Inhaltsverzeichnis
Vorwort 1
1. Einleitung 1
1.1 Vorgehensweise der Arbeit 3
2. Definition 6
2.1 Mobbing und Gewalt - ein Differenzierungsversuch 6
2.2 Mobbing als spezielle Form von Gewalt 8
2.2.1 Etymologische Herkunft 8
2.2.2 Definitionsentwicklung 8
2.2.3 Verwandte Begriffstermini 11
3. Erscheinungsformen 13
4. Neue Dimensionen des Mobbings - Handy und Internet 13
5. Mobbing in Zahlen - die empirischen Daten 16
6. Akteure 22
6.1 Stabilität der Rollen 24
6.2 Mobber 25
6.4 Mitläufer 29
6.5 Zuschauer 31
6.6 Täter-Opfer 31
6.7 Lehrer 31
7. Ursachen 32
7.1 Schulinterne Ursachen 32
7.2 Schulexterne Ursachen 35
8. Der Teufelskreis - Mobbing als Prozess 38
9. Folgen 40
10. Vorbemerkungen zu interventiven und präventiven Maßnahmen 44
10.1 Juristische Betrachtung des Phänomens 44
10.2 Leitfaden zur Identifizierung der Hauptakteure 47
10.2.1 Anzeichen der Opfer 47
10.2.2 Anzeichen der Täter 49
10.2.3 Voraussetzungen zur Gewaltprävention und -intervention 49
10.2.4 Der Fragebogen - ein Analyseinstrument der Intervention 50
11. Maßnahmen gegen Mobbing 51
11.1.1 Maßnahmen auf Schulebene (Makroebene) 52
11.1.2 Maßnahmen auf Klassenebene (Mesoebene) 53
11.1.3 Maßnahmen auf individueller Ebene (Mikroebene) 53
12. Fazit 56
12.1 Wissenschaftliches Fazit 56
12.2 Persönliches Fazit 57
I. Literaturverzeichnis 59
II. Die 45 Mobbing-Handlungen nach Leymann 64
III. Frustrationsmodell nach Dembach 67
IV. Auszug aus dem Schulgesetz des Landes Nordrhein Westfalen 68
V. Auszüge aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland 70
VI. Auszüge aus dem Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland 72
Vorwort
Die vorliegende Staatsarbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Mobbing in der Schule“ und wurde von mir ausgewählt, da meine Schwestern und ich selbst in unserer Schulzeit auf unterschiedliche Weise betroffen waren. Unsere persönlichen Erfahrungen hatten eines gemeinsam: wir waren die „Gemobbten“. Bis heute haben mich zahlreiche Fragen nie losgelassen: Wie wird man zum „Gemobbten“? Welche Konsequenzen ergeben sich? Trägt das „Opfer“ Mitschuld? Welche Motivation hat ein „Mobber“? Wie wird der Teufelskreis durchbrochen?
Mit dieser Arbeit möchte ich derartige Vorgänge auf wissenschaftlicher Ebene durchdringen und meinen Blick bezüglich Mobbing und den adäquaten Umgang damit hinsichtlich meiner zukünftigen Tätigkeit als Lehrerin schärfen, um anderen Kindern mögliche negative Erlebnisse in ihrer Schulzeit zu verwehren.
1. Einleitung
„Jeder fünfte Hauptschüler hat schon einmal so hart zugeschlagen, dass sein Opfer zum Arzt musste. Einer neuen Bochumer Studie zufolge vermöbeln sich Schüler einander nicht öfter als früher - aber deutlich brutaler. Meist geht es um verletztes Ehrgefühl.“ 1
Gewiss tragen auch Presse-, Funk- und Fernsehberichte dazu bei, ein besonders brutales und aggressives Bild der Gewalt auf die Schulen zu projektieren. So werden bevorzugt besonders schwere Einzelfälle herausgegriffen, die suggerieren, dass in deutschen Schulen die Gewalt nicht nur zugenommen, sondern auch eine neue Form der Brutalität erreicht hat. 2 Physische Aggressionen bis hin zu dramatischen Ereignissen, wie den Amokläufen in Erfurt (2002) und Emsdetten (2006), seien zum Abbild der schulischen Alltäglichkeit geworden. 3
1 N. N.; Spiegel Online (Hrsg.): Prügeln, bis der Arzt kommt. 28.03.2005, URL:
http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,347930,00.html, Abrufdatum: 04.11.2010.
2 Vgl. Holtappels, Heinz Günter; Heitmeyer, Wilhelm; Melzer, Wolfgang; Tillmann, Klaus-Jürgen
(1997): Vorwort der Herausgeber. In: Holtappels, Heinz Günter; Heitmeyer, Wilhelm; Melzer,
Wolfgang; Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.): Forschung über Gewalt an Schulen.
Erscheinungsformen und Ursachen, Konzepte und Prävention. 2. Auflage, Juventa Verlag,
Weinheim und München, S.7.
3 Vgl. Haubl, Rolf (2006): Gewalt in der Schule. In: Leuzinger-Bohleber, Marianne; Haubl, Rolf;
Brumlik, Micha (Hrsg.) (2006): Bindung, Trauma und soziale Gewalt. Psychoanalyse, Sozial- und
1
Es kamen Befürchtungen auf, dass die „Gewaltkultur“ der deutschen Jugendlichen amerikanische Verhältnisse annehmen könnte. In Amerika werden 3000 Kinder und Jugendliche im Jahr erschossen, davon 50 in der Schule, so dass mittlerweile ein großer Sicherheitsaufwand an amerikanischen Schulen betrieben wird. 4
Schulische Gewalt hat seit den 1990er Jahren in den öffentlichen Diskussionen in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewonnen, trotzdem ist sie ein sehr altes Phänomen. Im Laufe der letzten Jahre sind zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema erschienen. Es kann aktuell festgehalten werden, dass Gewalthandlungen an deutschen Schulen nicht zugenommen haben, wie Medienberichte es darstellen. Weiterhin bilden strafrechtlich relevante Vergehen, wie schwere Körperverletzungen und Erpressungen an deutschen Schulen, immer noch die Ausnahme, so dass nicht von „amerikanischen Verhältnissen“ gesprochen werden kann. 5
Hier stellt sich die Frage: Woher rührt dieses gewaltgeprägte Bild an deutschen Schulen?
Zur Beantwortung lässt sich eine Vielzahl von Gründen nennen, die hier zwar nicht in ihrer Vollständigkeit aufgeführt werden, jedoch den kritischen Blick für mediale Berichte schärfen sollen.
Das von den Massenmedien gezeichnete Bild der Gewaltrealität an Schulen in Deutschland ist systematisch verzerrt, da aus Platz-, Verständnis- und Zeitgründen Einzelaspekte entfallen oder verstärkt werden und damit die Berichtserstattung selektiv wird. Darüber hinaus führt oft der Konkurrenzdruck der Medien untereinander zu sensationsorientierten Darstellungen. 6
Jedoch hält Tillmann dazu fest:
Neurowissenschaften im Dialog. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, S. 142./ Vgl. Jannan,
Mustafa (2010): Das Anti-Mobbing-Buch. Gewalt an der Schule - vorbeugen, erkennen, handeln.
3. Auflage, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, S.9.
4 Vgl. Haubl, Rolf (2006): Gewalt in der Schule. S. 142.
5 Vgl. Ebd., S. 142f./ Vgl. Fuchs, Marek; Lamnek, Siegfried; Luedcke, Jens; Baur, Nina (2009):
Gewalt an Schulen. 1994 - 1999 - 2004. 2. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften,
Wiesbaden, S.23.
6 Vgl. Jannan, Mustafa (2010): Das Anti-Mobbing-Buch. S.19f.
2
Das in den Medien gezeichnete Bild schwerer physischer Gewalt unter Kindern bzw. Jugendlichen findet empirisch belegt vorrangig eben nicht in der Schule, sondern in öffentlichen Räumen statt. 8
Ein weitaus größeres Problem an deutschen Schulen stellen subtile und psychische Formen der Gewalt dar, wobei verbale Attacken eindeutig überwiegen. Ihre Konsequenzen für die Opfer sind gegenüber den bereits erwähnten körperlichen Übergriffen nicht zu unterschätzen und weisen ein großes Spektrum an problematischen Verhaltensweisen auf. 9
Oft dauert es längere Zeit, bis das so genannte „Mobbing“ aufgedeckt wird, so dass Opfer schwere psychosomatische Störungen entwickeln. Die Erfahrungen, die sie in dieser wichtigen Entwicklungsphase machen, wirken prägend auf ihr weiteres Leben. Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen sie in dieser Zeit zu begleiten und ihnen zur Seite zu stehen. 10
1.1 Vorgehensweise der Arbeit
Mit dieser Arbeit sollen aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema Mobbing, Cyber-Mobbing, sowie Ansätze zur Gewaltprävention und -intervention präsentiert werden. Ziel ist es das Phänomen zu beschreiben, zu erklären und mögliche Handlungsperspektiven aufzuzeigen.
Folgende Leitfragen werden erörtert:
Auf welche Weise transformieren die neuen Medien Form und Auswirkungen von Mobbing?
7 Tillmann, Klaus-Jürgen (o. J.): Gewalt an Schulen - öffentliche Diskussion und
erziehungswissenschaftliche Forschung. In: Holtappels, Heinz Günter; Heitmeyer, Wilhelm;
Melzer, Wolfgang; Tillmann, Klaus-Jürgen: (Hrsg.) (1999): Forschung über Gewalt an Schulen.
Erscheinungsformen und Ursachen, Konzepte und Prävention. 2. Auflage, Juventa Verlag,
Weinheim und München, S.11.
8 Vgl. Jannan, Mustafa (2010): Das Anti-Mobbing-Buch. S.11.
9 Vgl. Dümmler, Kerstin; Melzer, Wolfgang (o. J.): Gewalt in der Schule - Untersuchungen zu
Schikane und Mobbing mit den Daten der aktuellen HBSC-Studie. In: Helsper, Werner;
Hillbrandt, Cristian; Schwarz, Thomas (Hrsg.) (2009): Schule und Bildung im Wandel. Anthologie
und historischer und aktueller Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.171./ Jannan, Mustafa (2010): Das Anti-Mobbing-Buch. S.9ff.
10 Gebauer, Karl (2005): Mobbing in der Schule. Belz Verlag, Düsseldorf und Zürich, S.8.
3
Welche Ursachen und Folgen verleihen dem Mobbing-Phänomen seine besondere Bedeutung in der schulischen Gewalt?
Welche Möglichkeiten hat die Schule Mobbing-Prävention bzw. -Intervention zu betreiben.
Der Staatsarbeit liegt folgendes Konzept zugrunde. Als erstes wird ein Überblick zum „Mobbing unter Schülern“ gegeben. Nach einer Positionierung in der Gewaltthematik, einer Herausarbeitung der Definition und der Klärung der wichtigsten Begriffe, wird Mobbing als spezielle Form von Gewalt und mit seinen Hauptmerkmalen und Ausprägungen beschrieben. Diese Arbeit hat den Titel „Mobbing in der Schule“, jedoch soll auch das „Cyber-Mobbing“, als spezielle Variante betrachtet werden. Das „Cyber-Mobbing“ erlangt hinsichtlich dieses Themenkomplexes und im Zuge unserer globalisierten Gesellschaft eine immer wichtigere Position und wird deswegen in einem gesonderten Kapitel behandelt. Auf diese Weise wird eine Grundlage für das weitere Vorgehen und die im späteren Abschnitt folgenden Maßnahmen gegen Mobbing geschaffen. Es folgt ein Überblick über den aktuellen Stand der Mobbing-Forschung. Die wichtigsten Forschungsmethoden und -instrumente werden vorgestellt. Nationale und internationale Erkenntnisse zur Verbreitung von Mobbing unter Schülern werden erläutert.
Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den Akteuren des Mobbing-Prozesses. Wie in der Fachliteratur üblich, wird auch hier die Rede von Tätern und Opfern sein. Vor allem der Täterbegriff ist negativ belegt. Der Leser ist dazu angehalten, die Rollenbeschreibungen objektiv zu betrachten, da Jugendliche sich einerseits in der Entwicklung befinden und für ihr eigenes Handeln bis zu einem bestimmten Alter (aus juristischer Sicht) noch nicht voll verantwortlich sind und andererseits die Rollen des Täters bzw. Opfers keine stabilen und eindeutigen Zustände abbilden, sondern einer ständigen Dynamik unterworfen sind. 11 Außerdem sollen auch die Rolle der Lehrkräfte durchleuchtet werden, die vor allem für gegensteuernde Maßnahmen eine besondere Bedeutung haben.
11 Vgl. Rostampour, Parviz; Melzer, Wolfgang (o. J.): Täter-Opfer-Typologien im schulischen
Gewaltkontext. Forschungsergebnisse unter Verwendung der Cluster-Analyse und multinominaler
logistischer Regression. In: Holtappels, Heinz et. al. (Hrsg.): Forschung über Gewalt an Schulen.
Erscheinungsformen und Ursachen, Konzepte und Prävention. 2. Auflage, Juventa Verlag,
Weinheim und München, S.169.
4
Im folgenden Kapitel werden Ursachen auf schulischer Ebene und persönlicher Ebene durchleuchtet, da diese von Lehrern und Schülern erkannt und vor Ort mitgestaltet werden können.
Das anschließende Kapitel erarbeitet die Prozesse des Mobbings aus der Sicht verschiedener Autoren. Die anfänglich entwickelten Modelle wurden im Laufe der Zeit immer weiter modifiziert, bis dass eine zyklische Struktur entstand. Im Weiteren werden die negativen Konsequenzen vorgestellt, die sich aus einem Mobbing-Prozess für alle daran Beteiligten ergeben. Hier wird deutlich, wie wichtig die präventive und interventive Arbeit im Zusammenhang mit dieser Thematik ist.
Die letzten beiden Kapitel beschäftigen sich mit der Prävention und Intervention des Mobbing-Geschehens. Diesem Punkt gebührt eine besondere Betrachtung, da sich die Fachliteratur weitgehend mit der Analyse des Mobbings beschäftigt. Aus praktischer Sicht sollte es jedoch Ziel sein, Lehrern, Schülern und Eltern Wege aufzuzeigen, Mobbing-Attacken aktiv entgegenzuwirken oder im besten Fall von vornherein nicht zuzulassen.
In der Schlussbetrachtung werden die gewonnenen Erkenntnisse reflektiert, zusammengefasst und eine persönliche Betrachtung durchgeführt.
Formale Aspekte
Die ausschließliche Verwendung der männlichen Personalform dient der Übersichtlichkeit, das weibliche Geschlecht in derselben Rolle soll damit keineswegs ausgeschlossen sein.
Weiterhin stütze ich mich auf die bei der deutschen Rechtschreibreform des Jahres 1996 festgelegte und neu aufgenommene Deklination des Wortes Mobbing („Mobbing, das; -s“ 12 ), auch wenn in der Literatur andere grammatikalische Formen zu finden sind.
Ebenso wird in wörtlichen Zitaten auf die orthografische Anpassung an neue Rechtschreibkonventionen verwiesen.
12 Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.) (1996): Duden. Rechtschreibung der
deutschen Sprache. Bd. 1, Dudenverlag, Mannheim u.a., S.498.
5
2. Definition
Die rationale Auseinandersetzung mit schulischer Gewalt und deren Wahrnehmung wird durch die Medien stark gelenkt. Der Begriff des Mobbings ist hier allgegenwärtig und hat einen Etikettierungsprozess durchlebt, der ihn in den Köpfen der Menschen zu einem Synonym für schwere körperliche Gewalt gemacht hat.
Einerseits wird bereits deutlich, dass bei all der Popularität des Themas in der breiten Öffentlichkeit nicht wirklich klar ist, was Mobbing eigentlich ist und was nicht.
Andererseits kann das Phänomen Mobbing nicht beschrieben werden, ohne sich mit dem Gewaltbegriff auseinander zu setzen. Daher ist es im Folgenden zwingend erforderlich die Begriffe „Gewalt“ und „Mobbing“, vor allem letzteren genauer auszuformulieren, um einen präziseren Blickwinkel zu erlangen.
2.1 Mobbing und Gewalt - ein Differenzierungsversuch
Im Folgenden soll keineswegs ein historischer Diskurs über den Gewaltbegriff geführt werden oder eine genaue Definition herausgearbeitet werden. Das würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, die sich in erster Linie dem Phänomen des Mobbings zuwendet. Ziel soll es sein sie voneinander zu differenzieren, also aufzuzeigen, wann der Begriff Mobbing greift. Für Olweus (vgl. Definition Kapitel 2.2.2) wie auch andere Autoren gehören die Begriffe Gewalt und Mobbing eng zusammen. Allerdings sind die Begriffe keineswegs gleichbedeutend, da sie unter anderem, wie eingangs bereits erwähnt, einen unterschiedlichen Schweregrad aufzeigen bzw. in unterschiedlicher Häufigkeit in Erscheinung treten. 13
Jannan verfasste mit seiner prägnanten Formulierung, „Nicht jede Gewalt ist Mobbing, aber Mobbing ist immer Gewalt.“ 14 , zwar keine inhaltliche Unterscheidung der Begriffe, jedoch wird deutlich, dass der Mobbing-Begriff dem Gewalt-Begriff untergeordnet ist, wie in Abbildung 1 auch grafisch deutlich wird. Mobbing ist demnach eine spezielle Form der Gewalt.
13 Vgl. Jannan, Mustafa (2010): Das Anti-Mobbing-Buch. S.21.
14 Ebd., S.22.
6
Abbildung 1: Der Gewaltbegriff im Kontext des Mobbings in Anlehnung an die Definition
nach Olweus (Quelle: Eigene Anfertigung mit Microsoft Word 2007. Stand: 04.11.2010)
Gewalt im Sinne schwerer körperlicher Übergriffe wird oft eine viel zu große Häufigkeit an deutschen Schulen zugemessen. So tritt schwere Gewalt, im Sinne schwerer Körperverletzungen, Erpressungen oder Bandenschlägereien eher selten an Schulen auf. 15
Mobbing meint vielmehr die „kleine Gewalt“, d.h. der Prozess des Mobbings ist primär durch die Häufigkeit negativer Handlungen geprägt, die überwiegend eben nicht physischer Art sind. Da die Übergänge fließend sind, kann es jedoch sein, dass sich subtile Gewaltformen zu schweren Misshandlungen weiterentwickeln. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zur besonderen Präsenz in der Medienberichtserstattung. Vom Gewalt-Begriff zum Phänomen des Mobbings nimmt die Häufigkeit der negativen Handlungen zu, das Medieninteresse ist bei Mobbing-Fällen jedoch weniger ausgeprägt als bei schweren körperlichen Übergriffen auf andere Schüler. 16
Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass aus Sicht des Opfers das Adjektiv „schwer“ nicht zutreffend ist, da es die „kleine“ Gewalt verharmlost. 17
15 Vgl. Tillmann, Klaus-Jürgen (o. J.): Gewalt an Schulen - öffentliche Diskussion und
erziehungswissenschaftliche Forschung. S.15.
16 Vgl. Jannan, Mustafa (2010): Das Anti-Mobbing-Buch. S.21f.
17 Vgl. Dembach, E. Karl (2009): Mobbing in der Schule. 3. Auflage, Ernst Reinhardt Verlag,
München, S.22.
7
Zumeist werden nämlich die starken nachhaltigen Auswirkungen subtiler und psychischer Formen der Gewalt für die Opfer unterschätzt. 18
2.2 Mobbing als spezielle Form von Gewalt
Nachdem geklärt worden ist, welchen Stellenwert das Phänomen Mobbing innerhalb der Gewaltdiskussion hat, stellt sich nun die Frage nach den speziellen Charakteristika, Merkmalen und Erscheinungsformen, die es von anderen Verhaltensformen abgrenzt.
2.2.1 Etymologische Herkunft
Mobbing geht auf das englische Wort „to mob“, welches im 18. Jahrhundert in den deutschen Wortschatz übernommen wurde, zurück und steht für schikanieren, fertig machen, anpöbeln oder über jemanden herfallen. 19 Im Ursprung entstammt das Wort der lateinischen Bezeichnung „mobile vulgus“, womit eine „aufwiegelnde Volksmenge, Pöbel, soziale Massengruppierungen […] in denen triebenthemmte, zumeist wirkende Verhaltenspotenz vorherrscht“ 20 , gemeint ist.
In der englischen Sprache bedeutet das Substantiv „mob“ übersetzt „zusammengerotteter Pöbel(haufen); Gesindel, Bande, Sippschaft“. Das zugehörige Verb hat die Bedeutung „lärmend herfallen über, anpöbeln, angreifen, attackieren“ 21 .
Wie im Folgenden noch ersichtlich wird, stellte die Wortherkunft die Forschung bei der Entwicklung einer gelungenen Definition ein Problem dar.
2.2.2 Definitionsentwicklung
Im Jahre 1958 verwendete Verhaltensforscher Konrad Lorenz als erster den Begriff des „Mobbings“; damals noch im Zusammenhang mit der tierischen Verhaltensforschung. Er beschrieb damit einen Angriff einer Gruppe von Tieren auf einen (überlegenen) Fressfeind. 22
18 Vgl. Dembach, Karl E. (2009): Mobbing in der Schule. S. 15./ Vgl. Jannan, Mustafa (2010): Das
Anti-Mobbing-Buch. S.21.
19 Vgl. Brinkmann, Ralf D. (2002): Mobbing Bulling Bossing. Treibjagd am Arbeitsplatz. 2.
Auflage, Sauer Verlag, Heidelberg, S.11.
20 Zuschlag, Berndt (2001) : Mobbing. Schikane am Arbeitsplatz. 3. Auflage, Verlag für
angewandte Psychologie, Göttingen, Bern, Toronto und Seattle., S.3.
21 Zuschlag, Berndt (2001): Mobbing. Schikane am Arbeitsplatz. S.3.
22 Vgl. Brinkmann, Ralf D. (2002): Mobbing Bulling Bossing. S.11f.
8
Im Jahre 1969 überführte der schwedische Arzt Peter Heinemann den Begriff in den Bereich der Humanbeziehungen. Er beschrieb damit ein Gruppenphänomen bei Kindern, bei dem diese eine sich von der Norm abweichend verhaltende Person attackieren. 23
Das heutige Verständnis dieses Kunstwortes wurde zu Beginn der 1990er Jahre entscheidend durch den nach Norwegen ausgewanderten Arzt und Psychologen Heinz Leymann enger gefasst und geprägt. Während seiner Forschungen Mitte bis Ende der 80er Jahre führte er zahlreiche empirische Untersuchungen in Schweden zum Mobbing-Prozess am Arbeitsplatz durch und fasste die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse in seiner ersten veröffentlichten Arbeit zusammen. 24
Infolge dieser Studien und deren Resultaten gelangte er zu folgender Definition:
Mit seiner Arbeit machte er das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und für weitere Forschungs- und Betätigungsfelder interessant. Dies ist auch der Grund dafür, warum der Begriff „Mobbing“ vornehmlich in der Literatur rund um das Arbeitswesen behandelt wird. 26
Leymanns Definition wirft jedoch durch die Beschränkung auf „kommunikative“ Handlungen neue Fragen auf. Zuschlag verweist darauf, dass „man [da an] stumme körperliche Gewaltmaßnahmen ohne begleitende sprachliche Kommentierung denken [könnte].“ 27
23 Vgl. Leymann, Heinz (1994): Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich
dagegen wehren kann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek. S.5.
24 Vgl. Brinkmann, Ralf D. (2002): Mobbing Bulling Bossing. S.12f.
25 Zuschlag, Berndt (2001): Mobbing. S. 4-5./ Brinkmann, Ralf D. (2002): Mobbing Bulling
Bossing. S.13.
26 Vgl. Zuschlag, Berndt (2001): Mobbing. S.4.
27 Ebd., S.4.
9
Über den Umweg des ersten Axioms Watzlawicks „Wir können nicht nicht kommunizieren“ 28 , in dem dieser das Verhalten mit der Kommunikation gleichsetzt, erscheint die Definition Leymanns wieder plausibel und bestätigt die von ihm formulierten 45 „Mobbing-Handlungen“, die sowohl verbaler als auch nonverbaler Art sind. 29
Weiterhin merkt Brinkmann unter anderem an, dass sich Mobbing-Handlungen auch gegen mehr als eine Person, also gegen eine Gruppe, richten können. 30 In den 1970er Jahren setzte sich Dan Olweus mit der Thematik im Zusammenhang mit Schule auseinander und gilt damit als Pionier der Erforschung von Mobbing in Schulklassen. In der englischsprachigen Arbeit bezeichnet Olweus das Mobbing unter Schülern als „Bullying“ 31 . In den späteren deutschen Veröffentlichungen nutzt er allerdings den Mobbing-Begriff und unterscheidet damit nicht mehr zwischen negativen Handlungen Erwachsener am Arbeitsplatz und dem von Kindern bzw. Jugendlichen in der Schule. 32 Auch fasst Olweus die begrifflichen Grenzen des Mobbings wesentlich weiter und umgeht damit die bereits genannten Schwachstellen der Formulierung Leymanns.
Sprach Leymann noch von „negativen kommunikativen Handlungen“ und betonte damit indirekt die Art der Interaktion zwischen den Beteiligten, so ist Olweus Formulierung weitaus wegsamer für eine multiperspektivische Betrachtung der „Mobbing-Handlungen“. Eine negative Handlung liegt nach Olweus vor, „[…]
28 Watzlawick, Paul; Beavin, Janet H.; Jackson, Donald De Avila (2007): Menschliche
Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 11. Auflage, Huber Verlag, Bern, S.53.
29 Vgl. Brinkmann, Ralf D. (2002): Mobbing Bulling Bossing. S.17-19./ Vgl. Zuschlag, Berndt
(2001): Mobbing. S.6-7./ Vgl. Anhang Kapitel II S.64ff.
30 Vgl. Brinkmann, Ralf D. (2002): Mobbing Bulling Bossing. S.14./ Vgl. Jannan, Mustafa (2010):
Das Anti-Mobbing-Buch. S.14./ Vgl. Zuschlag, Berndt (2002): Mobbing. S.4.
31 Vgl. Kapitel 2.2.3, S.12.
32 Vgl. Olweus, Dan (1996): Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten - und
tun können. 2. Auflage, Verlag Hans Huber, Bern u.a., S.11.
33 Ebd., S.22./ Hanewinkel, Reiner; Knaack, Reimer (o. J.): Prävention von Aggression und
Gewalt an Schulen. Ergebnisse einer Interventionsstudie. In: Holtappels, Heinz Günter;
Heitmeyer, Wilhelm; Melzer, Wolfgang; Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.) (1999): Forschung über
Gewalt an Schulen. Erscheinungsformen und Ursachen, Konzepte und Prävention. 2. Auflage,
Juventa Verlag, Weinheim und München, S.300.
10
wenn jemand absichtlich einem anderen Verletzungen oder Unannehmlichkeiten zufügt“ 34 .
Voraussetzung ist dabei, dass ein asymmetrisches Kräfteverhältnis zwischen Täter/n und Opfer/n existiert, d.h. ein Schüler hat es schwer, sich zu verteidigen und gelangt damit in eine hilflose Position gegenüber denen, die ihn drangsalieren. 35
Die Definition Olweus sowie die vorausgegangene Aussage implizieren, dass der Begriff „Mobbing“ nicht verwendet wird, wenn negative Handlungen nur gelegentlich bzw. vereinzelt gegen verschiedene Schüler ausgeführt werden oder aber wenn zwei Schüler, die psychisch bzw. physisch etwa gleich stark sind gegeneinander agieren. 36
Im Vergleich zu Leymann nennt Olweus keine typischen Mobbing-Handlungen, vielmehr macht die ständige Ausrichtung negativer Handlungen im Sinne der Definition aggressiven Verhaltens (siehe Kapitel 7.2, S.35f.) gegen immer ein und dieselbe Person den Leitgedanken seiner Definition aus. 37
2.2.3 Verwandte Begriffstermini
Auch in öffentlichen Diskussionen und in der pädagogischen Literatur wird vornehmlich der Mobbing-Begriff verwendet. Teilweise wird dieser jedoch auch für Begriffstermini verwendet, die durchaus eine abweichende Bedeutung haben. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle eine konkrete Begriffsunterscheidung vorgenommen werden.
Mobben
Hier handelt es sich um eine Wortneuschöpfung Olweus, „da Mobbing im Englischen und Skandinavischen Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz bedeutet und in dieser beschränkten Bedeutung auch schon Eingang ins Deutsche gefunden hat […]“ 38 . Das Wort Mobben lässt sich also als deutsches Synonym zu
34 Olweus, Dan (1996): Gewalt in der Schule. S.22.
35 Vgl. Ebd., S.23./ Dümmler, Kerstin; Melzer, Wolfgang: Gewalt in der Schule - Untersuchungen
zu Schikane und Mobbing mit den Daten der aktuellen HBSC-Studie. S.172./ Hanewinkel, Reiner;
Knaack, Reimer (o. J.): Prävention von Aggression und Gewalt an Schulen. S.300.
36 Vgl. Olweus, Dan (1996): Gewalt in der Schule. S.22f.
37 Vgl. Dembach, Karl E. (2009): Mobbing in der Schule. S.15.
38 Olweus, Dan (1996): Gewalt in der Schule. S.11.
11
angelsächsischen Bullying verstehen. In dieser Arbeit wird sowohl der Begriff Mobbing als auch der Begriff Mobben verwendet.
Bullying
Der Begriff Bullying ist im angelsächsischen Raum lange bekannt, wird dort weitestgehend synonym zum „Mobbing“ benutzt und seit Olweus Veröffentlichungen insbesondere zur Beschreibung von vorwiegend psychischen Übergriffen unter Schülern verwendet. Das Verb „bully“ bedeutet tyrannisieren, schikanieren, drangsalieren. Das entsprechende Substantiv „bully“ beschreibt einen tyrannischen, brutalen Menschen. 39
Bossing
Für die systematische Schikane von Mitarbeitern durch den Vorgesetzten etablierte sich der Begriff „Bossing“ nach und nach. Der Umstand des Bossings wurde von Klie im Jahre 1990 in Folge seiner Untersuchungen zum ersten Mal beschrieben. In seiner Arbeit bezeichnete er diesen allerdings noch als gesundheitsgefährdende Führerschaft. 40
Schikane
Der Ursprung dieses Wortes ist das französische Nomen „chicane“ und bedeutet „Rechtsverdrehung“, „Spitzfindigkeit“ oder aber auch „Streit“. Das Wort Schikane ist schon länger im deutschen Sprachschatz vorhanden und steht u.a. für „kleinliche und böswillige Quälerei“. Dieser Begriff wird im Deutschen von vielen Autoren analog zum Begriff des Mobbings verwendet. 41 Deswegen werden sie auch hier als Synonyme betrachtet.
Mobbing ist eine spezielle Form der Gewalt, die sich systematisch gegen bestimmte Opfer richtet. Weitere Phänomene der Auseinandersetzung, bei der ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis vorliegt, müssen daher eindeutig abgegrenzt werden. Dazu gehören Toben, Necken, Zurückweisungen durch Gleichaltrige und
39 Vgl. Hirigoyen, Marie-France (2007): Mobbing. Wenn der Job zur Hölle wird. Seelische Gewalt
am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehrt. 2. Auflage, Nördlingen, S.87./ Vgl. Zuschlag,
Berndt (2001): Mobbing. S.4./ Vgl. Brinkmann, Ralf D. (2002): Mobbing Bulling Bossing. S.12.
40 Vgl. Zuschlag, Berndt (2001): Mobbing. S.4./ Dembach, Karl E. (2009): Mobbing in der Schule.
S.15./ Brinkmann, Ralf D. (2002): Mobbing Bulling Bossing. S.12.
41 Vgl. Zuschlag, Berndt (2001): Mobbing. S.3f.
12
Viktimisierung durch Gleichaltrige. Die Grenzen sind jedoch oft fließend und die genannten Verhaltensweisen können beim Mobbing auch eingesetzt werden, um Außenstehende zu täuschen. 42
3. Erscheinungsformen
In Anlehnung an Olweus Ausführungen lassen sich grundsätzlich drei verschiedene Formen des Mobbings differezieren. Damit wird ein breites Spektrum an problematischen Verhaltensweisen erschlossen, die von ihm in drei Kategorien unterteilt werden: 1. verbal (Spotten, Beschimpfen, Drohen, Bloßstellen, etc.) 2. physisch (Schlagen, Treten, Festhalten etc.) 3. psychisch/sozial (Gesten, Mimik, Ausgrenzen, etc.) 43 In Abbildung 1 (siehe S.7) sind die verschiedenen Erscheinungsformen mit Berücksichtigung ihrer Häufigkeit während eines Mobbing-Prozesses festgehalten.
4. Neue Dimensionen des Mobbings - Handy und Internet
Die neuen Medien haben auch das Mobbing erreicht. Das so genannte „Cyber-Mobbing“, „Cyber-Bullying“ oder „Monitor-Mobbing“ „erfreute“ sich in den letzten Jahren unter den Jugendlichen immer größerer Popularität. 44 Diese Variante des Mobbings teilt zwar mit der in dieser Arbeit beschriebenen „klassischen Form“ zahlreiche Gemeinsamkeiten, jedoch lassen sich auch eklatante Unterschiede erkennen, die an dieser Stelle eine separate Betrachtung verlangen.
42 Vgl. Alsaker, Francoise D. (2003): Quälgeister und ihre Opfer. Mobbing unter Kindern - und
wie man damit umgeht. Huber Verlag, Bern u.a., S.21.
43 Vgl. Olweus, Dan: Gewalt in der Schule. S.22f./ Vgl. Hanewinkel, Reiner; Knaack, Reimer (o.
J.): Prävention von Aggression und Gewalt an Schulen. S.300.
44 Vgl. Rack, Stefanie; Fileccia, Marco; et al. (2009): Was tun bei Cyber-Mobbing? Zusatzmodul
zu Knowhow für junge User. Materialien für den Unterricht. 2. Auflage, o.O., S.4, URL:
www.klicksafe.de. Die EU-Sicherheitsinitiative für mehr Sicherheit im Netz./ Vgl. Zuschlag,
Berndt (2001): Mobbing. S.20f.
13
Arbeit zitieren:
Sarah Swienty, 2010, Mobbing in der Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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Ausarbeitung, 39 Seiten
Pädagogik - Pädagogische Psychologie: Mobbing in der Schule ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Pädagogik - Pädagogische Psychologie: neuer Titel erschienen: Mobbing in der Schule
Sarah Swienty hat einen neuen Text hochgeladen
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