aquin
2.1 Evangelische Vollkommenheit 4
2.2 Der Begriff der Armut 5
2.3 Armut als Werkzeug zur Erlangung der evangelischen Vollkommenheit 7
2.4 Fazit 11
3 Aristoteles
3.1 Eudaimonia 12
3.2 Die äußeren Güter 14
3.3 Äußere Güter als Werkzeug zur Erlangung der Eudaimonia 16
3.4 Fazit 19
4 Zusammenfassung
20
2
1. Einleitung
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, was unter der evangelischen Armut bei Thomas von Aquin und den äußeren Gütern bei Aristoteles zu verstehen ist und welche Rolle diese Begriffe in der jeweiligen Philosophie der beiden Autoren spielen. Dabei werde ich von der These ausgehen, dass sowohl die evangelische Armut bei Thomas als auch die äußeren Güter bei Aristoteles Werkzeuge zum Erreichen des eigentlichen Ziels des Menschen sind, nämlich
(1) der evangelischen Vollkommenheit bei Thomas und
(2) der eudaimonia bei Aristoteles.
Der Unterschied zwischen beiden Sichtweisen besteht allerdings darin, dass dieses Werkzeug bei Thomas die Armut ist, bei Aristoteles hingegen im Vorhandensein von äußeren Gütern besteht. Bei Thomas lenken Besitztümer und Geld vom eigentlichen Ziel - der evangelischen Vollkommenheit - ab, bei Aristoteles sind diese Güter die Grundvoraussetzung für das Erreichen der eudaimonia und damit der höchsten - nämlich der betrachtenden - Lebensform des Menschen (bios thêorêtikos).
Als Hinführung zum oben vorgestellten Thema werde ich zunächst die Begriffe der evangelischen Vollkommenheit und der eudaimonia erläutern. Außerdem wird untersucht, was Armut im Rahmen der Thomistischen Philosophie ist und was Aristoteles unter äußeren Gütern versteht.
2. Thomas von Aquin
In diesem Kapitel wird gezeigt, was Thomas von Aquin unter der evangelischen Vollkommenheit versteht und welche Bedeutung er dem Armutsbegriff im Rahmen seiner Philosophie beimisst. Außerdem wird die Frage geklärt, wie die freiwillige Armut als Werkzeug zur Erlangung der evangelischen Vollkommenheit eingesetzt werden kann.
3
2.1 Evangelische Vollkommenheit
Der Begriff der Vollkommenheit bezeichnet die Übereinstimmung von Sein und Sollen. Darunter wird sowohl eine innere Vollendetheit als auch eine äußere Vollständigkeit verstanden. 1 Im Alten Testament bezieht sich der Vollkommenheitsgedanke u.a. auf die religiös-sittliche Ganzhingabe des Menschen im Sinne einer Sollens- bzw. Gehorsamsvollkommenheit. 2 Auch bei Thomas von Aquin findet sich dieser Gedanke der Ganzhingabe. In seiner Ständelehre der Secunda Secundae der Summa Theologiae legt er dar, dass die
„Religion eine Tugend [ist], durch welche wir Gott zu Dienst und Ehre etwas
darbringen. Deshalb werden in betonter Weise ‚Religiosen’ jene genannt,
welche sich gänzlich dem Dienste Gottes weihen, indem sie [sich selbst]
gleichsam Gott zum Ganzopfer darbringen.“ 3
„Darin aber liegt die Vollkommenheit des Menschen, dass er gänzlich Gott
anhängt. Und infolgedessen bedeutet die Religio(n) [das Ordensleben] den
Stand der Vollkommenheit.“ 4
Thomas behauptet, dass jedes Ding ein bestimmtes Ziel hat, in dessen Erlangung seine Vollkommenheit liegt. Für den Menschen stellt Gott dieses Ziel dar, wobei die menschliche Vereinigung mit Gott alleine durch Liebe vollzogen werden kann. Je größer die Liebe zu Gott, desto höher ist die menschliche Vollkommenheit. Demnach ist Vollkommenheit die Vereinigung mit Gott durch die vollkommene Liebe. 5 Ziel des Mönchstums ist die Nachfolge Christi in Wort, Tat und Leben im Geiste des Evangeliums. Folglich begründet Thomas das Ziel des Mönchstums als evangelische Vollkommenheit.
Thomas von Aquin unterscheidet aber klar zwischen dem Zustand der Vollkommenheit und dem „Stand der Vollkommenheit“ - dem Mönchstum. Der Begriff „Stand“ ist keine bloße äußerliche Benennung, sondern eine Bezeichnung dafür, dass der Stand (status) des Mönchstums eine unveränderliche Lebensform ist. Thomas schließt keineswegs aus, dass auch außerhalb des Standes der Vollkommenheit ein vollkommenes Leben geführt werden und damit ein Zustand der Vollkommenheit erreicht werden kann. Andererseits hält er es für denkbar, dass es im Stande der Vollkommenheit Mönche geben mag, die nicht vollkommen sind. 6
Thomas zeigt, dass das Wesen des Standes der Vollkommenheit in der „offiziellen, feierlichen und unwiderruflichen Verpflichtung zum Streben nach der vollkommenen Liebe“ 7 gründet. Es ist aber „nicht notwendig, dass jeder, der im Orden lebt, schon vollkommen ist, sondern dass er nach Vollkommenheit strebt.“ 8 Die bloße Zugehörigkeit zu einem Orden bedeutet demnach nicht bereits das Erreichen des Ziels - der evangelischen Vollkommenheit - sondern belegt lediglich, dass der Mönch dieses Ziel anstrebt. „Wer in den Orden eintritt, gelobt nicht, vollkommen zu sein, sondern gelobt, allen Eifer aufzuwenden, um zur Vollkommenheit zu gelangen.“ 9
2.2 Der Begriff der Armut
In der Patristik entwickelt sich im Rahmen der Bibelexegese die Unterscheidung zwischen praecepta und consilia. Der Begriff praecepta umfasst die göttlichen zehn Gebote, consilia sind zusätzliche Ratschläge zur Erlangung des Seelenheils. Dabei handelt es sich um sittlich wertvolle Handlungen, die beratenden, keinen verpflichtenden Charakter haben.
Sie beziehen sich z.B. auf das Almosengeben, die Askese, die Keuschheit oder auch auf bestimmte Tugend- und Frömmigkeitsübungen. Aus diesen consilia haben sich später die drei evangelischen Ratschläge (1) Armut, (2) lebenslange Keuschheit und (3) Gehorsam entwickelt. Die mönchische Lebensform als Stand der Vollkommenheit ist somit das Ergebnis einer radikalen Umsetzung der drei evangelischen Ratschläge. Erst bei Thomas von Aquin bekommen diese eine differenzierte Fassung und damit eine ethisch-philosophische Rechtfertigung. 10
Im Rahmen der Quaestio 186,2 seiner Ständelehre der Secunda Secundae der Summa Theologiae stellt Thomas die Frage, ob jeder Ordensmann grundsätzlich zur Befolgung aller drei evangelischen Räte verpflichtet ist, wenn er den Stand der Vollkommenheit gelobt hat. 11 In dieser Quaestio legt er dar, dass etwas in dreifacher Weise zur Vollkommenheit gehört, nämlich (1) wesentlich, (2) der Folge nach und (3) als Werkzeug. Er zeigt, dass nur die Liebesgebote wesentlich zur Vollkommenheit gehören; der Folge nach „das, was aus der Vollkommenheit der Liebe folgt; z.B., dass einer den segnet, der ihn verflucht…“ 12 ; als vorbereitendes Werkzeug zur Vollkommenheit nennt er „Armut, Enthaltsamkeit, Enthaltung [von Speis und Trank] und anderes dergleichen“ 13 . Allerdings zählt er diese Werkzeuge zu den wesentlichen Gelübden des Ordensstandes, ohne deren Befolgung sich das mönchische Leben unweigerlich verweltlicht.
„Es gibt gewisse [geistliche] Räte, ohne deren Beobachtung das ganze Le-ben des Menschen sich in weltliche Geschäfte verliert; so wenn einer Ei-gentum besitzt oder verheiratet ist, oder sonst etwas tut, was in den Be-
reich der wesentlichen Gelübde des Ordensstandes gehört. Deshalb sind
die Ordensleute zur Befolgung all dieser Räte verpflichtet.“ 14
Arbeit zitieren:
Helga Spriestersbach, 2010, Der Begriff der Armut bei Thomas von Aquin und Aristoteles, München, GRIN Verlag GmbH
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