Inhaltsangabe
1 Einleitung 3
2 Wissen und Meinen
2.1 Das Verhältnis zwischen Wissen und Meinen 3
2.2 Kriterien zur Unterscheidung von Wissen und Meinen 5
2.3 Das Liniengleichnis 7
2.4 Fazit 10
3 Die Idee des Guten als Ursache von allem
3.1 Das Bildungsziel des Philosophenherrschers 10
3.2 Das Wesen des Guten 12
3.3 Das Sonnengleichnis 14
3.4 Fazit 17
4 Das Reich des Wahrnehmbaren und das Reich der Erkenntnis
4.1 Das Höhlengleichnis 18
4.2 Die pädagogische Pflicht des Philosophen 21
4.3 Fazit 22
5 Zusammenfassung 23
2
1. Einleitung
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, in welchem Zusammenhang die Unterscheidung von Meinen und Wissen, die Idee des Guten und die Platonische Ideenlehre stehen. Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist das Faktum, dass Platon in seiner Politeia die Erkenntnis der Idee des Guten als höchstes Lebensziel des Menschen nennt. Diese Vorstellung entfaltet er im Zusammenhang mit dem Bildungsziel des Philosophenherrschers. Eine solche Erkenntnis aber ist nur möglich, wenn der Mensch wahres Wissen von bloßem Meinen unterscheiden lernt. Um sein eigentliches Lebensziel zu erreichen, muss er daher eine Entwicklung durchlaufen, die ihn vom Scheinwissen über das bewusste Nichtwissen zur Weisheit führt. Diese Weisheit setzt Platon mit der Erkenntnis des Guten gleich. Anhand der einschlägigen Kapitel der Politeia versuche ich nachzuzeichnen, wie sich Platon diese Entwicklungsstufen vorstellt und welche Pflichten sich daraus für denjenigen ergeben, der den genannten Gipfelpunkt des menschlichen Daseins erreicht hat.
Im Rahmen dieser Arbeit soll die Platonische Ideenlehre nicht in vollem Umfang dargelegt, sondern nur im Zusammenhang mit der Idee des Guten angesprochen werden. Auch möchte ich die Schaffung eines gerechten Staates, wie sie in der Politeia vorgestellt wird, nur kurz anreißen und auch keinen Bezug auf andere Platon-Dialoge nehmen, die sich mit dem Thema Meinen und Wissen auseinandersetzen. Diese Arbeit soll sich ausschließlich an dem orientieren, was in der Politeia zum Thema Meinen und Wissen, zur Ideenlehre und zur Idee des Guten herauslesbar ist.
2. Wissen und Meinen
In diesem Kapitel wird erläutert, in welchem Verhältnis Meinen und Wissen zueinander stehen und nach welchen Kriterien eine Unterscheidung zwischen beiden Erkenntnisweisen vorgenommen werden kann. Zur Erläuterung dieser Zusammenhänge möchte ich mich auf die von Platon vorgestellte Definition des Philosophen stützen. Anhand des Platonischen Liniengleichnisses wird dann eine Verbindung zwischen dem Reich des Wahrnehmbaren und dem Reich der Erkenntnis hergestellt.
2.1 Das Verhältnis zwischen Wissen und Meinen
Im 5. Buch seiner Politeia entfaltet Platon den Begriff des Philosophen. Demnach kann derjenige mit Recht als Weisheitsliebender (Philosoph) bezeichnet werden, der „ohne weiteres bereit ist, von jeder Wissenschaft zu kosten, mit Lust ans Lernen geht und nicht genug davon haben
3
kann…“ 1 Glaukon, der Gesprächspartner von Sokrates 2 , gibt zu bedenken, dass gemäß dieser Definition sehr viele und zudem recht wunderliche Leute als Philosophen gelten müssten. Als Beispiel nennt er die „Schaulustigen“ und „Hörbegierigen“, die bei den Dionysosfeiern von einer Feststätte zur anderen laufen, in der ständigen Furcht etwas Aufregendes zu versäumen. Diese Leute seien zwar lernlustig, wären aber zu keiner ernsthaften Unterhaltung fähig. All jene - gibt Glaukon zu bedenken - könne man doch kaum als weisheitsliebend bezeichnen. Nein, entgegnet Sokrates, diese Leute seien keine Weisheitsliebende, sondern Weisheitsliebenden nur ähnlich. Als wahre Weisheitsliebende könne man einzig diejenigen bezeichnen, „die die Wahrheit zu schauen begierig sind“. 3
Wie ist das zu verstehen? Der Unterschied zwischen den Wahrheitsliebenden und den von Glaukon selbst so bezeichneten Schaulustigen und Hörbegierigen besteht nach Sokrates in der Art ihres jeweiligen Erkenntnisvermögens: Letztere schwärmen für schöne Stimmen, Farben, Gestalten; das Wesen des Schönen selbst hingegen können sie nicht schauen, dazu ist ihr Geist nicht in der Lage. Diejenigen aber, die sich dem Schönen selbst zuwenden und es rein für sich schauen können, sind nur selten anzutreffen. Sie erkennen die gleichbleibende Form des Schönen als Eines, während die Schaulustigen an vielerlei Schönes glauben. Diese vergleicht Sokrates mit Träumenden, jene mit Wachenden. Die geistige Tätigkeit des Wachenden setzt er mit Erkenntnis gleich, die des Träumenden mit Meinung, denn der Träumende hält das, was einer Sache ähnlich ist für die Sache selbst, der es gleicht. Der Träumende nimmt die phantasierte Traumwelt für die Wirklichkeit. Der Wachende hingegen ist in der Lage, das Schöne selbst für Etwas zu halten und auch fähig, dieses Etwas zu schauen. 4
Mit dieser Entgegensetzung des bloßen „Philodoxen“ und des wahren Philosophen hat Platon eine Bestimmung des philosophischen Wissens vorgenommen. Das Ziel des Philosophen ist Wahrheit und Wissen, das der Schaulustigen und Hörbegierigen sinnliche Erfahrung. Der Philodox kennt nur das einzelne Schöne, der Philosoph ist in der Lage, das Schöne selbst - des- 1 Platon: DerStaat, Über das Gerechte, Felix Meiner Verlag, 1989, 475c.
2 Ich werde in dieser Arbeit jeweils den Namen Sokrates verwenden, wenn sich die Anmerkungen direkt auf die kon-
kreten Dialoge der Politeia beziehen. In allen anderen, eher grundsätzlichen Erläuterungen, verwende ich den Namen
Platons.
3 a.a.O., 475e.
4 a.a.O., 476b - 476d.
4
sen Wesen - zu erkennen. Nur in letzterem Fall liegt Wissen vor. Damit ist das Verhältnis, in dem doxa (Meinen) und epistêmê (Wissen) zueinander stehen, klar formuliert. 5
Das Bild des Träumens beschreibt treffend das falsche Bewusstsein der doxa. Die doxa unterscheidet sich von der epistêmê aber nicht aufgrund einer bestimmten Gegenständlichkeit, sondern durch das falsche Bewusstsein über ihre Gegenstände. Erst der Wachende - oder der aus dem Traum Erwachte - kann die reale Welt von der Traumwelt unterscheiden. Er erkennt den Traum als Traum und ist in der Lage, das falsche Bewusstsein der doxa zu entlarven und zu korrigieren. Demnach unterscheiden sich Wissen und Meinen - wie oben bereits angeführt - nicht durch den Gegenstandsbereich als solchen, sondern durch das richtige oder falsche Bewusstsein über einen weitgehend identischen Gegenstand. 6
2.2 Kriterien zur Unterscheidung von Wissen und Meinen
Im weiteren Verlauf des Dialogs zwischen Sokrates und Glaukon wird nun die Frage erörtert, ob derjenige, der erkennt, etwas erkennt oder vielmehr nichts. Außerdem steht zur Debatte, ob es sich bei diesem Etwas um Seiendes oder um Nichtseiendes handelt. Beide Gesprächspartner kommen zu dem Schluss, dass das vollkommen Seiende vollkommen erkennbar, das Nichtseiende hingegen vollkommen unerkennbar ist. Mit anderen Worten: Erkenntnis ist auf das Seiende, Nichtkenntnis auf das Nichtseiende gerichtet. Doch wie verhält es sich für jenes Mittlere - falls es ein solches gibt - zwischen Unwissenheit und Wissen? 7 Diesen Mittelstatus verbindet Sokrates mit dem zuvor erörterten Meinen der Schaulustigen und Hörbegierigen. Er ordnet dem Meinen und dem Wissen ein jeweils besonderes Vermögen zu, wobei er den Besitz der doxa ausschließlich auf jene epistemischen Objekte bezieht, die in der Mitte zwischen Sein und Nichtsein liegen. Den Besitz der epistêmê hingegen bezieht er uneingeschränkt auf wirklich Seiendes, wobei er eine Vermischung bzw. Überschneidung der jeweiligen Gegenstandsbereiche ausschließt. 8
Unter Vermögen versteht Platon eine Fähigkeit, die sich auf etwas bezieht und die etwas bewirkt. Wir vermögen zu meinen und haben dabei eine Meinung; wir vermögen zu wissen und verfügen
5 Horn, Christoph: Platons epistêmê-doxa-Unterscheidung und die Ideentheorie = Platon, Politeia, Klassiker Auslegen Bd. 7,
1997, S. 293.
6 Ebert, Theodor: Meinung und Wissen in der Philosophie Platons, 1974, S. 113.
7 Platon, a.a.O., 476e - 477b.
8 Horn, Christoph, a.a.O., S. 293.
5
insofern über die Sicherheit der Erkenntnis. Theodor Ebert fasst den Begriff „Vermögen“, wie er im Dialog entwickelt wird, folgendermaßen zusammen:
„Ein Vermögen ist, darauf insistiert Sokrates, von einem anderen Vermögen nicht durch Farbe
oder Gestalt oder Ähnliches (τι τῶν τοιούτων 477c7) zu unterscheiden und d.h. doch allgemein:
Vermögen sind voneinander nicht durch etwas unterschieden, das an ihnen selbst auffindbar ist. Ein
Vermögen ist von einem andern, wie Sokrates positiv feststellt, nur (μόνον d1) durch seinen korre-
lierenden Gegenstandbereich (έφ' ὦ d1) und durch seine Leistung (ὂ ἄπεργάζεται d1) unterscheidbar.“ 9
Das widerspricht aber dem zuvor vorgelegten Unterscheidungsmerkmal zwischen Wissen und Meinen, das nicht durch den Gegenstandsbereich als solchen konstituiert wurde, sondern durch das richtige oder falsche Bewusstsein über ein weitgehend identisches Objekt. Daher gibt Theo-dor Ebert zu bedenken, dass die Frage, ob Wissen und Meinen Vermögen seien, für Sokrates ungeklärt ist. Ebert bestreitet die Gültigkeit dieser Klassifizierung der doxa als Vermögen und schreibt:
„In Wahrheit verhalten sich Wissen und Meinen nicht wie zwei verschiedene Vermögen, sondern
wie zwei Zustände (ἒξεις) eines und desselben Vermögens, nicht wie Gesicht und Gehör, sondern
wie Hellhörigkeit und Schwerhörigkeit.“ 10
Auch Otto Apelt macht zu diesem Punkt der Platonischen Erläuterung des Unterscheidungsprinzips verschiedener Vermögen eine einschränkende Bemerkung und möchte diese Unterscheidung nicht so verstanden wissen, als wollte Platon damit Wissen und Meinen unterschiedlichen Seelenteilen zurechnen.
„Man hat wohl zu unterscheiden zwischen Seelenteil und Seelenvermögen. Innerhalb jedes Seelen-
teils kann es noch mehrere Vermögen, gewissermaßen mehrere Fächer geben…“ 11 Im weiteren Verlauf des Dialogs nennt Sokrates dann die Kriterien, anhand derer eine Unterscheidung zwischen Wissen und Meinen vorgenommen werden kann. Wissen bezieht er „auf das Seiende, um das Seiende nach seiner Beschaffenheit zu erkennen.“ 12 Die Meinung aber geht weder auf Seiendes, noch auf Nichtseiendes. Sie kann weder als Unwissenheit noch als Wissen bezeichnet werden, sie ist dunkler als das Wissen und heller als das Nichtwissen. 13 Dasjenige, wel-
9 Ebert,Theodor, a.a.O., S. 123.
10 a.a.O., S. 124.
11 Platon: Sämtliche Dialoge, Band V, 2004, Anmerkung 95.) zum fünften Buche, S. 489.
12 Platon, Der Staat, Über das Gerechte, 478a.
13 a.a.O., 478c-d.
6
Arbeit zitieren:
Helga Spriestersbach, 2011, Meinen und Wissen in Plantons 'Politeia', München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Philosophie - Philosophie der Antike: Meinen und Wissen in Plantons 'Politeia' ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Philosophie - Philosophie der Antike: neuer Titel erschienen: Meinen und Wissen in Plantons 'Politeia'
Helga Spriestersbach hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare