Gliederung
1. Einleitung. S.3
2. Die erste Fassung. S.3
2.1 Inhaltszusammenfassung. S.3
2.2 Entstehungsgeschichte. S.4
2.3 Biografische Interpretation. S.5
2.4 Die Komödie in Deutschland. S.6
2.5. Stil der Mitschuldigen. S.7
3. Die zweite Fassung. S.10
3.1 Inhaltszusammenfassung. S.10
3.2 Entstehungsgeschichte. S.11
3.3 Veränderungen. S.12
4. Die dritte Fassung. S.18
5. Abschließende Betrachtung. S.19
6. Literaturverzeichnis. S.21
2
1. Einleitung
In dieser Arbeit soll ein Fassungsvergleich von Goethes Lustspiel (Goethe hat dem Werk selbst den Namen Lustspiel gegeben, deswegen hier der Gebrauch des Terminus Lustspiel. Auf die genauere Typisierung der Mitschuldigen wird im Laufe der Arbeit noch eingegangen) „Die Mitschuldigen“ gemacht werden.
Das Hauptaugenmerk richtet sich auf die erste und zweite Fassung. Die dritte Fassung wird im Bezug auf die Analyse nur kurz angeschnitten, da es hier keine so große Veränderungen, wie von der ersten zur zweiten Fassung, gibt. Die erste Fassung besteht aus einem Akt, die zweite Fassung besteht aus drei Akten, wobei dort der eine Akt aus der ersten Fassung in zwei Akte aufgeteilt und ein neuer Expositionsakt davor gesetzt wurde. Der Plot ist in beiden Fassungen ähnlich. Der Expositionsakt dient vor allem dazu die Motivation der Handlungen darzulegen und den Text, im Sinne von Gottsched und Gellert, realistischer zu machen.
2. Die erste Fassung
2.1 Inhaltszusammenfassung
Doch zunächst zum Einakter. Die handelnden Personen sind der Wirt, seine Tochter Sophie, ihr Ehemann Söller und der Gast Alcest. Der Ort des Geschehens ist das Wirtshaus. Söller, „im Domino, den Hut auf, die Maske vor'm Gesicht, ohne Schuhe“ 1 , befindet sich im Zimmer von Alcest, das dieser gemietet hat, um aus einer Schatulle Geld zu stehlen. Er wird dabei allerdings von dem Wirt gestört, der auf der Suche nach einem Brief von Alcest ist, da er in diesem wichtigste politische Informationen vermutet. Bevor Söller von dem Wirt entdeckt wird, flieht er auf den Alkoven. Auch der Wirt kann seine Suche nach dem Brief nicht erfolgreich beenden, da er von Schritten von einem „Weiberschuh“ 2 unterbrochen wird. Er flieht aus dem Zimmer, aber in der Eile lässt er dabei seinen Wachsstock fallen.
1 Goethe, Wolfgang. Die Mitschuldigen, ein Lustspiel in einem Ackte, erster Auftritt, Szenenbeschreibung, in: Döll: Goethes Mitschuldigen, Halle 1909
2 Ebd. Vers 49
3
Sophie betritt das leere Zimmer und wartet dort auf Alcest. Während sie auf ihn wartet spricht sie über ihre Liebe zu Alcest und über die Verfehlungen ihres Ehemanns Söller, der immer noch auf dem Alkoven sitzt und sich diesen Monolog anhören muss. Er kommentiert Sophies Worte, so dass es zu einem Dialog zwischen den Beiden kommt, der allerdings nur durch das Publikum beziehungsweise den Leser nachvollzogen werden kann. Im vierten Auftritt kommt Alcest hinzu. Er und Sophie sprechen über ihre vergangene Liebe und Söller, immer noch in den Alkoven, fürchtet, dass er zum gehörnten Ehemann wird. Sophie besinnt sich allerdings auf ihre Tugendhaftigkeit und verlässt das Zimmer von Alcest. Dieser begleitet sie bis zur Haupttür und Söller nutzt die Gelegenheit um mit dem Geld zu fliehen.
Nach einem langen Monolog Alcests entdeckt dieser den Diebstahl des Geldes. Daraufhin kommt es zu einem Gespräch zwischen dem Wirt und seiner Tochter, in dessen Verlauf beide zu der Einsicht kommen, der jeweils Andere habe das Geld gestohlen. Der Wirt macht im darauf folgenden Gespräch mit Alcest Andeutungen, dass er die Identität des Diebes kenne. Alcest macht sich die Neugier des Wirt zu Nutze und tauscht den Brief, der sich als unwichtiger Gevatternbrief entpuppt, gegen die Information. Alcest spricht Sophie auf den Diebstahl an, die sowohl von der Anschuldigung des Vaters als auch durch die Tatsache, dass Alcest ihr den Diebstahl zutraut, schockiert ist. Daraufhin entlarvt sie den Vater als eigentlich Schuldigen. Im Gespräch zwischen Söller und Alcest kommt jedoch heraus, dass Söller der wahre Dieb ist. Am Ende werden alle Verwirrungen aufgelöst und es kommt zu einem versöhnlichen Ende.
2.2 Entstehungsgeschichte
Beide Fassungen sind mit der Jahreszahl 1769 versehen, aber man kann davon ausgehen, dass die erste Fassung bereits im November 1768 vorgelegen hat. Als Beleg hierfür dient der Brief von Goethe an Langer: „Vorige Woche machte ich ein Nachtspiel in einem Ackte in Versen, das sollen sie haben sobald es abgeschrieben ist“. 3 Aufgrund einer Krankheit Goethes wurde das Werk aber erst 1769 abgeschlossen. 4 Diese erste Fassung tauchte allerdings erst 1869, also rund hundert Jahre später nach dessen
3 Buck, Theo (Hrsg.): Goethe Handbuch, Bd. 2, Stuttgart/Weimar, 2004, S. 47
4 Vgl. Buck S. 47
4
Entstehung, bei einer Aktion in Dresden auf. 5 Deshalb war sich die damalige Forschung uneins, welche der beiden Fassungen zuerst erschienen ist und ob es noch eine unbekannte frühere Fassung gibt. Goetheforscher wie zum Beispiel F.Schmidt und Schröer sahen in dem Einakter eine „[...] Verstümmelung aus einer vermuteten, bereits dreiaktigen, Leipziger Urfassung [...]“. 6
Mittlerweile ist die Goetheforschung aber zu dem Konsens gekommen, dass es sich bei dem Einakter um die erste Fassung der Mitschuldigen handelt. Als ein Grund für diese These wird die Heterogenität des Einakters angeführt. Die zusätzliche Exposition des Dreiakters ist für das Verständnis nicht nötig. 7
Die genaue Datierung der beiden Fassungen versuchte man auch über den Inhalt herauszufinden. So werden im Gespräch zwischen Söller und dem Wirt über aktuelle politische Themen gesprochen. Ein Beispiel hierfür ist der türkisch-russische Krieg, der im Oktober 1768 begann. In der ersten Fassung sprich der Wirt von den Türken, die nach Petersburg vordringen sollten, und in der zweiten Fassung gibt er den Russen den Rat „vor das Serail“ 8 zu ziehen. Da sich Kriegsgeschehen erst im September 1769 zu Gunsten der russischen Streitmacht verschoben hat, geht Döll davon aus, dass der Dreiakter folglich nicht vor dem September 1769 fertiggestellt worden sein kann. 9
2.3 Biografische Interpretation
Die Tatsache, dass Goethe das Werk die Mitschuldigen, im Gegensatz zu vielen anderen Werken und Dramenfragmenten, vor seinem Aufbruch nach Straßburg nicht verbrannt hat, zeigt, dass er ein besonderes Verhältnis dazu hatte. 10 Ein Teil der Goetheforschung sah darin einen Beleg für den biographischen Charakter der Mitschuldigen. Sie hielten den Einakter für eine Abrechnung Goethes mit den Zuständen in der Leipziger Gesellschaft und sahen den Dreiakter als eine literarische Verarbeitung von Goethes
5 Vgl. Preisendanz, Wolfgang: Das Schäferspiel „Die Laune der Verliebten“ und das Lustspiel „Die Mitschuldigen“ In: Goethes Dramen. Hg.v. Walter Hinderer. Stuttgart 1980, S. 11
6 Döll, Alfred: Goethes Mitschuldigen, Halle 1909, S. 2
7 Vgl. R. Weisenfels: Goethe im Sturm und Drang, I, 448/51, in: Döll S. 3
8 Goethe, Wolfgang: Die Mitschuldigen, ein Lustspiel in drey Aufzügen, in: Eibl, Karl: Der junge Goethe in seiner Zeit, Bd. 1, Leipzig 1998, Vers 567
9 Vgl. Döll S. 174
10 Vgl. Stauch von Quitzow, Wolfgang: Ein Lustspiel auf dem Wege zur Klassik? Goethes Die Mitschuldigen : Vom Theaterexperiment zum Weimarer Bühnenstück. In: Klassik und Moderne. Hg.v. Karl Richter/Jörg Schönert. Stuttgart 1983, S. 162
5
gescheiterer Beziehung mit Kätchen. Sophie soll demnach Kätchen, Söller Dr. Kanne, und Alcest Goethe repräsentieren. 11 Sie meinten durch den Expositionsakt wollte Goethe die Ehe zwischen Sophie/Kätchen und Söller/Dr. Kanne realistischer und somit erträglicher machen. Sie sahen sich durch die Tatsache bestätigt, dass Goethe bei der Uraufführung im Liebhabertheater in Weimar den Alcest spielte. 12
Die neuere Forschung distanziert sich von dieser biographischen Interpretation. 13 Auch Döll hält „Die Mitschuldigen“ nicht für die Verarbeitung seiner Leipziger Erlebnisse, da für ihn zu große Ähnlichkeiten mit anderen Werken bestehen. Als Beispiel nennt er das Lustspiel Amalia von Weiße, in dem es auch eine verheiratete Sophie gibt, die sich im Zimmer eines Wirtshauses mit einem Freigeist trifft. Auch hier wird das Geschehen von ihrem Ehemann, in den Alkoven versteckt, verfolgt und auch hier hält er sich fälschlicherweise für einen Gehörnten. 14
2.4 Die Komödie in Deutschland
Während es in anderen europäischen Ländern um diese Zeit eine ausgeprägte Komödientradition gab, kam es in Deutschland nicht dazu. Im Zentrum stand das bürgerliche Lustspiel der Aufklärung. Nach Gottscheds Dramentheorie sollte es realistisch, die Natur abbildend, sein und einen pädagogischen Auftrag haben. Die Vernunft stand im Mittelpunkt. Es handelt sich dabei um Literatur- und nicht um Spielwerke 15 , das Komische, das freie Lachen war nicht erwünscht und auch nicht möglich. Durch die realistische Darstellung der Charaktere identifizierte sich das Publikum mit diesen und waren zum Mitfühlen angeregt. Eine distanzierte Betrachtung des Spielgeschehens was so nicht mehr möglich. Eine Ausnahme bildet dabei Lessings Minna von Barnbehlm. Das Werk hatte Vorbildcharakter für Goethes dreiaktige Fassung der Mitschuldigen: „Es war mir nichts angelegener als in seinen Sinn und seine Absichten einzudringen.“ 16 . Fritz Martini geht davon aus, dass Goethe das komische Spiel zurückbringen wollte. Die Komödie hatte zu
11 Vgl. Boyle, Nicholas: Goethe, Der Dichter in seiner Zeit, Bd.1, 1749-1790, München 2000, S. 111
12 Vgl. Metzler Literaturlexikon, Begriffe und Definitionen. Hg.v. Günther und Irmgard Schweikle. 2. Auflage. Stuttgart 1990, S. 335
13 Vgl. Stauch von Quitzow S. 161 oder Martini, Fritz: Goethes verfehlte Lustspiele: Die Mitschuldigen und der Großkophta. In: Fritz Martini: Lustspiele und das Lustspiel. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1974, S. 118
14 Vgl. Döll S. 135f
15 Vgl. Martini, Fritz: Goethes die Mitschuldigen oder die Problematisierung des Lustspiels. In: Interpretationen zum jungen Goethe. Hg.v. Wilhelm Große. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1982, S. 71
16 Dichtung und Wahrheit, S.85, Bd. 23/2/7
6
Arbeit zitieren:
Dottore Florian Schmidt, 2009, Fassungsvergleich von Goethes Mitschuldigen, München, GRIN Verlag GmbH
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