Inhaltsverzeichnis Seite 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Das Wesen radikal-konstruktivistischer Wahrnehmungsmodelle 4
2.1 Historisch-philosophischer Kontext 4
2.2 Sozio-kultureller Kontext 5
2.3 Entscheidungstheoretischer Kontext 6
3 Maturanas radikaler Konstruktivismus 7
3.1 Toleranz und Respekt 7
3.2 Menschenrechte 8
3.3 Ästhetische Verführung 9
4 Einfluss radikal-konstruktivistischer Theorien auf das Führungsverhalten 10
4.1 Konventionelle Führung 10
4.2 Führung nach Maturanas Modell 11
4.3 Grenzen und kritische Anmerkungen. 13
5 Fazit 14
Literaturverzeichnis 15
1 Einleitung Seite 3
1 Einleitung
„Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Markus 16, 15 f, Die Bibel, Einheitsübersetzung). Dieser Missionsauftrag des christlichen Religionsstifters war ein Kernstück der damals neuen Religion (Schnabel, 2002). Menschen mussten von der Exklusivität des Heilsanspruches überzeugt werden. „Richtig“ galt dem Christen ausschließlich die eigene Ansicht; andere Standpunkte waren für ihn unhaltbar.
Auch wenn sich die christliche Religion seit wenigen Jahrzehnten in Westeuropa auf dem Rückzug befindet (Schröder, 2009), bleibt festzuhalten, dass Europa auf gut 17 Jahrhunderte christliche Tradition zurückblickt. Die hinter dem Missionsauftrag stehende Philosophie, andere Menschen aus guter Absicht heraus von der Richtigkeit der eigenen Ansicht überzeugen zu müssen, kann als kulturprägend bezeichnet werden (vgl. auch Duelfer & Joestingmeier, 2011). Davon ist kein Lebensbereich ausgenommen: Westlich geprägte Fachliteratur zum Thema „Mitarbeiterführung“ ist bis auf den heutigen Tag häufig erfüllt von der Idee der zielgerichteten Einflussnahme auf den Mitarbeiter 1 oder - weniger beschönigend formuliert - von der Frage nach den wirksamsten Manipulationstechniken. In einer Zeit, in der Waren- und Geldströme immer globaler - und damit kulturübergreifend - werden und die Unternehmen sich dieser Herausforderung durch eine zunehmend internationale Vernetzung zu stellen versuchen, erscheint ein unreflektiertes Beharren auf derartigen Methoden geradewegs anachronistisch. Diese Arbeit geht der Frage nach, welchen Einfluss moderne Erkenntnistheorien auf den Führungsansatz von morgen haben können. Dabei wird sie sich insbesondere dem radikalen Konstruktivismus aus der Sicht Humberto Maturanas widmen. Kapitel 2 beleuchtet zunächst die Hintergründe radikal-konstruktivistischer Wahrnehmungsmodelle, bevor sich das dritte Kapitel mit führungsrelevanten Denkansätzen Maturanas befasst. Im Anschluss daran wird aufgezeigt, inwieweit diese Erkenntnisse das traditionelle Führungsverständnis verändern können.
1 Vergleiche dazu Kapitel 4.1 der vorliegenden Arbeit.
2 Das Wesen radikal-konstruktivistischer Wahrnehmungsmodelle Seite 4
2 Das Wesen radikal-konstruktivistischer Wahrnehmungsmodelle
Eine einheitliche Definition des radikalen Konstruktivismus findet sich in der Literatur nicht. Aus diesem Grund wird im Folgenden sein Wesen in historisch-philosophischem, sozio-kulturellem und entscheidungstheoretischem Kontext erläutert.
2.1 Historisch-philosophischer Kontext
Ansätze konstruktivistischer Erkenntnistheorien finden sich bereits in der Antike. PLATON (370 v. Chr.) lässt in seinem Höhlengleichnis den Menschen immer höhere Stufen der Erkenntnis erklimmen, die dieser im jeweiligen Moment der Wahrnehmung hinsichtlich ihrer Objektivität für absolut und damit nicht weiter steigerungsfähig hält. Doch das, was der Mensch als objektive Tatsache wahrnimmt, erweist sich kurze Zeit später als subjektives Gedankenkonstrukt aus Sinnesreizen und bisherigen Erfahrungen.
Dieser Gedanke setzt sich in der Neuzeit bei KANT (1783, S. 62) fort: „Alle unsere Anschauung geschieht aber nur vermittelst der Sinne, der Verstand schauet nichts an, sondern reflectirt nur“. Doch wenn der Mensch - wie Kant damit einräumt - die objektive Realität gar nicht zu erkennen vermag, ist jeder Disput darüber, wessen oder welche wahrgenommene Realität dichter an der objektiven Realität sei, ein hypothetischer.
Die Vertreter des radikalen Konstruktivismus haben die Idee der einen, objektiven Wirklichkeit aufgegeben. Wirklichkeit existiert nicht unabhängig von der Person; jeder ist gleichzeitig Gestalter und Gestalteter seiner eigenen Realität (von Glasersfeld, 2010). Dabei folgt die Wahrnehmung dem Prinzip der kognitiven Homöostase: „Das Nervensystem ist so organisiert - oder organisiert sich selbst so -, daß es eine stabile Wirklichkeit errechnet“ (von Foerster, 2010, S. 57). Damit einher geht die Aufgabe jeglicher objektiven Realität als Bezugsgröße der Wahrnehmung und des Handelns. Diese wird ersetzt durch „die Beziehung zwischen dem Du und dem Ich“ (von Foerster, 2010, S. 59). Die Folge daraus ist ein „Multiversum“ von Realitäten (Maturana, 2008, S. 39), je nachdem, wer gerade mit wem eine kommunikative Beziehung eingeht und so Wirklichkeit gestaltet (Watzlawick, 2011). Die „Loslösung von unseren eigenen Wahrnehmungen und Werten, um Rücksicht zu nehmen auf Wahrnehmungen und Werte anderer“ wird damit zur ethischen Pflicht (Varela, 2010, S. 309).
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2.2 Sozio-kultureller Kontext
Der Blick auf die Welt wird bedeutend durch die Einflüsse des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem man aufwächst und lebt, geprägt. So werden Grundannahmen, Werte, Normen, Einstellungen und Überzeugungen oftmals unreflektiert hingenommen, ohne zu realisieren, dass für andere Gruppen abweichende Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns als selbstverständlich gelten (Kutschker & Schmid, 2011).
Kulturelle Normen geben Orientierung, schaffen Identität und Ordnung in den Zusammenhängen einer sozialen Einheit und ermöglichen die Integration in diese (Kutschker & Schmid, 2011).
Eine Erklärung für die unterschiedliche Weltanschauung von Individuen bildet die Unterscheidung in verschiedene Kulturdimensionen. So benennen z. B. KLUCKHOHN & STRODTBECK (1961) folgende Kriterien: x gute / böse menschliche Natur,
x harmonische / unterwerfende Beziehung des Menschen zur Natur, x vergangenheits- / gegenwarts- / zukunftsbezogene Zeitorientierung, x daseins- / handlungsbezogene Aktivitätsorientierung,
x individualistische / kollektivistische Beziehung der Menschen untereinander.
Diese sind in unterschiedlichen Kulturen jeweils anders ausgeprägt: “All alternatives of all solutions are present in all societies at all times but are differentially preferred” (Kluckhohn & Strodtbeck, 1961, S. 10).
BERGER & LUCKMANN (1966) unterscheiden in ihrer konstruktivistischen Definition von Kultur zwischen objektiver (z. B. politische und ökonomische Systeme, Kunst und Landesküche) und subjektiver Kultur (Weltanschauung der Menschen einer Gesellschaft), wobei sich beide Arten von Kultur wechselseitig beeinflussen: Die einzelnen Individuen nehmen die Institutionen der Gesellschaft aus ihrem subjektiven Verständnis und ihren bisherigen Erfahrungen heraus wahr; die Realität wird sozial konstruiert (Bennett & Bennett, 2004).
Damit ist der kulturelle Ausgangspunkt des Individuums maßgeblich entscheidend dafür, was es zu beobachten glaubt und wie es daraus seine Realität gestaltet.
Arbeit zitieren:
Michael M. Drebing, Nadine Greulich, Guido Groß, Reinhold Knobloch, 2011, Leadership und der Radikale Konstruktivismus, München, GRIN Verlag GmbH
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