Gliederung
1. Einleitung 3
2. Sterben und Tod in der heutigen Gesellschaft 4
3. Filmische Darstellungen von Sterben und Tod 9
4. Sterben und Tod im Film 21 Gramm 11
4.1 Umgang mit dem Tod der einzelnen Figuren 13
4.1.1 Christina: Die Trauernde 13
4.1.2 Jack: Der Schuldige 15
4.1.3 Paul: Der Suchende 16
4.1.4 Mary: Die Hoffende 17
4.2 Sterben und Tod innerhalb der Filmästhetik 18
4.2.1 Dramaturgie 18
4.2.2 Kamera 19
4.2.3 Bildsymbolik 20
5. Schluss 22
Literatur S. 23
2
1. Einleitung
Der Tod ist ein Phänomen von existentieller Natur des Menschen, welcher sich den wissenschaftlichen Erklärungen entzieht und über den wir als Lebende nur spekulieren oder mutmaßen können.
Eine soziologische Perspektive betrachtet den sich verändernden Tod in einer sich ändernden Gesellschaft, die nicht nur medizinische und technische Entwicklungen ins Auge fasst, sondern der Rolle der biologischen, sozialen und kulturellen Diskursen einen bedeutenden Wert beimisst, die die kollektiven Bedeutungs- und Sinnmuster des gesellschaftlichen Umgangs mit der Todesthematik vorgeben. 1
Während beispielsweise bei einer philosophisch orientierten Untersuchung das Ereignis des Todes selbst und dessen Wesen und Sinngehalt von Bedeutung ist, so spielen auf soziologischer Ebene die Prozesse, die ihm vorausgehen, eine Rolle 2 , weshalb ich neben dem Tod den Begriff des Sterbens mit aufführe. Der Begriff ist zeitlich nicht genau einzugrenzen und kann eher als Übergang vom Leben zum Tod gesehen werden.
In vorliegender Hausarbeit soll zunächst einmal die unterschiedliche, interdisziplinäre Behandlung der Todesthematik in der Gesellschaft dargelegt werden, wobei wichtige, damit verbundene Tendenzen angesprochen werden sollen, die sich vor allem in der heutigen Gesellschaft wiederfinden. So wird beispielsweise zu fragen sein, inwiefern sich die Aneignung der Medizin dieses Themas auf den Umgang und die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben auswirkt. Darüber hinaus wird die Todesdarstellung innerhalb der Medien zu untersuchen sein, die eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Normen und Werten im Umgang mit Tod und Sterben innerhalb der heutigen Gesellschaft spielen und dem Menschen Einblicke gewähren, die ihm sonst vorenthalten wären. Bei den medialen Darstellungen von Tod soll es vor allem um filmische Repräsentationen gehen, für die gerade das Unwissen über den Tod eine Anregung für die Gestaltung eines fiktiven Stoffes bietet.
Für eine exemplarische Filmanalyse habe ich den Film 21 Gramm von Alejandro González Iñárritu ausgewählt, der sich der Todesthematik sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler Ebene widmet und bei dem zu untersuchen sein wird, inwiefern der Film das Verhältnis von Tod und der heutigen
1 Vgl. Stephan Moebius / Tina Weber: Tod im Film. Beitrag über die mediale Repräsentation des Todes. In: Markus Schroer (Hg.): Gesellschaft im Film. Konstanz 2008, S. 264-308, hier S. 264.
2 Vgl. Petra Gehring u.a. (Hgg.) : Ambivalenzen des Todes. Wirklichkeit des Sterbens und Todestheorien heute. Darmstadt 2007, S. 7.
3
Gesellschaft widerspiegelt. Dafür lohnt es sich eine Analyse der einzelnen Figuren und ihres jeweiligen Umgangs mit Tod und Sterben vorzunehmen, aber auch einen genaueren Blick auf formale Mittel, die auf die Todesthematik eingehen, zu werfen.
2. Sterben und Tod in der heutigen Gesellschaft
Der Tod eines einzelnen Menschen beeinträchtigt das Kollektiv Gesellschaft nicht in ihrem Überleben. Gesellschaft wird als etwas Kontinuierliches begriffen, weshalb der Tod kaum aus soziologischer Perspektive thematisiert wird. 3
Dennoch ergibt sich aus genau jener Perspektive ein interessantes Forschungsgebiet, wenn man nach dem Umgang der Gesellschaft mit dem Thema fragt. Interessant sind hierbei die soziokulturellen Diskurse, in die die Themenfelder Tod und Sterben eingebettet sind und die die für die Gegenwartsgesellschaft kennzeichnenden Tendenzen aufzeigen, weshalb in vorliegender Arbeit der Fokus auf dem Umgang in der heutigen Gesellschaft liegt, welcher eng mit Begriffen wie Privatisierung, Individualisierung, Institutionalisierung und Medikalisierung verbunden ist. Diese Tendenzen bestimmen zu einem großen Teil die Perspektive, aus welcher Tod und Sterben innerhalb soziologischer Studien betrachtet werden können und die im Folgenden kurz aufgeführt werden sollen.
In der heutigen Gesellschaft ist ein zunehmend individueller Umgang mit Tod und Sterben festzustellen, der traditionelle normative Todesvorstellungen verdrängt und welcher eher auf einer sehr persönlichen und emotionalen Ebene stattfindet. So hat sich auch die Trauer und dessen Ritualisierung aus dem öffentlichen Raum in den privaten Bereich verlagert, an dem nur noch der enge familiäre Kreis Anteil hat. 4
Darüber hinaus trägt die Individualisierung dazu bei über sein Leben und den Tod selbst bestimmen zu wollen und sie nach persönlichem Befinden zu gestalten. Dieser Wunsch nach Selbstbestimmung über sein Lebensende steht im Kontrast zu einer weiteren Tendenz, die im gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod dominiert: Die Medikalisierung und damit einhergehend die Institutionalisierung des Sterbens, die der Institution (z.B. Krankenhaus) eine mächtige Kontrollinstanz verleiht, sodass der Mensch nur noch wenig Einfluss auf sein Lebensende hat. 5
3 Vgl. Klaus Feldmann: Tod und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Thanatologie im Überblick. Wiesbaden 2004, S. 11.
4 Vgl. ebd., S. 24.
5 Vgl. Caroline Y. Robertson-von Trotha: Ist der Tod bloß der Tod ? Tod und Sterben in der Gegenwartsgesellschaft -
4
Eine Medikalisierung im Umgang mit dem Tod ist eng mit dem Gedanken verbunden, den Prozess des Sterbens so weit wie möglich zu verzögern, sozusagen die Zeit unmittelbar vor dem Eintritt des Todes zu verlängern. 6
Die Institutionalisierung des Sterbens und die medizinische Kontrolle über den unheilbar Kranken, dem der Tod unmittelbar bevorsteht, gewähren ihm ein erträgliches Sterben, einen 'guten' Tod, dem er sich aus gesellschaftlicher Perspektive fügen solle. 7
Die Intensivmedizin erhält Eingriff in den natürlichen Prozess des Sterbens, indem sie das Weiterleben bzw. den Tod von einer technischen Apparatur abhängig macht, die lebensnotwendige Funktionen, die zeitweise ausfallen, künstlich aufrecht erhält. 8
Es wirkt scheinbar so, als wolle die moderne Medizin durch ihr Eingreifen in die menschliche Natur das Unverfügbare, nämlich die Endlichkeit des Menschen aufzubrechen, möglich machen. Der hohe medizinische Standard in der heutigen Gesellschaft und die damit verbundene erhöhte Lebenserwartung haben einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung des Einzelnen mit dem Tod. So überwiegt im Gegensatz zu älteren Generationen die Vorstellung und der Glaube daran, dass der Tod fast ausschließlich alte Menschen betrifft. Das Alter, welches im biologischen Sinne mit vermehrten körperlichen Einschränkungen eintritt, wird dementsprechend oft als die Lebensform verstanden, auf die unmittelbar der Tod folgt, sodass sie oft einen Beigeschmack von Gedanken an Verlust und Verfall hinterlässt. 9
Die Sicherheit einer hohen Lebenserwartung in der heutigen westlichen Gesellschaft bildet eine wichtige Voraussetzung für eine systematische Organisation von Tod seitens der Gesellschaft, indem z.B. die Pensionierung einem gewissen Alter zugeordnet wird. Der Ausstieg aus der aktiven Erwerbstätigkeit geht mit einem Statusverlust einher, der eine Form des sozialen Sterbens bildet. So unterscheidet Klaus Feldmann drei Sterbeformen: Das physische Sterben (Tod des Körpers); das psychische Sterben (Tode der Seele) und das soziale Sterben, welches dem körperlichen und dem psychischen Sterben voraus geht. 10
Im Vergleich zu früheren Gesellschaften hat sich die Phase des sozialen Sterbens heute verlängert, da die Zeitspanne zwischen dem Austritt aus dem Berufsleben und dem Tod, bedingt durch den
ein thematischer Umriss. In: Dies.: Tod und Sterben in der Gegenwartsgesellschaft. Eine interdisziplinäre Auseinandersetzung. Baden Baden 2008, S. 9-18, hier S. 11.
6 Vgl. ebd., S. 10.
7 Vgl. Reimer Gronemeyer: Von der Lebensplanung zur Sterbeplanung. Eine Perspektive der kritischen Sozialforschung. In: Gehring (2007), S. 51-62, hier S. 54.
8 Vgl. Jürgen Mittelstraß: Wem gehört das Sterben? In: Robertson-von Trotha (2008), S. 19-36, hier S. 28.
9 Vgl. ebd., S. 23.
10 Vgl. Feldmann (2004), S. 22, 26.
5
medizinisch-technischen Fortschritt, viel größer geworden ist. 11 Neben dieser Form der Organisation von Tod und Sterben gibt es auch andere Arten von Systematisierungen, wie diverse Bestimmungen von Phasen, die der Sterbende im Umgang mit seinem Tod in einer festgelegten Reihenfolge durchläuft. Ausgehend von Interviews mit Sterbenden nimmt Elisabeth Kübler-Ross die Phaseneinteilung wie folgt vor: Zunächst wollen die Personen ihre Situation nicht wahr haben und leugnen ihren Tod. Es folgt eine Phase des Zorns und der Wut, in der der Sterbende sein Ungerechtigkeitsempfinden ausdrückt durch die häufig gestellte Frage: 'Warum ich?'. Innerhalb der dritten Phase verhandelt der Sterbende und erkundigt sich über Experten und Ärzte, die ihm ein längeres Leben schenken könnten. Nach einer Phase der Depression akzeptiert der Sterbende in der letzten Phase seinen Tod und versucht seine restliche Zeit sinnvoll zu gestalten. 12 Klaus Feldmann kritisiert diese Form der Phaseneinteilung, da sie nicht die realen Verhältnisse wiedergebe und nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben könne, da beispielsweise die Reihenfolge in einigen Fällen variieren könne. 13 Auch Reimer Gronemeyer erachtet jene Phaseneinteilung lediglich als einen Versuch den nicht greifbaren Tod und dessen Umgang zu systematisieren:
„Diese Ordnung des letzten Lebensabschnittes kann man als einen Versuch verstehen, Ängste zu bannen und zugleich durch Systematisierung das Chaos des Todes in den Griff zu bekommen.“ 14 Bei der Frage nach dem Umgang mit Tod und Sterben muss zudem der Fokus auf die Konfrontation der Hinterbliebenen mit dem Verlust einer Bezugsperson geworfen werden, wofür auch eine normative Vorstellung eines idealisierten Verlaufs der Trauer existiert. Der Trauerforscher James William Worden beispielsweise beschreibt den Verlauf der Trauer, der gewissermaßen einen Normalisierungsprozess bildet, indem er die Rolle der äußeren Faktoren zum Ausdruck bringt: Nach der Akzeptanz des Verlustes und der intensiven Trauerarbeit erfolgt die Neuanpassung an die Umwelt, die im Idealfall darauf abzielt, die emotionale Energie aus der Beziehung zur toten Person abzuziehen und in neue Beziehungen zu investieren. 15 Solch ein festgelegtes Modell der Trauerbewältigung vermittelt automatisch bestimmte Normen und Richtlinien, sodass eventuelle Abweichungen oder alternative Trauerlösungen meist auf Unverständnis stoßen oder im schlimmsten Fall als krankhaft bezeichnet werden, woraufhin versucht wird, beispielsweise durch Therapie, diese Abweichung zu einem 'normalen' Wert zu drängen. 16
11 Vgl. ebd., S. 152.
12 Vgl. Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden. Stuttgart 1969.
13 Vgl. Feldmann (2004), S. 102.
14 Gronemeyer (2007), S. 54.
15 Vgl. Feldmann (2004), S. 106.
16 Vgl. ebd.
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Arbeit zitieren:
B. A. Tanja Brock, 2011, Tod in Film und Gesellschaft am Beispiel von "21 Gramm", München, GRIN Verlag GmbH
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