Gliederung
Einleitung 1
1. Personalunion des CEO und des “Chairman of the Board 2
1.1 Verbreitung der CEO-Dualität 3
1.2 Auswirkungen einer Personalunion auf den Unternehmenserfolg 5
1.2.1 Theoretische Überlegungen 6
1.2.1.1 Argumente für eine Personalunion 6
1.2.1.2 Argumente für eine Trennung der beiden Rollen 8
1.2.1.3 Theorie der optimalen Boardstruktur 10
1.2.1.4 „Kontingenzmodell“ von Boyd 11
1.2.2 Zusammenfassung empirischer Ergebnisse 13
1.3 Auswirkungen einer Personalunion auf Vergütungsstrukturen 25
1.3.1 Theoretische Überlegungen 25
1.3.1.1 Theorie des „optimalen Vertrages“ 25
1.3.1.2 „Managerial Power“-Ansatz 26
1.3.2 Zusammenfassung empirischer Ergebnisse 27
2. Verbleib des CEO im „Board of Directors“ nach seiner Amtszeit 29
2.1 Auswirkungen eines Verbleibes des CEO im „Board“ auf den Unternehmenserfolg 30
2.1.1 Theoretische Überlegungen 30
2.1.1.1 Argumente für einen Verbleib des CEO im „Board of Directors“ 30
2.1.1.2 Argumente gegen einen Verbleib des CEO im „Board of Directors“ 31
2.1.1.3 “Bargaining Model of Board Composition and Succession Process 31
2.1.1.4 “Pass the baton - Modell 33
2.1.2 Zusammenfassung empirischer Ergebnisse 34
2.2 Auswirkungen eines Verbleibes des CEO im „Board“ auf Vergütungsstrukturen 40
2.2.1 Theoretische Überlegungen 40
2.2.2 Zusammenfassung empirischer Ergebnisse 41
3. Übertragung der Problemstellung auf das deutsche Corporate Governance System 43
3.1 Vorsitzkontinuität 43
3.2 Auswirkungen einer Vorsitzkontinuität auf den Unternehmenserfolg 44
3.2.1 Theoretische Überlegungen 44
3.2.1.1 Argumente gegen eine Vorsitzkontinuität 44
3.2.1.2 Argumente für eine Vorsitzkontinuität 45
3.2.2 Zusammenfassung empirischer Ergebnisse 46
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 49
Anhang
Literaturverzeichnis
1
Einleitung
Ein im Rahmen der Corporate Governance häufig diskutierter Aspekt ist die personelle Union der Rollen des CEO und des „Chairman of the Board“. In der überwiegend englischsprachigen Literatur wird diese Form der Führungsstruktur häufig unter dem Begriff „ceo duality“ untersucht. Deswegen werde ich in dieser Arbeit für den Fall, in dem der CEO gleichzeitig die Position des „Chairman“ übernimmt, den Ausdruck „CEO-Dualität“ verwenden. In den USA wurde der CEO-Dualität häufig die Schuld für nachlassenden Unternehmenserfolg gegeben, da die dadurch entstehende Machtkonzentration eine effektive Überwachung und Kontrolle der Geschäftstätigkeit verhindern würde. In den vergangenen Jahren forderten deswegen Aktionärsschützer und Regulierungsbehörden immer stärker eine personelle Trennung der beiden Rollen, da dadurch die Agency-Kosten verringert werden könnten und folglich die Unternehmensperformance gesteigert werden könnte. Diese Ansicht verbreitete sich auch im Vereinigten Königreich und später in weiteren Ländern Europas. Im Vereinigten Königreich zum Beispiel führte der zunehmende Druck zum „Cadbury Report“ (1992), der explizit die personelle Trennung der beiden Rollen fordert. Generell beruht die Kritik an der CEO-Dualiät dabei auf Agency-theoretischen Überlegungen, wonach ein Mensch bei jeder sich bietenden Gelegenheit opportunistisches Verhalten aufweise, weswegen eine CEO-Dualität aufgrund der Machtkonzentration die Agency-Kosten erhöhen würden (Jensen/Meckling, 1976; Fama/Jensen, 1983). In der Literatur wird der Agency-Theorie jedoch die Stewardship-Theorie gegenübergestellt, die im Gegensatz zur Agency-Theorie von einem altruistischen, verantwortungsvollen Menschenbild ausgeht (Donaldson, 1990; Donaldson/Davis, 1991). Betrachtet man die CEO-Dualität aus dieser Sicht, könnte eine personelle Union des CEO und des „Chairman of the Board“ auch positive Auswirkungen auf das Unternehmen haben. Deswegen sind sich die Wissenschaftler im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung in der Praxis nicht einig über die Auswirkungen einer CEO-Dualität. Darum werde ich in dieser Arbeit auf die in der Literatur diskutierten Vor- und Nachteile einer CEO-Dualität eingehen, sowie auf die Auswirkungen auf den Unternehmenserfolg. Dabei werde ich die Problemstellung theoretisch als auch mithilfe empirischer Befunde analysieren. Neben dem Unternehmenserfolg werde ich auch kurz auf die Auswirkungen einer CEO-Dualität auf die Vergütungsstrukturen theoretisch und empirisch eingehen.
Eine mit der CEO-Dualität eng verbundene Fragestellung ist, ob ein CEO nach seiner Amtszeit dem „Board of Directors“ als einfaches Mitglied erhalten bleiben sollte. Hierbei stellt sich ebenfalls die Frage, ob ein Verbleib des ehemaligen CEO im „Board“ eine effektive
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Überwachung und Kontrolle des Top-Managements verhindere. Der Hintergedanke dabei ist, dass ein ehemaliger CEO seinen starken Einfluss im Unternehmen zu persönlichen Zwecken ausnutzen könnte. 1 Auch hierfür bietet die Literatur unterschiedliche theoretische Überlegungen. Wie bei der CEO-Dualität lässt sich jedoch allein anhand der Theorie keine eindeutige Schlussfolgerung hinsichtlich der Auswirkungen auf das Unternehmen ziehen, weshalb die Überprüfung anhand empirischer Befunde unerlässlich ist. Der letzte Teil meiner Arbeit behandelt den Punkt, inwieweit sich die genannten Fragestellungen auf das deutsche Corporate Governance System übertragen lassen. Im Gegensatz zum „Board of Directors“ übernehmen in Deutschland zwei unterschiedliche Gremien die Funktionen der Unternehmensleitung und der Unternehmenskontrolle. Jedoch kommt es auch in Deutschland vor, dass der ehemalige Vorstandsvorsitzende in die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden wechselt, was ebenfalls Gegenstand öffentlicher Kritik ist. Dabei beruht die Kritik auf den gleichen Agency-theoretischen Überlegungen wie die CEO-Dualität bzw. ein Verbleib des CEO im „Board of Directors“. Meine Arbeit ist demnach wie folgt aufgebaut. Der erste Abschnitt untersucht den Aspekt der CEO-Dualität, der zweite beschäftigt sich mit einem Verbleib des ehemaligen CEO im „Board of Directors“ und der dritte Teil behandelt die Übertragbarkeit der Fragestellungen auf das deutsche Corporate Governance System. Abschließend folgen eine Zusammenfassung und Schlussfolgerungen.
1. Personalunion des CEO und des “Chairman of the Board”
Wie bereits erwähnt ist die CEO-Dualität ein häufig diskutierter Aspekt. Hintergrund ist, dass Aktionärsschützer und Regulierungsbehörden in den USA häufig der CEO-Dualität, aufgrund der fehlenden unabhängigen Kontrolle, die Schuld für nachlassenden Unternehmenserfolg gaben. Folglich wurde ein starker Druck auf die Unternehmen ausgeübt, die beiden Positionen personell zu trennen. Diese Sichtweise spiegelt sich unter anderem im „Bacon Report“ (1992) sowie dem „Report of the Conference Board Comission on Public Trust and Private Enterprise“ (Januar 2003) wider. Beide Berichte empfehlen die Trennung von CEO und „Chairman of the Board“. Diese Ansicht verbreitete sich auch in Europa und führte vor allem im Vereinigten Königreich häufig zur Trennung der beiden Rollen. Dort empfiehlt der „Cadbury Commitee Report“ (1992) explizit eine Trennung von CEO und „Chairman“, da die Kombination ein starke Machtkonzentration bedeute. 2 Der im Januar 2003 erschienene
1 Vgl. Evans, Nagarajan und Schloetzer (2010).
2 Im Cadbury Report von 1992 heißt es exakt: „Given the importance and particular nature of the chairman’s
role, it should in principle be separate from that of the chief executive. If the two roles are combined in one
person it represents a considerable concentration of power.” (Cadbury Report, 1992, Absatz 4.6)
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„Higgs Report“ 3 empfiehlt zusätzlich bestimmte Kriterien der Unabhängigkeit im Hinblick auf den „Chairman“. Der 2003 erarbeitete „Combined Code of Practice“ verarbeitet die Empfehlungen in einen rechtlichen Rahmen, der allen gelisteten Firmen vorschreibt, sich entweder an die Empfehlungen zu halten oder die Gründe für eine Nichteinhaltung zu erklären. In der Schweiz hingegen schreibt der „Swiss Code of Best Practice“ nicht prinzipiell eine Trennung der Positionen vor. Vielmehr verlangt er von den Unternehmen adäquate Kontrollmechanismen in den Fällen bereitzustellen, in denen aus firmenbezogenen oder aufgrund bestimmter Umstände beide Rollen vereint werden. 4 Während in der Praxis wohl die Meinung überwiegt, dass eine Trennung die bessere Struktur sei, sind sich Wissenschaftler bezüglich der generellen Überlegenheit einer Struktur uneins. 5
1.1. Verbreitung der CEO-Dualität
In den USA scheint die CEO-Dualität vor allem bei großen Unternehmen weit verbreitet zu sein. So untersuchen unter anderem Brickley, Coles und Jarrell (1997) die Führungsstruktur von 661 US-Firmen im Jahre 1988. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass 80,94% der Unternehmen die beiden Positionen auf eine Person vereinen, und in nur 14,07% die Positionen personell getrennt sind. In den restlichen 4,99% der untersuchten Unternehmen gibt es keine Position des „Chairmans“. Sie zeigen, dass nur bei 18,28% der Firmen (17), welche die Positionen trennen, der „Chairman“ auch wirklich unabhängig ist, also weder zu diesem Zeitpunkt noch früher ein Beschäftigter des Unternehmens war. Diese Struktur deckt sich mit der Untersuchung von Brickley et al. anhand der 100 größten Firmen aus ihrer Stichprobe für das Jahr 1994. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass bei 89 Unternehmen der CEO auch „Chairman“ ist und nur bei einem der trennenden Unternehmen der „Chairman“ unabhängig ist.
Die Ergebnisse über die Struktur in den USA decken sich zudem mit einer Statistik der New York Times (15.November 1992), nach welcher 75-80% der US-Firmen beide Positionen vereinen, sowie mit der Studie von Baliga, Moyer und Rao (1996). Diese untersuchen die Führungsstruktur der Fortune 500 Firmen in den Jahren 1985 und 1991. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass im Jahre 1985 die Positionen des CEO und des „Chairman“ von 273 Firmen und im Jahre 1991 von 284 Firmen vereint werden. Im Vergleich dazu trennen 116 Firmen im
3 „Review of the Role and Effectiveness of non-Executive Directors“ (2003) von Derek Higgs
4 Vgl. Schmid und Zimmermann (2008), S. 183/184
5 Ein weiteres Beispiel für Europa ist der Vienot Report (1995) in Frankreich, in dem die Empfehlung gegeben
wird, neben dem Geschäftsführer zusätzlich noch einen „Outside director“ zu installieren, was der Trennung von
CEO und „Chairman“ in den USA oder dem Vereinigten Königreich entspricht.
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Jahre 1985, sowie 72 Firmen im Jahre 1991 diese beiden Funktionen. 6 Baliga et al. bestätigen somit nicht nur die Häufigkeit der CEO-Dualität in den USA, sondern auch die Konstanz über die Zeit hinweg, sowie sogar einen leichten Rückgang bei den Unternehmen mit getrennten Positionen in diesem Zeitraum. Dieses Ergebnis wird bestätigt von den Befunden der Firma Ferry International aus dem Jahre 1992, wobei von den 1000 größten Industrie- und Dienstleistungsunternehmen der USA nur 20% „Chairman“ und CEO personell trennen. Im Vergleich dazu waren es nämlich im Jahre 1979 noch 26%. (Business Week, 1993) Somit zeigt sich, dass zumindest bei den großen Unternehmen in den USA die CEO-Dualität weit verbreitet ist und trotz des öffentlichen Drucks die Situation sich nicht in Richtung Trennung zu ändern scheint. Jedoch ist bei den Studien über US-Unternehmen ein methodisches Problem zu beachten, welches den Nachfolgerprozess eines ausscheidenden CEO betrifft. Der von Vancil (1987) als „Pass-the-button“ beschriebene Nachfolgerprozess bedeutet, dass der Nachfolger erst einmal CEO auf Probezeit wird. Während dieser Probezeit bleibt der vorherige CEO dem „Board“ als „Chairman“ erhalten. Wenn die Arbeit des neuen CEO vom „Board“ als zufrieden stellend bewertet wird, erhält dieser nach Ablauf der Probezeit zusätzlich den Titel des „Chairman of the Board“ und der Vorgänger scheidet aus. Dies kann somit bedeuten, dass ein Unternehmen nur zeitweise im Rahmen des Übergangsprozesses die beiden Rollen trennt. Dies kann somit, je nach Zeitpunkt der Untersuchung, zu einer Verzerrung des Ergebnisses im Hinblick auf die Häufigkeit einer CEO-Dualität führen.
Im Gegensatz zur USA sieht es im Hinblick auf die Führungsstruktur im Vereinigten Königreich deutlich anders aus. Conyon (1994) stellt fest, dass im Jahre 1988 von 366 befragten Unternehmen 55%, und im Jahre 1993 von 400 Unternehmen 74,5% die beiden Positionen personell trennten. Für die gleichen Jahre stellt der Autor einen Anteil von 57,3% (1988) bzw. 77,4% (1993) für die an der Londoner Börse (London Stock Exchange) gelisteten Unternehmen fest. Zudem gaben 1993 von den 293 gelisteten Unternehmen 51,19% an, dass sie die beiden Positionen schon immer personell getrennt hatten, während 25,19% sie zwischen 1988 und 1993 erst trennten.
Im Vergleich zu den USA zeigen diese Ergebnisse, dass im Vereinigten Königreich die Trennung des „Chairman of the Board“ vom CEO überwiegt, und dass ein weiterer Trend in Richtung Trennung der Positionen erkennbar ist. Diese Entwicklung ist wahrscheinlich eine
6 Für die restlichen Unternehmen konnten Baliga, Moyer und Rao (1996) keine eindeutige Struktur feststellen
aufgrund nicht-standardisierter Beschreibungen der Positionen des CEO und des „Chairman of the Board“.
5
Antwort auf die häufig diskutierten Anliegen im Hinblick auf Corporate Governance, welche im Cadbury Report von 1992 gipfelten. 7
Schmid und Zimmermann (2008) untersuchen unter anderem die Führungsstruktur aller gelisteten Schweizer Unternehmen für jedes Jahr innerhalb des Zeitraums von 1993 bis 2002. Je nach Jahr fließen somit zwischen 210 und 247 Firmen in die Untersuchung mit ein. Der Anteil der Unternehmen mit CEO-Dualität bleibt über den Zeitraum gesehen weitestgehend konstant (zwischen 20 und 25%). Zudem zeigen die Autoren, dass nur ein kleiner Teil der Unternehmen in einem untersuchten Jahr ihre Struktur ändern. Lediglich gegen Ende des Untersuchungszeitraums deutet sich ein Anstieg in der Häufigkeit der Wechsel von vereinten zu getrennten Funktionen an (von ca. 1,5% im Jahre 1988 auf ca. 5,5% im Jahre 1992). 8 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es in den Ländern USA, Vereinigtes Königreich und der Schweiz erhebliche Unterschiede im Hinblick auf die Führungsstruktur gibt. Während in den USA die Häufigkeit der CEO-Dualität relativ konstant bei ca. 80% liegt, ist es in der Schweiz gerade umgekehrt, in der lediglich ca. 20-25% der Unternehmen die Rollen vereinen. Im Gegensatz zu den relativ konstanten Verhältnissen der USA und der Schweiz zeigt sich im Vereinigten Königreich für den vergleichbaren Zeitraum ein Trend in Richtung Trennung der beiden Positionen.
Die entscheidende Frage, welche im Laufe dieser Arbeit diskutiert wird, ist, ob diese Unterschiede bei der Führungsstruktur auch zu Unterschieden in wichtigen Aspekten wie Unternehmenserfolg oder Vergütungsstrukturen führen. Aufgrund des oben angesprochenen, in den USA weit verbreiteten „Pass-the-button“ - Modells ist es deswegen sinnvoll, bei der Untersuchung dieser Fragen die Schweiz mit einzubeziehen. Dort liegt ebenfalls eine weitestgehend konstante Struktur vor, jedoch ist die genannte Form des Übergangprozesses in der Schweiz nicht üblich, was somit bei der Analyse im Gegensatz zur USA nicht zu einem methodischen Problem führt. Weiterhin ist der Fall Schweiz laut Schmid und Zimmermann (2008) deshalb interessant, da dort das „Board of Directors“ (neben dem VK und Belgien) in Kontinentaleuropa am stärksten auf den Shareholder Value fokussiert sei. 9 Zusätzlich ist das „Board of Directors“, wie in den USA und dem Vereinigten Königreich, im Gegensatz zu beispielsweise Deutschland oder Österreich, einstufig und sei somit besser mit anderen Studien vergleichbar.
1.2 Auswirkungen einer Personalunion auf den Unternehmenserfolg
7 Vgl. Dahya und Travlos (2000), S.91
8 Schmid und Zimmermann (2008) führen diese Untersuchungen zum Vergleich zusätzlich nur mit den 131
Unternehmen durch, die im kompletten Zeitraum der Stichprobe angehören. Die Unterschiede bei den
Ergebnissen sind unwesentlich.
9 Schmid und Zimmermann (2008) beziehen sich hierbei auf eine Studie von Wymeersch (1998).
6
In der Literatur werden verschiedene Argumente für und gegen eine Personalunion der beiden Rollen des CEO und des „Chairman of the Board“ diskutiert. In der Folge werde ich zuerst auf die Argumente für eine Personalunion und danach auf die Argumente für eine Trennung der beiden Rollen eingehen. Danach werde ich die Theorie der optimalen Boardstruktur sowie das „Kontingenzmodell“ von Boyd (1995) diskutieren. Beide Modelle beruhen auf der Annahme, dass es keine optimale Führungsstruktur für alle Unternehmen gibt. Abschließend werde ich die in der Literatur vorhandenen empirischen Ergebnisse kritisch zusammenfassen.
1.2.1 Theoretische Überlegungen
1.2.1.1 Argumente für eine Personalunion
(a) Stewardship-Theorie. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, beruht die Kritik an der CEO-Dualität allein auf Agency-theoretischen Überlegungen. In der Literatur wird der Agency-Theorie jedoch oft die Stewardship-Theorie gegenübergestellt, aus deren Argumentation sich eine andere Schlussfolgerung im Hinblick auf die Auswirkungen einer CEO-Dualität ziehen lässt (u.a. Boyd, 1995). Die größte Einschränkung der Agency-Theorie ist nach Boyd (1995) die implizite Annahme, dass Manager von Natur aus opportunistisch sind und deswegen jede Gelegenheit nutzen, um sich selbst auf Kosten der Eigenkapitalgeber zu bereichern. 10 Diese Annahme vernachlässige jedoch laut Donaldson (1990) die Erfahrungen der Forschungsfelder organisatorisches Verhalten und Organisationstheorie. Demnach werde der Wunsch, sein individuelles Einkommen zu maximieren von anderen menschlichen Motiven ausgeglichen. Zu diesen Motiven gehören nach Donaldson auf der einen Seite das Bedürfnis nach Leistung, Verantwortung und Anerkennung, aber auch Altruismus, Überzeugung und die intrinsische Motivation einer befriedigenden Tätigkeit. Somit geht Donaldson nicht von einem schon von Natur aus opportunistischem Mensch aus, sonder vielmehr von einem CEO, der einen guten Job machen und ein guter Verwalter des Firmenvermögens sein will. 11 Somit würde nach Boyd (1995) eine CEO-Dualität sich positiv auf den Unternehmenserfolg auswirken, da diese Führungsstruktur ein effektiveres Handeln des CEO ermögliche. (b) Eindeutige Führerschaft. Die personelle Union von CEO und „Chairman“ ermöglicht eine klare und eindeutige Führerschaft, da die beiden höchsten Positionen von einer Person ausgeführt werden. Dies erlaubt eine stärkere Konzentration auf die Unternehmensziele und vereinfacht die Implementierung von Entscheidungen, was zu einem höheren Unternehmenserfolg führt (Stoeberl und Sherony, 1985; Anderson und Anthony, 1986). CEO-Dualität ermögliche nach Anderson und Anthony (1986) eine dynamische Führung, die
10 Vgl. Boyd (1995), S.303
11 Vgl. Donaldson und Davis (1991), S.51
7
schnell auf Veränderungen des Marktes oder in der Technologie reagieren könne. Eine Trennung der Positionen hingegen würde laut Baliga, Moyer und Rao (1996) die Fähigkeit einer effektiven Führung durch den CEO schwächen, aufgrund einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass Handlungen und Erwartungen von Management und Board in Konflikt miteinander stehen. Des Weiteren könne eine Trennung laut Baliga et al. zu einer Rivalität zwischen CEO und „Chairman“ führen, für Verwirrung aufgrund zweier öffentlicher Wortführer sorgen und zu einer Einschränkung von Innovation und Unternehmertum führen, wenn der CEO das Gefühl hat, dass seine Handlungen vom „Board“ immer hinterfragt werden. Weiterhin ist es bei einer eindeutigen Führerschaft leichter, Erfolg bzw. Misserfolg genau zu zuordnen (Brickley, Coles, Jarrell, 1997).
(c) iedrigere Informationskosten. Laut Brickley et al. (1997) führe eine Personalunion zu niedrigeren Informationskosten, was sich somit positiv auf den Unternehmenserfolg auswirkt. Der CEO habe zweifelsohne spezielles Wissen im Hinblick auf strategische Herausforderungen und Möglichkeiten, die das Unternehmen betreffen. Wenn man davon ausgehe, dass der CEO bestimmtes Wissen hat, welches auch für die Position des „Chairman“ von Bedeutung ist, so verursache der Transfer dieses Wissens von CEO zu „Chairman“ Kosten und sei zudem oft unvollständig. Werden beide Rollen von einer Person ausgeführt werden, verringere das Unternehmen somit diese sogenannten Informationskosten. (d) Agency-Kosten durch Überwachung des „Chairmans of the Board“. Die Übertragung von erheblichen Entscheidungsrechten an einen unabhängigen „Chairman“ macht auch eine Überwachung des „Chairman“ notwendig (Brickley et al., 1997; Dahya und Travlos, 2000). Ein unabhängiger „Chairman“ verringere zwar höchstwahrscheinlich die Agency-Kosten, die durch die Überwachung des CEO entstehen, jedoch habe der „Chairman“ bedeutende Machtbefugnisse, die es auch ihm ermöglichen könnten, privaten Nutzen aus seiner Position zu ziehen. Deshalb müsse bei einer Trennung beider Positionen nicht nur das Handeln des CEO, sondern auch das des „Chairman“ kontrolliert werden. Solange der „Chairman“ keinen oder nur einen geringen Anteil an Eigenkapital am Unternehmen hält, könnten die durch die „Überwachung des Überwachers“ entstehenden Agency-Kosten sich bedeutend auf den Unternehmenserfolg auswirken (Alchian und Demsetz, 1972).
(e) Kosten durch Änderung des achfolgerprozesses. Brickley et al. (1997) argumentieren, dass eine gesetzliche Forderung zur Trennung der beiden Positionen für viele Unternehmen Kosten verursachen würde, da sie ihren Nachfolgerprozess ändern müssten. Laut Vancil (1987) ist das bereits unter Punkt 1.1 angedeutete „Pass the Button“ - Modell ein in den USA weit verbreiteter Nachfolgerprozess, wonach der neue CEO erst einmal die Funktion für eine
8
bestimmte Zeit übernimmt und nach erfolgreicher Probezeit zusätzlich den Titel des „Chairman of the Board“ erhält. Da der vorherige CEO während der Probezeit „Chairman“ bleibt, ermögliche dies eine Unterstützung des neuen CEO durch den Vorgänger mit relevanten Informationen. Des Weiteren ermögliche dieses Vorgehen dem Board leicht den neuen CEO bei nicht zufrieden stellender Arbeit wieder von seiner Rolle zu entbinden. Ebenfalls werde der Übergang eines alternden CEO in die Rente erleichtert, da dieser weniger wahrscheinlich versuchen würde zu lang im Amt zu bleiben. Zusätzlich würde durch eine dauerhafte Trennung der Positionen der Anreiz für den neuen CEO, nach erfolgreicher Arbeit mit dem Titel des „Chairman“ belohnt zu werden, wegfallen.
(f) Weitere Argumente für eine Personalunion. Laut Boyd (1995) besitze ein „Chairman“, der gleichzeitig auch CEO und somit ein „Insider“ ist, mehr Wissen über die Firma und der entsprechenden Branche, in der das Unternehmen tätig ist. Des Weiteren habe ein „Insider“ eine größere Bindung zu dem Unternehmen als ein externer unabhängiger „Chairman“. Somit würde sich eine CEO-Dualität aufgrund eines positiven Zusammenhangs zwischen Insidern im „Board“ und Unternehmenserfolg 12 positiv auf diesen auswirken. Bei einem „Outsider“ hingegen könne es zu opportunistischem Verhalten kommen (Lorsch/Lipton, 1993). Brickley, Coles und Jarrell (1997) erwähnen die zusätzliche Vergütung eines separaten „Chairmans“ im Hinblick auf die Kosten als ein weiteres Argument für eine Personalunion. Als Beispiel nennen sie John Smale, der 1993 für seine Dienste als „Chairman“ bei General Motors 300.000 $ erhielt.
1.2.1.2 Argumente für eine Trennung der beiden Rollen
(a) Agency-Theorie. Die Delegation der Entscheidungskontrollrechte der Eigenkapitalgeber an das Management führt zu Agency-Problemen, wenn die Interessen der Manager mit denen der Eigenkapitalgeber nicht übereinstimmen. Diese Agency-Probleme führen zu Agency-Kosten, welche Jensen und Meckling (1976) als die Summe der Kosten von Gestaltung, Implementierung und Aufrechterhaltung entsprechender Anreiz- und Kontrollsysteme sowie dem übrig bleibenden Verlust durch die nicht vollständige Lösung der Probleme definieren. Ein effektives System zur Reduzierung der Agency-Kosten muss nach Fama und Jensen (1983) die Kontrolle der Entscheidungen vom Management der Entscheidungen trennen. Trennung bedeutet hierbei nach Fama und Jensen, dass eine individuelle Person nicht das Management und die Kontrollrechte über die gleichen Entscheidungen ausübt. Das Management von Entscheidungen umfasst Entscheidungen im Hinblick auf die
12 Cochran, Wood und Jones (1985) und Vance (1964) sind Beispiele für empirische Studien, die einen positiven
Zusammenhang zwischen Insider-Repräsentation im „Board“ und Unternehmenserfolg dokumentieren.
9
Ressourcenallokation sowie der Strategieformulierung und -implementierung. Die Kontrollrechte hingegen beziehen sich auf die Ratifizierung und Überwachung solcher Entscheidungen durch das Management. Das Entscheidungskontrollsystem bei großen Unternehmen ist das Board of Directors, dessen Vorsitzender der Chairman ist. Neben der Kontrolle und Überwachung hat das Board generell die Macht über Einstellungen, Entlassungen und Vergütungen von Top-Managern. Damit nun das Board effektiv ist und somit die Agency-Kosten minimiert werden, müsse der Entscheidungsspielraum von Top-Managern beschränkt sein: „the board is not an effective device for decision control unless it limits the decision discretion of individual Top managers“ 13 . Daraus lässt sich ableiten, dass die Rollen des CEO und des „Chairman“ von zwei verschiedenen Personen ausgeführt werden sollten, damit der CEO nicht zuviel Entscheidungsmacht im Unternehmen habe. Da die Funktionen des „Chairman“ die Durchführung von "Board"-Meetings und die Beaufsichtigung des Prozesses der Einstellung, Entlassung, Bewertung und Vergütung des CEO sind, könne der CEO diese Funktion nicht unabhängig von persönlichem Interesse ausführen. Ohne einen unabhängigen Leiter des "Boards" sei es für das Board viel schwieriger seiner bedeutenden Funktion nachzukommen. Für die Effektivität des "Boards" sei es somit wichtig dass die Positionen des CEO und des „Chairman of the Board“ personell getrennt werden. 14 Somit ist nach der Agency-Theorie von Fama und Jensen nur bei einer Trennung die Minimierung der Agency-Kosten möglich. (b) Weitere Argumente für eine personelle Trennung der beiden Rollen Ein unabhängiger „Chairman“, der nicht der Geschäftsführung angehört, sorgt für eine gewisse Balance im „Board of Directors“, sodass dieses nicht von der Geschäftsführung dominiert wird. Im Falle von übertriebenen, übermäßig ehrgeizigen Plänen des CEO kann ein unabhängiger „Chairman“ einen gewissen Gegenpart bilden und überehrgeizigen Plänen des CEO entgegenwirken (Stiles/Taylor, 1993; Blackburn, 1994) Diese Balance kann somit eher verhindern, dass der CEO Ziele verfolgen kann, die nicht im Sinne der Aktionäre sind. Weitere Vorteile eines unabhängigen „Chairmans“ sind laut Dahya und Travlos (2000) eine möglicherweise für das Unternehmen wertvolle Perspektive von außen auf das Unternehmen, sowie nützliche Kontakte in der Regierung oder den Kapitalmärkten. Zudem seien externe „Chairmans“ häufig noch Mitglieder anderer „Board of Directors“, was den Unternehmen unterschiedliche Erkenntnisse oder Vergleiche ermögliche. Das persönliche Wissen eines „Outside-Chairman“ oder das durch ihn gewonnene Wissen über andere Organisationen könne von besonderem Wert für das Unternehmen sein. Laut Pettigrew (1992) könne diese
13 Vgl. Fama und Jensen (1983), S.17
14 Vgl. Jensen (1993), S.36
10
externe Perspektive zur Entwicklung der Unternehmensziele beitragen und die Verbindungen des Unternehmens zu seiner Umwelt festigen, was sich beides positiv auf den Unternehmenserfolg auswirken könnte.
Weiterhin könne laut Carver (1990) eine CEO-Dualität verhindern, dass Direktoren mit weniger Selbstbewusstsein die Leistungen des Managements ehrlich bewerten, was zu einer langfristigen Abdriftung des Unternehmens führen könne. Dies ist damit zu erklären, dass der „Chairman of the Board“ in diesem Falle gleichzeitig oberster Geschäftsführer ist und somit eher dazu neigt, die Leistungen der Firma positiver zu bewerten. Dies kann dazu führen, dass andere nicht-geschäftsführende Direktoren im Falle einer abweichenden Meinung sich gegen den „Chairman“ stellen müssten. So ein Verhalten ist bei Direktoren mit weniger Selbstbewusstsein nicht zu erwarten. Im Falle eines unabhängigen „Chairmans“ hingegen können die anderen Direktoren bei einer ehrlichen Bewertung von weniger Widerstand durch den „Chairman“ ausgehen, da dieser auch an einer objektiven Bewertung interessiert ist.
1.2.1.3 Theorie der optimalen Boardstruktur
Aus den oben diskutierten theoretischen Argumenten lässt sich nicht eindeutig schließen, dass eine Führungsstruktur der anderen generell überlegen ist. Aufgrund dessen entwickeln Dahya und Travlos (2000) die „Theorie der optimalen Boardstruktur“. Basierend auf Jensen’s (1995) System der Organisationsstruktur argumentieren sie, dass keines der beiden Führungsstrukturen optimal sei. Vielmehr sei jedes Unternehmen einzigartig und die Führungsstruktur werde durch eine Zusammenstellung des "Boards" festgelegt, welche die gesamten Organisationskosten minimiert. Diese kann von einem Extrem, bei dem der CEO gleichzeitig „Chairman“ ist und die Mehrheit im Board geschäftsführende Mitglieder sind, bis zum anderen Extrem mit einem separaten, nicht-geschäftsführenden „Chairman“ und einer Mehrheit an nicht-geschäftsführenden Mitgliedern, reichen. Übertragen auf die hier vorliegende Problemstellung können nach Dahya und Travlos drei Arten von organisatorischen Kosten auftreten. Dies sind zum einen die Informationskosten, die durch den Transfer bedeutender Informationen zwischen dem CEO und dem „Chairman“ entstehen (Brickley et al., 1997), sowie die durch die „Überwachung der Überwacher“ entstehenden Agency-Kosten (Alchian und Demsetz, 1972). Beide dieser Kostenarten steigen an, je stärker sich die Zusammenstellung des „Boards“ in Richtung separatem, nicht-geschäftsführendem Chairman und einer Mehrheit von nicht-geschäftsführenden Mitgliedern bewegt. Die dritte Kostenart sind die Agency-Kosten, die durch die Überwachung des CEO entstehen. Diese Kosten sinken im Gegensatz zu den ersten beiden Kosten mit einer höheren Anzahl an nicht- geschäftsführenden Mitgliedern, da dies zu einer effektiveren Überwachung des CEO führt.
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Andrej Kasaj, 2010, Trennung oder Identität der Rollen des CEO und des Chairman of the Board?, München, GRIN Verlag GmbH
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