Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Begriffsklärung 6
2.1 Was ist eine Psychose? 6
2.2 Geschichtliche Entwicklung von Psychosen 6
3. Diagnostik und Klassifikation 8
3.1 Begriffsabgrenzung 8
3.2 Klassifikation im ICD und DSM 8
3.2.1 Schizophrenie 9
3.2.2 Wahnhafte Störungen 11
3.2.3 Schizoaffektive Störung 13
3.2.4 Schizophrenia simplex 13
3.2.5 Manie 13
3.2.6 Schizophrenes Residuum 14
4. Epidemiologie und Verlauf von Psychosen. 15
5. Symptomatik 17
5.1 Über den Umgang mit den Symptomen psychotischer Patienten in der
Beziehungsarbeit 17
5.1.1 Plus- und Minussymptomatik 17
5.1.2 Psychose als Eigensinn - Besonderheiten des Denkens, Fühlens,
Wollens und Handelns 19
5.1.3 Veränderungen von Wahrnehmung und Denken -
schizophrene bzw. kognitive Psychosen 20
5.1.4 Veränderungen von Stimmung und Energie - affektive Psychosen 23
5.1.5 „Der Sinn des Wahnsinns“ - Auf Wahnerleben eingehen 26
5.1.6 Stimmenhören - Krankheit oder Botschaft? 28
5.1.7 Psychose und Kreativität 31
6. Drogeninduzierte Psychosen 33
6.1 Rausch, Intoxikation und Psychose 33
6.2 Drogenkonsum und Psychose - Bedeutung in der sozialpädagogischen
Arbeit 35
7. Ätiologie 37
7.1 Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell 37
7.2 Veränderung des Hirnstoffwechsels - Dopaminhypothese 39
7.3 Genetische Faktoren 41
7.4 Somatische Faktoren 42
7.5 Psychosoziale Faktoren - frühkindliche Entwicklung 43
7.6 Psychodynamische Aspekte 45
7.7 Bedeutung der Ursachen für die sozialpädagogische Arbeit 46
2
8. Behandlung und Therapie von Psychosen 48
8.1 Psychotherapie 48
8.2 Psychoanalyse 50
8.3. Therapeutische Aspekte in der sozialpädagogischen Arbeit 51
8.4 Ergo-, Kunst- und Arbeitstherapie 52
8.5 Psychosoziale Maßnahmen und Rehabilitation 52
8.6 Medikamentöse Behandlung 55
9. Spezifische Schwierigkeiten im Umgang mit psychotischen Patienten -
Methoden zur Beziehungsgestaltung 58
9.1 Über den Umgang mit der Diagnose 58
9.2 Über den Umgang mit Idealisierung und Entwertung 59
9.3 Über den Umgang mit kontrollierendem und forderndem Verhalten 60
9.4 Über den Umgang mit „Noncompliance“ 61
9.5 Über den Umgang mit eigenen Widerständen 63
9.6 Über den Umgang mit Konflikten in gruppendynamischen Prozessen 64
10. Stigmatisierung - Das Bild von psychotischen Patienten in der Öffentlichkeit 66
11. Schlussbetrachtung 68
Literaturverzeichnis 70
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis 72
3
1. Einleitung
Das vielfältige Erscheinungsbild von Psychosen sorgt bei Betroffenen, Angehörigen und Professionellen immer wieder für Verunsicherung, Ratlosigkeit oder Ohnmacht und führt zu erheblichen Veränderungen aller Lebensbereiche sowie der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Symptome von Psychosen wirken auf Außenstehende meist befremdlich oder gar bedrohlich. Wenn jemand in eine Psychose gerät, dann gerät die Umwelt in Aufruhr. Die Auswirkungen und Erscheinungsformen dieser Erkrankung stellen somit für alle Beteiligten eine schwierige und komplexe Situation dar. In dieser Diplomarbeit möchte ich mich zwar ganzheitlich mit dem Phänomen „Psychose“ auseinandersetzen, aber vor allem einen Praxisbezug zur sozialpädagogischen Arbeit mit psychotischen Menschen herstellen. Da mit dieser Erkrankung insbesondere Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich einhergehen und diese nicht selten zur Ausgrenzung und Isolation der Betroffenen führen, möchte ich der Frage nachgehen, wie sich eine tragende Beziehung mit Menschen in einer Psychose gestalten lässt. Die vorliegende Arbeit ist folglich ein Versuch, spezifische Schwierigkeiten im professionellen Umgang mit psychotischen Menschen zu benennen und Handlungsmethoden aufzuzeigen. Weiterhin widme ich meine Aufmerksamkeit den Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen, welche im Laufe der Beziehungsarbeit auftreten können und recht komplexe Dynamiken in der Beziehung erzeugen. Um Verständnis für diese Prozesse zu erlangen, ist es von Nöten, die Rolle des Helfers zu beleuchten und seine Verhaltensweisen gegenüber den Betroffenen zu reflektieren. Des Weiteren ist diese Arbeit eine Versuch, die Literatur und die Beiträge verschiedener Autoren zum Thema Psychose zusammenzufassen und gegenüber zu stellen.
Impuls und Anregung für diese Diplomarbeit ist meine Praxiserfahrung aus dem Betreuten Wohnen mit psychiatrisch erkrankten Menschen, die ich im Laufe der Ausarbeitung mit einfließen lasse. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen Betroffenen, von denen ich im Rahmen vieler Gespräche und Begegnungen lernen durfte, was es heißt, sich der Herausforderung einer psychotischen Krise zu stellen.
4
Zum Beginn werde ich in Kapitel 2 den Begriff der Psychose erläutern und auf die geschichtliche Entwicklung eingehen. Im Anschluss daran werden in Kapitel 3 die Diagnosekriterien und Klassifikation der Erkrankung aufgeführt sowie nachfolgend in Kapitel 4 die Epidemiologie und der Verlauf dargestellt werden. Weiterhin soll in Kapitel 5 auf die Symptomatik Bezug genommen werden und insbesondere der Umgang mit den Symptomen psychotischer Patienten in der Beziehungsarbeit erarbeitet werden. Dabei sollen vor allem Handlungsmethoden des Helfers beleuchtet werden. Kapitel 6 bezieht sich auf drogeninduzierte Psychosen, wobei der Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Psychose und die Bedeutung dessen in der sozialpädagogischen Arbeit dargestellt werden soll. Die Ätiologie soll in Kapitel 7 behandelt werden; hierbei soll wieder der sozialpädagogische Bezug hergestellt werden, indem die Bedeutung der Ursachen für die Praxis erläutert wird. Kapitel 8 beinhaltet schließlich die Behandlung und Therapie von Psychosen; verschiedene Ansätze sollen hier gegenübergestellt werden. Spezifische Schwierigkeiten im Umgang mit psychotischen Patienten werden in Kapitel 9 benannt und Methoden der Beziehungsgestaltung sollen aufgezeigt werden. Das Bild von psychotischen Menschen in der Öffentlichkeit und das Problem der Stigmatisierung soll in Kapitel 10 erläutert werden.
In einem Fazit der erworbenen Kenntnisse und einer rückwirkenden Betrachtung soll die Diplomarbeit in Kapitel 11 ihren Abschluss finden.
Da die Bezeichnung der Betroffenen in der Literatur nicht einheitlich ist, werde ich im Allgemeinen von Patienten und bei der Schilderung der eigenen Erfahrung von Klienten sprechen. Ich werde einheitlich den männlichen Terminus verwenden, beziehe mich damit aber immer auf beide Geschlechter.
5
2. Begriffsklärung
2.1 Was ist eine Psychose?
Der Begriff „Psychose“ wurde im 19. Jahrhundert geprägt und leitet sich von dem Wort „psychisch“, d.h. „mit der Seele zusammenhängend“, also seelisch, ab. Damit werden sehr schwere psychische Erkrankungen zusammengefasst, die nicht aus eigener Kraft alleine bewältigt werden können. Charakteristischerweise sind hierbei der Bezug zur Wirklichkeit, die Einsichtsfähigkeit sowie die Fähigkeit, mit den üblichen Lebensanforderungen zurechtzukommen, erheblich gestört. 1
2.2 Geschichtliche Entwicklung von Psychosen
Es ist anzunehmen, dass „psychotisches Erleben“ kein Phänomen der Neuzeit ist, sondern vielmehr bereits im Altertum verbreitet war, jedoch anderen Deutungsversuchen unterlag und nicht als psychische Störung erkannt wurde und somit auch nicht der Leidensdruck der Betroffenen ermessen werden konnte. So versuchte man im Altertum abnorme Verhaltensweisen auf organische Ursachen zurückzuführen, wogegen im Mittelalter Geisteskrankheiten dem Einfluss von Teufeln, bösen Geistern und Hexereien zugeschrieben wurden. In der Regel wurden Geisteskranke als unheilbar betrachtet und ihr Leben als unwert bezeichnet. Zudem wurden schizophrene Psychosen bis zur Wende des 20. Jahrhunderts keiner einheitlichen Krankheitsgruppe zugeordnet. 2 Erst 1898 prägte der Münchner Nervenarzt Emil Kraepelin den Begriff „Dementia praecox“ (frühauftretendes Irresein) und fasste darunter, die zuvor mit verschiedenen Namen gekennzeichneten und getrennt behandelten Erscheinungsbilder zusammen. Er prägte zudem die noch heute geltende Zweiteilung, indem er die Dementia praecox (heute die Gruppe der Schizophrenien) dem manisch-depressiven Irresein (heute affektive Psychosen) gegenüberstellte.
1 Vgl. Bäuml 2008, S. 2
2 Vgl. Bock 1997, S. 21
6
Jedoch wurde das Konzept Kraepelins von Eugen Bleuler durch das der Schizophrenie ersetzt. 1911 veröffentlichte Bleuler sein bekanntes Werk „Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien“ und führte somit den Begriff der „Schizophrenie“ ein. 3 Bleuler verdeutlichte, dass die Schizophrenie durch eine Spaltung des psychischen Erlebens gekennzeichnet wird. Die elementarsten Störungen dieser Krankheit „scheinen in einer mangelhaften Einheit, in einer Zersplitterung und Aufspaltung des Denkens, Fühlens und Wollens und des subjektiven Gefühls der Persönlichkeit zu liegen.“ 4 Bleuler beschrieb also eine Spaltung des Denkens, Fühlens und des Wollens und nicht, wie irrtümlich oft angenommen, eine Spaltung des Menschen in mehrere nebeneinander existierende Persönlichkeiten.
So wie Kraepelin Psychosen in die Gruppen „Dementia praecox“ und „manischdepressives Irresein“ eingeteilt hatte, unternahm Karl Bonhoeffer später eine andere entscheidende Zweiteilung dieser psychiatrischen Krankheiten. Er unterschied zwischen körperlich begründbaren Psychosen (exogen verursachte) und solchen ohne fassbare körperliche Ursache, welche wir noch heute endogene Psychosen nennen. 5 In diesem Zusammenhang ist auch der Psychiater Kurt Schneider zu nennen. Schneider forschte im Bereich der Psychopathologie und wagte einen Versuch, die Symptome der Schizophrenie darzustellen, indem er zwischen Symptomen des 1. und 2. Ranges unterschied.
Betrachtet man also die geschichtliche Entwicklung des Krankheitsbildes und den Versuch der Kategorisierung von Psychosen, so scheint es wiederholt eine Tendenz gegeben zu haben, eine Zweiteilung und somit eine „Spaltung“ des Erscheinungsbildes von Psychosen vorzunehmen. Bemerkenswert hierbei ist, dass Psychosen in sich bereits das Phänomen der Spaltung, nämlich der Bewusstseinsspaltung (Bleuler) beinhalten.
3 Vgl. Täschner 1982, S. 7
4 Bleuler 1983, S. 407
5 Vgl. Täschner 1982, S. 7
7
3. Diagnostik und Klassifikation
3.1 Begriffsabgrenzung
Befasst man sich mit dem Thema „Psychose“ so ergibt sich beim Sichten der Literatur sowie beim Recherchieren eine Fülle von Informationen bezüglich der Einteilungen, Unterteilungen und Erscheinungsformen, so dass es einer gründlichen Sortierung bedarf, die ich im Folgenden versuche darzustellen. Ich beziehe mich weitestgehend auf die Darstellungen der Klassifikation nach Ruppert (2004) und Bäuml (2008), da diese mir sehr übersichtlich erscheinen.
Zunächst einmal muss klar gestellt werden, dass der Begriff „Psychose“ ein Überbegriff ist, der die organischen sowie die affektiven Psychosen umfasst und eine synonyme Verwendung mit „Schizophrenie“ irrtümlich ist. Die Psychiatrie spricht von einem „schizophrenen Formenkreis“, unter den dann die Krankheitsbilder wie Schizophrenie, schizoaffektive Störung oder endogene Depression fallen. Differenzialdiagnostisch werden von den Formen der Schizophrenie unterschieden: schizophrenieähnliche Bilder bei Epilepsie, aufgrund von Drogenkonsum oder -entzug, eindeutiger Gehirnerkrankung oder Vergiftung. Mit dem Begriffspaar „exogen“ und „endogen“ wird unterschieden zwischen den Formen der Störung, die auf körperliche Ursachen und äußere Einflüsse (exogen) zurückzuführen sind, und solchen, bei denen dies nicht der Fall ist, sie ohne fassbare körperliche Ursache entstehen (endogen). 6
3.2 Klassifikation im ICD und DSM
Es gibt weltweit zwei Manuale, in denen Symptome klassifiziert werden und zur psychiatrischen Diagnostik herangezogen werden. Das eine ist die Internationale Klassifikation psychischer Erkrankungen (ICD), die im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation von Experten erarbeitet wurde. Dieses Buch liegt derzeit in seiner zehnten Fassung vor (ICD 10) und wurde ins Deutsche übertragen. Das andere, wesentlich umfangreichere Werk ist das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM). Es wird von der American Psychiatric Association
6 Vgl. Ruppert 2004, S. 31
8
erstellt und liegt mittlerweile in einer vierten Version (DSM IV) vor und wurde ebenso ins Deutsche übersetzt.
3.2.1 Schizophrenie
Im ICD 10 werden im Wesentlichen unterschieden:
- Formen der Schizophrenie (paranoid, hebephren, kataton, simplex)
- Wahnhafte Störung (anhaltend, akut, vorübergehend)
- Schizoaffektive Störung (manisch, depressiv, gemischt) Folgende Leitmerkmale der Schizophrenie werden angeführt:
1. Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedankenausbreitung;
2. Kontrollwahn, Beeinflussungswahn, Gefühl des Gemachten, deutlich bezogen auf Körper- oder Gliederbewegungen oder bestimmte Gedanken, Tätigkeiten oder Empfindungen, Wahnvernehmungen;
3. kommentierende oder dialogische Stimmen, die über den Patienten und sein Verhalten sprechen, oder andere Stimmen, die aus einem Teil des Körpers kommen;
4. anhaltender, kulturell unangemessener oder völlig unrealistischer (bizarrer) Wahn, wie der, eine religiöse oder politische Person zu sein, übermenschliche Kräfte und Fähigkeiten zu besitzen (z.B. das Wetter kontrollieren zu können oder im Kontakt mit Außerirdischen zu sein);
5. anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität, begleitet entweder von flüchtigen oder undeutlich ausgebildeten Wahngedanken ohne deutliche affektive Beteiligung oder begleitet von anhaltenden überwertigen Ideen, täglich oder Wochen oder Monate auftretend;
6. Gedankenabreißungen oder Einschiebungen in den Gedankenfluss, was zu Zerfahrenheit, Danebenreden oder Neologismen führt;
7. katatone Symptome wie Erregungen, Haltungsstereotypien oder wächserne Biegsamkeit (Flexibilitas cerea), Negativismus, Mutismus und Stupor;
8. „negative“ Symptome wie auffällige Apathie, Sprachverarmung, verflachte oder inadäquate Affekte, zumeist mit sozialem Rückzug und verminderter sozialer
9
Leistungsfähigkeit. Die Symptome dürfen nicht durch eine Depression oder eine neuroleptische Medikation verursacht sein;
9. eine eindeutige und durchgängige Veränderung bestimmter umfassender Aspekte des Verhaltens der betreffenden Person, die sich in Ziellosigkeit, Trägheit, einer in sich selbst verlorenen Haltung und sozialem Rückzug manifestiert. Für die Diagnose Schizophrenie ist mindestens ein eindeutiges Symptom der Gruppen 1-4 oder es sind mindestens zwei Symptome der Gruppen 5-8 erforderlich. Die Symptome müssen fast ständig während eines Monats oder über einen längeren Zeitraum vorhanden sein. Das Kriterium der Gruppe 9 bezieht sich auf die Diagnose Schizophrenia simplex, als Zeitkriterium wird hier eine Dauer von mindestens einem Jahr gefordert. 7
Bei der paranoiden Schizophrenie werden folgende wahnhafte und halluzinatorischen Symptome als Kriterium für die Diagnosestellung herangezogen:
1. Verfolgungswahn, Beziehungswahn, Abstammungswahn, Sendungswahn, Eifersuchtswahn oder coenästhetischer Wahn;
2. Stimmen, die den Betroffenen bedrohen oder ihm Befehle geben, Pfeifen, Brummen oder Lachen;
3. Geruchs- und Geschmackshalluzinationen, sexuelle oder andere Körperhalluzinationen.
Bei der hebephrenen Schizophrenie stehen affektive Veränderungen im Vordergrund, oft begleitet von Kichern oder selbstversunkenem Lächeln, Grimassieren, Manierismen, Faxen, hypochondrischen Klagen und immer wiederholten Äußerungen. Das Denken ist ungeordnet, die Sprache weitschweifig und zerfahren mit Vorliebe für Religion, Philosophie und abstrakte Themen. Der Kranke neigt dazu, sich zu isolieren. Er verliert seine früheren Zielsetzungen und wird ziel- und planlos. Der Beginn der Erkrankung liegt zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr.
Bei der katatonen Form der Schizophrenie sind das diagnostische Kriterium motorische Phänomene, die zwischen extremer Erregung und Verminderung der Reaktionen und
7 Vgl. ebd., S. 25 f.
10
Aktivitäten (Stupor) oder Befehlsautomatismus und Befehlsverweigerung (Negativismus, Rigidität) hin und her schwanken können. Bizarre Zwangshaltungen und Zwangsstellungen können lange Zeit beibehalten werden. Katatone Symptome alleine können die Schizophreniediagnose allerdings nicht rechtfertigen.
3.2.2 Wahnhafte Störungen
Eine wahnhafte Störung soll gemäß ICD 10 dann diagnostiziert werden, wenn nur einzelne Wahnideen ausgeprägt vorhanden sind (Verfolgungswahn, hypochondrischer Wahn, Größenwahn, Querulantenwahn, Eifersuchtswahn, Wahn, dass der Körper deformiert sei oder man schlecht rieche, etc.), nicht jedoch akustische Halluzinationen (Stimmen hören) vorliegen und auch der Gefühlsausdruck, die Sprache und das Verhalten ansonsten normal erscheinen, solange sie sich nicht direkt auf das Wahnsystem beziehen. Die Wahnstörung kann manchmal lebenslang bestehen, sie kann aber auch nur vorübergehend vorhanden und mit akuten Belastungen verbunden sein (z.B. Schwangerschaftspsychose).
Das DSM IV stellt an dieser Stelle die unterschiedlichsten Wahnformen wesentlich ausführlicher dar:
- Typus mit Liebeswahn: Dieser Subtypus gilt, wenn das zentrale Wahnthema darin besteht, dass eine andere Person den Betroffenen liebt. Der Wahn bezieht sich meist eher auf eine idealisierte romantische Liebe und seelische Verbundenheit als auf sexuelle Anziehung. Bemühungen, mit dem Wahnobjekt in Kontakt zu kommen (durch Telefonanrufe, Briefe, Geschenke, Besuche oder gar durch Überwachung und Nachschleichen), sind häufig, obwohl die Person gelegentlich ihren Wahn geheim hält.
- Typus mit Größenwahn: Dieser Subtypus gilt, wenn das zentrale Wahnthema in der Überzeugung besteht, über ein großes (aber unerkanntes) Talent oder eine Einsicht zu verfügen oder eine bedeutsame Entdeckung gemacht zu haben. Weniger häufig haben Betroffene den Wahn, zu einer prominenten Person in einer besonderen Beziehung zu stehen (z. B. Ratgeber des Präsidenten zu sein) oder selbst eine prominente Person zu sein (in diesem Fall würde die reale Person als Schwindler angesehen). Größenwahn kann einen religiösen Inhalt haben (z. B. die Person glaubt, dass sie eine besondere Botschaft einer Gottheit erhalten hat).
11
- Typus mit Eifersuchtswahn: Dieser Subtypus gilt, wenn das zentrale Wahnthema einer Person darin besteht, dass ihr (Ehe-)Partner untreu ist. Dieser Glaube entwickelt sich ohne ausreichenden Grund und basiert auf falschen Schlussfolgerungen sowie kleinsten „Beweisen“, die gesammelt werden.
- Typus mit Verfolgungswahn: Dieser Subtypus gilt, wenn sich das zentrale Wahnthema einer Person auf die Überzeugung bezieht, man habe sich gegen sie verschworen, sie werde betrogen, ausspioniert, verfolgt, vergiftet oder unter Drogen gesetzt, bösartig verleumdet, belästigt oder am Erreichen langfristiger Ziele gehindert. Ein geringfügiger Affront kann übersteigert und zum Mittelpunkt eines Wahnsystems gemacht werden. Der Mittelpunkt des Wahns ist oft eine Ungerechtigkeit, die durch gerichtliche Maßnahmen behoben werden muss („querulatorische paranoia“), und die betroffene Person kann sich in wiederholte Versuche verstricken, durch die Einschaltung von Gerichten und anderen Regierungsstellen Wiedergutmachung zu erhalten. Personen mit Verfolgungswahn sind oft nachtragend und wütend und können Gewalt gegen diejenigen anwenden, von denen sie sich geschädigt fühlen.
- Typus mit körperbezogenem Wahn: Dieser Subtypus gilt, wenn das zentrale Wahnthema sich auf körperliche Funktionen und Empfindungen bezieht. Körperbezogener Wahn kommt in verschiedenen Erscheinungsformen vor. Am häufigsten sind die Personen überzeugt, dass sie aus der Haut, dem Mund, dem Rektum oder der Vagina einen üblen Geruch ausströmen, dass auf oder in der Haut ein Insektenbefall ist, dass es innerlich einen Parasiten gibt, dass bestimmte Körperteile mit Sicherheit (trotz aller Gegenbeweise) verunstaltet oder hässlich sind oder Teile des Körpers (Z.B. der Dickdarm) nicht arbeiten.
Die aufgelisteten Wahnformen können auch gemischt vorkommen (z.B. Größenwahn und körperbezogener Wahn). 8
8 Vgl. ebd., S. 27 ff.
12
3.2.3 Schizoaffektive Störung
Die Diagnose „schizoaffektive Störung“ soll laut ICD 10 vergeben werden, wenn bei einem Menschen sowohl affektive als auch schizophrene Symptome in derselben Krankheitsphase auftreten Unter einer affektiven Störung versteht man wiederum Veränderungen der Stimmung oder der Affektivität, meist zur Depression hin, mit oder ohne begleitende Angst, oder zur gehobenen Stimmung. Die Leitsymptome einer Depression sind dabei: 1. verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit 2. vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen 3. Schuldgefühle und Gefühle der Wertlosigkeit 4. negative und pessimistische Zukunftsperspektiven 5. Suizidgedanken, erfolgte Selbstverletzungen und Suizidhandlungen 6. Schlafstörungen 7. verminderter Appetit
3.2.4 Schizophrenia simplex
Die Schizophrenie-Diagnose „Schizophrenia simplex“ kann in der Psychiatrie auch vergeben werden, wenn weder Wahnvorstellungen noch Halluzinationen auftreten: Ein seltenes Zustandsbild mit schleichender Progredienz von merkwürdigem Verhalten, der Unmöglichkeit, soziale Anforderungen zu erfüllen, und mit Verschlechterung der allgemeinen Leistungsfähigkeit. Wahnvorstellungen und Halluzinationen treten nicht in Erscheinung. Die Störung ist weniger offensichtlich psychotisch als die hebephrene, paranoide und katatone Unterform der Schizophrenie.
3.2.5 Manie
Als Leitsymptome der Manie werden beschrieben: Die Stimmung ist situationsinadäquat gehoben und kann zwischen sorgloser Heiterkeit und fast unkontrollierbarer Erregung schwanken. Die gehobene Stimmung ist mit vermehrtem Antrieb verbunden und führt zu Überaktivität, Rededrang und vermindertem Schlafbedürfnis. Übliche soziale Hemmungen gehen verloren, die Aufmerksamkeit
13
kann nicht mehr aufrechterhalten werden, stattdessen kommt es oft zu starker Ablenkbarkeit. Die Selbsteinschätzung ist überhöht, Größenideen oder maßloser Optimismus werden frei geäußert.
Wahrnehmungsstörungen, wie etwa die Einschätzung von Farben als besonders lebhaft und meist schön, können vorkommen, ferner eine Beschäftigung mit feinen Einzelheiten von Oberflächenstrukturen oder Geweben und eine subjektive Hyperakusis (Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen). Die betreffende Person kann überspannte und undurchführbare Projekte beginnen, leichtsinnig Geld ausgeben oder bei völlig unpassender Gelegenheit aggressiv, verliebt oder scherzhaft werden. In einigen manischen Episoden ist die Stimmung eher gereizt und misstrauisch als gehoben.
3.2.6 Schizophrenes Residuum
Klingt eine akute Psychose nicht vollständig ab, können beschwerden wie Stimmenhören oder Sichverfolgtfühlen in abgemilderter Form weiter bestehen. Zudem sind Minussymptome auffallend häufig zu beobachten:
- Die Patienten wirken insgesamt verlangsamt
- Sie können ihre Gefühle nicht mehr so intensiv wahrnehmen und ausdrücken
- Ihnen fehlt häufig der Antrieb für die Alltagsdinge des Lebens. Dieses Stadium der Krankheit wird häufig von Angehörigen beklagt, da der Eindruck entsteht, die Patienten müssen doch „nur wollen.“ 9
9 Vgl. Bäuml 2008, S. 21
14
4. Epidemiologie und Verlauf von Psychosen
Weltweit erkranken etwa 1 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens an einer Psychose, damit tritt die Krankheit ähnlich häufig wie die der Zuckerkrankheit auf. Ein Unterschied zwischen verschiedenen Völkern besteht nicht. Zwei Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund (Patient selbst oder seine unmittelbaren Vorfahren sind eingewandert) erkranken an einer Psychose.
Etwa 10-20 Prozent der Patienten erleiden nur einmal in ihrem Leben eine psychotische Erkrankung, d.h. nach Abklingen der Krankheitssymptome tritt keine akute Psychose mehr auf. Bei etwa der Hälfte der Erkrankten können immer wieder neue Krankheitsschübe vorkommen, die aber jedes Mal wieder abklingen. Beim verbleibenden Drittel kommt zur Rückfallgefahr noch etwas anderes hinzu. Bei diesen Patienten kann es erhebliche Schwierigkeiten bereiten, sich wieder vollständig von der Krankheit zu erholen. Was letztlich verantwortlich sein könnte für deren Energiemangel, der die Verrichtungen des täglichen Lebens erschwert. Vermutlich ist dies auf eine Verkettung von zahlreichen ungünstigen Faktoren zurückzuführen. Aber auch bei jahrelang sehr schwer verlaufenden Psychosen kann es plötzlich zu einem „positiven Knick“ mit deutlicher Besserung der Symptomatik und des persönlichen Wohlbefindens kommen. Selbst nach zahlreichen Wiedererkrankungen und vielen stationären Aufenthalten besteht immer noch Aussicht auf eine erhebliche Besserung. Generell können Psychosen in jedem Lebensalter auftreten. Ein Großteil der Patienten erkrankt jedoch im 3. Lebensjahrzehnt. Bei Männern liegt der Erkrankungsgipfel zwischen dem 18. und 23., bei Frauen zwischen dem 23. und 28. Lebensjahr. Dass Frauen im Durchschnitt erst fünf Jahre später ihre höchste Erkrankungsrate erreichen, hängt vermutlich mit dem Östrogenspiegel zusammen.
Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen: es erkranken genauso viel Männer wie Frauen. Da die höchste Erkrankungshäufigkeit zwischen dem Ende der Jugendphase und dem Beginn des Erwachsenwerdens liegt, findet sich häufig ein zeitlicher Zusammenhang mit Aufnahme des Studiums, Antritt einer neuen Stelle, Auszug aus dem Elternhaus oder Beendigung einer Partnerschaft. In aller Regel handelt es sich hierbei jedoch um ein mehr oder weniger zufälliges Zusammentreffen allgemeiner
15
Arbeit zitieren:
Monika Barbier, 2010, Über den Umgang mit psychotischen Patienten in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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