Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1 Ein Blick in die Vergangenheit: Das Modell Deutschland 2
2 Das deutsche Modell im Umbruch 3
2.1 Abnehmende Tarifbindung und Lohnspreizung 6
3 Atypische Beschäftigung - Eine Erfolgsgeschichte? 8
Fazit 12
Literatur 15
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Einleitung
Noch in den 70er Jahren galt das deutsche Wirtschaftsmodell als Erfolgsgeschichte, da es hohen Lebensstandard bei gleichzeitig hoher Beschäftigung mit geringer Lohnspreizung vereinte. Die Wiedervereinigung und veränderte globale Wettbewerbsbedingungen haben das einst gefeierte Modell jedoch in einem anderen Licht erscheinen lassen: Um die Jahrtausendwende bezeichnete z.B. das Englische Magazin „The Economist“ Deutschland als den „kranken Mann Europas“ (The Economist 1999). Gut 12 Jahre später nimmt Europas größte Volkswirtschaft eine Spitzenposition hinsichtlich Wirtschaftswachstum und Beschäftigung ein und ist die widererstarkte Wirtschaftslokomotive der EU. Die Agenda 2010 und mit ihr die weitreichende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes wird maßgeblich für den Erfolg der Gegenwart verantwortlich gemacht.
Während der deutsche Wirtschaftsminister den Aufschwung am Arbeitsmarkt als „Aufschwung XXL“ feiert, flammen in der Öffentlichkeit jedoch immer wieder Debatten über zunehmende Niedriglohnbeschäftigung und die Frage auf, ob immer mehr Leute arm trotz Arbeit sind, auf.
Im Folgenden wird daher in historischer Perspektive das deutsche Modell betrachtet (1), um anschließend dessen Umbruch (2) und die Folgen (2.1) nachzuvollziehen. Schließlich wird die Flexibilisierung und Entwicklung verschiedener Beschäftigungsformen betrachtet, um den Aufschwung am Arbeitsmarkt zu analysieren (3) und gegebenenfalls zukünftigen politischen Handlungsbedarf herauszustellen.
1 Ein Blick in die Vergangenheit: Das Modell Deutschland
Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs entstand in Westdeutschland eine Marktwirtschaft, deren spezielle Institutionenkonfiguration bis zur Wiedervereinigung das gleichzeitige Auftreten von hoher internationaler Wettbewerbsfähigkeit, niedriger Lohnspreizung und hohem allgemeinen Lebensstandard ermöglichte (Streeck 1995: 5).
Märkte waren nicht entfesselt, sondern durch politische Regulierung eingehegt: Anstatt selbst zu intervenieren, pflegt der deutsche Staat ein korporatistisches Ar-
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rangement, bestehend aus Verbänden und Körperschaften öffentlichen Rechts. Die autonome Rechtssetzung der Akteure soll eine angemessene Problembearbeitung im Spannungsfeld von Mitgliederregierung und -Repräsentation ermöglichen (Voelzkow 2007). Während der Staat stabile rechtliche, soziale und infrastrukturelle Rahmendbedingungen garantiert (Schmidt 2008: 365), sorgen starke Einheitsgewerkschaften und Arbeitgeber- bzw. Wirtschaftverbände, sowie betrieb- licheMitbestimmungsrechte der Arbeiter und „geduldiges Kapital“ zwischen Kapital und Arbeit für ein Verhältnis auf Augenhöhe (Streeck 1995: 8-11). Der rigide Kündigungsschutz und das duale Ausbildungssystem bringen, wegbereitend für von den Sozialpartnern ausgehandelte hohe Lohn- und Arbeitsstandards (Streeck 1995: 11), hohe Beschäftigungsstabilität und qualifizierte Arbeitskräfte hervor (ebd. 9-10). Folglich wird der Wettbewerb über den Preis a priori ausgeschlossen und wird im Rahmen hoher allgemeiner Lohn- und Arbeitsstandards über Produktqualität und Diversifizierung ausgetragen (ebd.: 13). Gestützt wurde das Modell der „diversifizierten Qualitätsproduktion“ (Streeck 1992) durch die großzügige Umverteilung von Produktivitätsgewinnen durch den Sozialstaat, die den sozialen Frieden sicherten und einem ausgedehnten Niedrig-lohnsektor durch hohe Reservationslöhne und der Stilllegung von überschüssigen Arbeitskräften den Nährboden entzog (Streeck 1995: 15-16). Öffentliche Unternehmen spielten im Dienstleistungssektor eine große Rolle: Eisenbahn, Post, Telekommunikation, Energie- und Wasserwirtschaft befanden sich ebenso in öffentlicher Hand wie das Gesundheits- sowie das Bildungs- und Betreuungswesen. Auch hier sorgten die Gewerkschaften, wenn auch teilweise indirekt, für ein flächendeckend hohes Lohnniveau, dass von der allgemeinen Arbeitskräfteknappheit begünstigt wurde (Bosch/Kalina 2007: 22). Die Erwerbsbeteilung von Frauen wurde durch das konservative Alleinernährermodell (vgl. Esping-Andersen 1998) und familienpolitische Steuerbegünstigungen, wie z.B. das Ehegattensplitting, vergleichsweise gering gehalten.
2 Das deutsche Modell im Umbruch
Bereits Anfang der 80er Jahre zeigten sich erste Risse in der Fassade der „Blaupausen-Nation“ (Czada 2008: 188). Durch stetig steigende Arbeits- und So-
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zialkosten wurde vermeintlich minderwertigen, niedrigproduktiven Tätigkeiten die Grundlage entzogen (ebd.). Als zu zahlender Preis der einseitig auf den Export von High-Tech-Produkten ausgelegten Hochlohnstrategie offenbarte sich zunehmend verfestigende Langzeitarbeitslosigkeit (Streeck 1995: 18; Czada 2008: 189). Zur Problembearbeitung wurde die Stellschraube nicht etwa auf der Nachfrageseite bewegt, sondern auf der Angebotsseite: Anstelle der Reintegration überschüssiger Arbeitskräfte (wie z.B. in den Skandinavischen Ländern) wurde durch die Produktivitätskoalition, bestehend aus Staat, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, mittels Frühverrentung und Arbeitszeitreduktionen eine Verknappung des Arbeitskräfteangebots forciert, um das System, und mit ihm die komprimierte Lohnstruktur, zu stabilisieren (Czada 2004: 129). Zwar hatte sich bereits vor der Wiedervereinigung die Einsicht durchgesetzt, dass die Frühverrentung hinsichtlich der Tragfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme zu weit gegangen sei (Streeck 2005). Gleichwohl ging mit dem Institutionentransfer (vgl. z.B. Czada/Lehmbruch 1998) im Zuge des Beitritts der neuen Bundesländer zur alten Bundesrepublik auch eine Übernahme des westdeutschen Beschäftigungsmodells einher:
Bent on protecting West German institutions, all relevant parties more or less consciously opted for a policy of trying to buy the East German economy into the West German highwage system, at whatever cost to East German workers or West German taxpayers, in the hope that somehow the price would be less than catastrophic. (Streeck 1995: 21; Herv. i.O.) Diese Hoffnung wurde letztlich grandios enttäuscht: Größe und Ausmaß des Wohlfahrtstransfers von West nach Ostdeutschland suchen bis heute weltweit ihresgleichen (vgl. Czada 2006). Die, infolge des Transfers des westdeutschen Hochlohnmodells, drohende Beschäftigungskatastrophe wurde durch den altbewährten Rückgriff auf die Rentenkasse (vgl. Czada 2005) und durch Maßnahmen der „aktiven“ Arbeitsmarktpolitik abgefedert (Oschmiansky 2009: 19). Dies war freilich nicht nur für die Tragfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme folgenreich, sondern auch für das Wachstum der an den Faktor Arbeit gekoppelten Sozialbeiträge (Streeck 2005): Jeder weitere Schritt die Arbeitslosigkeit mittels Frühverrentung zu senken, schlägt sich rückwirkend auf die Höhe der Sozialabgaben und damit auch auf die Arbeitskosten nieder, was letzten Endes beschäftigungshemmend wirkt. Während ein Großteil der hochproduktiven Exportwirtschaft zunehmende Sozialkosten durch Produktivitätssteigerungen und Produktionsreorganisation kompensieren oder gar nutzen konnte (Bosch/Kalina 2007: 62), waren die Auswirkungen auf die Beschäftigungspotenziale im inländischen Dienstleistungs-
sektor und damit auf die Beschäftigungspotenziale niedrigqualifizierter, wesentlich verheerender (vgl. Scharpf 1997).
Nicht nur die steigenden Kosten der Wiedervereinigung, auch die Globalisierung hat die tragenden Säulen des auf den sozialpartnerschaftlichen Korporatismus gegründeten deutschen Modells bedeutend geschwächt. Die Internationalisierung des Finanzsystems und der rasende Fortschritt der elektronischen Kommunikationstechnologie verwandelten das national domestizierte „geduldige“ in ungeduldiges global agierendes Kapital (ebd.: 24). Die vormals enge, auf Langzeitinvestitionen ausgerichtete Beziehung zwischen Banken und Firmen veränderte sich in ein nunmehr von der Logik des Marktes geprägtes Verhältnis (Streeck 1995: 24). 1 Nach der Jahrtausendwende vollzog sich schließlich die „Abkehr von überholten Prinzipien der kollektiven Absicherung auf Gegenseitigkeit zugunsten einer vom freien Markt regulierten Meritokratie“ (Streeck 2005; Herv. i.O.) auch in der auf Solidarität und Risikoausgleich begründeten Deutschland AG (Streeck 2005; Bosch/Kalina 2007: 64).
Die wachsende Konkurrenz auf den internationalen Märkten setzte nicht nur die Anbieter unter Preisdruck, sondern auch den Arbeitsmarkt. Insbesondere die geographische Nähe der osteuropäischen Länder bot und bietet nicht nur ein großes Reservoir an billigen, qualifizierten Arbeitskräften, sondern auch weitreichende Möglichkeiten der Produktionsauslagerung (Streeck 1995: 23). 2 Unternehmen begannen sich mehr auf ihr „Kerngeschäft“ zu besinnen (Streeck 2005), was in der Praxis verstärktes Outsourcing und Offshoring von geeigneten Tätigkeiten in lohngünstigere Wirtschaftsbereiche oder gar ins Ausland bedeutet (Bosch/Kalina: 66). 3 Gleichzeitig sehen sich die Gewerkschaften mit bis heute anhaltendem Mitglieder- 1 Manmag sich in diesem Zusammenhang auch an Zielsteckung von 25% Eigenkapitalrendite erinnern, die Deutsche Bank Chef Josef Ackermann einst vorgegeben hat.
2 Nach dem Beitritt der MOEL zur EU hat Deutschland mehrfach die Verlängerungsoption zur Einschränkung der Freizügigkeit von Arbeitnehmern gezogen, um befürchtete Folgen für den Arbeitsmarkt zu vermeiden. Da jüngst nicht mehr von einem Arbeits- sondern von einem Arbeitskräftemangel die Rede ist, scheint die Freizügigkeit im neuen Kontext begrüßenswert zu sein (vgl. z.B. Baas/Brücker 2011)
3 Sinns (2005) nicht unumstrittene (siehe z.B. Handelsblatt 2005) Basarhypothese besagt, dass die Auslagerung der Produktion mittlerweile so weit gegangen sei, dass ein Großteil der vorgelagerten Produktion, aufgrund der nicht wettbewerbsfähigen deutschen Löhne, mittlerweile in diesen
Länder erbracht wird. In Deutschland werde lediglich, so Sinn überspitzt, das Siegel „Made in Germany“ aufgeklebt, um die Waren dann zu exportieren. Der Standort Deutschland fungiere deshalb mehr als Handelsdrehscheibe (Basar), denn als Produktionsstandort.
Arbeit zitieren:
Moritz Schrapers, 2011, Das deutsche Modell im Wandel, München, GRIN Verlag GmbH
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