Inhaltsverzeichnis 1
I. Einleitung 2
II. Lebensalter in der Philosophie - Historischer Überblick 3
III. Schopenhauer: Vom Unterschiede der Lebensalter
3.1. Zusammenfassung der Thesen 6
3.2. Analyse und Interpretation 8
IV. Aspekte des Alter(n)s
4.1. Pessimismus 10
4.2. Philosophisch-anthropologische Aspekte 11
4.3. Perspektiven 13
V. Fazit 16
Quellenverzeichnis 18
1
I. Einleitung
„Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht nach Glück; so ist der der zweiten Besorgniß vor Unglück.“ 1
Diese pessimistische Ansicht über das Wesen der Jugend sowie das Wesen des Alters äußerte Arthur Schopenhauer (1788-1860) in seinem Werk „Vom Unterschiede der Lebensalter“ 1851. Seine Aussage beläuft sich darauf, dass der Mensch, während er in der Jugend hoffnungsvoll nach dem Glück strebt, im Alter hingegen eingesehen hat, dass er selbiges nicht erreichen kann, weshalb er enttäuscht ist und resigniert.
Das Zitat beschreibt eine von vielen möglichen Meinungen über das Alter(n) und gerade in der heutigen Zeit, in welcher dem Jugendkult gefrönt und das Alter verpönt wird, scheint sie nicht an Diskussionswert einzubüßen. So schrieb auch Simone de Beauvoir über einhundert Jahre später in ihrem Werk „Das Alter“ über den alternden Menschen:
„Ob die Literatur ihn rühmt oder verächtlich macht, in jedem Fall begräbt sie ihn unter Schablonen. Sie verbirgt ihn, anstatt ihn zu enthüllen. Er wird, im Vergleich mit der Jugend und dem reifen Alter, als eine Art Gegenbild gesehen: Er ist nicht mehr der Mensch selbst, sondern seine Grenze; er steht am Rande des menschlichen
Schicksals; man erkennt es nicht wieder, man erkennt sich nicht in ihm.“ 2
Sie verweist auf die stereotype Einordnung der Menschen nach ihrem Alter und spielt zudem auf die Diskriminierung älterer Menschen gerade in der heutigen westlichen Gesellschaft an.
Diese Äußerung spiegelt zudem nicht nur die zahlreichen Wandlungen der Ansichten über das Alter des Menschen aus philosophischer Perspektive seit der Antike wider, sondern drückt gleichzeitig auch aus, dass eine erschöpfende Analyse und befriedigende Interpretation der Schwierigkeiten und Möglichkeiten, die das Alter mit sich bringt, kaum möglich ist. Der Grundtenor ist ein negativer, pessimistischer - ist dies unumgänglich bei der Betrachtung des Alters und des Alterungsprozesses? Um dies zu beantworten, möchte ich im Folgenden zunächst auf die historische
1 Schopenhauer, Arthur (1851): Vom Unterschiede der Lebensalter. In: Parerga und Paralipomena. Kleine
Philosophische Schriften. Werke, Bd.1, Kapitel VI. Zürich, 1988. S. 470.
2 Beauvoir, Simone de (1972): Das Alter. Essay. Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 2000. S. 138
2
Entwicklung der Ansichten über das Alter eingehen und daraufhin Schopenhauers Auffassung zum Alter darstellen, analysieren und in einen Kontext zur gegenwärtigen Situation setzen. Inwiefern ist Schopenhauers Weltsicht realistisch? Ist die Ausprägung einer pessimistischen Perspektive unvermeidbar angesichts der negativen Aspekte des Alter(n)s?
Lebensalter in der Philosophie - Historischer Überblick II.
Zur Einführung soll zunächst ein kurzer geschichtlicher Abriss zu den verschiedenen Ansichten über das Alter seit der Antike dienen.
Schon in der Antike gab es keine „einheitliche“ Beurteilung des Alters. Während große Denker wie Cicero und Platon verschiedene Theorien zu den Lebensphasen aufstellten 3 und das hohe Alter insgesamt wertschätzten, indem sie die gewonnenen Erkenntnisse und den Erfahrungsreichtum betonten und den Verlust von Begierde und Leidenschaften zugunsten der geistigen Aktivität als positiv ansahen 4 , stellten andere Philosophen wie Aristoteles eher die Mitte des Lebens als Höhepunkt desselben dar 5 . Nach Cicero „ist das hohe Alter […] das Schönste, was es überhaupt gibt“ 6 , wenn der Mensch frei von Begierden und Sehnsüchten ist und sich dem Geiste widmen kann. Laut seiner Auffassung kann sich der reife Mann durch drei vorteilhafte Merkmale auszeichnen: Würde, Ernsthaftigkeit und Respekt. 7 Die meisten Verfallserscheinungen sind nach Cicero nicht abhängig vom Alter, sondern auf eine schlechte, disziplinlose Lebensweise zurückzuführen 8 . Er entkräftet die gegen das Alter erhobenen Vorwürfe (Todesnähe, Entkräftung des Körpers, Entzug der sinnlichen Freuden, Abwehr von außen gegen das Erbringen großer Leistungen) und gesteht zwar bestimmte negative Alterserscheinungen zu, gibt aber gleichzeitig Ratschläge zur Behebung selbiger. 9 Er hebt zudem die Weisheit hervor, die einen betagten Mann durch seine Lebenserfahrung und geistige Aktivität auszeichnet.
3 Vgl. Rosenmayr, Leopold (1978): Die menschlichen Lebensalter in Deutungsversuchender europäischen
Kulturgeschichte. In: ders. (Hrsg.): Die menschlichen Lebensalter. Kontinuität und Krisen. München; Zürich:
Piper. S. 27
4 Vgl. Cicero, Marcus Tullius: Cato maior de senectute / Cato der Ältere über das Alter.(Lat.-Dt.), übers.v. Harald
Merklin, Stuttgart: Reclam 1998, S. 63
5 Vgl. Rosenmayr, S. 40
6 Cicero, S. 63
7 Vgl. Höffe, Otfried: Philosophie des Alterns. Entscheidend ist das dreifache L. Artikel (06.03.2010), FAZ.net.
8 Ebd.
9 Ebd.
3
Insgesamt vertritt er demnach eine sehr positive, optimistische Perspektive. Pessimismus wird weder als charakteristisches Attribut des alten Menschen betrachtet noch ist er die Grundlage der Analyse des Alters. Für Aristoteles findet der Mensch seinen Lebenshöhepunkt etwa in der Mitte seines Lebens (mesotes), wenn die Kumulation der positiven Aspekte beider Extreme, d.h. die der Jugend und die des hohen Alters, am höchsten ist. 10 Hier finden sich schon eher negative Punkte, die Pessimismus im Alter rechtfertigen würden. Euripides allerdings stellt das Alter pessimistisch als anstrengende und kaum zu ertragende Last dar. 11
So wird in der Antike das Alter sowohl etwas idealisiert als Höhepunkt dargestellt (Cicero) als auch pessimistisch als Verfall (Euripides, teilweise Aristoteles).
Im christlichen Mittelalter wiederum konzentriert sich das Menschenbild in der Philosophie auf die Einordnung in das theologische Gesamtkonzept; der Mensch wird nicht unabhängig von der göttlichen Ordnung betrachtet. 12 Das geistige Idealalter wird, an Christus orientiert, auf 30 Jahre festgesetzt und es wird vorrangig die Kindheit ins Zentrum der nicht sehr zahlreichen philosophischen Betrachtungen gestellt. 13 Im Vordergrund stehen „Verjüngung“ und „innere Erneuerung“, um die Unschuld zurückzugewinnen, quasi wiedergeboren zu werden. 14 Die negative Sicht auf das Alter ist offenkundig. Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass der Jugendlichkeit im 16. und 17. Jahrhundert ein sehr hoher Wert beigemessen wird, während dem Altern vorgebeugt werden soll (beispielsweise durch angeblich lebensverlängernde Maßnahmen). 15 Die älteren Menschen wurden (insbesondere im 15. und 16. Jahrhundert) als minderwertig angesehen. 16 Erst mit der Renaissance und der aufkommenden Neuzeit wird der Mensch zunehmend als individuelles, autonomes Subjekt betrachtet, da sich die bisherigen starren gesellschaftlichen Muster langsam zurückbilden und Platz für erste objektive philosophisch-
10 Vgl.Rosenmayr, S. 40
11 Ebd., S. 37
12 Vgl. Rentsch, Thomas (1992): Philosophische Anthropologie und Ethik der späten Lebenszeit. In: Baltes, Paul
B./ Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.): Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung, Berlin; New York: de
Gruyter, 1992. S. 283.
13 Vgl. Rosenmayr, S. 45
14 Ebd., S. 44
15 Rosenmayr, S. 57 f.
16 Vgl.: Borscheid, Peter: Der alte Mensch in der Vergangenheit. In: Baltes, Paul B./ Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.):
Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung, Berlin; New York: de Gruyter, 1992. S. 39 f.
4
anthropologische Betrachtungen geschaffen wird. 17 Mit der Aufklärung, insbesondere Immanuel Kant (1724-1804) beginnt eine Etablierung der philosophischen Anthropologie, deren Ziel es ist, das allgemein-menschliche Wesen näher zu bestimmen. 18 Kants Grundfrage „Was ist der Mensch?“ fasst die bisherigen philosophischen Fragen nach dem Wissen, dem Glauben und dem Handeln des Menschen zusammen und ist Ausgangsposition für die konkrete Beschäftigung mit den Ereignissen, Lebenserfahrungen und der fundamentalen Konstitution des Menschen, die jedoch erst im 20. Jahrhundert direkt ins Zentrum rückt. 19 Wegbereiter hierfür sind unter anderem neben Schopenhauer auch Friedrich Nietzsche und Søren Kierkegaard. 20 Bis ins 20. Jahrhundert hinein gilt der Mensch allgemein noch immer als „Mängelwesen“ (nach Herder), welches seiner fehlerhaften Natur durch die Schaffung kultureller Institutionen entfliehen will. 21 Alter wird auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch mit Invalidität gleichgesetzt. 22 Trotz der verstärkten Rücksichtnahme auf und Beachtung der älteren Generation durch soziale Gesetzgebung, Rentenversicherung u.Ä. sind die Ansichten über den alten Menschen und das Phänomen des Alterns auch heute noch sehr differenziert, vor allem aber negativ; die Grundtendenz der Diskriminierung älterer Menschen zugunsten der erzwungenen Jugendlichkeit ist nicht zu übersehen. Die ältere Generation wird aufgrund ihrer eingeschränkten Fähigkeiten herabgewürdigt und sieht sich selbst teilweise als Belastung an. Negativität und Pessimismus scheinen demnach unumgängliche
Begleiterscheinungen sowohl der älteren Generation an sich als auch der philosophischen Analyse selbiger zu sein. Dieser Umstand wird nicht nur bei Nietzsche und Voltaire ersichtlich 23 , sondern erscheint besonders bei Arthur Schopenhauer offenkundig.
17 Rentsch, S. 284
18 Vgl. Kunzmann/Burkard/Wiedmann(1991): dtv-Atlas Philosophie. München: Deutscher Taschenbuch Verlag,
2007 sowie Rentsch, S. 284 f.
19 Rentsch, S. 284
20 Ebd., S. 285
21 Ebd.
22 Vgl.: Borscheid, S. 38
23 Vgl.: dtv-Atlas Philosophie, S. 161 f.
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Sina Volk, 2011, Pessimismus als unvermeidbares Attribut des Alter(n)s, München, GRIN Verlag GmbH
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