1. Einleitung
Seit einigen Jahren ist der Begriff „Städtereise“ in aller Munde. Ein Kurztrip nach London gehört ebenso zur Urlaubsplanung wie eine Reise nach Berlin, der Besuch eines Hamburger Musicals oder eine Shopping- Tour nach Mailand.
Vorbei sind die Zeiten in denen allein der dreiwöchige Strandurlaub fester Bestandteil des Urlaubsplanung war.
Nicht nur das touristische Verhalten der Europäer hat sich umstrukturiert, vielmehr ist eine weltweite Veränderung hinsichtlich der Motivation aller Touristen zu beobachten. Sonne, Strand und Meer sind zwar erholsam, aber eben auch nur erholsam. Der moderne Tourist aber ist erlebnishungrig und setzt auf Multioptionalität: Heute Metropolenshopping in Paris, morgen Gladiatorenspiele in Trier und übermorgen Stararchitektur in Bilbao - je ausgefallener das Angebot, desto besser.
Kein Wunder, dass der Phantasie der Stadtplaner im Kampf um hohe Touristenzahlen keine Grenze gesetzt werden darf - schließlich gilt es die Stadt als Showbühne zu inszenieren.
Die vorliegende Arbeit begibt sich in die theoretische und praktische Perspektive, um das Phänomen des Städtetourismus aufzuschlüsseln. Dabei soll zunächst ein Einblick in die definitorische Begriffsfindung gegeben werden, dem die historische Entwicklung des Städtetourismus angeschlossen wird. Im Weiteren werden die einzelnen Elemente des Städtetourismus, wie Formen, Auswirkungen, theoretische Forschungsmethoden, Standortmarketing und Zukunftsperspektiven behandelt. Dabei wird fortlaufend die Entwicklung „weg vom Erholungsurlaub und hin zur Multifunktionalität der Städtereise“ beobachtet und es werden Vor- sowie Nachteile benannt. Abschließend soll die praktische Umsetzung der städtetouristischen Destinationen anhand von Einzelphänomenen und den konkreten Positionierungsmöglichkeiten auf dem Markt des Städtetourismus, wie beispielsweise die Einbindung in das Netz der Low-Cost-Carrier, näher beleuchtet werden.
2. Städtetourismus im Überblick
Städtetourismus ist heute erfolgreicher denn je. Der jährliche Dreiwochenurlaub am Strand wird immer weiter von mehreren kürzeren Reisen in bekannte Städte abgelöst. Dabei spielt vor allem die Reisemotivation eine wichtige Rolle die sich bei jedem Touristen anders gestaltet.
1
Den Anforderungen aller Touristen gerecht zu werden ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe die von Stadtplanern, Reise- und Eventveranstaltern bewältigt werden muss. So birgt der Städtetourismus einen nicht unerheblichen Nutzen für stadtplanerische, soziale, gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Absichten.
2.1 Definition (gemeinsame Arbeit)
Der Städtetourismus enthält nicht das klassische Ordnungsschema der Typen des Freizeit-und Fremdenverkehrs. Er existiert heute in so vielfältiger Form, dass ihm anscheinend verschiedene Ursachen bzw. Motive und Ausprägungen zugrunde liegen. Aus diesem Grund können unter Städtetourismus verschiedene Tourismusarten subsumiert werden. Hinsichtlich Struktur, Motivation und Bedeutung lassen sich im Vergleich zu anderen Tourismusarten entscheidende Unterschiede für die jeweilige Destination feststellen. Diese zahlreichen Funktionen spiegeln sich auch in der Nachfragestruktur wider. Städtetourismus kann beruflich und privat motiviert sein, als Tagesausflug oder Reise, mit und ohne Übernachtung durchgeführt werden. Dementsprechend problematisch sind deshalb auch generelle Aussagen zum Umfang und zur wirtschaftlichen Bedeutung des Städtetourismus. 1
Es gibt zahlreiche Definitionen, aber keine allgemein gültige und anerkannte, die den verschiedenen Städtetypen gerecht wird und eine klare Abgrenzung des Städtetourismus in räumlicher, zeitlicher und motivationaler Hinsicht im Rahmen des städtischen Freizeit- und Fremdenverkehrs erlaubt.
Hopfinger bezeichnet den zeitgenössischen Städtetourismus als „den Tourismustypus der Postmoderne schlechthin“ 2 . Lohmann hingegen sieht des Städtetourismus „als Urform des Reisens“ 3 , da Städte zum einen seit jeher eine große Anziehungskraft auf Reisende haben und zum anderen Zentren von Handel, Handwerk, Politik sowie Bildung waren und noch immer sind.
Eine Basis zahlreicher Definitionen liefert Freytag:
Städtetourismus umfasst jede erdenkliche Form eines Aufenthalts von
nicht- ortsansässigen Menschen, die eine Stadt aus geschäftlichem
1 Steinecke, Albrecht (2006): „Tourismus. Die geographische Einführung“. 2.Aufl., S.114.
2 Popp, Monika: „Der touristische Blick des Städtetourismus der Postmoderne“. In: Geographische Rundschau. 2/2009, S.42.
3 Steinecke, Albrecht (2006): „Tourismus. Die geographische Einführung“. 2.Aufl., S.114. 2
oder privatem Interesse - sei es mit oder ohne Übernachtungbesuchen. 4
Arnold hingegen gewährt dieser Definition allein dann Gültigkeit, wenn die Aufenthalte eine Dauer von 24 Stunden überschreiten. Diese Definition trifft auch auf statistische Erfassungen des Städtetourismus zu. Hier werden nur Übernachtungsgäste in gewerblichen Beherbergungsbetrieben berücksichtigt. Private Übernachtungen und die Zahlen der Tagestouristen basieren allein auf Schätzungen oder anderen
Datenerhebungsmöglichkeiten. Die schwere der Diskrepanz zeigt sich beispielsweise bei der Hauptstadt der Toskana. Florenz beherbergte 2,3 Mio. Übernachtungsgäste, jedoch besuchten geschätzte 32 Mio. Tagestouristen die Stadt. 5
Eine weitere Problematik der Definitionsfindung zeigt sich in der Größe der Stadt. So spricht man von einer Stadt, wenn sie mindestens 100.000 Einwohner hat. Darüber hinaus haben aber auch zahlreiche kleinere Städte eine Bedeutung für den Städtetourismus.
Ein wenig differenzierter wird der Begriff des Städtetourismus, berücksichtigt man die natürlichen Standortfaktoren einer Stadt. Unter Städtetourismus versteht man:
Eine Reise in eine historische oder kunstgeschichtlich bedeutsame,
oder durch ihre natürlich Lage, ihre Einkaufsmöglichkeiten oder ihr
Freizeitangebot attraktive Stadt zum Zweck eines relativ kurzen Aufenthalts (in der Regel 1-4 Tage). 6
„In der Praxis kann es [jedoch] niemals eine vollkommen „saubere“ Abgrenzung zwischen den einzelnen Städtetourismustypen geben.“ 7 Es kann allerdings als allgemeiner Konsens festgehalten werden, dass sich Städtetourismus charakterisiert durch die Kombination verschiedener Reisemotive und unterschiedliche touristische Aktivitäten.
4 Freytag, Tim/Popp, Monika: „Der Erfolg des europäischen Städtetourismus“. In: Geographische Rundschau 2/2009, S. 4-‐11.
5 Popp, Monika: „Der touristische Blick des Städtetourismus der Postmoderne“. In: Geographische Rundschau. 2/2009, S.43.
6 Hartmut Leser (Hg): „DIERCKE Wörterbuch Allgemeine Geographie“.
7 Freytag, Tim/Popp, Monika: „Der Erfolg des europäischen Städtetourismus“. In: Geographische Rundschau 2/2009, S.7. 3
2.2 Historische Entwicklung des Städtetourismus (gemeinsame Arbeit)
Bis zum 17. Jh. waren Städte Zielorte für Händler, Pilger und Herrscher, deren Motivationen in dieser früheren Form der Distanzüberwindung zweckgebundener Art waren, denen wirtschaftliche, politische und religiöse Motive zugrunde lagen. 8 Die Wurzel des neuzeitlichen (Erholungs-)Tourismus liegen in der „Grand Tour“ des 17. Jh.s (siehe Abb.1). Damals „entwickelte sich die gängige Praxis, dass junge Adelige im Rahmen der […] Grand Tour ausgedehnte Kultur- und Bildungsreisen in Europa unternahmen[…].“ 9
Abbildung 1: Route der Grand Tour (Quelle: Freytag, Tim/Popp, Monika: „Der Erfolg des europäischen Städtetourismus“. In: Geographische Rundschau 2/2009, S.5)
Parallelen zum heutigen Städtetourismus gibt es vor allem in den Reisezielen. So zählen damals wie heute Städte wie Paris, Rom, Venedig und Florenz zu den sehenswertesten Städten Europas. Mitte des 18. Jh.s verlor die Grand Tour mit dem gesellschaftlichen Wandel an Exklusivität. Das Bürgertum wurde durch seine nationale und internationale Handelstätigkeit und das Eigentum von Fabriken zur wirtschaftlichen Elite. Die Reiseziele der Adeligen wurden nun auch von bürgerlichen Touristen besucht. Aufgrund ihrer geringen zeitlichen und finanziellen Ressourcen wurden die Reisen nun wesentlich kürzer.
8 Steinecke, Albrecht (2006): „Tourismus. Die geographische Einführung“. 2.Aufl., S.114.
9 Freytag, Tim/Popp, Monika: „Der Erfolg des europäischen Städtetourismus“. In: Geographische Rundschau 2/2009, S.4-‐11. 4
Die Adeligen wendeten sich nunmehr dem Besuch von Kulturdenkmälern zu und legten somit den Grundstein für den gegenwärtigen Städtetourismus. 10 In der Innovationsphase führten neben der Entwicklung neuer technischer Errungenschaften, wie der Dampfmaschine und der Eisenbahn, die den Transport großer Menschenmengen gegen Ende des 19 Jh. erst ermöglichten, führte vor allem „die Einführung einer modernen Sozialgesetzgebung mit arbeitsrechtlichen Bestimmungen für bezahlten Jahresurlaub“ 11 zur Ausbildung des Tourismus wie wir ihn in seiner heutigen Form kennen. Das zuvor kosen-, zeit- und müheaufwendige Reisen wurde industrialisiert. Auch die Weltausstellungen des 19. Jh.s nehmen in dieser Hinsicht eine entscheidende Bedeutung ein. Auf diesen wurden zunächst neue technische Produkte präsentiert und später exotische Bauwerke und Lebenswelten rekonstruiert. So wurde ein internationales Publikum abgezogen und sie wurden zu hochrangigen internationalen Attraktionen. 12 Im Verlauf des 20 Jh.s entwickelte sich das Phänomen des Massentourismus. Beflügelt durch Innovationen des Transportwesens, wie dem Fliegen, entstanden bedeutende Urlaubsdestinationen am Meer und in den Bergen. Während die allgemeine Reisemobilität einen raschen Anstieg erlebte, blieb die relative Bedeutung des Städtetourismus als Teilbereich des Fremdenverkehrs eher stagnierend bis rückläufig. 13 In den 1970er zeigte sich erstmals eine erkennbare Nachfrage im Städtetourismus, als die Stadt einem Wandel unterworfen wurde, der sie vom Quell- zum Erholungsgebiet machte. In den 1990er Jahren setzte dann ein regelrechter Boom des Städtetourismus ein. 14 Diese Phase verzeichnete seitdem einen kontinuierlichen Anstieg der Übernachtungszahlen von 3%. Die Freizeittouristen nehmen vom klassischen Modell des ausgedehnten und alleinigen Jahresurlaubs im Sommer Abstand und entscheiden sich für zusätzliche Kurzreisen, die oft in Städte führen. 15 Die Entwicklung dieses Phänomens wurde im 20. Jh. durch eine Vielzahl von Faktoren begünstigt:
10 Steinecke, Albrecht (2006): „Tourismus. Die geographische Einführung“. 2.Aufl., S.115-‐117.
11 Freytag, Tim/Popp,Monika: „Der Erfolg des europäischen Städtetourismus“. In: Geographische Rundschau 2/2009, S.7.
12 Steinecke, Albrecht (2006): „Tourismus. Die geographische Einführung“. 2.Aufl., S.117ff.
13 Steinecke, Albrecht (2006): „Tourismus. Die geographische Einführung“. 2.Aufl., S.11119ff.
14 Anton-‐Quack/Quack: „Städtetourismus - Eine Einführung“. In: Becker/Hopfinger/Steinecke (2004): Geographie der Freizeit und des Tourismus. Bilanz und Ausblick. 2. Aufl., S. 197.
15 Freytag, Tim/Popp, Monika: „Der Erfolg des europäischen Städtetourismus“. In: Geographische Rundschau 2/2009, S.4-‐11. 5
Es lassen sich Parallelen zu der steigenden Anzahl der Single- oder kinderlosen Haushalte beobachten (siehe Abb.2). Alleine ist man flexibler und setzt eher auf Action und Events statt auf Erholung - ist doch der Alltag in vielen Fällen schon ereignislos genug. Und auch diejenigen Paare die kinderlos sind tendieren eher dazu ihren Urlaub erlebnisorientiert zu gestalten. Mit Kindern sind Städtebesichtigungen und Museumsbesuche wesentlich schwieriger bzw. bis zu einem gewissen Alter fast schon unmöglich zu gestalten. Außerdem kann auch die fortschreitende Flexibilisierung der Arbeitszeit mit der Attraktivität des städtischen Reisens in Verbindung gebracht werden. Der Städtetourismus verschafft die Möglichkeit verschiedenste Aktivitäten auf engem Raum miteinander zu kombinieren. Diese Multioptionalität der Städte kommt vor allem dem erlebnishungrigen Reisenden des 21. Jh.s sehr entgegen:
Sie erfüllen „klassische“ Funktionen wie der Mittelpunkt einer Region zu sein und zentralörtliche Funktionen wahrzunehmen, z. B. Wohnfunktion, Versorgungsfunktion in Form von Arbeitsplätzen, Bildungs-, Kultur-, Sport-, Freizeit- und Einzelhandelsstätten etc. Aus tourismusbezogener Sicht sind viele dieser Funktionsbereiche relevant, weniger jedoch als Versorgungs-, mehr als Erlebnisfunktion. 16
Dieses breite und vielfältige Angebot bietet den Gästen eine große Wahlfreiheit und der Stadtaufenthalt kann nach den persönlichen Bedürfnissen gestaltet werden.
16 Deutscher Tourismusverband: „Städte-‐ und Kulturtourismus in Deutschland. Langfassung.“ Bonn, 2006, S.5. 6
Wie vielfältig die Besucheraktivitäten im Städtetourismus heutzutage sind zeigt das folgende Diagramm in Abbildung drei am Beispiel Heidelberg.
Abb. 3: Besucheraktivitäten im Städtetourismus: Das Beispiel Heidelberg. (Quelle: Freytag, Tim/Popp,Monika: „Der Erfolg des europäischen Städtetourismus“. In: Geographische Rundschau 2/2009, S.7.)
So kann man in London nicht nur an einer Sightseeing- Tour teilnehmen, sondern auch bei Harolds shoppen und anschließend in der Londoner Chinatown essen gehen. Und auch der Deutsche Tourismusverband wirbt:
„Deutschlands Städte sind Publikumsmagnet Nummer Eins im
touristischen Geschehen. Ob Tagesausflüge, Wochenendtrips, Shopping-,
Kultur- oder Geschäftsreisen - in unseren Städten gibt es für jeden viel zu sehen und zu erleben.“ 17
2.3 Typen des Städtetourismus (Sarah Swienty)
Durch die wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche und kulturelle Zentralität von Städten sind die Motive und Verhaltensweisen der Besucher dieser Destinationen auch entsprechend vielfältig. Meier unterscheidet mit dem privat und beruflich bedingten Städtetourismus generell zwei Formen, die jeweils mit und ohne Übernachtung durchgeführt werden können (siehe Abb.4). Damit findet seine Gliederung eine deutliche Orientierung an der in Kapitel 2.1 genannten Definition von Freytag.
17 Deutscher Tourismusverband: „Städte-‐ und Kulturtourismus in Deutschland. Langfassung.“ Bonn, 2006, S.4. 7
Arbeit zitieren:
Sarah Swienty, Eva Stiehl, 2010, Städtetourismus in Europa, München, GRIN Verlag GmbH
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