Insgesamt sind demnach ca. 3.000.000 Menschen Mitglied einer dieser zahlreichen Gruppen. Mit diesem hohen Ausmaß an Selbsthilfegruppen liegt Deutschland im europäischen Vergleich mitunter an der Spitze.
Gründe, die für den stetigen Anstieg von Selbsthilfegruppen verantwortlich sind, sind einerseits die Zunahme der chronischen und psychischen Erkrankungen und andererseits die veränderten Strukturen innerhalb der Familien. Ein weiterer Grund könnten die Mängel und Lücken innerhalb der bestehenden Versorgungsstruktur sein, die dazu führen, dass man sich in den Selbsthilfegruppen die Hilfe sucht, die im System nicht zu finden sind. Die Zahl der Selbsthilfegruppen wird schätzungsweise konstant bleiben oder gar steigen, da es auch in Zukunft immer Situationen geben wird, in denen Menschen aufgrund von Krankheit oder Unfällen in Not geraten werden und auf die Hilfe von außen nicht verzichten möchten und können 2 .
Hierbei ist die Bandbreite der Themenbereiche, die in einer Selbsthilfegruppe behandelt wird, äußert umfassend und behandelt sowohl gesundheitliche als auch soziale Aspekte. Die Therapiegestaltung einer Selbsthilfegruppe ist eine anerkannte Bewältigungshilfe in Bezug auf Krankheiten oder Ängste. Besonders positiv wird hierbei einerseits der Aspekt hervorgehoben, dass diese Form der Therapie nicht zwingend notwendig mit einer Verabreichung von Medikamenten verbunden sein muss und andererseits, dass sich die Arzt-Patienten-Beziehung als inniger und vertrauenswürdiger darstellt.
Zudem wurde in einem Bericht der Enquetekommission „Bürgerschaftliches Engagement“ das Konzept der Selbsthilfegruppen als „wesentliches Element aktiver Bürgerbeteiligung in der sozialstaatlich organisierten Gesellschaft Deutschland“ 3 beschrieben, was wiederum zum Ausdruck bringt, dass diese Form der Therapie in der Gesellschaft zunehmend an Anerkennung gewann. Als Konsequenz erlangte sie auf Bundesebene mehr Beachtung und konnte dementsprechend konkreter in die Gesundheitsförderung eingebunden wurde. Diese Aufwertung von Selbsthilfegruppen, die sich im Gesundheitssystem vollzog, führte in der Bevölkerung zu einem Wachsen des Vertrauens, weshalb in einer repräsentativen Bevölkerungsstudie gut ein Viertel der Befragten „Selbsthilfegruppen für am besten geeignet hielten, um Interessen von Bürgern in der Gesundheitspolitik zu vertreten“ 4 .
2
2 Vgl. Kindler, Kilian. Wohlfahrtsverbände und Selbsthilfegruppen zwischen Interessenegoismus und Altruismus. Hartung-Gorre Verlag Konstanz.1992. S.13
3 Robert Koch-Institut: Selbsthilfe im Gesundheitsbereich. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 23. August 2004. S.7
4 Robert Koch-Institut: Selbsthilfe im Gesundheitsbereich. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 23. August 2004. S.8
2.2 Definition von Selbsthilfegruppen
Selbsthilfegruppen werden nicht erst nach Auftreten eines Leidens bzw. Symptoms aufgesucht, sondern bei Bedarf auch um Prävention zu betreiben, um einer Erkrankung vorzubeugen. Die Therapieformen in solch einer „Gesundheitsbezogenen Selbsthilfe“ zeigt sich hierbei z.B. in sportlichen Aktivitäten oder bewusst gesunder Ernährung. Die Gründe eines Besuches einer Selbsthilfegruppe liegen nicht immer bei der Erkrankung der eigenen Person, sondern es wird auch häufig Gebrauch davon gemacht, wenn Familienmitglieder davon betroffen sind und man nur schwer mit dieser Situation umgehen kann.
Die Themenschwerpunkte einer Selbsthilfegruppe sind entweder „Erkrankung und Behinderung“, wozu ebenfalls die Schwerpunkte Sucht und psychische Erkrankungen zählen (etwa zwei Drittel der Selbsthilfegruppen beziehen diesen Themenschwerpunkt 5 ), oder aber die „soziale Selbsthilfe“, die Themenschwerpunkte des Alters, Beziehung oder Arbeitslosigkeit umfasst.
Es werden zwei Formen der Selbsthilfe unterschieden: Auf der einen Seite gibt es die individuelle Selbsthilfe, bei der eine Einwirkung anderer Personen ausgeschlossen ist und die Behandlung individuell auf einen Patienten erfolgt. Auf der anderen Seite ist die kollektive Selbsthilfe zu benennen, bei der sich Menschen zusammenfinden, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben und sich durch dieses gegenseitige Verständnis unterstützen können. Oftmals fühlen sich Patienten gerade dann gut in einer Gruppe aufgehoben, wenn sie von Menschen mit dem gleichen Schicksal umgeben sind und so von deren Erfahrungsberichten profitieren können. In diesem Fall ist die „Selbst-Hilfe“ auch als „Fremd-Hilfe“ zu verstehen, aufgrund der Tatsache, dass man Hilfe im Dialog mit anderen Betroffenen sucht bzw. findet.
Das Besondere an Selbsthilfegruppen ist vor allem, dass sie nur selten von professionellen Ärzten bzw. Psychologen geleitet werden, sondern von Menschen, die zwar keine spezielle Ausbildung in diesem Bereich besitzen, den Teilnehmern jedoch zuhören können und ihnen durch langjährige Erfahrung bei der Bewältigung ihrer Probleme Hilfe bieten möchten. Es geht den Selbsthilfegruppen stets um die Unterstützung von Menschen mit Problemen und nicht um eine Chance, aus dem Leiden anderer Menschen einen Profit zu schlagen. Aufgrund der Tatsache, dass die Selbsthilfegruppen eine breite Vielfalt an Behandlungsmöglichkeiten bieten und sich Sitzungen nach den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmen richtet, ist eine konkrete Definition einer „Selbsthilfegruppe“ nur schwer zu äußern. Eine in der Gesellschaft gängige Definition lautet, dass „Selbsthilfegruppen freiwillige 3
5 Vgl. Robert Koch-Institut: Selbsthilfe im Gesundheitsbereich. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 23. August 2004. S.11
Zusammenschlüsse von Menschen auf örtlicher/regionaler Ebene sind, um gemeinsam Krankheiten und psychische Probleme, an denen sie selbst oder Angehörige leiden, zu lösen“ 6 . Zudem werden zwei verschiedene Formen der Selbsthilfe unterschieden. Zu einem gibt es die „private Selbsthilfe“, die sich darin auszeichnen, dass die Betroffenen mit der Absicht teilnehmen, nur sich selber helfen zu wollen. Zu anderen kann jedoch auch eine „soziale Selbsthilfegruppe“ aufgesucht werden, wie zu Beginn bereits erörtert worden ist. In dieser Form der Selbsthilfegruppe geht es im Wesentlichen darum sowohl sich als auch anderen Betroffen zu helfen.
2.3 Altruismus
Wenn Betroffene Menschen, die mit Problemen in ihrem Leben zu kämpfen haben, dennoch die Kraft und Zeit aufbringen, um anderen Menschen in schwierigen Situationen zu helfen, wird von Altruismus gesprochen.
Diese Unterstützung von anderen Betroffenen gibt ihnen ein Gefühl der Anerkennung und Selbstachtung. Dies führt wiederum zu einem ansteigenden Gefühl in der Gesellschaft gebraucht zu werden. Sie empfinden durch ihre Unterstützung etwas Positives bewirken zu können. Diese Form der Hilfe gegenüber anderen Menschen dient gleichzeitig der eigenen therapeutischen Behandlung und hat somit einen positiven Aspekt für beide Seiten. Das heißt, dass man einen doppelten Nutzen daraus zieht, wenn man anderen Menschen hilft: Zum Einen wird jenen geholfen, die diese Hilfe wirklich nötig haben, und zum Anderen hilft man sich selber durch das neu erlangte oder gestärkte Gefühl der Selbstbestätigung.
2.4 Wie arbeitet eine Selbsthilfegruppe ?
Da es noch viele unerforschte oder nur im kleinen Kreise bekannte Erkrankungen gibt, die zu diesem Zeitpunkt kaum Selbsthilfegruppen für die Betroffenen anbieten, werden diese Betroffenen in die sogenannten „Blauen Adressen“ aufgenommen. Auf diesem Wege werden Betroffene gesucht, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Wenn sich dann mehrere Betroffene durch diese „Blauen Adressen“ zusammen gefunden haben, wird der Erkrankung mehr Beachtung geschenkt und den Betroffenen schließlich Hilfe gegeben.
Die Selbsthilfegruppe hat es sich zum Ziel gesetzt, den Betroffenen eine psychosoziale 4
6 Robert Koch-Institut: Selbsthilfe im Gesundheitsbereich. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 23. August 2004. S.9
Hilfestellung zu bieten und ihnen bei der Alltagsbewältigung zu helfen. Durch die Gruppensitzung, an der Menschen mit der gleichen Problematik teilnehmen, können sie sich gegenseitig von ihren Erfahrungen berichten. Durch dieses Gemeinschaftsgefühl wird den Betroffenen ein Gefühl der Sicherheit und des Verständnisses gegeben, weshalb sich sich in der Gruppe öffnen können und von ihren Ängsten berichten können. Sie erfahren so, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine dastehen und sie nicht die einzigen Betroffenen sind. Diese Art und Weise der psychologischen Versorgung unter den Betroffenen kann oftmals nicht von Ärzten in dieser Qualität sichergestellt werden, da sich die Patienten-Arzt-Beziehung von einer Gruppensitzung unterscheidet. Damit Selbsthilfegruppen dauerhaft bestehen können, sind sie jedoch auch auf Hilfe von außen angewiesen. Diese stellt sich in finanzieller Unterstützung, Bereitstellung von Räumen oder auch in der internationalen Verbreitung von Informationen über das breite Spektrum einer Selbsthilfegruppe dar.
3. Selbsthilfeorganisationen
Wenn sich mehrere Selbsthilfegruppen einer Region zu bundes- oder landesweiten Verbänden zusammenschließen, spricht man von einem Übergang in eine Selbsthilfeorganisation. Diese Form einer Organisation befasst sich stets mit einem spezifischen Aspekt eines medizinischen oder sozialen Problems. Eine der zahlreichen Selbsthilfeorganisationen ist z.B. der „Kehlkopflosen Verband“, wobei zu den bekanntesten Verbänden sicherlich die der „Anonymen Alkoholiker“ zählt. Alle Selbsthilfeorganisationen werden zusammengefasst in den sogenannten „Grünen Adressen“ aufgelistet, an die sich Hilfesuchende wenden können.
Einer der Unterschiede zwischen der Selbsthilfe und der Selbsthilfeorganisation ist der, dass die Mitglieder einer Selbsthilfeorganisation im Gegensatz zu der Selbsthilfe nicht zwingend Betroffene sein müssen, sondern auch fachspezifische Ärzte oder Forscher sein können, die sich durch ihr großes Interesse für diesen Bereich der Organisation auszeichnen. Des Weiteren ist eine Selbsthilfeorganisation besser organisiert als eine Selbsthilfegruppe und besitzt über zahlreiche Mitarbeiter, die sich auf formaler Ebene in Geschäftsstellen um die jeweilige Organisationen kümmern.
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Arbeit zitieren:
2009, Selbsthilfegruppen, München, GRIN Verlag GmbH
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