INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung ------------------------------------------------------------------------------------ 3
1. Fala do Crime („die Rede von der Kriminalität“) --------------------------------- 5
2. Die Botschaft der PCC als Gegendiskurs
2.1 Die PCC ---------------------------------------------------------------------------- 8
2.2 Der Wahrheitsdiskurs der PCC: potentielle Machteffekte und genealogische
Charakteristika ------------------------------------------------------------------------- 10
3. Schlussbetrachtung -------------------------------------------------------------------- 15
Literaturverzeichnis ------------------------------------------------------------------------16
2
Einleitung
Brasilien ist ein Land mit extremen Unterschieden und einer der ungerechtesten Vermögens-und Besitzverteilungen der Welt 1 . In São Paulo, der größten Stadt des Landes, ist diese Ungleichheit am deutlichsten zu sehen. Der Wirtschaftsschwung hat eine Klasse von sehr reichen Menschen geschaffen, während viele Arme aus anderen Regionen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen in die Stadt umgezogen sind. Aufgrund mangelnder Ressourcen, welche sie benötigen würden, um in ihre Heimat zurückzukehren, sind die Armen in den Städten geblieben, wo sie nun arbeits- und obdachlos leben (Caldeira, 2000).
In diesem Zusammenhang herrscht ein Diskurs, der die Armen - insbesondere diejenigen, die in den Favelas wohnen - diskriminiert und ausgrenzt. Dieser Diskurs kann als ein einheitlicher, legitimer und institutionalisierter Diskurs angesehen werden, weil er die Machtstrukturen und die räumliche Segregation in einem ungleichen System aufrecht erhält und weil seine Werte für die Mehrheit als die Wahrheit gelten (Caldeira, 2000). Er wird nicht nur von den herrschenden Teilen der Gesellschaft verwendet, sondern auch von denen, die von diesem Diskurs unterdrückt und benachteiligt werden (Caldeira, 2000). Darin ist also die Foucault'sche Prämisse deutlich sichtbar, wie Wissensdiskurse Wahrheit und Macht produzieren, die nicht von einer souveränen Macht kommen, sondern in jedem Einzelnen gegenwärtig sind und an denen sich jeder Einzelne beteiligt („Das Individuum ist also nicht das Gegenüber der Macht; es ist eine ihrer ersten Wirkungen“ (Foucault, 1999:45).).
In diesem Diskurs werden die Kriminellen als irreversibel böse angesehen; jeder Missbrauch gegen sie wird von ihm gerechtfertigt, die Menschenrechte werden verachtet, weil die Kriminellen durch ihn enthumanisiert werden. Die Möglichkeit, dass sie als normale Menschen existieren könnten, ist in diesem Diskurs nicht vorhanden (Caldeira, 2000; Pinheiro, 1983). In diesem Kontext ist eine Gruppe von Kriminellen entstanden, in der ein Diskurs existiert, der ganz im Gegensatz zum dominanten Diskurs steht; die Mitglieder dieser Gruppe wehren sich gegen die Vorurteile des dominanten Diskurses und versuchen, ihre Botschaft mit Hilfe von Videos und Briefen zu verbreiten, für deren Bekanntmachung sie mit gewalttätigen Aktionen kämpfen. Diese Gruppe, die PCC (Primeiro Comando da Capital) ist in mehreren Gefängnissen und Favelas in São Paulo (und auch im gesamten Land) aktiv. Die PCC beschreibt die Situation der Gesellschaft als eine des Krieges, in der die Menschen kämpfen, um ihre „Realität“ zu zeigen und die Werte des dominanten Diskurses (oder des „Systems“, wie sie es nennen) zu zerrütten.
1 CIA World Factbook (Stand 28.03.2010): https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2172rank.html?countryName=Brazil&countryCode=br®ionCode=sa&rank=9#br
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Ziel dieser Arbeit ist es, den Diskurs der PCC zu analysieren. Welche potentiellen Machteffekte hat er? Könnte er als ein kritischer Diskurs im Sinne der Foucault'schen Genealogie betrachtet werden?
In der Foucault'schen Genealogie geht es darum, die Werte des dominanten Diskurses - die als „natürlich“ gelten - als eine produzierte Wahrheit zu zeigen, die durch Machtverhältnisse und von einer bestimmten Perspektive geformt wurde. Weiteres Ziel einer solchen Genealogie ist es, das Wissen, das von diesem System nicht legitimiert und wahrgenommen wird, in einer historischen Arbeit einzubeziehen. Er beschreibt die Geschichte als eine des Kampfs, des Willens zur Macht und schafft einen Diskurs, der die Erfahrungen von den einfachen, „disqualifizierten“ Leuten in Betracht zieht (das Wissen, das aus diesen Erfahrungen kommt, bezeichnet Foucault als „Wissen der Leute“). Indem er an die Interpretierbarkeit der Realität glaubt, die vom gegenwärtigen Diskurs nicht legitimiert wird, schafft dieser Diskurs eine mögliche Uminterpretation und Umschreibung der Geschichte und wehrt sich gegen den einheitlichen, wissenschaftlichen Diskurs, der von oben (von den Ideologien oder so genannten großen Theorien) kommt.
Im Mittelpunkt der Genealogie steht ein Kampf, „nicht so sehr gegen die Inhalte, Methoden oder Begriffe einer Gesellschaft als vielmehr gegen die zentralisierenden Machtwirkungen, die mit der Institution und dem Funktionieren eines im Innern einer Gesellschaft wie der unsrigen organisierten wissenschaftlichen Diskurses verbunden sind. […] Den Machtwirkungen, wie sie einem als wissenschaftlich betrachteten Diskurs eigen sind, muss die Genealogie den Kampf ansagen“ (Foucault, 1999: 24).
Um die oben gestellten Fragen zu beantworten, wird als erstes der dominante Diskurs von São Paulo und dessen Machtwirkungen, wie er von der Anthropologin Teresa Caldeira beschrieben wurde, dargestellt. Dann wird die Entstehung der PCC mit ihrem Gegendiskurs dargestellt (verbunden mit einer Darstellung der Perspektive, die die Wahrheit der PCC ermöglicht und das Recht auf das sie sich bezieht). Danach werden die potentiellen Machteffekte von diesem Diskurs in Bezug auf den dominanten Diskurs präsentiert und schließlich wird nach der Antwort auf die Frage gesucht, ob der Gegendiskurs der PCC ein kritischer Diskurs im Sinne der Foucault'schen Genealogie ist.
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1. Fala do Crime („die Rede von der Kriminalität“)
Die fala do crime („die Rede von der Kriminalität“) ist ein Begriff, den Teresa Caldeira entwickelt hat, um den Diskurs zu beschreiben, der sich mit der Kriminalität in São Paulo beschäftigt. Mit fast 20 Millionen Einwohner und einer der höchsten Kriminalitätsrate in Brasilien dient São Paulo als ein gutes Beispiel für ein Phänomen, das im ganzen Land zu sehen ist: die Kluft zwischen den ärmeren und den größeren Schichten wird immer deutlicher und die Kriminalität in der Alltagssprache immer präsenter:
„A vida cotidiana e a cidade mudaram por causa do crime e do medo, e isso se reflete nas conversas diárias, em que o crime tornou-se um tema central. Na verdade, medo e violência, coisas difíceis de entender, fazem o discurso proliferar e circular. A fala do crimeou seja, todos os tipos de conversas, comentários, narrativas, piadas, debates e brincadeiras que têm o crime e o medo como tema - é contagiante“ 2 (Caldeira, 2000: 27).
Was Caldeira als fala do crime bezeichnet, ist der dominierende Diskurs in einer extrem ungleichen Gesellschaft, der Werte wie soziale Gleichheit, Toleranz und Respekt vor Menschenrechten völlig missachtet. Dies ist eine Art von Diskurs, wie sie in verschiedenen Formen vielerorts in Brasilien verwendet wird (ein anderes Beispiel dafür ist Ramos und Musumeci, 2005). Die Studie Caldeiras basiert auf Interviews mit Bewohnern verschiedener Stadtteile von São Paulo, die hauptsächlich zwischen 1989 und 1991 von der Anthropologin durchgeführt wurden. Der fala do crime ist ein vereinfachender Diskurs, der die Gesellschaft in Gut und Böse spaltet. Die Favelas - extrem arme Stadtteile, die illegal besetzt wurden - werden als schmutzig und verschmutzend angesehen und mit allem verknüpft, was schlecht und böse ist (Caldeira, 2000: 80). Die Kriminalität und das Böse werden als etwas angesehen, was zum inneren Charakter eines Menschen gehört; wer einmal den „falschen Weg“ begangen habe, sei für immer verloren. Diese Denkweise wird verwendet, um für die Todesstrafe Kampagne zu machen (ein Gesetz, das es in Brasilien nicht gibt), weil der Tod als der einzige Weg angesehen wird, das Böse zu vernichten (Caldeira, 2000: 97). Die Kontrolle starker Autoritäten und Institutionen über die Kriminalität wird erwünscht und angesehen als eine Aufgabe der Kultur gegen die Kräfte der Natur (Caldeira, 2000: 57).
Obwohl dieser Diskurs die Ordnung der Dinge als ungerecht erkennt und auch den Staat für diese Ungerechtigkeit verantwortlich macht, wird dieses Böse, das sich in der Kriminalität 2 „Die Stadt und das alltägliche Leben dort haben sich wegen der Kriminalität und der dadurch verursachten Angst verändert, und das spiegelt sich in den alltäglichen Gesprächen wider, in denen die Kriminalität ein zentrales Thema geworden ist. Im Grunde führen Angst und Gewalt - Dinge, die sich schwierig begreifen lassen - dazu, dass dieser Diskurs sich verbreitet und zirkuliert. Die fala do crime, das heißt alle Sorten von Gesprächen, Kommentaren, Narrativen, Witzen, Debatten und Scherzen, welche die Kriminalität als Thema haben, ist ansteckend.“ (Caldeira, 2000:27).
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Arbeit zitieren:
Luan Orsini, 2010, Der Diskurs der "Primeiro Comando da Capital" und seine potentiellen Machteffekte in São Paulo, München, GRIN Verlag GmbH
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