Einleitung
Diese Hausarbeit ist im Kontext des Seminares „Einführung in die Wissenschaftstheorie“ entstanden.
Um den Begriff der Wissenschaftstheorie zu verstehen ist es zunächst sinnvoll, die einzelnen Begrifflichkeiten die dieses Wort in sich trägt zu erklären.
Unter Wissenschaft versteht man (ein begründetes, geordnetes, für gesichert erachtetes) Wissen hervorbringende Tätigkeit in einem bestimmten Bereich. Eine Theorie ist ein System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesetzlichkeiten. In einer Wissenschaftstheorie werden demnach die Voraussetzungen, Methoden, Strukturen, Ziele und Auswirkungen, für den hier interessierenden Gegenstandsbereich der Erziehungswissenschaft untersucht (vgl. duden online).
Es gibt nicht nur eine Auffassung darüber, wie eine Wissenschaftstheorie der Erziehungswissenschaft verstanden werden soll.
Anfang des 20.Jahrhunderts wurde die Erziehungswissenschaft als eine empirische Verhaltenswissenschaft konzipiert. Dieser Entwurf forderte die Anwendung empirischer Methoden in der Erforschung der Erziehungswirklichkeit (vgl. Raithel/Dollinger/Hörmann 2009, S.186).
Thema der folgenden Arbeit ist anschließend daran, das Wissenschaftsverständnis, wie es im Kritischen Rationalismus verstanden wurde. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass Erkenntnisgewinn auf der Grundlage des Erklärens menschlichen Verhaltens durch beobachtbare, experimentell überprüfbare Gesetzmäßigkeiten basiert. Da man pädagogisches Wissen allerdings nicht von jeher zum Erkenntnisgewinn nutzte, sondern um die Menschen gemäß der eigenen Weltanschauung zu formen, um bestehende Gesellschaftsordnungen durch Erziehung zu sichern (vgl. Brezinka 1968, S.319), wird zu Beginn der Arbeit die Entwicklung einer Erziehungswissenschaft beschrieben. Im Anschluss wird das Streben nach einer gesicherten Erziehungswissenschaft auf der Basis wissenschaftstheoretischer Überlegungen und somit der Entwicklung einer Theorie der Erziehungswissenschaft aufgegriffen.
Um zu verstehen, wie eine erziehungswissenschaftliche Theorie aufgebaut ist, dient in dieser Arbeit schließlich der Kritische Rationalismus.
Diese von Karl R. Popper begründete erkenntnistheoretische Position, die als Ausgangspunkt das fehlbare menschliche Wissen beansprucht, wendet sich gegen die bisherige Art der Theoriebildung, wonach der Wissenschaftler versucht, induktiv aus Daten eine Theorie abzuleiten und diese durch Experimente zu bestätigen. Der kritische Rationalist versucht, durch Experimente seine Theorie zu falsifizieren, um so die bessere von zwei Theorien erkennen zu können.
Deshalb ist es sinnvoll, die Entstehungszusammenhänge der empirischen Erziehungswissenschaft zu skizzieren, da sich aus der Kritik dieses anfänglichen Wissenschaftsverständnisses der Kritische Rationalismus entwickelte. Nachdem die primären Grundlagen dieser Wissenschaftsrichtung aufgezeigt wurden, schließt sich die Rezeption des Kritischen Rationalismus von Wolfgang Brezinka an. Abschließend soll in einem Fazit die Relevanz dieses Verständnisses von Erziehungswissenschaft für die pädagogische Praxis dargestellt werden.
1. Die Entwicklung einer Erziehungswissenschaft
Als Aufgabe der Pädagogik wurde jahrhundertelang das Aufstellen von Normen für praktisches Handeln gesehen. Denn für soziales Handeln sei es notwendig, das überlegt, entschieden und verbindlich festgesetzt wird, was angestrebt und getan werden soll. Auch der erzieherisch Handelnde ist auf Normen angewiesen, um die Beschaffenheit der erzieherischen Situation einschätzen, auf mögliche Erziehungsziele hinarbeiten und Erziehungsmittel einsetzten zu können. Wer sich Gedanken über diese Handlungsvorschriften macht, so Wolfgang Brezinka, treibt Theorie der Erziehung im weitesten Sinne dieses Wortes. Pädagogische Theorien sind aus praktischen Interessen hervorgegangen. Die Theoretiker der Erziehung versuchten herauszufinden, was sein soll, was gut für die Menschen und wünschenswert für die künftige Erziehung ist. Dafür haben die meisten Pädagogen ihren Blick auf die tatsächlichen Zustände und Vorgänge in der erzieherisch bedeutsamen Wirklichkeit gerichtet. Die empirische Untersuchung die größere Zusammenhänge erkennen lässt wurde dabei jedoch lange Zeit vernachlässigt (vgl. Brezinka 1968, S.319f.). Diese Pädagogik entspricht jedoch nicht den strengen Anforderungen der neueren Erkenntnislehre und wurde daher als kaum fortschrittsfähig etikettiert. Bei der Untersuchung
des menschlichen Handelns („moral sciences“) ist zwischen wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Theorien, zwischen Entdecken und Begründen, Sein und Sollen nicht genau unterschieden worden (vgl. ebd., S.321f.).
Wenn man nun den strengen Begriff der Wissenschaft voraussetzt, der erst in den letzten Jahrzehnten erarbeitet worden ist, kommt es darauf an zu erklären und damit zugleich die theoretischen Grundlagen für Voraussagen und die technische Anwendung von Erkenntnissen zu gewinnen. Nach Brezinka müssen dafür bestimmte Anforderungen an die wissenschaftliche Erkenntnis gestellt werden.
So muss jede wissenschaftliche Aussage intersubjektiv nachprüfbar sein, um deren Wahrheit feststellen zu können. Die Nachprüfung erfolgt durch den Vergleich mit den Tatsachen, um die wissenschaftlichen Aussagen dadurch zu widerlegen oder zu bestätigen. Dies beschreibt Brezinka als die „Anwendung der Logik“. Da sich aus Tatsachen weder Werte noch Normen ableiten lassen, ist es innerhalb wissenschaftlicher Aussagesysteme unmöglich, Wertungen vorzunehmen oder Handlungsanweisungen zu geben. Wissenschaftliche Aussagen sollen lediglich Informationen über die Wirklichkeit enthalten (vgl. ebd., S.323f.). Die Bezeichnung „Erziehungswissenschaft“ sollte damit jener Aussagesysteme vorbehalten bleiben, die intersubjektiv nachprüfbar den Wirklichkeitsbereich der „Erziehung“ beschreiben und Voraussagen dazu konstruieren (vgl. ebd., S.436).
2. Die Entwicklung einer Theorie der Erziehungswissenschaft
In Deutschland beginnt mit der Debatte um 1965 die Aufnahme der neueren Wissenschaftstheorie in die Erziehungswissenschaft. In dieser Auseinandersetzung setzte sich die Einsicht durch, dass eine gesicherte Erziehungswissenschaft nur auf dem Fundament wissenschaftstheoretischer Überlegungen zu betreiben ist. Die Einigkeit darüber, was eigentlich unter einer Wissenschaftstheorie der Erziehungswissenschaft zu verstehen ist und wie eine solche aufzubauen ist, wird durch die zahlreichen Erklärungen des Wortes „Erziehung“ in der Literatur erschwert. Die Frage welcher „Erziehungsbegriff“ der richtige ist, reicht von Auffassungen darüber, dass sämtliche menschliche Handlungen „Erziehung“ sind bis zur Notwenigen Erreichung ganz bestimmter „Erziehungsziele“ (vgl. König 1975, S.11f.).
Um dennoch eine gleiche Basis für systematische Überlegungen zu haben, berufen wir uns nach König auf unser „Vorverständnis“, dass dann gegebenenfalls der Abänderung bedarf (vgl. ebd., S.14f.). Auch wenn dieses Vorverständnis bei jedem Einzelnen durch verschiedene Lebenserfahrung, sozialer Herkunft und wissenschaftlichen Richtungen sehr individuell ist, stehen wir doch in einer gemeinsamen „Lebenspraxis“, die uns zur Diskussion neuer erziehungswissenschaftlicher Probleme und Fragen motiviert.
Diese gemeinsame Lebenspraxis findet sich wieder in gleichen Bedürfnissen die wir haben, Institutionen denen wir angehören und Handlungsgewohnheiten die wir teilen. Und schließlich besitzen wir eine gemeinsame Umgangs- oder Alltagssprache, die uns befähigt, über „Erziehung“ zu diskutieren (vgl. ebd., S.15f.).
Als Basis um die Begriffe der „Erziehungspraxis“ und der „Erziehungswissenschaft“ zu klären, wählt König demnach das gemeinsame Vorverständnis der alltäglichen Lebenspraxis (vgl. ebd., S.17).
2.1 Der Begriff der Erziehungspraxis
In Aussagen wie „das Kind ist sehr unerzogen“ die wir in täglicher Lebenspraxis hören und ohne wissenschaftliche Überlegungen aussprechen wird deutlich, dass sich unser Wissen über Erziehung im praktischen Umgang gebildet hat. Da Erziehung jeder Einzelne am „eigenen Leib erfahren hat“, findet sich das Wort nicht nur im Fachterminus, sondern vor allem in zwischenmenschlicher Umgangssprache wieder und ist in praktischer Ausübung Bestandteil unserer alltäglichen Lebenspraxis.
In dem Ausdruck „Erziehungspraxis“ (in der pädagogischen Literatur auch „Erziehungswirklichkeit“ genannt) vereinen sich all diejenigen Handlungen, die umgangssprachlich als „Erziehung“ bezeichnet werden, dass heißt, welche Erziehungsziele angesetzt werden und wie erzogen wird (vgl. ebd., S.20ff.). König betont jedoch, dass die Frage nach „richtiger“ Erziehung mit einer vorwissenschaftlichen Erziehungspraxis nicht beantworten lässt (vgl. ebd., S.23).
2.2 Der Begriff der Erziehungswissenschaft
Durch die moderne Wissenschaft konnten in vielen Gebieten „exakte“ und „objektive“ Ergebnisse errungen werden und dadurch praktische Probleme wissenschaftlich gelöst. Von
Arbeit zitieren:
Stephanie Engel, 2011, Das Wissenschaftsverständnis im Kritischen Rationalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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