Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Penthesilea - Entstehung, Veröffentlichung, Uraufführung und zeitgenössische
Reaktionen 4
3 Die geistesgeschichtliche Literaturwissenschaft und die Problemgeschichte 5
3.1 Ein allgemeiner Exkurs zur Definition 5
3.2 Die Interpretation Jochen Schmidts. 6
4 Die feministische Literaturwissenschaft und die Gender studies 8
4.1 Ein allgemeiner Exkurs zur Definition 8
4.2 Die Interpretation Christa Wolfs in direktem Vergleich zu der von Schmidt 9
5 Fazit 12
6 Literaturverzeichnis 13
2
1 Einleitung
Penthesilea ist neben Familie Schroffstein das zweite Trauerspiel des deutschen Dramatikers, Dichters und Erzählers Heinrich von Kleist, dessen Publikationen zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Reihe kontroverser Diskussionen unter seinen Zeitgenossen auslöste. 1 Das Drama thematisiert in insgesamt 24 Auftritten den antiken Stoff der Amazonenkönigin Penthesilea, ihrem Volk, den Amazonen, und dem Griechenhelden Achill sowie weiterer Griechen zur Zeit des Trojanischen Krieges. Eine den Gesetzen der Völker nach verbotene Liebe zwischen beiden führt während des Kriegs um Troja in einem Massaker zum Tod Achills durch die Hand Penthesileas. Der beschriebene Kannibalismus der Amazonenkönigin, als resultierende Handlung aus einer Situation heraus zwischen Liebe und Gesetzen, die diese Liebe verbieten, führt aufgrund seiner Grausamkeit zu allgemeiner Ablehnung des Stückes im 19. Jahrhunderts.
Thema dieser Hausarbeit ist der Vergleich zweier Interpretationen des Dramas. Dabei mache ich zunächst einen kurzen Exkurs über die Entstehung des Werkes, seine ersten Publikationen und die kontroversen Reaktionen der Zeitgenossen Kleists. Anschließend betrachte ich eine problemgeschichtliche Deutung des Germanisten und Literaturwissenschaftlers Jochen Schmidt, dessen Habilitation Heinrich von Kleist zum Thema hat; dabei gehe ich auch auf die Besonderheiten der Problemgeschichte sowie der Geistesgeschichte ein. Im Anschluss ziehe ich einen Vergleich zu einer feministischen Interpretation der Schriftstellerin Christa Wolf, die in ihrer Erzählung Kassandra 2 ebenfalls den antiken Stoff des Trojanischen Krieges verwendet. Entsprechend der antiken, schriftlichen Vorlagen über den Krieg um Troja - insbesondere des Epos Ilias von Homer 3 - kommt es auch in Kassandra zu einem Kampf zwischen dem griechischen Helden Achill und der Amazonenkönigin Penthesilea, die bei ihrem Volk Schande auf sich geladen hat und nun den Tod im Kampf sucht. 4 Dieser Tod wird ihr - anders als in Kleists Darstellung - in Kassandra gewährt. Anschließend wird ihr Leichnam von Achill, der in Wolfs Erzählung durchgehend als animalisch, brutal und sadistisch dargestellt wird, geschändet. 5 Anders als in Kleists
1 Vgl. Nutz (2008), S. 127.
2 Siehe hierzu auch: Wolf, Christa: Kassandra, Neuwied 1983.
3 Zur griechischen Vorlage siehe: Homer: Ilias, übers. von Roland Hampe, Ditzingen 1986.
4 Vgl. Vogt (2009), S. 202.
5 Vgl. Wolf (1983), S. 135.
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Darstellung zeugen die altertümlichen Quellen von keiner komplexen Liebesbeziehung der beiden; erst im Moment von Penthesileas Tod entdecken beide ihre Liebe für den anderen und Achill hält den leblosen Körper der Amazone noch lange Zeit in Armen. 6 Der Gegenüberstellung beider Analysen schicke ich einen kurzen, definitorischen Einstieg in das Thema der feministischen Literaturwissenschaften und der Gender studies voraus. Abschließend ziehe ich ein persönliches Fazit, in dem ich erläutere, welche der beiden Interpretationen mir plausibler erscheint und warum.
2 Penthesilea - Entstehung, Veröffentlichung, Uraufführung und zeitgenössische Reaktionen
Die Entstehung des Dramas Penthesilea hatte ihren Ursprung im Sommer 1806. Der zu diesem Zeitpunkt 28-jährige Heinrich von Kleist befand sich in Königsberg, wo er unter anderem den Zerbrochenen Krug vollendete, das Manuskript zum Lustspiel Amphytryon entwarf und noch vor seinem ungewollten Weg als Gefangener nach Frankreich das Manuskript zur Erzählung Erdbeben in Chili an Freunde weiterreichte. 7 Trotz dieser äußerst produktiven Zeit in Königsberg machte sich Heinrich von Kleist im Januar 1807 auf den Weg nach Berlin; 8 seine Reise endete jedoch in französischer Gefangenschaft, da man ihm Spionage zum Vorwurf machte. 9 Doch auch diese Zeit nutzte Kleist, an seinem Trauerspiel weiterzuarbeiten und konnte somit Penthesilea bereits im Spätherbst 1807 fertigstellen, nachdem er im Juli desselben Jahres aus der Gefangenschaft entlassen worden und nach Dresden gereist war. 10
Erstmalig publiziert wurde ein Teil des Textes Penthesilea, versehen mit diversen Anmerkungen seines Verfassers, Anfang 1808 im ersten Heft des Phöbus - Ein Journal für die Kunst, 11 einer Zeitschrift, die von Heinrich von Kleist und Adam Müller im Jahr 1808 herausgegeben wurde und insgesamt zwölf Ausgaben umfasst. 12 Die erste vollständige Veröffentlichung des Dramas in Buchform wollte Kleist im Selbstverlag drucken lassen, musste jedoch aufgrund finanzieller Einschränkungen
6 Vgl. Vogt (2009), S. 202.
7 Vgl. Schulz (2007), S. 296.
8 Vgl. ebd., S. 303.
9 Vgl. Nutz (2008), S. 127.
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. ebd.
12 Eine digitale Version der Hefte bietet die Universität Bielefeld in ihrer Online-Präsenz: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/phoebus/index.htm (zuletzt eingesehen am 8.10.2011).
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umschwenken und wandte sich an den Verleger Johann Friedrich Cotta. 13 Eine erste Aufführung erlebte Penthesilea wenige Monate vor Kleists Tod im April 1811 in Berlin in pantomimischer Form mit Erläuterungen der Handlung. Erst 1876 gab es eine tatsächliche Uraufführung des bearbeiteten Stückes, ebenfalls in Berlin. 14
Zeitgenossen nahmen Kleists Werk nur wenig und mit großer Skepsis an. Viele drückten ihr Entsetzen über die schaurigen Szenen aus und bezeichneten Penthesilea als ein „seltsames Ungeheuer“. 15 Kleist selbst schickte Johann Wolfgang von Goethe, der mit seinem Drama Iphigenie auf Tauris 16 ein weitaus weniger groteskes, fast schon harmonisches Bild der Antike geliefert hatte, bereits am 24. Januar 1808 das vollständige Werk mit den berühmten Worten: „Es ist auf den ‚Knieen meines Herzens‘ daß ich damit vor Ihnen erscheine“. 17 Dieser reagierte zwar sachlichdistanziert, machte aber seine Ablehnung Kleists Drama gegenüber unmissverständlich deutlich mit den Worten: „Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht an-freunden. Sie ist aus einem so wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region daß ich mir Zeit nehmen muss mich in beide zu finden.“ 18
3 Die geistesgeschichtliche Literaturwissenschaft und die Problemgeschichte
3.1 Ein allgemeiner Exkurs zur Definition
Ein erstes Auftauchen des Begriffs der Geistesgeschichte fand 1812 in einer Litera-turvorlesung des Philosophen und Schriftstellers Friedrich Schlegel statt. Im 19. Jahrhundert war jedoch die naturwissenschaftliche die führende Forschungsmethode aller Wissenschaften
-
ein Echo der Aufklärungszeit. Wilhelm Dilthey, deutscher Philosoph und Psychologe, forderte jedoch eine Abgrenzung der Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften und postulierte die Differenzierung, Naturwissenschaften befassen sich mit materiellen Dingen, während die Geisteswissenschaften wesentlich schwieriger zu erklärende Phänomene des Menschseins behandeln. Des Weiteren wird das Verstehen zum Aufgabengebiet der Geisteswissenschaften dekla-
13 Vgl.Nutz, S. 128.
14 Vgl. ebd.
15 Ebd.
16 Siehe: Johann Wolfang von Goethe: Iphigenie auf Tauris. Text und Kommentar. Berlin 2011.
17 Kleist (1808), S. 407.
18 Goethe (1808), S. 410.
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Arbeit zitieren:
Stefan Voßen, 2011, Kleists "Penthesilea" aus der Sicht Christa Wolfs und Jochen Schmidts, München, GRIN Verlag GmbH
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