Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Rezeption von Ernesto „Che“ Guevara 4
2.1 Rezeption durch politische Gruppierungen 4
2.2 Rezeption durch deutsche Parteien 7
2.3 Rezeption in Journalismus und Literatur 9
2.4 Rezeption in Werbung und Merchandise 14
2.5 Rezeption bei anderen Gruppierungen 16
3. Fazit 18
4. Literatur- und Quellenverzeichnis 21
2
1. Einleitung
Sein Konterfeit ziert das Logo der antirassistischen Fußball-Fangruppierung „Ultra‘ Sankt Pauli“ ebenso wie die Kleidung von „Autonomen Nationalisten“ aus der rechtsradikalen Szene 1 ; auch die Ultrà-Fanbewegung des FC Bayern München empfiehlt seinen Mitgliedern neben der Lektüre von Büchern über Fußball, Fankult, Ultràs und Gewalt, die Bibliographie Ernesto Guevaras von Jon Lee Anderson, mit Hinweis auf seinen Vorbildcharakter für einen jeden Ultrà, zu studieren 2 , während der deutsche Historiker Gerd Koenen ihn in eine Reihe mit heutigen Dschihadisten stellt 3 und die als politisch eher links geltende taz anlässlich seines 40. Todestages von einem autoritären Macho mit rassistischen Tendenzen 4 schrieb. Ich selber erinnere mich an mehrere Freunde und Bekannte in meiner Jugend, die sich selbst als Pazifisten bezeichneten und gleichermaßen das wohl bekannteste T-Shirt der Welt mit dem schwarzem Konterfeit des nicht sehr pazifistischen Ernesto Guevaras auf rotem Hintergrund trugen.
Die Werbungsindustrie nutzt indes den Bekanntheitsgrad der Figur des Kapitalismus-Kritikers Ché Guevara, um damit ihre Erträge weiter zu erhöhen.
Wieso wird ein einzelner Mensch von so vielen, derartig unterschiedlichen Personen und Gruppierungen über 40 Jahre nach seinem Tod so diffus rezipiert? Macht man sich etwas vor, wenn man in Betracht zieht, dass der Bezug zu Ernesto Guevara von Einzelnen und von Gruppen irgendeinem anderen Zweck dient als der Vermarktung eines Produkts bzw. der Erhöhung der eigenen Popularität? Haben sich auf Guevara beziehende Personen und Gruppen ein Bild vom historischen Ernesto Guevara und seinen konkreten Theorien und Wertvorstellungen oder leben alle Bezüge vom oft betonten „Mythos Che Guevara“, von der Symbolkraft eines revolutionären Märtyrers, der schlichtweg populär und attraktiv ist? Hat sich das Bild Ches gänzlich vom Inhalt Guevaras gelöst oder findet in Teilen ein reflektierter Umgang mit dieser Problematik statt?
Unter anderem durch Kontakt zu Guevara verwendenden Gruppierungen und Analyse von Internetpräsenzen und Publikationen soll die vorliegende Arbeit sich Antworten auf diese Fragen nähern.
1 Vgl. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,480241,00.html.
2 Vgl. http://www.schickeria-muenchen.org/index.php?id=278.
3 Vgl. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,394248,00.html.
4 Vgl. http://www.taz.de/?id=start&art=5721&id=koepfe-artikel&src=HL&cHash=c36acdc6f7.
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2. Rezeption von Ernesto „Che“ Guevara
2.1 Rezeption durch politische Gruppierungen
Als besonders herausstechende und polarisierende, politisch agierende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts erscheint es klar, dass Ernesto Guevara verstärkt von politischen Gruppierungen rezipiert, kommentiert, verehrt und kritisiert wird. So sollen im Folgenden einige politische Gruppierungen verschiedenster Couleur in Bezug auf ihre Guevara-Rezeption untersucht werden.
Die Internetpräsenz der Antifaschistischen Linken Berlin geht sehr nüchtern mit dem Thema „Che Guevara“ um. So finden sich lediglich acht Einträge bei der Archiv-Suche nach „Guevara“ 5 , in denen er auch lediglich beiläufig erwähnt wird. Es wird von ihm als „Revolutionär“ 6 und „Ikone“ 7 der 68er-Bewegung gesprochen - verherrlichende Attributierungen, ihm gewidmete Artikel oder sonstige Glorifizierungen sucht man vergebens. Sehr interessant ist auch, dass der zur Antifa gehörende Internetversandshop unter seinen zahlreichen T-Shirts, Pullovern, Buttons, Postern, Aufklebern, Fahnen, Büchern und sonstigen Artikeln kein einziges Produkt mit Bezug zu Guevara anbietet 8 . Auf Nachfrage wurde mir jedoch versichert, dass es sich dabei nicht um eine politische Entscheidung handelte, sondern darum, dass sich die Artikel der Antifa vom Mainstream abheben sollen, was mit Guevara-Artikeln jedoch nicht mehr möglich sei.
Die sogenannte "Anti-Antifa" ist nach Sichtung der US-amerikanischen Webpräsenz http://antiantifa-usa.blogspot.com/ als eine rechts-radikale Gruppierung zu bezeichnen 9 . Unter den vielen von extrem rechtspopulistischer Polemik geprägten Artikeln findet sich auch einer über Ernesto Guevara mit dem Titel "Communist Hero, Racist, Mass Murderer ".
5 Vgl. http://www.antifa.de/cms/index.php?searchword=guevara&option=com_search&Itemid=.
6 http://www.antifa.de/cms/content/view/1169/32/.
7 http://www.antifa.de/cms/content/view/813/93/.
8 Vgl. http://www.antifa-versand.de.
9 Unter anderem dadurch, dass der rechtskräftig verurteilte Holocaustleugner David Irving verteidigt und geehrt
wird, lässt sich eine geschichtsrevisionistische und rechtsextreme Gesinnung attestieren.
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Es wirkt enorm paradox, dass eine politische Gruppierung, die sich u.a. als Gegenbewegung zu antirassistischen Organisationen und Bewegungen versteht 10 und offenkundig rechtsextremes Gedankengut verbreitet, das Wort „Rassist“ als Diffamierung für einen politischen Gegner wie Guevara verwendet. Dies wird mit zwei Zitaten ohne Quellenangabe „belegt“: "The Negro is indolent and lazy, and spends his money on frivolities, whereas the European is forward-looking, organized, and intelligent" 11 . Dieses Zitat ist (höchstwahrscheinlich bewusst) falsch wiedergegeben. Zwar schrieb Guevara in einem Tagebucheintrag, den er 1952 mit 24 Jahren in Venezuela verfasste, wahrlich bestimmten Ethnien bestimmte Eigenschaften zu, was als rassistisch gelten kann (jedoch auch im Kontext seiner Zeit gesehen werden muss, ohne Pauschalbewertungen von Ethnien in irgendeiner Form beschönigen zu wollen). Jedoch sprach er beispielsweise von "the black" an Stelle von "negro" und von "fanciful" an Stelle von "lazy", was schon große Bedeutungsunterschiede ausmacht; Europäern schreibt er an dieser Stelle nicht bestimmte positive Eigenschaften zu, wie das obige Zitat es suggeriert 12 . Das gesamte Zitat ist stark entfremdet und schlicht weg als wissenschaftliche Täuschung zu bewerten, die Guevara weiter diffamieren soll 13 . Ferner werden zwei weitere Zitate (ebenfalls ohne Quellenangabe) Guevaras als Ausweis seiner Blutrünstigkeit angeführt, die neben einer Liste von angeblichen Opfern Guevaras zu einer Darstellung von ihm als Menschenschlächter schlechthin führen. Nach Niess war es so, dass Guevara nach der Revolution als Chefankläger den batistianos den Prozess machen sollte und viele, sehr knappe und kurze Prozesse zu Todesurteilen führten 14 . Dabei gibt es konträre Auffassungen zur Haltung Guevaras: Leidenschaftlicher Vollstrecker der Todesurteile, der jede Erschießung genoss oder eher gemäßigter Ankläger, der „bei jeder Hinrichtung gelitten [habe] und so viele Häftlinge wie möglich begnadigt[e]“ 15 . Aussagen vom Revolutionär im Jahr 1959, dass er nach Blut lechze und dass das Töten eine Notwendigkeit sei lassen ihn auch
10 Vgl. http://antiantifa-usa.blogspot.com/2008/08/we-are-here-we-are-everywhere.html.
11 http://antiantifa-usa.blogspot.com/2008/11/che-guevara-communist-hero-racist-mass.html.
12 vgl. Anderson, Jon Lee : Che Guevara. A revolutionary Life, New York 1997, S. 92.
13 Des Weiteren kritisierte Guevara kurze Zeit nach diesem Tagebucheintrag die Diskrimierung von Schwarzen
durch Weiße in den USA sehr scharf; vgl. dazu: Anderson, S. 94.
14 Vgl. Niess, Frank: Che Guevara, Reinbek 2003, S. 66-67.
15 Niess, S. 67.
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wahrlich in einem skrupellosen Licht erscheinen 16 . Guevara-Biograph Taibo berichtet allerdings auch, dass die Darstellungen von Guevara als " 'Schlächter von La Cabaña' [...] nichts mit der Wirklichkeit gemein [haben]“ 17 . Er gehörte demnach keinem der revolutionären Tribunale an, fällte also keine Urteile, sondern überprüfte als Garnisonskommandant die Berufungen und empfand die Schnellgerichtsverfahren gegen (zumeist) Folterknechte als gerecht. Gegen Lynchjustiz ohne Gerichte sprach er sich vehement aus 18 . Den „thousands of men, women and children“ 19 , die auf der Website der Anti-Antifa Guevaras Kerbholz zugeschrieben werden, stehen einige hundert Hinrichtungen nach Niess entgegen 20 . Es wird deutlich, dass Guevara auf der angegebenen Internetpräsenz einseitig beleuchtet und in einigen Punkten übertrieben negativ dargestellt wird. Besonders der letzte Satz des Artikels in boulevardesk-großen Lettern („ROT IN HELL YOU FILTHY COMMUNIST MURDERER!“ 21 ) und der Einsatz von gefälschten Zitaten machen klar, welch ablehnende, verachtende Haltung die Verantwortlichen der Website Guevara gegenüber einnehmen und wie sehr der gesamte Artikel ideologisch eingefärbt und wie wenig glaubwürdig er ist. Die ebenfalls rechts-radikalen, sogenannten Autonomen Nationalisten in Deutschland 22 hingegen greifen Ernesto Guevara vielmehr auf, denn an: Neben zahlreichen anderen Symbolen, die eher der linken Szene zugeordnet werden, schmücken sie sich bei Demonstrationen und Kundgebungen mit Guevara-Artikeln 23 . Neben der völkischen Umdeutung und der Inanspruchnahme des internationalistischen Revolutionärs für ihre „Sache“, kann die Verwendung von ihm auch als Provokation des politischen Gegners verstanden werden 24 , sowie als Versuch, mit Hilfe der Anziehungskraft Guevaras junge Sympathisanten zu finden. Wenngleich die Autonomen Nationalisten mit ihrer antikapitalistischen Ausrichtung eine Parallele zu Guevaras Theorien und seinem Weltbild
16 Ebenso die Erschießung des Verräters Eutimio Guerra, die Castro dem Guerillero Universo Sánchez auferlegte,
die Guevara jedoch kurzer Hand und freiwillig selbst übernahm. Vgl. hierzu: Taibo II, Paco Ignacio: Che. Die
Biographie des Ernesto Guevara, Hamburg 1997, S. 131-132.
17 Taibo, S. 283.
18 Vgl. ebd. 282-283.
19 http://antiantifa-usa.blogspot.com/2008/11/che-guevara-communist-hero-racist-mass.html.
20 Vgl Niess, S. 67.
21 http://antiantifa-usa.blogspot.com/2008/11/che-guevara-communist-hero-racist-mass.html.
22 Vgl. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,480241,00.html.
23 Vgl. ebd.
24 Vgl. hierzu: http://afaarea.blogsport.de/images/neonazisinneuemgewand.pdf.
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Arbeit zitieren:
Robert Pilgrim, 2011, Rezeption von Che und Guevara, München, GRIN Verlag GmbH
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