Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung: 1
I.Teil Der Entwurf von Hardt und Negri
1. Das Gemeinsame -Jenseits von Privat und Öffentlich- Hinführung 3
2. Biomacht und Biopolitik 5
2.1. Hinführung 5
2.2. Biopolitik/Biomacht nach Michel Foucault 5
2.3. Biomacht nach Hardt und Negri 7
3. Biopolitische Produktion und das Gemeinsame 8
4. Multitude ein neuer Klassenbegriff 13
4.1. Hinführung 13
4.2. Herleitung des Begriffs nach Baruch de Spinoza (1632-1677) 13
4.3. Multitude nach Hardt und Negri 14
5. Die Revolution gestalten -Altermodernität- 18
6. Zusammenfassung des I. Teil der Arbeit 21
Teil II Neue Medien im Empire
7.1. Hinführung 22
7.2. Funktion und Wirkung der Medien auf die Biomacht 22
7.2.1. Die Schweigespirale 23
7.2.2. Autonomieverlust der Medien 25
7.3. Fazit zum Einfluss der Medien auf die Biomacht 29
8. Die neuen Medien als ein Ort des Gemeinsamen? 31
8.1. Fazit -Das Internet als ein Ort des Gemeinsamen? 34
9. Die Multitude und das Soziale Online Netzwerk Facebook 35
9.1. Hinführung 35
9.2. Die Entstehung von Facebook 36
9.3. Wesentliche Funktionen von Facebook 37
9.4. Die Nutzer und Nutzungsmotivationen von Facebook Usern 38
9.5. Zwischenfazit -Facebook und politische Kommunikation 41
Exkurs über die Entstehung von Revolutionen 43
9.6. Die Rolle von Facebook für die Revolution 45
10. E-Demokratie und Altermodernität 52
Teil III Abschließende Betrachtungen
11.Zusammenfassendes Fazit und Ausblick 56
Anhang
Literaturverzeichnis Präsentation zur BA-Arbeit
0. Einleitung
Der amerikanische Literaturwissenschafter Michael Hardt und der italienische Politikwissenschaftler Antonio Negri legen mit ihrem Werk >Common Wealth Das Ende des Eigentums 1 <(Hardt / Negri 2010) den Abschluss einer Trilogie vor, die mit >Empire Die neue Weltordnung< (Hardt / Negri 2003) 2 begann und die Fortsetzung mit >Multitude Krieg und Demokratie im Empire< (Hardt / Negri 2004b) 3 erfuhr. In der Common-Wealth-Monographie, werden die Themen der beiden vorausgegangen Bücher aufgegriffen, gebündelt und zu einem Entwurf der revolutionären, gesellschaftlichen Umgestaltung zusammengefügt. Im Rahmen der Trilogie schenken die beiden Autoren den neuen Medien 4 und ihrer Rolle beim revolutionären Geschehen wenig Beachtung. Gerade diese Medien sind aber aus der Lebenswelt vieler Menschen der westlichen Welt im 21. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken. So trägt z.B. eine Publikation den vielsagenden Titel: >Gemeinsam Einsam - Wie Facebook, Google & Co unser Leben verändern< (Göring 2011). Demnach scheinen die neuen Medien unser alltägliches Zusammenleben zu beeinflussen und neu zu ordnen. Ebenso wird dem Web 2.0 eine gewisse politische Sprengkraft zugeschrieben, denn so war in den Medien in Bezug auf die gesellschaftlichen Veränderungen in der arabischen Welt, im Frühjahr des Jahres 2011, von einer >Facebook-Revolte< (www.tagesspiegel.de; 14.2.2011) zu lesen.
Nachfolgend soll also in der Arbeit >Neue Medien im Empire< danach gefragt werden, welche Rolle die neuen Medien im Allgemeinen und Facebook im Speziellen im Rahmen des revolutionären Entwurfs von Hardt und Negri spielen können. Dabei kann das >Empire< nach Hardt und Negri wie folgt charakterisiert werden: Durch die zunehmende (ökonomische) Globalisierung verfällt die Macht der Nationalstaaten, die vormals Souveränität besaßen. Mit dem Verschwinden dieser Elemente verschwindet aber nicht die Souveränität, sie hat nur eine andere
1 Im englischen Original erschien das Buch bereits 2009, unter dem Titel: >Commomwealth< (Hardt / Negri 2009).
2 Bereits im Jahr 2000 veröffentlichten sie das Original in englischer Sprache unter dem Titel >Empire< (Hardt / Negri 2000).
3 Im gleichen Jahr wie die deutsche Übersetzung, erschien das englische Original mit dem Titel: >Multitude. War and democracy in the age of empire< (Hardt / Negri 2004a).
4 Für den Begriff der neuen Medien gibt es keine einheitliche Definition. Grundlegend für die Abgrenzung zu den >alten Medien< ist die Digitalisierung, die neue interaktive Möglichkeiten der verschiedensten Form
eröffnet, so z.B. asynchrone Kommunikation (www.medpaed.de; 23.6.2011). Wenn im Folgenden die
Begriffe neue Medien, Internet, world wide web (www) oder Netz gebraucht werden, dann ist damit stets
das Web 2.0 gemeint, welches sich vom Web 1.0 dadurch unterscheidet, dass letzteres nur statische
Flächen kennt, auf deren Inhalte nicht interaktiv bzw. nur beschränkt reagiert werden konnte und
Partizipation nicht möglich war. Im Web 2.0 hingegen „dreht sich alles um Kommunikation, Interaktion und
Partizipation“ (Münker 2009, 18). In diesem Zusammenhang wird es auch oft als das >Mitmach web<
bezeichnet. Jeder kann Inhalte einstellen, auf Inhalte reagieren und sich durch die kommunikativen
Möglichkeiten mit anderen vernetzen und austauschen.
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Form angenommen. Sie bündelt eine Vielzahl von nationalen und supranationalen Organisationen und eint diese in eine einzige Herrschaftslogik, nämlich in der rechtlichen Festschreibung von Eigentumsrechten. Mit diesen Rechtsnormen wird das Privateigentum legitimiert, welches die Ursache für Kapitalakkumulation, Expropriation, soziale Ungleichheit, Entfremdung, Armut usw. ist. Dabei ist Empire nicht mit Imperialismus gleichzusetzen, denn es gibt kein Zentrum der Macht, noch gibt es Begrenzungen und Schranken. Das Empire ist in den Köpfen und Herzen der Menschen internalisiert und wirkt in ihnen und über ihnen zerstörerisch. (Hardt / Negri 2003, 9ff).
Anhand der oben genannten Fragestellung ergibt sich der dreigeteilte Aufbau der Arbeit. Im ersten Teil wird der Entwurf den Hardt und Negri in >Common Wealth Das Ende des Eigentums< (Hardt / Negri 2010) entfalten dargestellt, dabei wird mitunter vom Verfasser, zum besseren Verständnis, auf die vorangehenden Werke Empire (Hardt / Negri 2003) und Multitude (2004b) der Trilogie eingegangen. Den Kern des Buches >Common Wealth Das Ende des Eigentums< (Hardt / Negri 2010) bildet das Konzeptes des Gemeinsamen. Dieses bringt der Autor explizit im Kapitel eins zur Sprache, dabei muss aber darauf verwiesen werden, dass durch den paradigmatischen Charakter des Gemeinsamen, dieses in den folgenden Kapiteln immer wieder hervortreten wird. Im zweiten Kapitel werden die Begriffe Biomacht und Biopolitik in den Fokus der Betrachtungen genommen, da Hardt und Negri mit diesem Begriffspaar die gegenwärtigen Machthierarchien der Gesellschaft beschreiben und gleichzeitig Möglichkeiten aufzeigen mit diesen Machthierarchien zu brechen. Dabei ist der gegenwärtige Produktionsprozess, den beide als biopolitisch Kennzeichnen und dessen Kern das Gemeinsame bildet, von großer Bedeutung. Diesen wird eigens ein Kapitel (drei) gewidmet. Im vierten Kapitel wird sich mit dem gesellschaftlichen Träger des revolutionären Potenzials beschäftigt, der Multitude. Anschließend wird dargelegt wie sich Hardt und Negri die Revolution vorstellen und wie die neue, demokratische Gesellschaft, die Altermodernität aussehen soll. Revolution wird dabei in Anlehnung an den Titel des Buches >Common Wealth< (ebd.), von beiden Autoren, als eine -durchaus gewaltsam- herbeigeführte Veränderung der Eigentumsverhältnisse und damit als Veränderung der gesellschaftlichen Machthierarchien, hin zu einer wirklichen Demokratie verstanden. Den Abschluss des Durchgangs durch das Werk >Common Wealth - Das Ende des Eigentums< (ebd.) bildet eine Zusammenfassung des bis dahin Dargelegten, welches der Leser in Kapitel sechs findet. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich, mit der Eingangs erwähnten Fragestellung. Im Grund folgt dabei der zweite Teil dem
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Aufbau des ersten. Zunächst wird einleitend im Kapitel sieben gefragt inwieweit Medien und speziell das Internet überhaupt auf die Biomacht Einfluss nehmen können. Dazu werden nachfolgend zwei divergierende Ansätze präsentiert und am Ende des Kapitels wird anhand der Darstellungen ein Fazit, in Bezug auf die Wirkungsmöglichkeiten der Medien und speziell der neuen Medien, auf die Biomacht, gezogen. Um sich im Weiteren am Entwurf von Hardt und Negri zu orientieren, wird im achten Kapitel die Frage gestellt inwieweit das Internet einen Ort des Gemeinsamen darstellen kann. Im neunten Kapitel wird speziell auf das Soziale Online Netzwerk (SON) Facebook eingegangen und es wird gefragt, inwieweit dieses zur politischen Kommunikation von den Usern genutzt wird. Dies wird dem Leser in Form eines Zwischenfazits nahegebracht, indem erste Überlegungen präsentiert werden, in wieweit die Plattform Facebook für die Ziele und Zwecke der Multitude von Relevanz sein kann. Vorher wird allerdings, kurz auf die Entstehungsgeschichte des SON eingegangen, seine wesentlichen Funktionen werden erläutert, sowie ein Blick auf die Nutzer von Facebook und ihre Nutzungsmotivationen geworfen wird.
Im weiteren Verlauf der Betrachtungen wird dann die Fragestellung spezifiziert werden und es wird gefragt inwieweit die Multitude Facebook nutzen kann, um Menschen zu sozialen Protesten zu mobilisieren, sprich inwieweit ist eine Facebook-Revolte tatsächlich möglich? Diesem Fragekomplex vorangestellt findet der Leser einen Exkurs, der sich mit der Thematik der Entstehungsbedingungen für Revolutionen, speziell aus marxistischer Sicht, beschäftigt. Dem Aufbau des ersten Teils folgend, wird dann in Kapitel zehn nach den Möglichkeiten der neuen Medien in einer postrevolutionären Ära (also der Altermodernität) zur demokratischen Gestaltung der Gesellschaft gefragt, das Schlagwort hierfür lautet >E-Demokratie<. Im dritten Teil und letzten Teil der Arbeit findet dann der Leser Kapitel zehn, mit einem zusammenfassenden Fazit und einem Ausblick über eine mögliche Weiterarbeit am Thema.
I.Teil Der Entwurf von Hardt und Negri
1. Das Gemeinsame -jenseits von Privat und Öffentlich- Hinführung Das Gemeinsame ist etwas anders als das Private und das Öffentliche. „Das >Private< beinhaltet die Rechte und Freiheiten soziale Subjekte sowie die Rechte auf Privateigentum…“ (Hardt / Negri 2004b, 229). Die Individuen bzw. Organisationen, die den Vorgang der Privatisierung vorantreiben, machen von diesem Recht auf Eigentum Gebrauch, indem sie das natürliche Gemeinsame, was alle Menschen gleichermaßen nutzen und teilen, wie z.B. Bodenschätze oder Wasser, sich einverleiben, um dadurch Profite zu erwirtschaften. Wir werden im
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Folgenden noch sehen, dass nicht nur die natürlichen Ressourcen als Formen des Gemeinsamen exstieren, sondern auch Formen, die von Menschenhand gemacht wurden und diese künstliche Gemeinsame unterliegt ebenso Privatisierungsversuchen.
Um diesem Aneignungsprozess entgegen zu wirken, etabliert sich das Öffentliche, welches die zunehmende Privatisierung eingrenzen bzw. verhindern möchte. Die Folge hiervon ist, dass durch diesen Akt bürokratische Strukturen entstehen, die das Gemeinsame zu verwalten suchen. Damit etablieren sich - wie auch im Rahmen von Privatisierung - Machthierarchien, die Menschen wiederum vom Nutzen und Gebrauch des Gemeinsamen ausschließen. Diesen beiden Formendem Privaten und dem Öffentlichen- steht das Gemeinsame gegenüber. (Hardt / Negri 2010, 293). Wie zuvor schon ausgeführt, ist es zum einen durch die natürlichen Ressourcen gegeben, zum anderen wird es aber, in seiner künstlichen Form, aktiv von den Subjekten innerhalb des biopolitischen Produktionsprozesses produziert und reproduziert (siehe Kapitel drei). Indem Menschen in unterschiedlichsten Netzwerken interagieren, schaffen sie Sprachen,
Wissensformen, Bilder, Codes, Affekte, etc. Diese werden von allen geteilt, erworben und verwendet. Damit dieses Gemeinsame entstehen kann ist ein freier Zugang, eine kostenlose Nutzung, eine freie Meinungsäußerung und freie Interaktion im Grunde unabdingbar, denn ohne diese Faktoren könnte es nicht ins Dasein gerufen werden (ebd., 293). Durch die vielseitige Interaktion der Singularitäten, entzieht sich das entstehende Gemeinsame immer mehr der Kontrolle des Empire, entwickelt eigene neue Lebensformen und eröffnet dem politischen Handeln einen neuen Raum, indem es die traditionellen Spaltungen zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen subjektiv und objektiv und zwischen privat und öffentlich überwindet. (Hardt / Negri 2004b, 228). „Das Gemeinsame markiert eine neue Form der Souveränität, eine demokratische Souveränität (oder genauer: eine Form sozialer Organisation, die an die Stelle der Souveränität tritt), in der die sozialen Singularitäten mit Hilfe ihrer eigenen biopolitischen Aktivität die Güter und Dienstleistungen kontrollieren, die die Reproduktion der Multitude als solcher ermöglichen.“ (ebd., 232). Es zeigt sich also, dass das Gemeinsam von allen gleichermaßen genutzt und produziert wird, es keine Instanz gibt die hegemoniale Zugriffsrechte auf dieses besitzt, soll es nicht zerstört werden. Daneben schafft das Gemeinsame sich ständig neu und bringt Neues hervor, was dem ständigen Dialog und Austausch der Subjekte innerhalb des Gemeinsamen geschuldet ist. Im weiteren Verlauf wird sich dem Leser der Begriff des Gemeinsamen noch differenzierter entfalten und zwar
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innerhalb der weiteren Darlegung der Begriffe die eng mit dem des Gemeinsamen verbunden sind (biopolitische Produktion, die oben erwähnte Multitude und die Altermodernität). Nachfolgend wird dargelegt, wie die künstlichen Formen des Gemeinsamen, innerhalb der biopolitischen Produktion erzeugt werden, davor wird sich aber noch mit den Begriffen der Biopolitik und der Biomacht auseinandergesetzt.
2. Biomacht und Biopolitik:
2.1. Hinführung
Für die Ausführungen Hardt und Negris sind die Begriffe Biomacht, Biopolitik, und biopolitische Produktion von entscheidender Bedeutung. Das Leben (Bios) selbst erfährt nicht durch ein transzendentes oder transzendentales Etwas seine ontologische Konstituierung, sondern es wird immanent, durch die von Menschenhand gemachten Realisierungen und deren entsprechenden pluralen Ausdrucksformen erzeugt. Das Begriffspaar >Biopolitik< und >Biomacht< entnehmen Hardt und Negri dem Werk Michel Foucaults (1926-1984). Dieses soll zunächst kurz erläutert werden, um sodann die Verwendung der beiden Begriffe bei Hardt und Negri besser verstehen zu können.
2.2. Biopolitik/Biomacht nach Michel Foucault
Michel Foucault verwendet die Begriffe Biopolitik und Biomacht synonym aber keineswegs einheitlich (Lemke 2011, 110ff). Zum einen stehen sie für eine historische Veränderung im politischen Handeln und Denken, des Weiteren spielt der Begriff bei der Herausbildung des Rassismus eine wichtige Rolle und schließlich bezeichnet sie auch eine Kunst des Regierens. Im Kontext der Arbeit erscheinen erstere und letztere Begriffbestimmung besonders relevant, aus diesem Grund wird auch im Folgenden nur auf diese eingegangen. Foucault entwickelt den Begriff der Biopolitik im ersten Band von >Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit< (Foucault 1977) und in den Vorlesungen von 1979, die den Titel >Die Geburt der Biopolitik< (Foucault 2009) tragen (Lemke 2011, 110f). Er legt dar, dass souveräne Macht sich aus dem alten römischen Recht ableitet, nachdem der Familienvater das Privileg hatte, über das Leben seiner Kinder und seiner Sklaven zu verfügen. Indem er beiden quasi das Leben gab, konnte er es beiden auch wieder nehmen. „Der Souverän übt sein Recht über das Leben nur aus, indem er sein Recht zum Töten ausspielt - oder zurückhält.“ (Foucault 1977, 131). Im Zuge der Geistesgeschichte des Abendlandes wandelte sich diese Vorstellung: „…diese Macht ist dazu bestimmt, Kräfte hervorzubringen, wachsen zu lassen und zu ordnen, anstatt sie zu hemmen zu beugen oder zu vernichten.“ (ebd., 132). Jetzt konnte getötet werden um zu leben. „Man könnte sagen, das alte
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Recht, sterben zu machen oder leben zu lassen, wurde abgelöst von einer Macht, leben zu machen oder in den Tod zu stoßen.“ (ebd., 134). Innerhalb dieses Rahmens steht die Biomacht im Gegensatz zur Souveränitätsmacht. Erste lässt sterben und macht Leben und Letztere macht Sterben oder lässt Leben (Lemke 2011, 111).
Die so definierte Bio-Macht entwickelte seit dem 17. Jh. zwei Hauptformen, die aber miteinander verbunden sind. Zunächst wird der Körper als eine Art Maschine angesehen, deren menschlichen Fähigkeiten gesteigert werden sollten. Dazu bedarf es einer Dressur, welches es möglichen soll, die menschlichen Kräfte voll ausnutzen zu können und den Menschen zugleich politisch zu disziplinieren. Seit der Mitte des 18 Jhdts. Entwickelte sich ein anderes Verständnis heraus: hiernach versucht die Biopolitische-Macht auf die biologischen Prozesse des Lebens- der Fortpflanzung, Geburtenrate, Gesundheit etc.- Einfluss zu nehmen. Diese sollen reguliert und kontrolliert werden: „Die Disziplinen des Körpers und die Regulierungen der Bevölkerung bilden die beiden Pole, um die herum sich die Macht zum Leben organisiert hat.“ (Foucault 1977, 135). Indem so Souveränität und Todesmacht eine nachgelagerte Stellung bekommen, werden sie aber nicht eliminiert, sondern lediglich dem Leben untergeordnet. „Der Tod, der auf dem Recht des Souveräns beruhte, sich zu verteidigen oder sich verteidigen zu lassen, wird nun zur banalen Kehrseite des Rechts, das der Gesellschaftskörper auf die Sicherung, Erhaltung oder Entwicklung seines Lebens geltend macht.“ (ebd., 132). Damit die Bio-Macht bestehen kann, bedarf sie gewisser Institutionen, welche netzwerkartig agieren und die Subjekte in diesem Prozess disziplinieren. Diese Institutionen können z.B. Schulen, Gefängnisse, Fabriken, Heime, Universitäten usw. sein. Die Menschen werden durch die Disziplinarmacht gelenkt und es wird eben durch diese Institutionen vermittelt, was gedacht und wie gehandelt werden darf. Wird gegen die gängigen bzw. von der Biomacht gesetzten Normen verstoßen, drohen Sanktionen. Werden diese Herrschaftsmechanismen nun demokratisiert, d.h. werden sie im gesellschaftlichen Feld immer immanenter, da die Menschen sie zunehmend inkorporieren, wandelt sich die
Disziplinargesellschaft in eine Kontrollgesellschaft. Die Machtstrukturen innerhalb dieser Kontrollgesellschaft durchziehen die ganze Gesellschaft mit ihren unterschiedlichsten Sozialformen. Etabliert sich nunmehr eine Gegenkraft, gegen die Mechanismen der Kontrollgesellschaft, wird das Leben selbst zum politischen Thema, da es umfassend von den Machtstrukturen umschlossen ist. „Weit mehr als das Recht ist das Leben zum Gegenstand der politischen Kämpfe geworden […] Das >Recht< auf die Wiedergewinnung all dessen, was man ist oder sein
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kann…“ (ebd., 140). Konsequenz dieser Vorstellungen von Biopolitik ist das Auftauchen von liberalen Theorien und Regierungsformen im 19. Jh. Denn es stellt sich nunmehr die Frage, wie Menschen regiert werden, die zum einen als biologische Lebewesen verstanden werden und zum anderen Rechtsubjekte sind. „Foucault begreift den Liberalismus nicht als eine ökonomische Theorie oder eine politische Ideologie, sondern als eine spezifische Kunst der Menschenführung, die sich an der Bevölkerung als einer neuen politischen Figur orientiert und die politische Ökonomie als Interventionstechnik besitzt.“ (Lemke 2011, 113). Im Folgenden wird nun darauf einzugehen sein, wie Hardt und Negri mit dem an dieser Stelle fragmentarisch dargestellten foucaultschen Begriffspaar Biomacht und Biopolitik weiter umgehen.
2.3. Biomacht nach Hardt und Negri
Hardt und Negri folgen Foucaults Unterscheidung zwischen Disziplinargesellschaft und Kontrollgesellschaft. Die Biomacht verkörpert in Form des Empire den gesamten gesellschaftlichen Raum, den es bis in den hintersten Winkel durchdrungen hat. „Die Biomacht steht über der Gesellschaft, transzendent, als souveräne Gewalt, und zwingt ihr ihre Ordnung auf.“ (Hardt / Negri 2004b, 113). Die Biomacht ist aber, obwohl Bios in ihr steckt, nicht mit dem Leben gleich zu setzen. Aus diesem Grund muss zwischen Biomacht und Biopolitik unterschieden werden. Biopolitik lässt sich als die Macht über das Leben kennzeichnen, wie es auch Foucault tut, Biopolitik hingegen ist das Widerstandspotenzial des Lebens und sie birgt zugleich eine Bedingung für die Hervorbringung von neuen Formen von Subjektivität in sich. „Nach unserem Verständnis ist Biopolitik gleichbedeutend mit den jeweiligen produktiven Potenzialen des Lebens - das heißt, mit der Produktion von Affekten und Sprachen durch soziale Kooperation und Interaktion von Körpern und Begehren, die Erfindung neuer Formen der Beziehung zu sich und anderen etc. -, doch darüber hinaus bekräftigt Biopolitik das Schaffen neuer Subjektivitäten, die sich als Widerstand und als Entsubjektivierung gleichermaßen präsentieren.“ (Hardt / Negri 2010, 72). Biopolitik ist demnach nichts Statisches, sondern ein sich immer wieder konstituierendes Ereignis, welches nicht durch die Biomacht determiniert ist, sondern außerhalb derselben liegt. Wenn aber dieses Ereignis in einem Raum außerhalb der Biomacht angesiedelt ist und es kein transzendentales bzw. transzendentes Etwas sein soll, muss danach gefragt werden, was seine Kriterien für Wahrheit und Autorität sind? Diese Kriterien werden durch das Gemeinsame gebildet und letzteres schafft zugleich eine neue Wirklichkeit. Denn nur das Gemeinsame kann den Gegensatz von Partikular und Universal überwinden, da im Gemeinsamen verschiedene Singularitäten
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gleichberechtigt miteinander interagieren, netzwerkartig kooperieren und prozesshaft das Sein entwerfen. Für diesen Vorgang ist es unabdingbar, dass die Rationalität ebenso wie die Technik in den Dienst des Lebens zu stellen sind, was Bewahrung der Natur und die Schaffung einer wirklichen Beziehung zu ihr beinhaltet und letztendlich die Akkumulation von Reichtum wie die menschlichen Fähigkeiten überhaupt gänzlich in den Dienst des Gemeinsamen stellt (ebd., 137). Dieses Gemeinsame kann aber nur - wie schon beschrieben - durch gemeinsame Interaktionen hervorgebracht werden. Ein für Hardt und Negri wesentlicher Ort, wenn nicht sogar der wesentliche Ort der Hervorbringung des Gemeinsamen, ist der gegenwärtige ökonomische Produktionsprozess, den sie als biopolitisch kennzeichnen. Somit verlagern sie die Macht des Lebens selbst in die Produktion hinein, die nun das das Potenzial besitzt etwas Neues hervorzubringen. „Der Ausdruck biopolitisch weist darauf hin, dass traditionelle Unterscheidungen zwischen dem Ökonomischen, dem Politischen, dem Gesellschaftlichen und dem Kulturellen zunehmend verwischen.“ (Hardt / Negri 2004b, 127). Wie unter solchen Bedingungen nun das Gemeinsame herausgebildet werden kann, soll im nächsten Schritt untersucht werden.
3. Biopolitische Produktion und das Gemeinsame
Hardt und Negri fühlen sich der marxistischen Tradition verpflichtet. Entsprechend steht für sie der Produktionsprozess, den sie als biopolitisch kennzeichnen, im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Die ursprünglich rein ökonomischen Produktionsprozesse werden nach Meinung der Autoren biopolitisch durch drei globale Trends, die sich in den letzen Jahren, in Bezug auf die technische Zusammensetzung der Arbeit identifizieren lassen. Durch diese Veränderungen entstehen Möglichkeiten, neben der bloßen Herstellung von materiellen Gütern auch menschliche Beziehungen wie auch das gesellschaftliche Leben selbst zu schaffen. Erster Trend ist die Hegemonie bzw. Prävalenz der immateriellen Produktion im kapitalistischen Produktionsprozess. Das bedeutet, dass „…Bilder, Informationen, Wissen, Affekte, Codes und soziale Beziehungen bekommen im kapitalistischen Verwertungsprozess ein immer größeres Gewicht gegenüber den stofflich-materiellen Waren oder den materiellen Dimensionen von Waren.“ (Hardt / Negri 2010, 145f). Die materielle Produktion von Waren geht dabei nicht zurück, vielmehr wird sie aber der immateriellen Produktion nachgelagert bzw. ist von dieser abhängig (ebd., 146). Eine weitere Haupttendenz ist die Feminisierung der Arbeit. Dies meint zum einen, dass der Anteil der Frauenerwerbsarbeit in den letzen Jahren stark angestiegen ist. Zudem verweist der Begriff auf eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, die beiderlei Geschlecht betrifft. „Binnen weniger
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Jahre ging der so genannte Normalarbeitstag unter […] der in der Regel acht Stunden Arbeitszeit, weitere acht Stunden Freizeit, sowie acht Stunden Schlaf gegenüberstellte.“ (ebd., 147). Teilzeitbeschäftigungen, die Ausübung mehrerer Jobs parallel, Arbeitslosigkeit oder informelle Beschäftigungsverhältnisse prägen die Arbeitslandschaft. Weiterhin kann mit dem Begriff der Feminisierung eine Veränderung gekennzeichnet werden, die sich auf Qualitäten bezieht, welche Einzug in die Arbeitswelt erhalten, die bislang als typisch weiblich galten so z.B. Tätigkeiten, denen affektive, emotionale und zwischenmenschliche Attribute zugeschrieben werden. Damit bringt die kapitalistische Produktion neben den Waren auch Beziehungen und Lebensformen hervor, was sie im Grunde schon immer getan hat, nur dass diese Lebensformen und Beziehungen nun völlig neuartig sind. Die Trennung von Arbeits- und Lebenszeit wird verwischt und „die Produktivkraft der lebendigen Arbeit wird zum Vermögen, gesellschaftliches Leben hervorzubringen.“ (ebd., 147). Als dritter Punkt der Veränderung der technischen Zusammensetzung der Arbeit lässt sich die Migrationsbewegung identifizieren. Die Unternehmen brauchen legale bzw. illegale Migranten um ihren Bedarf an Arbeitskräften abzudecken. Dem entgegen stehen nationalistische, moralische oder rassistische Kräfte, die genau diesen Zustrom verhindern wollen. „Doch letztendlich wohnt den Migrationen, selbst wenn sie mit extremen Härten und Leid konfrontiert sind, immer das Potenzial inne, die rassistischen Spaltungen zu untergraben und zu kippen, ökonomisch und gesellschaftlich, nämlich durch Exodus ebenso wie durch direkte Konfrontation.“ (ebd., 149). Die so ausgeprägte biopolitische Produktion kann kaum noch mit der traditionellen Fließbandarbeit verglichen werden, innerhalb derer jeder Arbeiter für sich isoliert tätig ist. Die immaterielle Produktion hingegen ist durch Kooperation und aktiven Austausch der einzelnen Produzenten bestimmt. Diese Kooperationen und Netzwerke benötigen aber aufgrund ihres herzustellenden, immateriellen Produkts nicht die Anwesenheit aller Akteure unter einem Dach. Sie können vielmehr auf Grund der modernen Kommunikations- und Informationstechnologien ein dezentrales virtuelles Gebäude errichten, da die modernen
Informationstechnologien Entfernungen immer weniger entscheidend machen. (Hardt / Negri 2003, 307). Indem Menschen durch die drei Veränderungen der technischen Zusammensetzung der Arbeit, in kooperativen Netzwerken zusammenarbeiten, dabei affektiv und emotionale Qualitäten einbringen, sich austauschen unabhängig von Herkunft und Geschlecht, kreativ werden und dabei immaterielle Produkte entwickeln, bringen sie das Gemeinsame hervor. „Produzieren bedeutet zunehmend; Kooperation, Kommunikation und
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Gemeinsamkeiten herzustellen.“ (ebd., 313). Das Kapital 5 stellt zwar der biopolitischen Arbeit Produktionsmittel zur Verfügung, aber die produktive Kooperation, den Fluss der Gedanken, die Etablierung von Netzwerken, kreativen Austausch etc kann es nicht organisieren. „Gewöhnlich kooperieren kognitiv und affektiv Arbeitende unabhängig vom kapitalistischen Kommando, selbst unter sehr ausbeuterischen Bedingungen, die wenig Spielräume bieten…“ (Hardt / Negri 2010, 154). Werden diese Netzwerke zerstört, verliert die immaterielle Produktion ihre Produktivkraft. Indem aber das Kapital auf diese kreativen Kooperationsprozesse innerhalb des Netzwerks kaum Einfluss nehmen kann - will es diese nicht zerstören -, gewinnt die biopolitische Arbeit immer mehr Autonomie gegenüber dem Kapital, sie emanzipiert sich quasi von diesem. Das Gemeinsame wird praktisch zum Kern dieses Produktionsprozesses. Es „bezieht sich gleichermaßen auf etwas durch Arbeit Hervorgebrachtes und auf künftige Produktionsmittel […], es umfasst gleichermaßen die Sprachen, die wir schaffen, die Formen gesellschaftlichen Handelns, die wir etablieren, die Arten des sozialen Zusammenlebens, die unsere Beziehungen definieren, und so weiter.“ (ebd., 153). Damit rückt „das Gemeinsame ins Zentrum des Wirtschaftslebens...“(ebd., 291), denn die oben beschriebenen Hervorbringungen bilden keine Externalitäten des Arbeitsprozess, sondern sind in ihm gänzlich immanent und wesentliche Faktoren der Produktion. Durch diese Veränderungen, die sich durch die technische Zusammensetzung der Arbeit ergeben, werden die Menschen zunehmend in die Lage versetzt, sich innerhalb des Produktionsprozesses selbst hervorzubringen und zwar, wir sahen es bereits, in Autonomie vom Kapital. Nach Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) bringt die Bourgeoisie das Proletariat hervor (MEW 4, 468), im Zuge der oben beschrieben biopolitischen Produktion bringen sich die Subjekte in ihrer Vielheit, für die, wie noch näher auszuführen ist, Hardt und Negri den Begriff >Multitude< (siehe nächstes Kapitel) verwenden selbst hervor. Sie bekommen lediglich die Produktionsmittel bereitgestellt, aber die biopolitische Kooperation der Produzenten, der Fluss der Ideen und Gedanken etc, kann nicht vom Kapital organisiert und beherrscht werden. Dennoch gibt es Versuche, die autonomen Produktionskräfte - und damit die biopolitische Arbeit mit ihrer Hervorbringung des Gemeinsamen - auszubeuten. Die Formen des Gemeinsamen, also Sprache,
5 Kapital meint nichts anderes, als eine unpersönliche Form der Herrschaft, welche ökonomischen Gesetzen folgt und das gesellschaftliche Leben bestimmen, indem durch Kapitalkonzentration in den
Händen von wenigen sich Hierarchien herausbilden. Die große Menge wird gezwungen ihre Arbeitskraft zu
verkaufen, oder muss gar ein Dasein führen das selbst von diesem Ausbeutungsmechanismen
ausgeschlossen ist, aber dennoch durch das Kapital determiniert ist. Das Kapital kann also im Weiteren
analog zum Begriff der Biomacht gelesen werden, wenn auch mit letzterem Begriff eine noch größere
Wirkungsdimension aufgezeigt wird. (Hardt / Negri 2010, 23; MEW 4, 468ff).
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Bilder, Affekte und soziale Beziehungen unterliegen Expropriierungsversuchen des Kapitals, welches durch diese Vorgänge einen Mehrwert erwirtschaften möchten. Im Grunde werden aber an dieser Stelle nicht die Individuen an sich ausgebeutet, sondern das Gemeinsame das sie hervorbringen. Dies leitet sich davon ab, dass innerhalb der biopolitischen Produktion nichts ohne Kooperationen produziert werden kann. So sind immer mindestens zwei Subjekte in diese involviert. „Biopolitische Ausbeutung bedeutet daher die Expropriation des Gemeinsamen auf der Ebene der gesellschaftlichen Produktion und Praxis.“ (Hardt / Negri 2010, 155). So versucht das Kapital durch intensive Strategien die produktiven Kooperationen zu segmentieren bzw. zu zerteilen, um eine größere Kontrolle über und Disziplinargewalt auf den Produktionsprozess ausüben zu können (ebd., 159). Dabei kann es sein, dass es zu einer Intensivierung der Entfremdungserfahrung auf Seiten der Produzenten kommt. Denn die Herstellenden fühlen sich nicht nur, um es klassisch mit Marx auszudrücken, von ihrem Produkt entfremdet (Marx 1968) sondern, vom Herstellungsprozess selbst, indem z.B. die Fähigkeiten zu denken, oder zu sorgen nicht als ihre eigenen Kräfte empfunden werden, sondern quasi von außen erzwungen werden (ebd., 154). Am deutlichsten wird dies, wenn wir die prekäre Arbeit betrachten. Sie „ist ein Kontroll-und Herrschaftsmechanismus, der die Zeitlichkeit der Arbeit und der Arbeitenden determiniert und dabei die Trennung von Arbeitszeit und Nichtarbeitszeit zersetzt; von den Arbeitenden wird entsprechend erwartet, zwar nicht die ganze Zeit zu arbeiten, aber permanent verfügbar zu sein.“ (ebd., 160). Die biopolitische Produktion löst aber die Trennung von Arbeitszeit und Nichtarbeitszeit auf. Denn „Gedanken und Bilder zu verfertigen, Affekte hervorzubringen oder zu zeigen lässt sich nur schwerlich auf bestimmte Zeiten am Tag begrenzen […] Doch die durch die Prekarisierung auferlegte Kontrolle nimmt ihnen die Verfügung über die Zeit, sodass ihnen unter Bedingungen der Prekarität keine Zeit bleibt, die ihre eigene wäre.“ (ebd., 161).
Andere Strategien, etwa die des Finanzkapitals, greifen im Gegensatz zu den oben erwähnten nicht direkt in die biopolitische Produktion ein. Sie legen sich vielmehr über die produktiven Netzwerke, „um das Gemeinsame und den gemeinsamen Reichtum zu expropriieren und zu privatisieren…“ (ebd., 159). Aber indem diese Strategien in den biopolitischen Produktionsprozess in welcher Form auch immer eingreifen, ob durch Segmentierung oder Privatisierung, zerstören sie quasi die Produktivkraft bzw. legen dieser Fesseln an. Denn: „Die biopolitische Produktion muss so eine Art circulus virtuosus etablieren, einen positiven Kreislauf, der vom existierenden zum neuen Gemeinsamen führt, das schon im
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nächsten Augenblick wieder zum Ausgangspunkt der erweiterten Produktion wird.“ (ebd.,160).
Das Gemeinsame wird also innerhalb der Netzwerke der biopolitischen Produktion hergestellt und dient gleichzeitig wiederum als Basis für weitere Produktion. Besteht ein freier, gleicher Zugang zu diesen Netzwerken, kann sich jeder an der Produktion des Gemeinsamen beteiligen. Diese Vorgänge etablieren sich zunehmend autonom vom Kapital, das zwar das Kapital versucht in die Prozesse einzugreifen, um sich entstehenden Mehrwert anzueignen, aber im Grunde zerstört es dabei das Gemeinsame und die aus ihm entwachsenden Produktivkräfte. Das Gemeinsame wird also vom Kapital korrumpiert. Wir haben an dieser Stelle das Gemeinsame, wie es im konkreten biopolitischen Produktionsprozess im Kontext der Arbeitswelt (die immer mehr mit der Lebenswelt verschmilzt) entsteht dem Leser nahe gebracht. In anderen gesellschaftlichen Bereichen bzw. Institutionen finden wir aber ebenso Formen des künstlichen Gemeinsamen vor. Diese Bereiche sind aber nicht von der Sphäre der Ökonomie getrennt bzw. als von dieser unabhängig zu verstehen. Hardt und Negri identifizieren solches Gemeinsame in den Bereichen der Familie, der Nation und - wie im Kontext der biopolitischen Produktion dargestellt - dem Unternehmen. Die wichtigste Rolle innerhalb dieser Trias nimmt dabei momentan die Familie ein. In ihr kommuniziert man miteinander, macht kollektive Erfahrungen, man ist besorgt um den anderen, pflegt eine gewisse Intimität und so weiter. Diese Formen des Gemeinsamen werden aber z.B. durch Hierarchien und Geschlechternormativitäten korrumpiert. Diese Korrumpierung der zwischenmenschlichen Beziehungen wird zudem gesellschaftlich legitimiert indem nämlich die Familie als das einzige Modell akzeptiert wird, in welchem solidarische und intime Beziehungen gepflegt werden können. Anderen Formen werden nicht toleriert. Durch das Recht auf Erbschaft korrumpiert die Familie das Gemeinsame, denn sie wird damit zum „Rückrat der Akkumulation und des Transfers von Privateigentum…“ (ebd., 175). Die korrumpierte Form der Familie, mit ihren Geschlechterhierarchien und den Möglichkeiten Privateigentum zu Akkumulieren muss also bekämpft werden, damit allen die freie und gleiche Teilhabe am Gemeinsamen möglich ist. Dies steht im Grunde hinter der Idee der Familie, in ihrer nicht korrumpierten Form. Ähnliche Korruptionsmechanismen und mehr wirken auch bei der Nation und im Unternehmen. „Diese Institutionen stellen trotz allem Netzwerke produktiver Kooperation dar, Quellen des Reichtums, die offen zugänglich sind, kommunikative Strukturen; sie entfachen die Sehnsucht nach dem Gemeinsamen und enttäuschen sie zugleich.“ (ebd. 177).
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Arbeit zitieren:
Maik Wunder, 2011, Neue Medien im Empire, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
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