Inhaltsverzeichnis
„Zum figurationssoziologischen Begriff von Macht und
Machtquellen “
1. Einleitung. 1
2. Das Menschenbild der Prozess - und Figurationssoziologie 1
2.1. Angewiesenheiten der Menschen. 2
2.2. Wandelbarkeit der Menschen. 3
2.2.1. Über den Wandel des Essens anhand des Gebrauchs der Gabel. 4
2.3. Menschliche Bindungen. 5
3. „Macht“ - Struktureigentümlichkeit jeder menschlichen Beziehung. 9
3.1. Begriffsgeschichte von „Macht“ 10
3.2. „Macht“ als Beziehungsbegriff. 17
3.3. Wandelbarkeit von Machtbalancen. 19
3.3.1. „Spielmodelle“ 19
3.3.1.1.Zweipersonenspiele. 19
3.3.1.2.Vielpersonenspiele auf einer Ebene. 20
3.3.1.3.Vielpersonenspiele auf mehreren Ebenen. 21
3.3.1.4.Zweistöckiges Spielmodell - Oligarchischer Typ. 22
3.3.1.5.Zweistöckiges Spielmodell - Vereinfachter. 23
Demokratisierungstyp
3.4. Machtquellen 23
3.5. Strukturmerkmale von Etablierten - Außenseiter - Beziehungen. 25
4. Schluss. 26
Literaturverzeichnis 28
1. Einleitung
Menschen leben schon sehr lange miteinander auf diesem Planeten. Der technische Fortschritt stößt in immer höhere Sphären, jedoch sind die Beziehungen zwischen den Menschen immer noch mit einem Nebelschleier verdeckt, der uns oftmals noch heute an magische und mythische Ideologien glauben lässt. Wie wäre es angemessener, menschliche Beziehungen und Verhaltensweisen zu beschreiben und zu erklären?
Norbert Elias (1897 - 1990) bietet mit der Prozess - und Figurationssoziologie einen Ansatz, der den Menschen nicht als vereinzeltes Wesen, sondern als ein mit anderen Menschen bildende Interdependenzgeflechte versteht. Menschen sind zeit ihrer Geburt aufeinander angewiesen und somit voneinander abhängig, aus diesem Grund üben sie auch „Macht“ aufeinander aus.
Aber was ist „Macht“ überhaupt? Gibt es Menschen, die keine „Macht“ haben. Und kann man „Macht“ überhaupt besitzen, wie zum Beispiel ein Stück Seife? Was haben in früheren Zeiten die Menschen unter „Macht“ verstanden, wie wird es heute gesehen u nd wie wäre es vielleicht, ausgehend vom Menschenbild von Norbert Elias, angemessener zu formulieren, um so Geschehenszusammenhänge zwischen Menschen besser erklären zu können, damit man vielleicht einmal Konflikte im Ansatz entschärfen kann?
2. Das Menschenbild der Prozess -und
Figurationstheorie
Wenn man heute hierzulande durch eine vielbevölkerte Straße geht und die Verhaltensweisen der Menschen beobachtet, könnte man leicht zu der Erkenntnis kommen, dass diese Menschen denken, nichts miteinander zu tun zu haben. Man stellt sich die Beziehungen zwischen Menschen heutzutage noch so vor, als ob zwei Körper aufeinanderprallen und danach wieder ohne Veränderung voneinander fortrollen 1 .
1 Norbert Elias spricht in: „Die Gesellschaft der Individuen“ von einer Wechselwirkung, S. 44
1
Bekannt für das Bild des „einzelnen Menschen“ ist das Bild vom „homo clausus“. Hier wird der Mensch als vereinzelter Monade dargestellt, der seine individuellen Ziele, Pläne und Entscheidungen frei von anderen Menschen und deren Interessen bestimmt 2 .
Wenn man jedoch versuchen möchte, menschliche Beziehungen zu erforschen, sollte man statt von dem Menschen immer von den Menschen, also von menschlichen Pluralitäten ausgehen 3 .
2.1. Angewiesenheiten der Menschen
Was würde passieren, wenn ein gerade erst geborenes Menschenkind von seinen Eltern verlassen werden würde und niemand anderes bereit wäre, ihm zu helfen? Das Baby, im Unterschied zu den meisten Neugeborenen im Tierreich dieses Planeten, würde sterben.
Was lässt also das Tier überleben und das Menschenkind nicht? Dazu sagt Norbert Elias: „Die menschliche Verhaltenssteuerung ist von Natur, also auf Grund der ererbten Konstitution des menschlichen Organismus, so eingerichtet, dass sie in geringerem Maße von eingeborenen Antrieben und in höherem Maße von durch individuelle Erfahrung, durch Lernen geprägten Antrieben bestimmt wird als die irgendeines anderen Lebewesens. Dabei verhält es sich nicht nur so, dass Menschen dank ihrer biologischen Konstitution ihr Verhalten in höherem Maße als andere Lebewesen zu steuern lernen können, ihr Verhalten muss durch Lernen geprägt werden.“ 4
Eben weil Menschen zeit ihres Lebens auf andere Menschen ausgerichtet und angewiesen und somit auch abhängig sind, sind sie als gerade geborenes Kind nicht überlebensfähig, wenn sie verlassen werden 5 . Aus diesem Grunde ist es unangemessen, vom „einzelnen Menschen“ zu sprechen, da Menschen von ihrer Geburt bis zu ihrem Tode Interdependenzgeflechte bzw. Figurationen mit anderen Menschen bilden 6 .
2 Baumgart Jürgen; Eichener Volker: Norbert Elias zur Einführung, 2. Aufl., Hamburg/Junius
1997, S. 105
3 Gleichmann/Goudsblom/Korte (Hg): Macht und Zivilisation, 1. Aufl., Frankfurt a.M./Suhrkamp
1984, S. 28
4 Elias, Norbert: Was ist Soziologie? , 9. Aufl., München/Juventa 2002, S. 116
5 Vgl., ebd., S. 12
2
Diese Figurationen interdependenter Individuen kann man sich modellartig zu einer gegebenen Zeit als ein Wesen m it vielen Valenzen vorstellen, die sich auf andere Menschen richten, von denen einige in anderen Menschen ihre feste Bindung und Verankerung gefunden haben, andere dagegen, frei und ungesättigt, auf der Suche nach Bindung und Verankerung und anderen Menschen sind 7 . Figurationen sind keine statischen Gebilde, sondern Interdependenzgeflechte, die sich im ständigen Wandel befinden. Wenn ein gerade geborener Mensch in eine schon vorhandene Figuration hineintritt, ist es für ihn unerlässlich, die bestimmten gesellschaftsspezifischen Symbole 8 der jeweiligen Figuration zu erlernen, um sich zu orientieren und mit Menschen zu kommunizieren. Ein Mensch, der keinen Zugang zu Sprach - und Wissenssymbolen einer bestimmten Figuration erworben hat, bleibt außerhalb aller m enschlichen Funktionen und ist daher eigentlich kein Mensch 9 .
2.2. Wandelbarkeit der Menschen
Ein weiterer wichtiger Aspekt der menschlichen Konstitution ist die Wandelbarkeit der Menschen.
Sie können sich wandeln, ohne dass sich gleich die biologische Konstitution mitverändert, ohne dass sich die Gattung selbst wandelt 10 . Dies macht die menschliche Spezies auf diesem Planeten einzigartig, da die Struktur von Gesellschaften, die nichtmenschliche Lebewesen miteinander bilden, sich erst ändert, wenn die biologische Struktur sich ebenfalls verändert. Aber selbst dieser Wandel weist gewisse Regelmäßigkeiten bzw. Struktureigentümlichkeiten auf. So sollte das Ziel jedes Sozialwissenschaftlers laut Elias sein: „[...], die sich wandelnden Muster, die Menschen miteinander bilden, und die Natur dieser Bindungen, die Struktur des Wandels sich und anderen verständlich zu machen.“ 11 Bei diesen Beobachtungen dürfen die
6 Es gibt Sonderfälle von Menschen, die aufgrund von physischen oder psychischen Erkrankungen
in Art und Grad der Fähigkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren und Figurationen zu
bilden, unterschiedlich zu betrachten wären.
7 Elias, N.: Was ist Soziologie? , S. 147
8 Den Unterschied der Menschen zu allen uns bekannten Lebensformen macht die 5. Dimension
aus, die der Symbole, die Wissensübertragung von einer Generation zur nächsten.
9 Schäfers, Bernhard (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, 8. Aufl., Opladen/Leske + Budrich
2003, S. 89
10 Elias, N.: Was ist Soziologie? , S. 115
11 Elias, Norbert: Engagement und Distanzierung, 2. Aufl., Frankfurt a. M./Suhrkamp 1990, S. 24
3
Forscher jedoch nie vergessen, dass sie selbst in diese Struktur einverwoben sind und bei größeren Spannungen und Belastungen innerhalb dieser Figuration es ihnen schwerer fallen wird, sich distanziert vom Beobachtbaren zu verhalten 12 . Wenn man in der heutigen Zeit Verhaltensweisen von Menschen hierzulande beobachtet, scheint es, als ob ihr eigenes Verhalten f ür sie das einzig vorstellbare für alle Menschen wäre. Scheinbar wird dabei vergessen, dass Menschen sich zum Beispiel im Mittelalter andersartig verhalten haben als heutzutage, und meistens wird, wie groß die Unterschiede auch sein mögen, darin kein Zusammenhang gesehen. Menschen befinden sich in Prozessen, sie sind der Prozess, und aus diesem Grund können sie sich auch wandeln. Ein Beispiel für die Wandlung von Verhaltensweisen soll dies näher veranschaulichen.
2.2.1. Über den Wandel des Essens anhand de s Gebrauchs der Gabel
Warum benutzen die Menschen heutzutage eine Gabel zum Essen und warum können sie es sich schwer vorstellen, ohne sie auszukommen? Gab es nicht in früheren Jahrhunderten Menschen, die ohne dieses Esswerkzeug auskamen, und sind sie deshalb „unzivilisierter“ und „schlechter“ als die heutigen Menschen? So oder ähnlich ergeht es einem manchmal, wenn die heutige Verhaltensweise der Menschen mit früheren verglichen wird, um die heutige Lebensweise zu erhöhen, um sich als etwas „besseres“ darzustellen 13 . Aber bleiben wir bei dem Umgang mit der Gabel, was höchstwahrscheinlich trivial klingt, jedoch angemessen veranschaulicht, wie sich Verhaltensweisen wandeln können.
Für das heutige Empfinden ist es unhygienisch, keine Gabel zu benutzen, jedoch essen wir auch Kuchen, Brot oder andere Lebensmittel mit den Fingern, somit scheint das Argument der Hygiene nicht ganz zu stimmen 14 . Mit den sogenannten „rationalen Gründen“ scheint die Verschiebung des Essverhaltens nichts zu tun zu haben. Elias meint dazu: „Die primäre Instanz für unsere Entscheidung zwischen
12 Vgl., ebd., S. 25
13 Selbst heutige Figurationen versuchen sich permanent über andere zu erhöhen, und begründen
dies durch ihr besseres Menschsein. Im Grunde sind dies Etablierten - Außenseiter - Konflikte,
die später noch ausführlich erklärt werden.
14 Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation.Bd.1., Wandlung des Verhaltens in den
weltlichen Oberschichten des Abendlandes, 1. Aufl., Amsterdam/Suhrkamp 1997, S. 262
4
„zivilisiertem“ und „unzivilisiertem“ Verhalten bei Tisch ist unser Peinlichkeitsgefühl. Die Gabel ist nichts anderes als die Inkarnation eines bestimmten Affekt - und Peinlichkeitsstandards. Als Hintergrund der Wandlung, die sich in der Esstechnik vom Mittelalter zur Neuzeit hin vollzieht, taucht wieder die gleiche Erscheinung auf, die auch in der Analyse anderer Inkarnate dieser Art zutage trat: eine Wandlung des Trieb- und Affekthaushalts.“ 15 So werden nach und nach Verhaltensweisen, die im Mittelalter als etwas alltägliches angesehen worden sind, mit Unlustempfindungen belegt. Dies geschieht durch entsprechende gesellschaftliche Verbote, die sich im Laufe der Zeit reproduzieren und institutionell verfestigt werden. Jedoch ist dieses Peinlichkeitsgefühl beim Anblick eines händeessenden Menschen nicht sofort präsent. Das Schamgefühl wird langsam durch die Vorbild gebenden Kreise 16 und durch viele Instanzen und Institutionen geweckt, welches sich dann langsam aber sicher immer weiter reproduziert, wenn sich die Struktur der menschlichen Beziehungen nicht grundlegend verändert 17 .
2.3. Menschliche Bindungen
Menschen sind zeit ihres Lebens auf andere Menschen ausgerichtet und gehen somit vielfältigste Bindungen ein, die hier kurz aufgezeigt werden sollen. Eine der universalen Interdependenzen, die Menschen aneinander binden, ist, dass das Streben eines Menschen nach Befriedigung von vornherein auf andere Menschen gerichtet ist, und dass die Befriedigung selbst nicht allein vom eigenen Körper, sondern in sehr hohem Maße auch von anderen Menschen abhängig ist 18 . Norbert Elias versucht das Menschenbild des „homo clausus“ durch das des „offenen Menschen“ zu ersetzen und bezeichnet die Ausgerichtetheit auf andere Menschen als affektive Valenzen 19 .
Menschliche Gefühlsbindungen müssen jedoch nicht nur sexuell getönt sein: „ Was für menschliche Gefühlsbindungen charakteristisch ist, ist die Möglichkeit
15 Ebd., S. 262
16 Die Frage, wie und warum diese Vorbild gebenden Kreise es schaffen, weite Teile der
Bevölkerung zu Unlustempfinden zu veranlassen, wird später erklärt werden, es muss ausreichen,
festzustellen, dass etablierte Gruppen, die mehr Macht über andere Gruppen haben, diesen
Gruppen, sei es bewusst oder unbewusst aus ihrer eigenen Konkurrenzsituation heraus, ihre
Verhaltensweise mehr „aufzwingen“ können als andersherum.
17 Vgl., ebd., S. 264
18 Elias, N.: Was ist Soziologie? , S. 147
19 Vgl., ebd., S. 147
5
affektiver Permanenz über den Sexualakt hinaus und die Möglichkeit sehr starker emotionaler Bindungen verschiedenster Art ohne sexuelle Tönung“ 20 . Fast jeder Mensch hat im Leben schon mal eine ihm wichtige Person verloren, sei es durch den Tod, durch Trennung 21 oder Dinge anderer Art und Weise. Was bedeutet es nun für einen Menschen, wenn diese Person, mit der er eine emotionale Bindung innehatte, sich loslöst?
Eine der Valenzen in der Figuration seiner gesättigten und ungesättigten Valenzen hatte sich in der anderen Person verankert. Und nun ist sie tot oder nicht mehr da. Elias meint dazu: „Die Valenz, die sich dort verankert hatte, ist abgerissen. Nicht sie allein ändert sich damit, die spezifische Figuration der Valenzen des Überlebenden, sein ganzes persönliches Beziehungsgeflecht verändert mit dem Tod der geliebten Person seine Balance. Die Beziehung zu einer anderen Person, die im persönlichen Beziehungsgeflecht des Überlebenden, in der Figuration zuvor einen marginalen Platz hatte, gewinnt vielleicht eine Gefühlswärme, die sie nie zuvor besaß. Das Verhältnis zu anderen, die vielleicht als Katalysatoren oder als wohlwollende Randfiguren in der Beziehung des Überlebenden zu der toten Person eine spezifische Funktion für ihn hatten, mag sich nun abkühlen. So kann man in der Tat sagen: Eine geliebte Person stirbt, und die ganze Figuration der Valenzen des Überlebenden, die ganze Balance seines Beziehungsgeflechts ändert sich.“ 22
Dies bedeutet, dass der Tod einer Person nicht etwas ist, was „außerhalb“ der Angehörigen geschieht, sondern das der Tod zu Wandlungen im Persönlichkeitsaufbau und zu Veränderungen der psychischen Struktur der betroffenen Person selbst führt 23 . Somit führt der Verlust einer geliebten Person nicht allein beim Zurückgebliebenen zu einer Umstrukturierung der affektiven Valenzen, es verändert sich die gesamte Figuration der Beziehungen.
20 Ebd., S. 148
21 Eine Autorin, die die Trennung zum Anlass nimmt, eine Selbstreflexion und eine Reflexion der
gesellschaftlichen Verhaltensnormen vorzunehmen, ist Renate Rubenstein in dem Buch: „Nichts
zu verlieren und dennoch Angst - Notizen nach einer Trennung“
22 Ebd., S.148
23 Ein weiterer interessanter Aspekt wäre es, zu untersuchen, ob die Wandlung von der Vorstellung
über den Tod und dem damit heute verbundenen Abschieben in hygienische, geruchslose und
technisch perfekt organisierte Sterbehäuser etwas mit der Vorstellung des Menschen von sich
selbst als Individuum unter Individuen zu tun hat
6
Arbeit zitieren:
Lars Neumann, 2003, Zum figurationssoziologischem Begriff von Macht und Machtquellen, München, GRIN Verlag GmbH
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