1
Metallhandwerker aus der Bronzezeit
beim Schleifen eines Schwertes.
Ausschnitt aus einer Zeichnung
von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter,
für das Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
von Ernst Probst
3
Ernst Probst
Deutschland in der
Spätbronzezeit
Mit Zeichnungen
von Friederike Hilscher-Ehlert
5
Widmung
Dr. Rolf Breddin, Potsdam
Dr. Claus Dobiat, Marburg
Professor Dr. Markus Egg, Mainz
Professor Dr. Hans-Eckart Joachim, Bonn
Professor Dr. Albrecht Jockenhövel, Münster
Professor Dr. Horst Keiling, Schwerin
Professor Dr. Rüdiger Krause, Frankfurt/Main
Dr. Friedrich Laux, Hamburg
Professor Dr. Berthold Schmidt, Halle/Saale
Dr. Peter Schröter, München
Dr. Klaus Simon, Dresden
Dr. Otto Mathias Wilbertz, Hannover
gewidmet, die mich bei meinem Buch
»Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
mit Rat und Tat unterstützt haben,
sowie der wissenschaftlichen Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert
6
So genannte »reiche Frau« der Urnenfelder-Kultur
auf einer von dem Münchener Historienmaler
und Altertumsforscher Julius Naue (18321907)
geschaffenen historischen Trachtenrekonstruktion
7
Inhalt
Vorwort / Seite 11
Die Spätbronzezeit in Deutschland
Abfolge und Verbreitung der Kulturen
und Gruppen / Seite 13
Die Zeit der Unruhestifter
Die Urnenfelder-Kultur
von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. / Seite 17
Orakelsteine und Kreisgräben
Die ältere Niederrheinische Grabhügel-Kultur
von etwa 1200 bis 750 v. Chr. / Seite 123
Mit angeschmiedetem Schmuck ins Bett
Die Lüneburger Gruppe
in der mittleren Bronzezeit
von etwa 1200 bis 1100 v. Chr. / Seite 141
Stoßlanzen und Kurzschwerter
Die Allermündungs-Gruppe
in der mittleren Bronzezeit
von etwa 1200 bis 1100 v. Chr. / Seite 157
Zeichen der Unruhe im Norden
Die Stader Gruppe in der mittleren Bronzezeit
von etwa 1200 bis 1100 v. Chr. / Seite 163
8
Selbstausstattungen für das Jenseits
Die Lüneburger Gruppe
in der jüngeren Bronzezeit
von etwa 1100 bis 800 v. Chr./ Seite 169
Der »heilige Wagen« aus Stade
Die Stader Gruppe in der jüngeren Bronzezeit
von etwa 1100 bis 800 v. Chr. / Seite 179
Mit dem Rasiermesser ins Grab
Die Ems-Hunte-Gruppe
in der jüngeren Bronzezeit von
etwa 1100 bis 800 v. Chr. / Seite 195
Die Funde von der Walkemühle
Die jüngere Bronzezeit im südlichen Niedersachsen
von etwa 1100 bis 800 v. Chr. / Seite 207
Regenzauber mit Kesselwagen?
Die nordische mittlere Bronzezeit
von etwa 1200 bis 1100 v. Chr. / Seite 223
Das Seddiner »Königsgrab«
Die nordische jüngere Bronzezeit
von etwa 1100 bis 800 v. Chr. / Seite 243
Geschirr und Menschen als Opfergaben
Die Unstrut-Gruppe
von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. / Seite 297
9
Das Gräberfeld vom Sehringsberg
Die Helmsdorfer Gruppe
von etwa 1300/1200 bis 600 v. Chr. / Seite 315
Die bemalten Steinkisten
Die Saalemündungs-Gruppe
von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. / Seite 327
Als Berlin noch ein Dorf war
Die Lausitzer Kultur
von etwa 1300/1200 v. Chr. bis 500 v. Chr. / Seite 337
Anmerkungen / Seite 375
Literatur / Seite 445
Bildquellen / Seite 527
Die wissenschaftliche Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert / Seite 531
Der Autor Ernst Probst / Seite 533
Bücher von Ernst Probst / Seite 535
10
Der dänische Archäologe
Christian Jürgensen Thomsen (17881865)
hat 1836 die Urgeschichte
nach dem jeweils am meisten verwendetem Rohstoff
in drei Perioden eingeteilt:
Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit.
11
Vorwort
R
und 500 Jahre Urgeschichte von etwa 1300/1200
bis 800 v. Chr. passieren in dem Taschenbuch
»Deutschland in der Spätbronzezeit« in Wort und Bild
Revue. Es befasst sich mit den Kulturen und Gruppen,
die in dieser Zeitspanne zwischen Nordseeküste und
Alpen existierten. Geschildert werden die Anatomie und
Krankheiten der damaligen Ackerbauern, Viehzüchter
und Bronzegießer, ihre Siedlungen, Kleidung, ihr
Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge, Waffen, Haustiere,
Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel, ihre Kunstwerke
und Religion.
Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst
Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch-
land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit«
(1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen
Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Deutschland
in der Spätbronzezeit« ist Dr. Rolf Breddin, Professor
Dr. Claus Dobiat, Professor Dr. Markus Egg, Professor
Dr. Hans-Eckart Joachim, Professor Dr. Albrecht
Jockenhövel, Professor Dr. Horst Keiling, Professor Dr.
Rüdiger Krause, Dr. Friedrich Laux, Professor Dr.
Berthold Schmidt, Dr. Klaus Simon und Dr. Otto Mat-
hias Wilbertz gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat
bei den Recherchen über Kulturen der Spätbronzezeit
unterstützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissen-
schaftlichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus
Königswinter.
12
PAUL REINECKE,
geboren am 25. September 1872
in Berlin-Charlottenburg,
gestorben am 12. Mai 1958 in Herrsching.
Er wirkte 1897 bis 1908
am Römisch-Germanischen Zentralmuseum
in Mainz. 1908 bis 1937
war er Hauptkonservator
am Bayerischen Landesamt
für Denkmalpflege in München.
1917 wurde er kgl. Professor.
Reinecke teilte 1902 die Bronzezeit
in die Stufen A bis D ein.
1902 sprach er von der Straubinger Kultur
sowie von der Grabhügelbronzezeit
und später von der Hügelgräber-Bronzezeit.
13
Die Spätbronzezeit
in Deutschland
Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen
H
eute ordnet man der Spätbronzezeit außer den
Stufen Hallstatt A und B (etwa 1200 bis 800 v.
Chr.) auch die Bronzezeit D (etwa von 1300 bis 1200 v.
Chr.) zu, die vorher als letzte Stufe der Mittelbronzezeit
galt. Die Stufenbezeichnung und Inhalte der Bronzezeit
D, Hallstatt A und B entsprechen weitgehend der 1902
vorgenommenen Gliederung des damals in Mainz ar-
beitenden Prähistorikers Paul Reinecke (18721958).
Als die wichtigsten damaligen Kulturen in Deutschland
gelten die Urnenfelder-Kultur, die Lausitzer Kultur und
die nordische Bronzezeit, die sämtlich besonders große
Gebiete einnahmen. Daneben gab es etliche kleinere
Kulturen und Gruppen.
Baden-Württemberg, Bayern, das Saarland, Rheinland-
Pfalz, Hessen, Teile Nordrhein-Westfalens (Nieder-
rheinische Bucht) und Südthüringens gehörten von etwa
1300/1200 bis 800 v. Chr. zum Bereich der Urnenfelder-
Kultur (s. S. 17).
1
Diese war im Raum nördlich der Alpen
verbreitet.
Im Niederrheinischen Tiefland Nordrhein-Westfalens
existierte von etwa 1200 bis 750 v. Chr. die Nieder-
rheinische Grabhügel-Kultur (s. S. 123), eine Unter-
gruppe der Urnenfelder-Kultur.
14
Für Norddeutschland gilt die bronzezeitliche Chro-
nologie des schwedischen Prähistorikers Oscar Mon-
telius (18431921). Ihr zufolge wird in Niedersachsen,
Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und im
nördlichen Brandenburg die Zeit von etwa 1200 bis 1100
v. Chr. als mittlere Bronzezeit (Periode III) und die Zeit
von etwa 1100 bis 800 v. Chr. als jüngere Bronzezeit
(Perioden IV und V) bezeichnet. Die durch das Kul-
turgefälle in der Frühbronzezeit zwischen dem Süden
und dem Norden bewirkte Phasenverschiebung von
Bronzezeitstufen setzt sich also terminologisch fort.
In die mittlere Bronzezeit fallen in Niedersachsen die
Lüneburger Gruppe (s. S. 141), die Allermündungs-
Gruppe (s. S. 157) und die Stader Gruppe (s. S. 163),
letztere aber nur noch mit wenigen sicher datierbaren
archäologischen Funden.
In der jüngeren Bronzezeit gab es in Niedersachsen
ebenfalls eine Anzahl von Regionalgruppen, so die
Lüneburger Gruppe (s. S. 169), die Stader Gruppe (s.. S.
179) und die Ems-Hunte-Gruppe (s. S. 195). In anderen
Landstrichen Niedersachsens spricht man nur allgemein
von der jüngeren Bronzezeit (s. S. 207), obschon auch
hier Ansätze für eine regionale Gliederung erkennbar
sind.
In Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, im
Stader Bereich (Niedersachsen) und im nördlichen
Brandenburg behauptete sich von etwa 1200 bis 1100
v. Chr. die nordische mittlere Bronzezeit (s. S. 223) und
von etwa 1100 bis 800 v. Chr. die nordische jüngere
Bronzezeit (s. S. 243). Das Zentrum der nordischen
Bronzezeit lag in Skandinavien.
15
Im Thüringer Becken existierte von etwa 1300/1200
bis 800 v. Chr. die Unstrut-Gruppe (s. S. 297). Etwa zur
gleichen Zeit gab es in Sachsen-Anhalt die Helmsdorfer
Gruppe (s. S. 314) und die Saalemündungs-Gruppe (s.
S. 327).
Sachsen und das südliche Brandenburg zählten von etwa
1300/1200 bis 500 v. Chr. zur Lausitzer Kultur (s. S.
337) und zum Kreis ihrer Nachfolgekulturen, zum
Beispiel Billendorfer Kultur und Hausurnen-Kultur.
Die Lausitzer Kultur war damals in Osteuropa
heimisch.
16
ERNST WAGNER,
geboren am 5. April 1832 in Karlsruhe,
gestorben am 7. März 1920 in Karlsruhe.
Der Sohn des Stadtpfarrers
von Schwäbisch Gmünd
war 1861 bis 1863 Erzieher in London
und 1864 bis 1875 Erzieher
des Erbgroßherzogs in Karlsruhe.
1867 wurde er Leiter
der Friedrichschule.
Von 1875 bis 1919 leitete er
die Großherzogliche Altertümersammlung
(das spätere Badische Landesmuseum in Karlsruhe)
und war Oberschulrat.
Auf Wagner geht der Begriff
Urnenfelder-Kultur zurück.
17
Die Zeit der Unruhestifter
Die Urnenfelder-Kultur
D
ie Urnenfelder-Kultur gilt in Europa als eine
der wichtigsten Kulturen der Spätbronzezeit.
Sie bestand von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. und
vermochte sich vom nördlichen Balkan über die
Donauländer bis zur Oberrheinregion auszubreiten.
In Deutschland war sie in Baden-Württemberg,
in Bayern, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, in Hessen,
in Teilen Nordrhein-Westfalens (Niederrheinische
Bucht) und südlich des Thüringer Waldes hei-
misch.
Der Begriff »Urnenfelder-Kultur« fußt darauf, dass
damals die Toten auf Scheiterhaufen verbrannt und
danach häufig ihre Asche beziehungsweise Kno-
chenreste in tönerne Urnen geschüttet und in Brand-
gräbern beigesetzt wurden. Gelegentlich bilden die
Brandgräber ausgedehnte Urnenfelder mit Dutzenden
oder Hunderten von Bestattungen.
Als erster formulierte 1885 der Direktor der Großher-
zoglichen Sammlungen in Karlsruhe, Ernst Wagner
(18321920), die Bezeichnung »Urnen-Friedhöfe«. Seine
Publikation »Hügelgräber und Urnen-Friedhöfe in
Baden« wurde 1886 durch den Königsberger Prä-
historiker Otto Tischler (18431891) in der »West-
deutschen Zeitschrift« kommentiert. Dabei sprach
Tischler von »Urnenfeldern der Bronzezeit«.
18
Der Königsberger Prähistoriker
Otto Tischler (1843
1891)
sprach 1886 in einem Beitrag,
in dem er die 1885 erschienene Publikation
»
Hügelgräber und Urnenfriedhöfe in Baden
«
kommentierte,
von
»
Urnenfeldern der Bronzezeit
«
.
Karte auf Seite 19:
Verbreitung der Kulturen und Gruppen während
der Spätbronzezeit (etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.)
in Süddeutschland und der mittleren Bronzezeit
in Norddeutschland
20
Nach Ansicht der meisten Prähistoriker war die Urnen-
felder-Zeit ein unruhiger Abschnitt der Urgeschichte.
Damals setzten vermutlich in vielen Gebieten Europas
große Völkerwanderungen ein, die vielleicht im mittleren
Donauraum ihren Ausgang nahmen. Sie erreichten
wahrscheinlich nicht nur Süddeutschland, sondern auch
den Balkan und die östliche Mittelmeerregion. Sogar
die Ägypter mußten sich der Eindringlinge mit
Waffengewalt erwehren.
Ihre Ursache hatten die großen Wanderungen der
Unruhestifter womöglich in einer erheblichen Bevöl-
kerungszunahme, deren Folgen durch ein ungünstiges
trockenes Klima verstärkt wurden. Ein weiteres Motiv
könnte das Interesse von Anführern der betroffenen
Gemeinschaften an Kriegszügen gewesen sein, die bei
erfolgreichem Verlauf sowohl Beute als auch Ansehen
mehrten. Diese Kriegszüge nun bewirkten vermutlich
Ausweichbewegungen jener Stämme, in deren Gebiete
die Eroberer zuerst eindrangen.
Es gab aber auch Experten, die derartige Wanderungen
bezweifelten. Der Freiburger Prähistoriker Georg Kraft
(18941944) beispielsweise schloss 1927 nach der
Untersuchung süddeutscher Urnenfelder aus, dass eine
große Kulturbewegung von Osten nach Westen
stattgefunden habe. Im Gegensatz dazu vertrat 1938
der österreichische Prähistoriker Richard Pittioni (1906
1985) die Ansicht, in der Lausitz zwischen Sachsen,
Brandenburg und Schlesien habe im 13. Jahrhundert v.
Chr. eine große Abwanderung eingesetzt. Aus der
Begegnung der wandernden Gruppen mit den älteren
einheimischen Kulturen in verschiedenen Teilen
21
Europas seien als Folge lokale Urnenfelder-Gruppen
entstanden, die sich im 12. und 11. Jahrhundert v.
Chr. über fast den gesamten Kontinent verbreitet hät-
ten.
Angesichts bestimmter Gemeinsamkeiten bei den ar-
chäologischen Funden etwa immer wiederkehrender
ähnlicher Gefäßtypen meinte Pittioni auch, alle Ur-
nenfelder-Gruppen hätten einer Gemeinschaft mit
derselben Sprache angehört. Er nahm an, dass die Ur-
nenfelder-Kultur mit einer konkreten Einzelsprache,
nämlich dem Illyrischen, in Verbindung gebracht wer-
den könne, und sprach in diesem Zusammenhang von
so genannten Proto-Illyrern. Laut Pittioni waren die
Urnenfelder-Leute Alteuropäer, die weite Teile Europas
in Besitz nahmen.
Der Tübinger Prähistoriker Wolfgang Kimmig bestritt
1964, dass die einzelnen Urnenfelder-Gruppen einem
Volk angehört hätten. Nur die östlichen Gruppen ließen
sich dem illyrischen Volkstum zuordnen. Wie Pittioni
befürwortete auch Kimmig die Theorie der Wande-
rungen, die neben Kulturkontakten und einem Kultur-
austausch mit verschiedensten gegenseitigen Beein-
flussungen für die Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur
verantwortlich seien.
Nach Auffassung Kimmigs führten die Wanderungen
der Urnenfelder-Leute über Griechenland, die ägäi-
schen Inseln bis nach Syrien, Palästina und Ägypten.
Demzufolge wären europäische Fremdlinge in den
Mittelmeerraum eingedrungen und hätten dort ähnli-
che Unruhen ausgelöst wie in Mitteleuropa, Italien,
Frankreich, Spanien und sogar England.
22
Für Süddeutschland und das Ostalpengebiet werden
die 1902 durch den damals in Mainz arbeitenden
Prähistoriker Paul Reinecke (18721958) eingeführten
Stufenbezeichnungen Bronzezeit D, Hallstatt A und
Hallstatt B verwendet. Davon umfasst Hallstatt A zwei
Unterstufen (Ha A 1, Ha A 2), Hallstatt B dagegen drei
Unterstufen (Ha B 1, Ha B 2, Ha B 3).
Die Einteilung der Stufen und Unterstufen basiert auf
bestimmten Bronzeobjekten und ihrem Formenwandel
(Schwerter, Dolche, Messer, Rasiermesser, Nadeln, Fi-
beln, Armringe, Tassen) sowie Tongefäßen. Die zahl-
reichen kennzeichnenden Formen dieser Stufen und Un-
terstufen wurden 1959 durch bis dahin in München
tätigen Prähistoriker Hermann Müller-Karpe be-
schrieben. Eine genaue Auflistung all jener Objekte ist
in einem populärwissenschaftlichen Buch wie diesem
nicht möglich.
Nach neuesten Überlegungen wird heute die Urnen-
felder-Kultur dreigegliedert.
1
Die erste Stufe entspricht
der späten Hügelgräber-Bronzezeit (Bronzezeit D) und
der frühen Urnenfelder-Zeit (Hallstatt A 1). Die zweite
Stufe umfasst die mittlere Urnenfelder-Zeit (Hallstatt
A 2 bis B 1) und die dritte Stufe die späte Urnenfelder-
Zeit (Hallstatt B 2/3).
Klimatisch gesehen herrschte während der Urnenfelder-
Zeit eine Trockenphase. Gegen Ende dieser Zeit um
800 v. Chr. ereignete sich ein Klimasturz, der mit hö-
heren Niederschlagsmengen verbunden war. Dies hat-
te zur Folge, dass der Wasserspiegel der Seen anstieg
und die Seeufersiedlungen (»Pfahlbauten«) in Süd-
deutschland aufgegeben werden mussten.
23
Die archäologischen Funde deuten darauf hin, dass wohl
mächtige Häuptlinge, »Fürsten« und Priester das Sagen
hatten. Denn nur so sind der arbeits- und zeit-
aufwendige Bau von befestigten Höhensiedlungen
(»Burgen«) sowie die kultisch motivierten Sach-, Tier-
und Menschenopfer zu erklären. Neben Einzelbe-
gräbnissen bedeutender Persönlichkeiten in ein-
drucksvollen Gräbern und mit reichen Beigaben (Wa-
gengräber, s. S. 74) gab es Friedhöfe mit Hunderten von
gleichartigen Brandgräbern.
Welche Körpergröße die damaligen Männer erlangen
konnten, wird an dem unverbrannten Skelett eines
Mannes aus dem Doppelgrab von Frankfurt/Main-
Berkersheim ersichtlich. Dieser zusammen mit einer
kleinen Frau bestattete Mann maß 1,75 Meter. Bei einer
Doppelbeisetzung von Ilvesheim (Rhein-Neckar-Kreis)
in Baden-Württemberg war der etwa 20 Jahre alte,
athletisch gebaute Mann 1,72 Meter groß. Dagegen
erreichte die mit ihm beerdigte etwa 15-jährige grazile
Frau nur 1,62 Meter.
Tönerne Spinnwirtel und Webgewichte sowie Ge-
webereste belegen, dass die Kleidung aus Flachs (Linum
usitatissimum) und Schafwolle angefertigt wurde.
Spinnwirtel sind nicht nur aus Siedlungen, sondern auch
aus vielen Gräbern bekannt.
Von einem Webstuhl stammen elf komplette pyrami-
denförmige Webstuhlgewichte und Fragmente solcher
Objekte aus Lauf (Kreis Nürnberger Land) in Bayern.
Diese Webstuhlgewichte sind in der oberen Hälfte
durchbohrt und wiegen zwischen 781 und 989
Gramm. Ihre Funktion bestand darin, senkrecht
24
herabhängende Kettfäden an einem Webstuhl straff zu
halten.
Anhaltspunkte über die Garderobe lieferten auch
bronzene Nähnadeln mit Öhr, Gewandnadeln zum
Zusammenhalten der Oberbekleidung sowie Gürtel-
haken und -bleche. Die Gewandnadeln tendierten wieder
zu kürzeren und unauffälligeren Formen. Neu waren
Nadeln mit Schmuckplatte.
Die Gürtelhaken zum Schließen von Gürteln aus Stoff
oder Leder wurden gegossen, gehämmert, aus einem
Blechstück geschnitten oder aus Blechdraht zurecht-
gebogen. Teilweise sind sie mit Ornamenten aus Reihen
dicht gesetzter Punzeinschläge versehen. Beschädigte
Gürtelhaken wurden häufig repariert.
Als heimische Erzeugnisse gelten zweischneidige bron-
zene Rasiermesser mit rechteckigem, doppelaxtähn-
lichem und fast kreisförmigem Blatt sowie teilweise
durchbrochenem Griff. Dagegen handelt es sich bei den
Exemplaren mit trapezförmiger Klinge, einseitiger
Schneide und meistens hakenförmigem Griff um
Importware aus dem Gebiet der nordischen Bronzezeit.
Manche Rasiermesser hat man aus anderen Bronze-
objekten geschaffen. So ist ein zweischneidiges kleines
Rasiermesser aus Grünwald (Kreis München) aus einem
Gürtelhaken angefertigt worden. Reparaturen von stark
in Mitleidenschaft gezogenen Rasiermessern sind durch
Funde aus Bad Buchau (Kreis Biberach) in Baden-
Württemberg und Eberstadt (Kreis Gießen) in Hessen
belegt.
Die Rasiermesser wurden in Futteralen aufbewahrt, um
ihre Schneiden vor Beschädigungen zu schützen.
25
Härchen des Futterals hafteten an Rasiermessern von
Gemmingen (Rhein-Neckar-Kreis) in Baden-Würt-
temberg sowie von Geroldshausen (Kreis Würzburg)
und Rehlingen (Kreis Weißenburg-Gunzenhausen)
in Bayern. In Gemmingen handelte es sich wahr-
scheinlich um Rehhaare von einem Lederfutte-
ral.
Experimente des Marburger Prähistorikers Dirk Vorlauf
mit der Nachbildung eines zweischneidigen Rasier-
messers ergaben, dass sich damit ein Mehrtagebart nur
schlecht oder gar nicht rasieren ließ. Eine zufrie-
denstellende Rasur wurde erst bei längeren Barthaaren
erzielt, wenn man diese festhielt und direkt über der
Haut abschnitt. Die Prozedur verlief schmerzlos, und
95 Prozent der abgeschnittenen Haare waren glatt
durchgetrennt. Bei den Rasiermessern dürfte es sich
um Gegenstände mit mehreren Funktionen handeln.
Frisiert hat man sich mit bronzenen Kämmen. Ein
solches Toilettegerät aus Hüfingen (Schwarzwald-Baar-
Kreis) in Baden-Württemberg trägt blitzartige Griffe,
die womöglich stark vereinfachte Vögel darstellen.
Die Urnenfelder-Leute wohnten in unbefestigten und
befestigten Flachland-, Seeufer-, Insel- und befestigten
Höhensiedlungen (»Burgen«). Auch manche Höhlen
dienten als vorübergehende Aufenthaltsorte.
Bei Rettungsgrabungen, die unter Leitung des
Münchener Prähistorikers Erwin Keller vom 17. April
bis zum 1. August 1980 in Unterhaching (Kreis
München) vorgenommen worden waren, stellte sich
heraus, wie groß damals teilweise die unbefestigten
Flachlandsiedlungen waren. Das Dorf von Unterha-
26
ching umfasste einst schätzungsweise etwa 80 Häuser,
von denen 51 untersucht werden konnten, und erstreckte
sich wohl auf einer Fläche von zehn bis 15 Hektar.
Die Häuser in Unterhaching bestanden aus einem
Gerüst von mindestens vier Eckpfosten sowie je nach
Wandlänge bis zu sieben Seitenpfosten. Bei breiteren
Gebäuden kamen Firstbäume hinzu, welche die
Hauptlast des Daches trugen. Die Gebäude hatten
quadratische, kurze und langrechteckige Grundrisse und
bildeten überwiegend drei- und vierteilige, aus Haupt-
und Nebengebäuden bestehende Gruppen.
Im Laufe der Zeit schadhaft gewordene Pfosten wurden
durch neue ersetzt. Wenn es nötig war, ein Haus
abzureißen, hat man das neue Gebäude im Bereich des
Vorgängerbaues errichtet. Zu diesem Dorf gehörte wohl
ein bereits 1934 entdeckter Friedhof mit Brandgräbern,
in denen man die Toten jener Siedlung bestattete.
Mehr als 40 Bauten unterschiedlicher Größe wurden
von 1987 bis 1991 bei den archäologischen Untersu-
chungen im Bereich der neuen Straßen- und Bahntrasse
südöstlich von Zuchering (Stadt Ingolstadt) in Bayern
entdeckt. Die größeren, zweischiffigen Bauten hatten
zwischen 70 und 120 Quadratmeter Nutzfläche, die
kleineren rechteckigen oder quadratischen, einschiffigen
Bauten zwischen vier und 20 Quadratmeter. Vermutlich
bildeten jeweils mehrere beieinanderliegende Gebäude,
die als Wohnhäuser, Stallungen, Vorrats- und Arbeits-
hütten dienten, eine Hofgemeinschaft.
Aus Eching
2
(Kreis Freising) in Bayern kennt man zwei
kleinere Flachlandsiedlungen. Das aus 16 Häusern
bestehende Dorf Eching 1 war durch einen Graben
27
und eine Pfostenreihe gesichert. Im Gegensatz dazu
verfügte das etwa 1200 Meter entfernte, nur teilweise
ausgegrabene Dorf Eching 2 über keinen Schutz. Auch
dort wurden 16 Häuser festgestellt, ursprünglich dürften
es nach Erkenntnissen des Münchener Prähistorikers
Stefan Winghart jedoch mehr gewesen sein. Die
Gebäude in Eching 2 waren fünf bis zehn Meter lang
und einen bis neun Meter breit.
In Dietfurt
3
(Kreis Neumarkt) in Bayern wurde beim
Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals eine unbefestigte
Flachlandsiedlung entdeckt. Dort gruppierten sich 23
Gebäude um einen Dorfplatz, auf dem sich zwei Straßen
kreuzten. Die Gebäudegrundrisse bedeckten Flächen
von fünf bis sieben Meter Länge sowie drei bis vier
Meter Breite. Größere Gebäude hatten ein Gerüst aus
drei parallelen Pfostenreihen mit je drei Pfosten, kleinere
nur zwei Reihen mit jeweils drei Pfosten.
In Riesbürg-Pflaumloch
4
(Ostalbkreis) in Baden-
Württemberg konnten Grundrisse von 17 Pfosten-
bauten verschiedener Größe in mehreren Gruppen
freigelegt werden. Ein besonders großes Gebäude war
22 Meter lang und 7,50 Meter breit. Vermutlich handelte
es sich hierbei um ein kombiniertes Wohn- und
Wirtschaftsanwesen. Andere Häuser waren bis zu 18,50
Meter lang und 8,50 Meter breit. Kleinere Bauten dienten
vermutlich zu Vorrats- und Speicherzwecken.
Zehn maximal zehn Meter lange und 2,25 Meter breite
Häuser umfasste die Siedlung von Künzing
5
(Kreis
Deggendorf) in Bayern. Andere unbefestigte Flach-
landortschaften bestanden lediglich aus drei bis sechs
Häusern.
28
Eine der seltenen befestigten Flachlandsiedlungen
wurde in Enzweiler bei Idar-Oberstein
6
(Kreis Bir-
kenfeld) in Rheinland-Pfalz entdeckt. Der dortige Ge-
bäudekomplex war auf einer Terrasse der Nahe angelegt
und durch eine Mauer, bestehend aus Holzbalken,
Lehm- und Steinfüllung, geschützt. Vor der Mauer
verlief ein ausgehobener Graben, der als weiteres
Hindernis diente.
Am Bodensee und am Federsee bei Bad Buchau lagen
in der Urnenfelder-Zeit noch Seeufersiedlungen
(»Pfahlbauten«) und Moorbauten. Sie mussten gegen
Ende dieses Abschnittes aufgegeben werden, weil der
Pegel dieser Gewässer wahrscheinlich aufgrund erhöhter
Niederschlagsmengen stark anstieg. Die letzten
Uferdörfer am Bodensee existierten um 850 v. Chr. Zu
den urnenfelderzeitlichen Ortschaften auf baden-
württembergischer Seite des Bodensees gehören die
Fundorte Hagnau-Burg
7
, Konstanz-Langenrain
8
,
Süßenmühle
9
und Unteruhldingen
10
.
Reste der befestigten Siedlung von Hagnau (Boden-
seekreis) werden jeweils bei Niedrigwasser sichtbar.
Immer dann erscheint vor Hagnau eine Insel im
Bodensee, die so genannte Untiefe Burg. An deren Ufern
sind zwischen Grundkieseln hölzerne Pfähle, Spülsäume
aus Pflanzenfasern, Hölzern und Holzkohlen sowie
Keramikreste der Urnenfelder-Kultur zu erkennen. Einst
schützten Palisaden im Norden, Osten und Süden den
130 Meter langen und 100 Meter breiten Komplex.
Die Anlage von Unteruhldingen (Bodenseekreis) wurde
an der Seeseite durch Palisaden aus Eichen-, Buchen-
und Erlenholz vor dem Wellenschlag geschützt. Die
29
Baumstämme waren meistens nicht entrindet. Diese
Palisaden hat man nach einer gewissen Zeit immer
wieder erneuert. In zwei Phasen der Besiedlung wurden
gleichzeitig eine innere Eichenreihe und eine äußere
Weichholzreihe errichtet.
Die Häuser der Seeufersiedlung von Unteruhldingen
sind in Zeilen angeordnet gewesen. Dieses Dorf am
Bodensee existierte mit Unterbrechungen etwa 120 Jahre
lang. Es konnten drei übereinanderliegende Siedlungen
mit einer Fläche von einem bis zwei Hektar nachge-
wiesen werden. Für die Pfosten der dortigen Häuser
verwendete man fast in 90 Prozent der Fälle Eichenholz.
Die Pfosten wurden rundum behauen.
Am Federsee bei Bad Buchau (Kreis Biberach) hat der
zunächst in Tübingen und später in Berlin tätige
Prähistoriker Hans Reinerth (19001990) in den Jahren
1920, 1928 und 1936 zwei Seeufersiedlungen der Urnen-
felder-Kultur freigelegt, die aus unterschiedlicher Zeit
stammen. Ihre Entdeckungsgeschichte begann damit,
dass sich ein Landwirt während der zwanziger Jahre in
trockenen Perioden über ständig neu auftauchende
Pfahlköpfe auf seiner Wiese ärgerte. Die Pfähle wurden
durch Schrumpfung der austrocknenden Schichten an
die Oberfläche gepresst.
Die Erkenntnisse Reinerths über die beiden Dörfer von
Bad Buchau sind heute teilweise überholt. Er meinte,
diese Siedlungen hätten auf einer Halbinsel oder Insel
gelegen und seien rundum von Palisaden geschützt
gewesen. Reinerth deutete beide Siedlungen irrtümlich
als »Wasserburgen« mit Wehrtürmen, Wehrgängen,
Brücken, einem Herrengehöft und hufeisenförmigen
30
Zeichnung auf Seite 31:
Rekonstruktion der
»
Wasserburg
«
bei Bad Buchau
am Federsee in Baden-Württemberg
aus der jüngeren Bauphase.
Die Rekonstruktion stammt
aus einer Publikation von 1936
des damals in Berlin arbeitenden
Prähistorikers Hans Reinerth (1900
1990).
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Anwesen. Wie er sich die »Wasserburg« vorstellte, ver-
anschaulichen Rekonstruktionselemente im Freilicht-
museum Unteruhldingen.
1941 wies der Stuttgarter Prähistoriker Oscar Paret
(18891972) nach, dass die vermeintliche »Wasserburg«
nicht auf einer Insel, sondern inmitten eines Flach-
moorgebiets nahe beim Federsees lag. Die angeblichen
Palisaden definierte er nicht als Palisadenring mit
Wehrgängen, sondern als Reste eines mehrfach aus-
gebesserten Dorfzauns.
Heute geht man davon aus, dass die ältere Siedlung bei
Bad Buchau aus der Zeit um 1100 v. Chr. aus 38 ein-
räumigen und ebenerdigen Häusern bestand. Sie waren
in Blockbauweise errichtet, hatten Flechtwände und
verfügten über eine Wohnfläche von 16 bis 20 Qua-
dratmetern. Ein größerer zweiräumiger Bau im Zent-
rum könnte dem Häuptling vorbehalten gewesen sein.
Als der Spiegel des Federsees stieg, befestigte man das
nahe Seeufer mit einem Steinpflaster und schützte die
Siedlung mit einer Palisade aus 15.000 Pfählen, die
teilweise als Wellenbrecher dienten. Zur Seeseite hin gab
es drei Reihen von Palisaden, zur Landseite hin nur eine.
Die Außen- und Innenpalisade wurden innerhalb von
je vier Jahren errichtet.
Die jüngere Siedlung existierte um 900 v. Chr. Während
dieses Abschnittes standen neun Häuser enger beiein-
ander, und manche von ihnen waren zu U-förmigen
Gehöften angeordnet. Flechtwände gliederten das
Innere der Häuser in mehrere Räume. Das Dorf wurde
bei einem Brand zerstört, vielleicht infolge eines
Überfalls.
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In den beiden Siedlungen bei Bad Buchau lebten
vermutlich zeitweise bis zu 200 Menschen. Eine sechs
bis acht Zentimeter dicke Schicht verbrannten Getreides
aus einem Gebäude der jüngeren Siedlung sowie
Knochenreste von Haustieren weisen darauf hin, dass
es sich um Bauern handelte. Wo die Einwohner ihre
Toten bestatteten, weiß man nicht.
Inselsiedlungen aus der Urnenfelder-Zeit sind von
Säckingen
11
(Kreis Waldshut) in Baden-Württemberg,
von der Roseninsel im Starnberger See
12
(Kreis
Starnberg) und im Altmühltal bei Kelheim
13
(Kreis
Kelheim) in Bayern sowie aus Groß-Rohrheim
14
(Kreis
Bergstraße) in Hessen bekannt. In Säckingen lag die
Siedlung auf einer ehemaligen Rheininsel, heute wird
das Gebiet von der Altstadt überzogen. Auf einer
ehemaligen Insel der Altmühl bei Kelheim befand sich
ein mehr als 20 Meter langes Haus, das von zwei
Palisaden umgeben wurde.
Die befestigten Höhensiedlungen (»Burgen«) wurden
teilweise rundum von Ringwällen geschützt, mitunter
aber nur an besonders gefährdeten Abschnitten durch
Wälle abgesichert. In letzterem Fall spricht man von
einer Abschnittsbefestigung. Nach den vielen Befesti-
gungen der Urnenfelder-Kultur zu schließen, war diese
Phase der Urgeschichte eine »große Zeit der Bur-
genbauer«. Die zahlreichen »Burgen« spiegeln ein
Schutzbedürfnis während Unruhezeiten wider.
Zu den Befestigungen in Baden-Württemberg gehören
die Fundorte Burgberg bei Burkheim
15
(Kreis Breisgau-
Hochschwarzwald), Dreifaltigkeitsberg bei Spaichin-
gen
16
(Kreis Tuttlingen), Runder Berg bei Urach
17
(Kreis
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Reutlingen) und Zargenbuckel bei Aschhausen-
Schöntal
18
(Hohenlohekreis).
Auf dem Lemberg bei Stuttgart-Weil im Dorf
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beispielsweise hat man an den etwa 450 Meter
voneinander entfernten Querseiten vier bis fünf Meter
breite Abschnittswälle mit Graben davor errichtet.
Besonders viele befestigte Höhensiedlungen konnten
in Bayern aufgespürt werden. Im Regierungsbezirk
Schwaben liegen die Befestigungen Katzensteig bei
Mergenthau
20
(Kreis Aichach-Friedberg), auf dem
Stadtberg von Neuburg
21
und Stätteberg bei Un-
terhausen
22
(beide im Kreis Neuburg-Schrobenhau-
sen).
Die Befestigung auf dem Stätteberg bei Unterhausen
wurde teilweise von der Donau und von der hier
einmündenden Paar umflossen. Rund um die 300 Meter
lange und 180 Meter breite Bergkuppe lag ein Wall, der
Reste einer drei Meter dicken Mauer enthielt. Der Wall
dürfte schätzungsweise 2,50 Meter hoch gewesen sein.
In Oberbayern befinden sich die Befestigungen Große
Birg bei Kochel
23
(Kreis Bad Tölz-Wolfsratshausen), in
Niederbayern der Bogenberg bei Bogen
24
(Kreis
Straubing-Bogen), in der Oberpfalz der Schlossberg von
Kallmünz
25
(Kreis Regensburg).
Quer durch das 300 Meter lange und 110 Meter breite
Plateau des Bogenberges bei Bogen verlief ein in den
Fels eingetiefter, bis zu 3,50 Meter breiter Graben, zu
dem ein Wall gehörte. Außerdem waren zwei urnen-
felderzeitliche Wälle vorgelagert. Auch ein benachbar-
tes Areal von 400 Meter Länge und l00 Meter Breite
wurde von einem Wall geschützt.
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Etwa 110 Meter hoch über der Vils und der Naab lag
die Befestigung auf dem Schlossberg von Kallmünz.
Die Hänge zu diesen beiden Flüssen hin waren
besonders steil. Einen Kilometer von der äußersten
Spitze entfernt wurde der Berg durch einen 800 Meter
langen Wall abgeriegelt, der offenbar aus der frühen
Urnenfelder-Zeit stammt.
Aus Mittelfranken sind die Befestigungen Gelbe Bürg
bei Dittenheim
26
(Kreis Weißenburg-Gunzenhausen)
und Hesselberg bei Wassertrüdingen
27
(Kreis Ansbach)
bekannt.
Der Hesselberg bei Wassertrüdingen überragt seine
Umgebung um mehr als 200 Meter. Die auf seinem
Plateau errichteten Wälle dürften teilweise während der
Urnenfelder-Zeit entstanden sein. Außer Resten von
Holz-Erde-Mauern am Rand konnten dort auch
Hausgrundrisse, Töpferöfen und eine Bronzegießerei
festgestellt werden. 1939 wurde der Hesselberg sogar
als »heiliger Berg der Franken« bezeichnet.
In Oberfranken entdeckte man die Befestigungen
Ehrenbürg bei Schlaifhausen
28
(Kreis Forchheim) und
Heunischenburg auf dem Wolfsberg bei Gehülz
29
(Kreis
Kronach).
Auf dem 250 Meter hohen, mehr als 1,5 Kilometer
langen und bis zu 350 Meter breiten Berg Ehrenbürg
(im Volksmund Walberla genannt) bei Forchheim
thronte in der Urnenfelder-Zeit vermutlich eine
stadtähnliche Siedlung. Deren Bewohner haben eine
große Menge Keramik, viele Bronzeobjekte und drei
Depots mit Zierteilen von Pferdegeschirr (Phaleren)
hinterlassen. Zahlreiche Halbfabrikate und ein Guss-
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tiegel weisen auf die Herstellung von Bronzegeräten
hin. Die Größe der Höhensiedlung, Funddichte und
-qualität sowie die Bronzewerkstätten belegen nach
Ansicht des Ausgräbers Björn-Uwe Abels aus Bamberg,
dass es sich um ein bedeutendes politisches und
wirtschaftliches Zentrum handelte.
Den Bewohnern der Heunischenburg bei Gehülz ob-
lag im 10. und 9. Jahrhundert v. Chr. wohl der Schutz
einer wichtigen Verkehrsverbindung in den Osten
Oberfrankens. Wo Steilhänge auf natürliche Weise die
Befestigung sicherten, hatte man nur eine Palisade er-
richtet. Dagegen wurde die ungeschützte Flanke durch
eine 110 Meter lange, 2,60 Meter breite und 3,50 Meter
hohe Steinmauer abgeriegelt, die in einer etwa 30 Meter
langen Torgasse endete. Der Mauer war eine 3,60 Meter
breite und einen Meter hohe Steinanhäufung (Berme)
vorgelagert.
Eine nahe dem Tor angelegte, einen Meter breite
Ausfallpforte (Poterne), über die man einen Holzturm
gesetzt hatte, erlaubte es den Verteidigern, etwaige in
die Torgasse drängende Angreifer auch von hinten unter
Beschuss zu nehmen. Als Vorbild für die Ausfallpforte
auf der Heunischenburg könnten Poternen von Burgen
im Mittelmeergebiet gedient haben.
Noch im Mittelalter wirkte die Heunischenburg so
eindrucksvoll auf die damaligen Menschen, dass diese
ihre Erbauer irrtümlich für sagenhafte Hünen oder die
Hunnen hielten. Darauf ist ihr Name zurückzuführen.
Brandspuren und mehr als 100 bronzene Pfeilspitzen
werden als Indizien einer kriegerischen Ausein-
andersetzung erachtet, die nach Ansicht des Prähi-
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storikers Björn-Uwe Abels die ganze Befestigung als
eine Art Garnison erscheinen lassen.
In Unterfranken liegen die Befestigungen Bullenheimer
Berg bei Bullenheim
30
(Kreis Kitzingen) und Großer
Knetzberg
31
(Kreis Haßberge).
Auf dem 1200 Meter langen und maximal 400 Meter
breiten Bullenheimer Berg, der seine Umgebung um
etwa 50 Meter überragt, gliederten drei quer verlaufende
Wälle die Berghochfläche an ihrer schmalsten Stelle. Die
acht Meter langen und vier Meter breiten Häuser der
Siedlung standen an der Innenseite der Wälle. Ackerbau
wurde wohl in der Umgebung des Berges betrieben.
Von den Befestigungen im Saarland ist diejenige auf
dem Großen Stiefel bei Sankt Ingbert
32
(Saar-Pfalz-
Kreis) besonders erwähnenswert. Dieser Berg verdankt
seiner stiefelähnlichen natürlichen Gestalt den Na-
men.
In Rheinland-Pfalz gab es neben anderen die Befesti-
gungen auf dem Dommelberg bei Koblenz
33
und auf
dem Langenberg bei Ernzen
34
(Kreis Bitburg-Prüm).
Auf dem zwischen dem Rhein und der Mosel gelege-
nen Dommelberg bei Koblenz konnten mehrteilige
Wallanlagen festgestellt werden. Den Wall sicherte zu-
sätzlich ein 7,50 Meter breiter und fünf Meter tiefer
Graben. Auf dem Langenberg bei Ernzen zeugen ver-
kohlte Eichenholzbalken von einer Brandkatastrophe.
Aus Hessen kennt man die Befestigungen auf dem
Bleibeskopf bei Bad Homburg
35
(Hochtaunuskreis),
dem Glauberg bei Glauburg
36
(Wetteraukreis) und dem
Haimberg bei Haimbach
37
(Kreis Fulda).
38
Zeichnung auf Seite 39:
Die eindrucksvolle Befestigung Heunischenburg
auf dem Wolfsberg bei Gehülz (Kreis Kronach) in Bayern
wurde an der ungeschützten Flanke
durch eine Steinmauer mit Torgasse
und an Steilhängen nur durch eine hölzerne Palisade geschützt.
Zeichnung von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter,
für das Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
von Ernst Probst
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Auf dem Glauberg umgab der entlang des Randes
verlaufende Wall eine Fläche von etwa 20 Hektar. Der
Wall besteht aus einer von innen leicht ansteigenden
Erdrampe, die an der Außenfront durch eine Trocken-
mauer aus Basaltsteinen gehalten wird. Bei Grabungen
auf dem Glauberg und dem Haimberg stieß man auf
Steinfundamente von Häusern.
Aus Thüringen sind die beiden Befestigungen auf den
Gleichbergen bei Römhild
38
(Kreis Meiningen) bekannt.
Davon ist vermutlich diejenige auf dem Großen
Gleichberg die ältere und jene auf dem Kleinen
Gleichberg (Steinsburg genannt) die jüngere.
Der Schutz der Befestigung auf dem Großen Gleich-
berg bestand aus einer 2,50 Meter breiten Mauer
(»Rentmauer«), deren einstige Höhe sich nicht mehr
ermitteln lässt. Bei dieser Mauer handelte es sich um
eine zyklopische Fassade mit großen Basaltblöcken, die
mit Geröll hinterschüttet und innen durch Pfosten
abgestützt wurde. Die Befestigung auf dem Kleinen
Gleichberg war vermutlich von einer Ringmauer aus
aufgeschichteten Basaltsteinen umgeben.
Manche der befestigten Höhensiedlungen wurden
durch Feuersbrünste zerstört. Das war bei den Be-
festigungen Buigen bei Herbrechtingen und auf dem
Burgberg nahe Burkheim in Baden-Württemberg, bei
der Heunischenburg auf dem Wolfsberg in Bayern und
auf dem Langenberg bei Ernzen in Rheinland-Pfalz
der Fall.
Zur Inneneinrichtung der Häuser auf dem Bogenberg
bei Bogen gehörten runde zwei- und einschichtige
Backherdplatten mit Wulstrand aus Lehm. Ein schadhaft
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