Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Der Volks- und Schwankbuchbegriff 2
3 Pfaff Amîs und Dil Ulenspiegel 4
3.1 Formbetrachtung 5
3.2 Eine Historie 8
3.3 Die Eigenschaften der Figuren 10
3.4 Kritik der Gesellschaft 12
4 Fazit 13
5 Literaturverzeichnis 16
1 Einleitung
Till Eulenspiegel ist kein harmloser Possenreißer, auch wenn ihn das Kinderbuch zu einem solchen umfunktioniert hat. Mehr noch: Unter allen Kinderbuchfiguren ist er ein Außenseiter, denn weder Tugenden noch Weisheiten lassen sich mit seinem Wesen vereinbaren. Bis heute besitzt er eine überraschende Popularität, obwohl er als Schwankheld auf den ersten Blickvielleicht aufgrund seiner vielen negativen Eigenschaften - nicht zeitgemäß wirkt. Schließlich stellt Till Eulenspiegel einen „faulen Gelegenheitsarbeiter“, „Bauernfänger“ und „außerständischen Landfahrer“ 1 dar, der mit seiner überlegenen List Schaden anrichtet, aber neben Abscheu auch Bewunderung auslöst.
Von dem Buch Dil Ulenspiegel und seinem Titelhelden ging seit jeher eine ungeheure Wirkung aus. 2 Schon im 16. Jahrhundert war das Werk vielfach überarbeitet und in mehrere Sprachen übersetzt worden. 3 Ob der Held dieser Geschichte wirklich gelebt hat, kann trotz einer Reihe von Zeugnissen, die über eine historische Person „Eulenspiegel“ vorliegen, nicht zweifelsfrei beantwortet werden. 4 Ziemlich sicher ist jedoch, dass Hermen Bote, der für den Verfasser des Dil Ulenspiegel gehalten wird, einige Schwänke aus des Strickers Pfaff Amîs (1230), Des pfaffen geschicht und histori vom Kalenberg (1473) und zwei italienischen Schwanksammlungen (um 1290) entnommen und bearbeitet hat. 5 Wieder andere Historien wurden ihm wahrscheinlich durch mündliche Überlieferung aus dem Braunschweiger Raum zugetragen, einige hat Bote wohl auch selbst erfunden. 6
Ziel dieser Arbeit ist es, die Rolle des Werkes Dil Ulenspiegel und der Figur Till Eulenspiegel in der Tradition der Schwankliteratur darzustellen. Hierfür wird zunächst der Begriff des Volks- und Schwankbuches erörtert. Anschließend soll die Figur des Till Eulenspiegel insbesondere dadurch charakterisiert werden, dass sie mit der Figur des Pfaffen Amîs (Stricker, 1230) verglichen wird. Obwohl Dil Ulenspiegel, zumindest was einige Episoden betrifft, aus des Strickers Schwankroman hervorgegangen ist und beide Werke zur Schwankliteratur zu
1 Bollenbeck, Georg: Till Eulenspiegel - Der dauerhafte Schwankheld. Zum Verhältnis von Produktions- und
Rezeptionsgeschichte. Stuttgart 1985, S. V.
2 Vgl. Wunderlich, Werner: Eulenspiegel-Interpretationen. Der Schalk im Spiegel der Forschung 1807-1977,
hrsg. von Werner Wunderlich. München 1969, S. 7.
3 Vgl. Georg Bollenbeck, S. V.
4 Vgl. Werner Wunderlich, S. 8.
5 Vgl. ebd.
6 Vgl. ebd.
1
zählen sind, bestehen formale Unterschiede. 7 Dieser Vergleich soll sich auch auf inhaltlicher Ebene fortsetzen: Da einzelne Historien fast unverändert im Dil Ulenspiegel übernommen wurden, muss der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich die Werke voneinander unterscheiden. Hierfür soll die vierte Historie aus dem Pfaff Amîs, die sehr ähnlich im Ulenspiegel wieder auftaucht, genauer untersucht werden. Das wiederum führt schließlich zu einer weiteren Aufgabe, nämlich zu erörtern, ob sich die propagierten Eigenschaften des einen Schwankhelden im Gegensatz zum anderen verändert haben oder ob die Figur die gleiche ist.
2 Der Volks- und Schwankbuchbegriff
Der Begriff „Volksbuch“ entstammt Joseph Görres Schrift
Die teutschen Volksbücher.
8
Ihm zufolge sind Volksbücher Schriften verschiedener Gattungen, die aus dem Volk hervorgegangen oder für dieses bestimmt waren.
9
Werner Hilsberg zufolge ist der Volksbuchbegriff jedoch kein Gattungsbegriff und deswegen nicht so weit zu fassen, wie Görres konstatiert.
10
Hilsberg unterteilt Volksbücher im Anschluss an die Untersuchungen von Liepe nach Herkunft und Entstehung in drei unterschiedliche Gruppen: „Prosaübersetzungen“, „Prosaumsetzungen“ und „heimische originale Werke“, die sich an mittelalterliche Predigtmärlein und Legendenliteratur anschließen.
11
Erstere sind Übersetzungen aus fremden, vor allem französischen Prosa- Werken, während sich die Prosaumsetzungen auf deutsche, lateinische und italienische Vers-Romane des Mittelalters beziehen.
12
Die dritte Gruppe der deutschen Eigenschöpfungen sind eher das „Ergebnis eifrigen Sammelns“ von Historien, Schwänken und Märchen.
13
Durch solches Sammeln ist auch
Dil Ulenspiegel
entstanden. Dieses sogenannte Volksbuch ist somit ein „Sammelbuch“, denn ein solches ist das „eigentliche Volksbuch“.
14
Der Stoff, die einzelnen Motive und Erzählungen sind nicht Leistungen und Eigentum des Schöpfers. Dieser vollzieht, Lutz Mackensen zufolge, vielmehr nur den „Abschluss der dich-
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. Görres, Joseph: Die teutschen Volksbücher. Leipzig 1924, S. 169.
9 Vgl. ebd.
10 Vgl. Hilsberg, Werner: Der Aufbau des Eulenspiegel-Volksbuches von 1515. Ein Beitrag zum Wesen der
deutschen Schwankliteratur. Düsseldorf 1933, S. 2.
11 Liepe, Wolfgang: Elisabeth von Nassau- Saarbrücken. Halle 1921, S. 34ff.
12 Ebd.
13 Werner Hilsberg, S. 3.
14 Ebd. S. 4.
2
terischen Tätigkeit des Volkes“, indem er die Geschichten niederschreibt, sammelt und ordnet und sie so für jedermann zugänglich macht. 15
Eine besondere Art dieser Sammelbücher wiederum sind die Schwankbücher. Im Unterschied zu anderen Sammelbüchern bestehen sie aus Geschichten der besonderen Art, nämlich aus Schwänken.
Im fünfzehnten Jahrhundert war der ursprünglich aus der Fechtersprache stammende mittelhochdeutsche Begriff „swanc“ (Streich, Hieb, Schwung) im übertragenen Sinne zur Bezeichnung einer Erzählform geworden, die „Tabus verletzt und damit zur Sprache bringt“, die „moralische oder soziale Normverletzungen“ bloßstellt oder die „komische Vorfälle auf derbwitzige Weise dem Verlachen“ preisgibt. 16 In einepisodigen Handlungen stellen diese Versschwänke Situationen dar, in denen Figurentypen, wie etwa der Listige und der Dumme, der Feige und der Mutige, in verschiedenen ständischen Rollen ihre sozialen und moralischen Konflikte austragen. 17 Allen Schwänken ist eine gewisse Art der Komik gemein. 18 Lipps etwa beschreibt: „Die possenhafte Komik ist die Komik der Streiche der Possen, die dem Dummen, Ungeschickten, Feigen, vielleicht aber sehr einsichtig klug, geschickt, tapfer sich Dünkenden oder Gebärdenden gespielt wird“. 19 Die Schwankkomik ist „eine gewollte Weise, einen Anderen oder sich selbst komisch erscheinen zu lassen“ und ein gewisses Überlegenheitsgefühl zur Geltung zu bringen. 20
Dieses Überlegenheitsgefühl besteht, wenn sich ein offensichtlich Unterlegener am Ende gegen einen scheinbar Überlegenen behauptet.
Das Foppen und Abtrumpfen des scheinbar Überlegenen, durch den Schwankhelden zum Beispiel, ruft dieses Gefühl hervor. Mit dem Ziel, Lachen zu erregen, kann das Foppen als Charakteristikum des Schwankes schlechthin gelten. 21
15 Mackensen, Lutz: Die deutschen Volksbücher. Berlin 1927, S. 120.
16 Wunderlich, Werner: Till Eulenspiegel. München 1984, S. 57.
17 Vgl. ebd.
18 Vgl. Volkelt, Johannes: Die ästhetischen Grundgestalten. In: System der Aesthetik, Band II, hrsg. von Johan-
nes Volkelt. München 1905-1914, S. 433.
19 Lipps, Theodor: Grundlegung der Ästhetik. In: Ästhetik Teil 1, hrsg. von Theodor Lipps. Hamburg 1903,
S. 582.
20 Ebd.
21 Vgl ebd.
3
3 Pfaff Amîs und Dil Ulenspiegel
Die Figur des Helden „Till Eulenspiegel“ ist in der Daseinsform des Strickerschen Schwankhelden, der für seine Streiche in verschiedene Rollen schlüpft, vorgezeichnet. 22 Sein Pfaffe Amîs hat somit Anteil an der späteren Beliebtheit des Dil Ulenspiegel-Volksbuches, auch wenn die entlehnten Historien aus ersterem Werk im zweiten modifiziert wurden. Es geht um die Episoden eins bis vier, die aus dem Pfaff Amis entlehnt wurden, um eine erneute literarische Rezeption im Till Eulenspiegel in den Historien siebzehn, siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig und einunddreißig erfahren. 23
Eine chronologische Anordnung der Einzelschwänke im Ulenspiegel ist nicht festzustellen, obwohl der Verfasser sein Werk zunächst als Biografie ausgibt. Am Ende des Prologs gesteht er jedoch, dass das Buch durch „zulegung etlicher fabulen des pfaff Amîs, vnd des pfaffen von dem Kalenberg“ 24 entstanden ist.
Außerdem macht der Verfasser darauf aufmerksam, dass er „diese hystorien vnd geschichten ... zesamen bringen vnd beschreiben“ wollte. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass er als Chronist dieser Geschichten eine bestimmte Intention auszudrücken suchte. 25 Möglich ist aber auch, dass er lediglich in der Funktion eines Sammlers die Geschichten aus seinen verschiedenen Quellen in einem zeitlich abgegrenzten Rahmen aneinander zu reihen gedachte. 26
Weiterhin weist der Autor darauf hin, dass sein Werk (genau wie beim Pfaff Amis) vorrangig der Unterhaltung dient: „Nun allein vmb ein froelich gemüt zuo machen in schweren zeiten, vnd die lesenden ... moegen guote kurtzweilige froeden vnd schwenck daruß fabulieren.“ Dies lässt vermuten, dass diese Einladung des Rezipienten zur reinen Belustigung, der Abwendung von Kritik dienen sollte. Der Nachsatz: „vff das ich nit vndank verdiene“ enthält eine Bitte des Autors an die Rezipienten, die nicht auf „verstehendes Lesen abzielt“, sondern
22 Vgl. Werner Wunderlich, S. 44.
23 Vgl. Kadlec, Eduard: Untersuchungen zum Volksbuch von Ulenspiegel. In: Prager Deutsche Studien, sechs-
undzwanzigstes Heft, hrsg. von Adolf Hauffen. Prag 1916, S. 8-35.
24 Zitiert aus: Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel gebore[n] uß dem Land zu Brunßwick. Wie er sein
leben volbracht hatt. XCVI seiner Geschichten, hrsg. von Grieninger. Straßburg 1515. (Faks. d. Ausg.) In:
Till Eulenspiegel, ohne Hrsg. Leipzig 1911.
25 Vgl. Werner Hilsberg, S. 19.
26 Vgl. Haupt, Barbara: Der Pfaffe Amîs und Ulenspiegel. Variationen zu einem vorgegebenen Thema. In: Till
Eulenspiegel in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Älteren Deutschen Literaturgeschichte, hrsg. von
Joachim Bumke. Bern 1978, S. 80.
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Julia Frey, 2011, Till Eulenspiegel in der Tradition der Schwankliteratur, München, GRIN Verlag GmbH
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