1) Jenseitsvorstellungen in der modernen Gesellschaft
„Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling“ 1 - dieses Zitat des chinesischen Philosophen Laozi beschreibt ganz gut, wie viele Religionen über den Tod denken: Der menschliche Körper stirbt ab, während die Seele in eine jenseitige Existenz aufsteigt, die meist schöner als das irdische Leben dargestellt wird.
Aber was ist es, das die Menschen zu solchen Vorstellungen bewegt? Eine Studie aus dem Jahr 2007 2 zeigt, dass nur etwa 10% der Menschheit keiner Religion angehören. Allein dem Christentum und dem Islam, welche beide an das Leben nach dem Tod glauben, gehören etwa die Hälfte der Weltbevölkerung an. Es sind also nicht gerade wenige Menschen, die sich dem Jenseitsglauben anschließen. Die Gründe dafür sind wohl vielseitig: Viele Menschen haben schon einen liebgewonnenen Menschen durch den Tod verloren. Der Glaube gibt ihnen Kraft, das Ereignis zu überwinden. Sie sind sich sicher, dass es dem Verstorbenen gut geht und dass sie ihn eines Tages vielleicht wiedersehen.
Beweisen kann man das Leben nach dem Tod natürlich nicht. 1977 jedoch veröffentlichte der amerikanische Psychologe Raymond A. Moody sein Werk Leben nach dem Tod und löste damit den Startschuss für eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen über ein Phänomen aus, welches eindeutige Indizien über ein Leben nach dem Tod lieferte: die Nahtoderfahrungen.
Könnte es sein, dass einige Menschen schon vor Jahrtausenden solche Erfahrungen machen konnten und somit den Grundstein für die heutigen Jenseitsvorstellungen legten? Zweifelsfrei ähneln heutige Berichte immer wieder den üblichen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod - was wiederum ein Indiz dafür sein könnte, dass es genau andersherum abläuft: Nahtoderfahrungen sind nichts Weiteres als ein Hirngespinst, welches die persönlichen Gedanken zum Tod widerspiegelt.
In der folgenden Arbeit soll geklärt werden, was Nahtoderfahrungen sind, wie ein solches Erlebnis in der Regel abläuft, auf welche Art und Weise man es untersucht, bzw. erklären kann und wie sich die Persönlichkeit eines Menschen nach einer Nahtoderfahrung verändert.
1 Gefunden auf: Internetquelle 1 (www.zitate-online.de)
2 Internetquelle 2 (Wikipedia)
2) Phänomen ahtoderfahrungen
a) Definition
Eine einheitliche Definition für Nahtoderfahrungen gibt es leider nicht. Einerseits liegt das daran, dass sich die verschiedenen Erfahrungen in ihren wesentlichen Elementen unterscheiden. Andererseits sind geschilderte Erfahrungen zwangsläufig subjektiv beeinflusst, was das für Wissenschaftler unerlässliche empirische Arbeiten stark erschwert. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei Nahtoderfahrungen nicht gerade um seltene Randerscheinungen handelt (Forschungen sprechen von Werten, die von etwa 4 bis 15% der Bevölkerung reichen 3 ), kann man eine Definition an immer wiederkehrende Elemente, die in verschiedenen Berichten vorkommen, anlehnen.
Medizinisch gesehen kann man Nahtoderfahrungen als eine Art außergewöhnlichen Bewusstseinszustand klassifizieren. In Abgrenzung zu den anderen bekannten Bewusstseinszuständen, also beispielsweise Träume, Koma oder Trance 4 , werden Nahtoderfahrungen von den Betroffenen meist als real empfunden. 5
Eine umfangreichere Definition, die auch das Erlebte mit einbezieht, liefert Bruce Greyson:
„ahtoderfahrungen sind tief gehende psychische Ereignisse mit transzendenten und mystischen Elementen, die vor allem bei Menschen auftreten, die dem Tode nahe sind oder sich in einer Situation ernster körperlicher oder emotionaler Gefährdung befinden.“ 6
In Greyon’s Zitat wird von transzendenten und mystischen Elementen gesprochen, auf die ich in späteren Kapiteln zwar noch genauer eingehen, aber hier des Verständnisses wegen kurz erläutern möchte. Gemeint sind damit die Erlebnisse, welche die Betroffenen während einer Nahtoderfahrung haben. Das Kernelement ist dabei das „Erwachen“ des Bewusstseins, während der Mensch eigentlich klinisch tot 7 ist. Viele haben ein Gefühl von Frieden und nehmen alle möglichen Sinneseindrücke wahr. Oft gehen die Erlebnisse so weit, dass Betroffene das Gefühl haben, ihren Körper zu
3 Internetquelle 3 (Wikipedia); Anm.: vgl. „b) Wichtige Anmerkungen“
4 Internetquelle 4 (Wikipedia)
5 Endloses Bewusstsein, S. 142
6 Endloses Bewusstsein, S. 33
7 Anmerkung: Nahtoderfahrungen treten nicht nur auf, wenn der Mensch klinisch tot ist. Allerdings stammen nur wenige Berichte von Menschen, die eine Nahtoderfahrung in einer anderen Situation
erlebt haben. Zum einfacheren Verständnis wurde diese Tatsache an dieser Stelle nicht erwähnt.
verlassen und ihn von außen gesehen betrachten können. In seltenen Fällen können sie sogar frei „herum schweben“ oder eine Art Jenseits betreten. 8
Dem Zitat kann ebenfalls entnommen werden, welche Personen eine Nahtoderfahrung erleben. Während die meisten Nahtoderfahrungen auftreten, wenn die Person klinisch tot ist, gibt es ohne Zweifel auch andere, nicht lebensgefährliche Situationen, in welchen ähnliche Erlebnisse auftreten können, zum Beispiel „bei Ruhe und Entspannung […], aber auch in Träumen, bei Meditationen, bei Stress, Übermüdung oder unter Drogeneinwirkung“ 9 . Dennoch treten 90% aller Nahtoderfahrungen in lebensbedrohlichen Situationen auf. 10
Diese Tatsache legt nahe, dass die Ursachen für Todesnähe-Erlebnisse neurologisch erklärbar sein könnten, gehen oben genannte Zustände doch auch mit einer Veränderung der Gehirnaktivität einher. Dass bei der Aufstellung von möglichen Ursachen jedoch Probleme auftreten, werde ich später noch genauer erläutern.
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Auftreten einer Nahtoderfahrung nicht davon abhängig ist, ob man gläubig ist, oder nicht. Auch andere Faktoren, wie Dauer der Bewusstlosigkeit oder Vorkenntnisse über Nahtoderfahrungen, scheinen keinen Einfluss zu haben. 11 Allein schon die Tatsache, dass Kinder unter 10 Jahren ähnliche Erlebnisse wie Erwachsene schildern 12 , spricht gegen mögliche Voraussetzungen für eine Nahtoderfahrung, da diese lange nicht so von der Gesellschaft beeinflusst sind, bzw. nur selten einen so stark ausgeprägten Glauben entwickelt haben wie ältere Personen.
Die einzige Auffälligkeit bei der Untersuchung des Phänomens ist die Tatsache, dass Nahtoderfahrungen mit zunehmendem Alter seltener auftreten. 13
b) Wichtige Anmerkungen
Bei der Erforschung von Nahtoderfahrungen muss man vorsichtig im Umgang mit Ergebnissen verschiedener Forscher sein, denn nicht jeder definiert eine Nahtoderfahrung gleich. Der Soziologe Hubert Knoblauch klassifiziert eine
8 Die Quellen für den Inhalt der einzelnen Phasen sind im Abschnitt „Klassifizierung: Ablauf einer typischen Nahtoderfahrung“ gekennzeichnet.
9 Internetquelle 5 (Wikipedia)
10 Neurobiologie der Nahtoderfahrung, S. 43
11 Vgl. Anlage 1
12 Endloses Bewusstsein, S. 101
13 Vgl. Anlage 2
Nahtoderfahrung beispielsweise als ein Erlebnis, bei dem der Betroffene lediglich glaubt, zu sterben oder dem Tod nahe zu sein. 14 So wird bei Wikipedia angegeben, dass 4,3% der Bevölkerung eine Nahtoderfahrung hatten. 15 Dieser Prozentsatz resultiert jedoch aus den Ergebnissen der Studie von Knoblauch, welcher eine Nahtoderfahrung nicht so stark eingrenzt, wie es andere Forscher tun. Erstaunlicherweise gibt es jedoch Studien, die eine Nahtoderfahrung stärker eingegrenzt haben, aber dabei auf weitaus höhere Werte (bis zu 15%) gekommen sind. 16 Es ist also wichtig, soweit wie möglich auch die Umstände von Studien zu hinterfragen.
c) Klassifizierung: Ablauf einer typischen ahtoderfahrung 17
Viele Forscher haben schon versucht, ein Schema für Nahtoderfahrungen aufzustellen. Dies erweist sich verständlicherweise als relativ schwierig, da jedes Todesnähe-Erlebnis anders abläuft. Oft werden die Erfahrungen in verschiedene Phasen eingeteilt, welche nacheinander durchlaufen werden. Meines Erachtens ist eine zeitlich unabhängige Aufzählung von verschiedenen Elementen, die auftreten können, sinnvoller.
Diese Art der Klassifizierung hat unter anderem der Psychologe und Mediziner Raymond A. Moody gewählt. Im Folgenden möchte ich die zehn Elemente 18 , die er aufzählt, erläutern, um somit die Grundlage für die Ursachensuche zu legen.
1. Das Gefühl, tot zu sein: Der Betroffene nimmt bewusst wahr, dass er tot ist.
2. Friede und Schmerzlosigkeit: Die extremen Schmerzen im eigenen Körper verschwinden und werden oft durch ein Gefühl der Freude ersetzt.
3. Das Verlassen des Körpers: Der Patient hat den Eindruck, er verlasse seinen Körper
und könne diesen und den kompletten Raum von außen betrachten. Er selbst nimmt sich dabei unter Umständen als eine Art „Lichtwesen“ wahr.
14 Nahtoderfahrung en im Vergleich der Kulturen; S. 76
15 Internetquelle 6 (Wikipedia)
16 Internetquelle 3 (Wikipedia)
17 Auf den folgenden Seiten werden alle 10 Phasen frei nach „Das Licht von drüben“ zusammengefasst. Dabei werden aus Gründen der Übersichtlichkeit keine genaueren Quellenangaben gegeben. Auf den
Seiten 20-31 in genanntem Werk von Moody finden sich alle 10 Phasen in selbiger Reihenfolge in einer
ausführlicheren Version. Direkte Zitate werden selbstverständlich getrennt gekennzeichnet.
18 Anm.: Während Pim van Lommel davon spricht, Moody teile Nahtoderfahrungen in 12 Elemente ein, ist in seiner eigenen Literatur („Das Licht von drüben“) die Rede von 10 Elementen.
4. Das Tunnelerlebnis: Vor dem Sterbenden erscheint ein dunkler Tunnel, in den er
regelrecht hineingezogen wird. An dessen Ende befindet sich ein sehr helles Licht.
5. Lichtgestalten: Nach dem Verlassen des Tunnels treffen die Betroffenen auf
Lichtwesen, welche oft als bereits verstorbene Freunde oder Verwandte wahrgenommen werden. Das von ihnen ausgestrahlte Licht wird als „wesentlich heller als alles, was wir auf der Erde kennen“ beschrieben. „Trotz seiner gewaltigen Leuchtkraft blendet dieses Licht jedoch nicht die Augen, sondern ist warm, kraftvoll und lebenssprühend“ 19 . Auch eine Landschaft ist meist zu erkennen.
6. Das Lichtwesen: Neben den „kleineren“ Lichtgestalten wird in manchen Fällen auch
von einer Begegnung mit einem „höheren“ Lichtwesen gesprochen, das je nach religiöser Überzeugung als Gott, Allah oder aber auch einfach nur als etwas „Hochheiliges“ 20 bezeichnet wird. Es „strahlt grenzenlose Liebe und Verständnis aus“ 20 , sagt dem Betroffenen jedoch, dass er zu seinem „irdischen Körper zurückkehren“ 20 müsse.
7. Der Lebensrückblick: Vor der Rückkehr in ihren Körper wird der Person ein Lebensrückblick gezeigt. Man nimmt in einem zeitlosen Panorama all seine Handlungen und deren positive, wie auch negative Auswirkungen auf andere Menschen wahr. Durch diese Erfahrung kommen die Betroffenen zu der Erkenntnis, dass die Liebe und der Erwerb von Wissen das Wichtigste in ihrem Leben sind.
8. Rascher Aufstieg zum Himmel: Statt dem Tunnelerlebnis wird manchmal wahrgenommen, wie man gen Himmel schwebt und die Welt aus einer Perspektive sieht, wie sie sonst nur Astronauten wahrnehmen. Im Anschluss daran kann dennoch die Begegnung mit den Lichtwesen stattfinden.
9. Widerwillige Rückkehr: Nicht selten sind Menschen mit einer Nahtoderfahrung enttäuscht, nachdem sie wiederbelebt wurden, doch meistens legt sich die Enttäuschung mit der Zeit.
10. Verändertes Zeit- und Raumempfinden: Sowohl räumliche, als auch zeitliche Grenzen sind während einer Nahtoderfahrung aufgehoben. Betroffene können sich einfach an einen anderen Ort „wünschen“ und sind dann sofort dort. Außerdem ist das Zeitgefühl oft komplett aufgehoben. Eine Patientin beschrieb es in „Das Licht von
19 Das Licht von drüben, S. 24
20 Das Licht von drüben, S. 25
drüben“ folgendermaßen: „Man könnte sagen, es hat eine Sekunde gedauert - oder zehntausend Jahre. Beides wäre gleich wahr“ 21
Es ist wichtig zu wissen, dass Nahtoderfahrungen nach Moody’s Definition (inklusive der Persönlichkeitsveränderungen nach dem Erlebnis) nationen- und kulturübergreifend vorkommen, denn auch bei Untersuchungen in China, Japan und in islamischen Ländern wurden Nahtoderfahrungen mit den von ihm aufgestellten Elementen beobachtet. 22
Damit kann auch die in der Einleitung geschilderte Problematik, ob Jenseitsvorstellungen auf Nahtoderfahrungen basieren, oder umgekehrt, geklärt werden: Der Inhalt einer Nahtoderfahrung ist unabhängig von der religiösen Überzeugung, und somit könnte nur erstere Annahme, dass unsere Vorstellungen vom Jenseits ihren Ursprung in Nahtoderfahrungsberichten haben, stimmen. Ob dies tatsächlich so ist, soll in dieser Arbeit jedoch nicht weiter untersucht werden.
3) Auswirkungen einer ahtoderfahrung auf die Persönlichkeit eines Menschen
a) Verarbeitung der Erfahrung
Eine Nahtoderfahrung hinterlässt immer Spuren bei der Person, die sie erlebt hat - nach der Definition von Moody gehören diese Veränderungen sogar zu einer klassischen Nahtoderfahrung dazu. 23
Diese langhaltigen Auswirkungen verlaufen sowohl inhaltlich, als auch von der Geschwindigkeit her unterschiedlich, sind jedoch nicht von demographischen Faktoren (z.B. Alter, Geschlecht, Bildung) abhängig. 24 Lediglich persönliche Merkmale, „etwa wie ein eher offener oder eher verschlossener Charakter, eine optimistische oder pessimistische Lebenseinstellung, haben Einfluss auf den Verarbeitungsprozess“ 24 . Aber auch die Umstände der Erfahrung spielen eine wichtige Rolle: Es ist notwendig, auch etwaige Langzeitfolgen wie Lähmungserscheinungen nach einer Gehirnblutung zu akzeptieren, was verständlicherweise schwieriger ist, als wenn solche Folgen nicht auftreten. 25
21 Zitat wörtlich übernommen aus „Das Licht von drüben“, S. 29
22 Nahtoderfahrungen im Vergleich der Kulturen, S. 81
23 Das Licht von drüben, S. 41
24 Endloses Bewusstsein, S. 77
25 Endloses Bewusstsein, S. 78
Des Weiteren ist die Unterstützung durch Angehörige und Freunde ein wichtiger Faktor bei der Verarbeitung. Außerdem ist es wichtig, dass professionelle Helfer respektvoll zuhören und nicht, wie es die meisten leider tun, ablehnend reagieren. 25
Nicht zuletzt kann auch die Erkenntnis, dass andere Menschen ebenfalls ähnliche Erfahrungen gemacht haben, fördernd wirken. Dementsprechend ist es auch gut, sich über das Phänomen zu informieren, zum Beispiel in Büchern. 25
Um das Erlebnis letztendlich zu verarbeiten, sind in erster Linie Gespräche mit anderen Personen wichtig, in denen man seine Gefühle und Gedanken über die Erfahrung teilt. 26 Sutherland teilt den Prozess in vier Phasen ein: „[D]ie Phasen der Leugnung, der Stagnation, des allmählichen Fortschritts und der rascheren Integration.“ 26
Zwischen der Nahtoderfahrung und dem Abschließen des Veränderungsprozesses liegen meist mindestens sieben Jahre. 26 In seltenen Fällen kann es aber auch fünfzig oder mehr Jahre dauern, wenn Betroffene ihre Erfahrung auf Grund von negativen Erfahrungen während der Verarbeitung verschweigen. 26 Dieses Schweigen kann mit ernst zu nehmenden Problemen, wie Depressionen oder Einsamkeit, einhergehen, vor allem dann, wenn man überwiegend nur negative Reaktionen aus dem Umfeld erhält - und das kommt leider relativ häufig vor. 27
Diese „negativen Wechselwirkungen mit dem Umfeld bezeichnet man als interpersonelle Problematik“ 28 : Diese schließt unter Anderem ein, dass man sich von Personen, die keine Nahtoderfahrung erlebt haben, isoliert fühlt oder Angst davor hat, lächerlich oder abgelehnt zu werden, wenn man über die Erfahrung spricht. 29
b) Veränderungen durch eine ahtoderfahrung
Sobald Betroffene jedoch positive Reaktionen erhalten, können sich die Persönlichkeitsveränderungen komplett entfalten, darunter folgende 30 :
26 Endloses Bewusstsein, S. 79
27 Vgl. Anlage 3
28 Endloses Bewusstsein, S. 91
29 Vgl. Anlage 4
30 Die folgenden 8 Aspekte wurden frei nach „Endloses Bewusstsein“ zusammengefasst. Dabei werden aus Gründen der Übersichtlichkeit keine genaueren Quellenangaben gegeben. Auf den Seiten 80-91 in
genanntem Werk von Pim van Lommel finden sich alle 8 Aspekte in selbiger Reihenfolge in einer
ausführlicheren Version. Direkte Zitate werden selbstverständlich getrennt gekennzeichnet.
Selbstakzeptanz: Das Selbstwertgefühl ist höher als vor der Nahtoderfahrung. Dadurch
wird man unabhängiger von anderen Personen und ist eher dazu bereit, Risiken einzugehen.
Mitgefühl für andere: Nach einem Todesnähe-Erlebnis fällt es deutlich leichter, sich in andere Menschen einzufühlen. Außerdem verspürt man das Bedürfnis danach, anderen Menschen behilflich zu sein, zum Beispiel indem man in Pflegeberufe wechselt oder Geld spendet.
Wertschätzung des Lebens: Kleinere Dinge des Alltags werden viel mehr geschätzt und man ist überzeugt davon, dass man nun eine neue Aufgabe in seinem Leben hat. Außerdem fühlt man sich stärker mit der Natur verbunden, kann laute Geräusche und Musik nur schwer ertragen und ist weitaus weniger an materiellem Besitz interessiert. Nicht zuletzt sucht man verstärkt nach bedingungsloser Liebe.
Befreiung von Todesangst und Glaube an ein Leben nach dem Tod: Die Überzeugung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, steigt immens.
Geringere Kirchenbindung bei stärkerer Religiosität: Zwar nimmt der Glaube an Gott, beziehungsweise die Religiosität an sich zu, allerdings sinkt die Bindung an kirchliche Institutionen drastisch.
Gesteigerte Spiritualität: Das Interesse an Spiritualität an sich und an damit verbundene Praktiken, wie „Meditation, Gebet und Ergebung in den Willen Gottes“ 31 nimmt zu, wodurch sich eine philosophischere Lebenseinstellung ergibt.
Körperliche Veränderungen: Wie schon erwähnt, reagieren Menschen nach einer Nahtoderfahrung vor allem empfindlich auf laute Geräusche. Aber auch die Sensibilität gegenüber anderen Sinneseindrücken, wie Geschmack, Gerüche, Licht oder Berührungen, kann zunehmen. Manchmal tritt auch Synästhesie auf, was die Folge stärkerer Verbindung zwischen Bereichen im Gehirn, die bei der Verarbeitung von Sinnesreizen mitwirken, sein könnte.
Verstärkte intuitive Gefühle: In verschiedenen Studien gaben zwischen 84 und 92 Prozent der Teilnehmer an, nach ihrer Nahtoderfahrung immer wieder „unwillkürlich von Informationen aus einer »anderen Dimension« überflutet zu werden“ 32 .
In der retrospektiven Studie von Pim van Lommel wurde herausgefunden, dass Menschen, die einen Herzstillstand ohne Nahtoderfahrung überlebt hatten, keine so
31 Endloses Bewusstsein, S. 86
32 Endloses Bewusstsein, S. 88
Seite
extremen Veränderungen der Persönlichkeit durchmachten, wie diejenigen, die eine Nahtoderfahrung hatten. 33 Daraus kann man schließen, dass die Nahtoderfahrung an sich die Ursache sein muss.
4) Erklärungsversuche der eurologie
a) Forschungsgrundlagen
Beim Erforschen von Nahtoderfahrungen gibt es verschiedene Herangehensweisen, die unter anderem davon abhängen, was untersucht werden soll. Um den Ablauf einer Nahtoderfahrung und deren Folgen auf das weitere Leben des Menschen zu klären, gibt es keine andere Möglichkeit, als verschiedene Personen in Studien zu befragen.
Hierbei werden zwei verschiedene Arten unterschieden: Prospektive und retrospektive Studien. 34 Bei retrospektiven Studien werden die Teilnehmer für eine Studie auf freiwilliger Basis gesucht, also zum Beispiel per Zeitungsannoncen. 34 Hingegen wird bei prospektiven Studien im Voraus festgelegt, welche Kriterien untersuchte Personen erfüllen müssen. 34 Letztere Methode liefert genauere Ergebnisse und wurde zum Beispiel in Pim van Lommels niederländischen Studie angewandt, bei welcher gezielt alle Patienten, die einen Herzstillstand überlebten, nach Nahtoderfahrungen befragt wurden. 35 Im Gegensatz zur Untersuchung mittels retrospektiver Studien können bei einer prospektiven Befragung auch Personen, die nichts von der Studie wissen, oder aus anderen Gründen nicht an ihr teilnehmen können oder wollen, befragt werden (wobei natürlich immer noch das Risiko besteht, dass einige Personen nicht die Wahrheit sagen). Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Befragten an die Nahtoderfahrung noch detailliert erinnern, größer. Die meisten bisherigen Studien waren retrospektiv angelegt, doch die Zahl der prospektiven Studien legt mittlerweile zu. 36
Vereinzelte Phasen der Nahtoderfahrungen können mittels einfacher Experimente auf ihren Wahrheitsgrad überprüft werden. Vor allem die außerkörperlichen Erfahrungen sind für viele ein Phänomen, das unmöglich der Wahrheit entsprechen kann, dafür jedoch relativ einfach zu beweisen, bzw. zu widerlegen ist. Während sich die Erfahrungsberichte insofern als wahr herausstellen, als dass beispielsweise die im
33 Vgl. Anlage 5
34 Endloses Bewusstsein, S. 42f.
35 Endloses Bewusstsein, S. 146f.
36 Endloses Bewusstsein, S. 43
Seite
Operationssaal anwesenden Personen die Aussagen des Patienten bestätigen können 37 , kann man dies meiner Ansicht nach nicht als endgültigen Beweis für die Echtheit der außerkörperlichen Erfahrungen deuten.
Zu oft sieht man beispielsweise in Film und Fernsehen, wie es in einem Operationssaal zugeht. Zudem ist es in der heutigen Zeit nicht unüblich, sich über seine eigene Krankheit und mögliche Behandlungs-/Operationsmöglichkeiten via Internet zu informieren und hat somit schon eine Vorstellung davon, was auf einen zukommt.
Für eine kritische Betrachtungsweise können auch scheinbar unmöglich zu erratene Wahrnehmungen, wie beispielsweise die Erinnerung eines vermutlich bewusstlosen Menschen an den Ort, an welchen die Krankenschwester sein künstliches Gebiss gelegt hatte 38 , nicht als objektiver Beweis verwendet werden. Auch wenn solche Fälle nur schwer zu widerlegen sind, ist eine objektive Herangehensweise unerlässlich. Ein guter Ansatz im Fall der außerkörperlichen Erfahrungen ist es beispielsweise, Symbole in Operationssälen zu verstecken, die nur von der Decke sichtbar sind. Zwar wird dieser Versuch bereits durchgeführt, aber leider hat sich bis zum heutigen Datum noch kein Patient an solche Zeichen erinnern können. 39
Neben der Befragung und der Überprüfung der Erlebnisse durch Experimente gibt es noch eine dritte wichtige Methode zur Erforschung von Nahtoderfahrungen. Diese befasst sich mit der Frage, ob, und wenn ja, wie, Nahtoderfahrungen medizinisch bzw. neurologisch erklärbar sind.
Leider ist dieser Aspekt der Untersuchung auch der mit Abstand schwierigste: Es ist unmöglich, die Erforschung von Nahtoderfahrungen vor das Leben eines Menschen zu stellen, indem man verschiedene neurologische Untersuchungen durchführt, während der Patient so schnell wie möglich operiert oder wiederbelebt werden müsste. Ebenso möchte wohl kaum ein Mensch die letzten Stunden seines Lebens als Forschungsobjekt dienen und an unzähligen Geräten angeschlossen sein, womit es schwer fällt, die neurologischen Vorgänge beim „echten“ Tod zu untersuchen.
Mittels modernen bildgebenden Verfahren, wie der funktionellen Kernspintomographie, der Positron-Emission-Tomography oder der Single-Photon-Emission-Computed-Tomography kann man jedoch auf einfache Art und Weise das Gehirn untersuchen,
37 Endloses Bewusstsein, S. 47
38 Endloses Bewusstsein, S. 48f.
39 Endloses Bewusstsein, S. 151; Anm.: Diese Aussage bezieht sich auf einige wenige Studien, die in die Recherche eingeflossen sind. Es ist nicht auszuschließen, dass eine andere, mir unbekannte Studie
andere Ergebnisse liefern konnte. Seite
während sich der Mensch in einem veränderten Bewusstseinszustand, zu welchen Nahtoderfahrungen ja zählen, befindet und somit zumindest etwas über Bewusstsein an sich herausfinden. 40
Des Weiteren besteht zum Beispiel die Möglichkeit, Blutproben zu untersuchen, die in manchen Fällen während der Bewusstlosigkeit entnommen werden. 41 Außerdem kann man Nahtoderfahrungen mit den Erfahrungen von Personen während Drogeneinflusses, Sauerstoffmangel, usw. vergleichen.
Einige wichtige Forschungsergebnisse möchte ich im Folgenden vorstellen.
b) Abgrenzung zum wirklichen Tod
„Die Charakteristika der TE könnten darauf hindeuten, dass ein Überleben des leiblichen Todes möglich ist. Dies würde jedoch bedeuten, dass Bewusstsein nicht materiell ist und den physischen Tod überlebt.“ 42
Aus rein neurologischer Sicht ist diese Schlussfolgerung ungültig. Gemäß Definition ist ein Mensch erst dann tot, wenn das Bewusstsein irreversibel verloren geht (Koma), während gleichzeitig andere Komaursachen wie Narkose oder Sedierung ausgeschlossen werden können. 42 Außerdem müssen jegliche Hirnstammreflexe und die Spontanatmung ausfallen. 42 Menschen, die eine Nahtoderfahrung haben, sind also nicht wirklich tot - sind sie dem Tod dann überhaupt in irgendeiner Weise nahe, wie es der Name suggeriert? Diese Problemstellung geht einher mit der Frage, ob der Tod ein plötzliches oder andauerndes Ereignis ist. 43 Würde letzteres zutreffen, so könnten sich Nahtoderfahrungen tatsächlich während des Sterbeprozesses abspielen - leider weiß die Forschung nicht, auf welche Art und Weise der Tod tatsächlich eintritt.
Dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass Nahtoderfahrungen auch in Situationen auftreten, in denen sich die Betroffenen definitiv nicht in Todesnähe befinden 44 . Daraus wiederum könnte man folgern, dass die Todesnähe an sich überhaupt kein Auslöser für eine Nahtoderfahrung ist. Allerdings ist sie ein wichtiger Faktor, der das Auftreten einer Nahtoderfahrung fördert, denn die meisten Todesnähe-Erlebnisse werden von Personen berichtet, die dem Tod „nahe“ waren.
40 Neurobiologie der Nahtoderfahrung, S. 41
41 Endloses Bewusstsein, S. 124ff.
42 Neurobiologie der Nahtoderfahrung, S. 43
43 Neurobiologie der Nahtoderfahrung, S. 44
44 Vgl. „Phänomen Nahtoderfahrungen: Definition“
Seite
Die eigentliche Frage ist, wie ein Mensch bei Bewusstsein sein kann, während seine Gehirnaktivität auf ein Minimum reduziert ist. Zwar ist die Nulllinie des Elektroenzephalogramms (EEG) kein Anzeichen dafür, dass das Gehirn überhaupt keine Aktivität zeigt, da tiefere Schichten dabei nicht erfasst werden und somit eine geringe Aktivität aufweisen können, doch auch bei solch einer geringen Aktivität dürfte kein Bewusstsein entstehen. 45 Wie bekannt ist, ist eine Nahtoderfahrung gemäß Definition ein veränderter Bewusstseinszustand. Neurologisch werden diese in drei Abstufungen unterteilt 46 :
• Somnolenz (allgemeine Verlangsamung)
• Sopor (Bewusstseinsstörung ohne Spontanaktivität)
• Koma (tiefe Bewusstlosigkeit): EEG zeigt Deltarhythmus von etwa 1-3 Hz
Schon bei der zweiten Abstufung (Sopor) handelt es sich um einen schlafähnlichen Zustand, in welchem selbst starke Schmerzreize nicht mehr zum Erwecken des Betroffenen führen können. 47 Es ist also unvorstellbar, dass trotz der noch weitaus geringeren Gehirnaktivität während einer Nahtoderfahrung ein klares Bewusstsein entstehen kann.
Es stellt sich also die Frage, wie Bewusstsein überhaupt entsteht. In der Neurologie nimmt man noch heute an, dass das Bewusstsein an materielle Vorgänge gebunden ist. 48 Dies ist jedoch eine dogmatische Annahme und konnte bis heute noch nicht ansatzweise bestätigt werden. 48 Im Folgenden möchte ich genauer auf wissenschaftliche Erkenntnisse zum Bewusstsein eingehen.
c) Bewusstsein
„Bewusstsein […] ist im weitesten Sinne die erlebbare Existenz mentaler Zustände und Prozesse.“ 49 - so lautet die Definition nach Wikipedia. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass für das Bewusstsein ein neuronales Korrelat im Gehirn vorhanden ist. Diese Annahme folgt aus der Tatsache heraus, dass einzelne Gehirnareale für bestimmte Aufgaben zuständig sind. Außerdem führen Läsionen in bestimmten Teilbereichen des
45 Endloses Bewusstsein, S. 176
46 Frei übernommen aus „Neurobiologie der Nahtoderfahrung, S. 44“
47 Internetquelle 7 (Wikipedia)
48 Neurobiologie der Nahtoderfahrung, S. 41
49 Internetquelle 8 (Wikipedia)
Seite
Gehirns nicht immer zu Bewusstseinsverlust, weshalb nicht alle Areale bei der Entstehung von Bewusstsein teilhaben können. 50
Wichtig bei der Suche nach einem möglichen Korrelat ist es, bewusste von unbewussten Prozessen zu unterscheiden. Dies erweist sich insofern als schwierig, als dass beispielsweise bei der Wahrnehmung eines Objekts weitaus mehr Informationen im Gehirn verarbeitet werden, als die Person bewusst wahrnimmt. 51 Heutige Untersuchungsmethoden (EEG, MRT, usw.) geben leider keinen Aufschluss darüber, welche Aktivitäten im Gehirn zu bewusster Wahrnehmung führen und welche nicht. 51
Das Phänomen der binokularen Rivalität 52 ermöglicht jedoch eine genauere Untersuchung von Bewusstsein mittels bildgebender Verfahren: Zeigt man den beiden Augen eines Probanden zwei unterschiedliche Bilder, so kann immer nur eines zur gleichen Zeit bewusst wahrgenommen werden. Immer wieder wechselt dabei das Bild, welches gerade bewusst wahrgenommen wird, wobei dieser „Umschwung“ nicht kontrollierbar ist. Untersucht man nun die Veränderung der neuronalen Aktivität während dieses Wechsels, so könnte man damit die neuronalen Korrelate des Bewusstseins lokalisieren. Experimente von Nikos Logothetis zeigten, dass lediglich im Temporallappen Veränderungen festzustellen sind.
Van Lommel hingegen nennt drei Strukturen, die für die Entstehung von Bewusstsein verantwortlich seien, da deren Ausfall zu Bewusstlosigkeit oder Koma führe 53 :
„1. Das aufsteigende retikuläre aktivierende System (ARAS) im Hirnstamm, 2. Die Hirnrinde, vor allem in der ähe der Stirn (frontal), des Schläfenlappens (temporal) und des Scheitelbeins (parietal), und 3. Die Verbindung zwischen der Hirnrinde und dem Hirnstamm, die über den Thalamus und den Hippocampus verläuft […].“ 53
Aber auch hier ist zum aktuellen Forschungsstand keine befriedigende Erklärung möglich. Wie schon erwähnt ist allein die Annahme, es müsse ein neuronales Korrelat geben, nicht bewiesen.
50 Internetquelle 9 (Wikipedia)
51 Internetquelle 10 (Wikipedia)
52 Internetquelle 11 (Wikipedia)
53 Endloses Bewusstsein, S. 194
Seite
d) Auswahl an Erklärungsversuchen
In einigen Operationen kommt es vor, dass der Patient während der Narkose zu Bewusstsein kommt und dabei beispielsweise Hör- und Sehwahrnehmungen macht oder Schmerz, Lähmung, Hilflosigkeit oder Angst empfindet. 54 Eine allgemeingültige Information darüber, wie oft dieses Phänomen auftritt, konnte ich nicht finden. Je nach Quelle werden 0,2 54 bis zu mehr als 80% 55 genannt. Dennoch stellt die intraoperative Wachheit alleinstehend keine zufriedenstellende Erklärung dar: Sie könnte zwar das Hören von Stimmen, und somit auch einige der detailgetreuen Wahrnehmungen während einer außerkörperlichen Erfahrung erklären, aber nicht die für eine Nahtoderfahrung typischen Elemente - ganz im Gegenteil, denn negative Empfindungen, wie sie bei einer intraoperativen Wachheit auftreten können, werden bei Nahtoderfahrungen nur selten beobachtet.
Eine weitere, weit verbreitete These ist Sauerstoffmangel im Gehirn. 56 Durch ihn soll im Gehirn Endorphin ausgeschüttet werden, das zu Halluzinationen und zu einem friedlichen Gefühl führt - allerdings kann auch dies nicht den spezifischen Charakter der Nahtoderfahrungen mit ihren einzelnen Elementen erklären.
Auch ein Kohlenstoffdioxidüberschuss wird oft als Erklärung herangezogen. 57 In Versuchen, bei welchen Probanden Kohlenstoffdioxid einatmen mussten, konnte man tatsächlich charakteristische Elemente von Nahtoderfahrungen beobachten - allerdings nur selten, bei weitem nicht so umfangreich wie bei echten Todesnähe-Erlebnissen und ohne die charakteristischen Persönlichkeitsveränderungen.
Letztendlich gibt es noch viele weitere Theorien, die allesamt keine zufriedenstellende Erklärung liefern. Lediglich eine Theorie vermag das Phänomen Nahtoderfahrungen nahezu vollständig zu erklären, weshalb ich diese im Folgenden genauer vorstellen möchte.
54 Internetquelle 12 (Wikipedia)
55 Internetquelle 13; Anm.: In der zutreffenden Studie wurde das Phänomen an Hand von Operationsdauer und Art des Anästhetikums untersucht. Der Wert von über 80% trifft dabei lediglich
nach 25-minütiger Narkose mit Ketamin auf (vgl. S. 20, Abb. 2 in der entsprechenden Quelle)
56 Endloses Bewusstsein, S. 122f.
57 Endloses Bewusstsein, S. 124ff.
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e) Dimethyltryptamin
Dimethyltryptamin (im Folgenden: DMT) ist ein Halluzinogen und der Hauptwirkstoff des bei Amazonas-Indianern verbreiteten Getränks Ayahuasca. 58 Der Stoff ist insofern interessant für die Erforschung von Nahtoderfahrungen, als dass Konsumenten der Droge manchmal Erlebnisse schildern, die sich den Nahtoderfahrungen stark ähneln. 59 Vor allem die Persönlichkeitsveränderungen, die laut Moody ein Element der Todesnähe-Erlebnisse sind, können auch bei DMT-Konsumenten auftreten. 59
DMT fällt unter die Gruppe der Tryptamine, zu denen unter Anderem auch der Neurotransmitter Serotonin und das Hormon Melatonin gehören. 60 Serotonin wird im menschlichen Körper aus L-Tryptophan, einer essentiellen Aminosäure, synthetisiert. 61 Diese Aminosäure wird in vielen verschiedenen Pflanzen gebildet und somit ist dieser Grundbaustoff für beide Moleküle im menschlichen Körper vorhanden. Melatonin wird in der Epiphyse produziert 62 und da man in Untersuchungen überall im menschlichen Körper DMT finden konnte, ist es naheliegend, dass es ebenfalls im Körper produziert wird. Tatsächlich sind in der Epiphyse Substanzen vorhanden, „die Serotonin unter anderem in DMT umwandeln, sowie Stoffe, die den enzymatischen Abbau von DMT blockieren können“ 63 . Zusätzlich fällt auf, dass bestimmte Nebennierenhormone die Produktion von DMT anregen. Das Interessante ist, dass diese Hormone vor allem in Stresssituationen, „wie etwa bei einem drohenden Verkehrsunfall, einem Herzstillstand oder heftigem Schmerz“ 64 gebildet werden. Daraus kann man folgern, dass in den Situationen, in denen Nahtoderfahrungen auftreten, auch größere Mengen an DMT produziert werden.
Es sprechen aber noch mehr Argumente dafür, dass DMT unmittelbar mit dem Auftreten von Nahtoderfahrungen in Verbindung steht: Es wird rasch abgebaut 65 , womit erklärt werden kann, warum die Wirkung nicht so lange wie bei anderen Halluzinogenen anhält. Außerdem kann es die Blut-Hirn-Schranke passieren 65 , was ebenfalls eine wichtige Voraussetzung für einen möglichen Einfluss darstellt. Ein
58 Internetquelle 14
59 Endloses Bewusstsein, S. 127ff.
60 Internetquelle 15
61 Internetquelle 16
62 Internetquelle 17; Anm.: Ausgangsstoff für die Synthese ist Serotonin
63 Endloses Bewusstsein, S. 127
64 Endloses Bewusstsein, S. 128
65 Endloses Bewusstsein, S. 127f.
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letztes, eindeutiges Argument ist die Tatsache, dass Zink bei der Synthese von Serotonin, welches wie schon erwähnt der Ausgangsstoff für die Bildung von DMT ist, notwendig ist. 66 Da mit zunehmendem Alter weniger Zink im Körper vorhanden ist 66 , wird dementsprechend auch weniger DMT produziert - dies könnte erklären, wieso in Pim van Lommel’s Studie ältere Menschen seltener von Nahtoderfahrungen berichten. 13
Es ist also ziemlich eindeutig, dass DMT etwas mit dem Erleben von Nahtoderfahrungen zu tun haben muss. Allerdings kann die DMT Theorie nicht erklären, wie Bewusstsein ohne nachweisbare Gehirnaktivität entstehen kann. Außerdem berichten DMT-Konsumenten auch von Kontakt mit Außerirdischen und anderweitigen Halluzinationen 67 , die in Nahtoderfahrungen normalerweise nicht erwähnt werden. Leider bleibt noch ein weiteres Problem: DMT könnte zwar die neurologische Ursache für die Indizierung einer Nahtoderfahrung sein, aber es kann nicht das Zustandekommen der einzelnen Elemente konkret erklären. Ein Vergleich wäre das Einschalten eines Fernsehgeräts: Das Drücken des Einschaltknopfes erklärt nur das Aufkommen von Bildern, aber nicht das Zustandekommen der Bilder selbst. Auf diese Weise argumentiert auch Pim van Lommel: Er sieht DMT als die Substanz (als den „Knopf“) an, die das Bewusstsein vom Körper trennt und somit transzendente Erfahrungen ermöglicht. 68 Er versucht, diese These über quantenmechanische Prozesse zu beweisen 69 , jedoch würde die Erläuterung dessen den Umfang dieser Arbeit sprengen.
Neurologisch ist es zum heutigen Forschungsstand nicht möglich, weder zu beweisen, noch zu widerlegen, ob DMT nur als „Knopf“ fungiert oder auch tatsächlich Bewusstsein und Halluzinationen hervorruft.
Sollte die zu Anfang des Kapitels erwähnte intraoperative Wachheit tatsächlich kein seltenes Randphänomen darstellen, könnte sie in Verbindung mit der DMT Theorie Nahtoderfahrungen jedoch nahezu vollständig erklären.
66 Endloses Bewusstsein, S. 128f.
67 Internetquelle 18
68 Endloses Bewusstsein, S. 128
69 Endloses Bewusstsein, S. 221ff.
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5) Ausblick auf zukünftige Forschungen und die möglichen Folgen verschiedener Erkenntnisse
Zum Schluss der Arbeit möchte ich kurz die wichtigsten Aspekte zusammenfassen und den Stellenwert der Erforschung von Nahtoderfahrungen erläutern.
Wie sich gezeigt hat, sind Nahtoderfahrungen ein mystisches, bzw. religiöses Erlebnis, das vor allem in Todesnähe auftritt, aber vermutlich nicht direkt mit dem Tod in Verbindung steht. Menschen, die eine solche Erfahrung haben, verändern sich deutlich in ihrer Persönlichkeit.
Das Phänomen selbst wird als ein veränderter Bewusstseinszustand angesehen, der scheinbar den nach der Einnahme das Halluzinogens Dimethyltryptamin manchmal entstehenden Erlebnissen sehr ähnelt. Da DMT auch im menschlichen Körper produziert wird, könnte diese Substanz durchaus der Auslöser für Nahtoderfahrungen sein. Allerdings bleibt die Frage offen, inwiefern Bewusstsein während offensichtlicher Bewusstlosigkeit entstehen kann. Sollte die „DMT-Theorie“ stimmen, so müsste dieses Molekül auch Bewusstsein hervorrufen. Die einzig andere Erklärung ist die von Pim van Lommel vertretene These, dass Bewusstsein nicht im Gehirn lokalisiert ist und DMT es ermöglicht, dass sich das Bewusstsein vom menschlichen Körper trennt.
Angenommen, man könne in Zukunft beweisen, dass Körper und Geist/Bewusstsein tatsächlich voneinander getrennt sind, könnte dies deutliche Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Einerseits wäre zwar dadurch die Angst vor dem eigenen Tod oder vor dem Verlust von Angehörigen weitaus geringer - andererseits könnte das Leben an sich dadurch an Wert verlieren: Todesstrafen würden vermutlich eher akzeptiert werden und zivilen Opfern in Kriegen käme eine geringere Bedeutung zu. Das Leben würde nur als eine kurze und wertlose Übergangszeit angesehen werden, da die Existenz im Jenseits ja weitaus angenehmer wäre. Es bestünde die Gefahr, dass sich der Gedanke durchsetzt, dass man Menschen ohne schlechtes Gewissen ausbeuten und umbringen könne. Letztendlich lassen sich die wahren Reaktionen aber nicht vorhersagen, da zu viele Faktoren mitspielen. 70
Vielleicht werden wir in naher Zukunft genauere Erkenntnisse erhalten - ob die Auswirkungen der Erkenntnisse dann positiv oder negativ ausfallen, wird sich dann, wohl oder übel, zeigen.
70 Die in diesem Abschnitt aufgestellten Hypothesen stellen meine persönlichen Gedankengänge dar. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit dieser Angaben. Seite
6) Quellenverzeichnis
a) Literatur
(sortiert nach achname des Autors in aufsteigender Reihenfolge)
• Wilfried Kuhn: eurobiologie der ahtoderfahrung. In: Alois Serwaty und Joachim Nicolay (Hg.): Nahtoderfahrung - eue Wege der Forschung. Santiago Verlag, 2009. Seiten 41-65. In der Arbeit als „eurobiologie der ahtoderfahrung“ gekennzeichnet.
• Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein. eue medizinische Fakten zur ahtoderfahrung. Originaltitel: Eindeloos bewustzijn. Een wetenschappelijke visie op de bijna-dood ervaring. Original erschienen 2007 im Verlag „Uitgeverij Ten Have“. Gearbeitet wurde mit der 4., aktualisierten und ergänzten Auflage (2011 - Patmos Verlag). Übersetzt von Bärbel Jänicke. In der Arbeit als „Endloses Bewusstsein“ gekennzeichnet.
• Dr. Raymond A. Moody: Das Licht von drüben. eue Fragen und Antworten. Originaltitel: The Light Beyond. ew Explorations by the Author of «Life after Life». Original erschienen 1988 im Verlag “Bantam Books”, New York. Gearbeitet wurde mit der 5. Auflage (Januar 2010). Übersetzt von Lieselotte Mietzner. In der Arbeit als „Das Licht von drüben“ gekennzeichnet.
• Joachim Nicolay: ahtoderfahrungen im Vergleich der Kulturen und Berichte aus Ländern des Islam. In: Alois Serwaty und Joachim Nicolay (Hg.): ahtoderfahrung - eue Wege der Forschung. Santiago Verlag, 2009. Seiten 72-81 und 81-86. In der Arbeit als „ahtoderfahrungen im Vergleich der Kulturen“ gekennzeichnet.
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b) Internetquellen
Internet-quelle
http://www.zitate-online.de/literaturzitate/allgemein/365/was-die-raupe-ende-der- 1
welt-nennt-nennt.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Religion#Religionen_in_Zahlen 2
http://en.wikipedia.org/wiki/Near-death_experience#Variance_in_NDE_studies 3
http://de.wikipedia.org/wiki/Bewusstseinszustand#Bewusstseinszust.C3.A4nde_im_ 4
Einzelnen
http://de.wikipedia.org/wiki/Nahtod- 5
Erfahrung#Nahtodeserfahrungs.C3.A4hnliche_Situationen_unabh.C3.A4ngig_von_L
ebensgefahr
http://de.wikipedia.org/wiki/Nahtod-Erfahrung#H.C3.A4ufigkeit 6
http://de.wikipedia.org/wiki/Sopor 7
http://de.wikipedia.org/wiki/Bewusstsein 8
http://de.wikipedia.org/wiki/Neuronales_Korrelat_des_Bewusstseins#L.C3.A4sionen 9
http://de.wikipedia.org/wiki/Neuronales_Korrelat_des_Bewusstseins#Bewusste_und 10
_unbewusste_Verarbeitungen
http://de.wikipedia.org/wiki/Neuronales_Korrelat_des_Bewusstseins#Binokulare_Ri 11
valit.C3.A4t
http://de.wikipedia.org/wiki/Intraoperative_Wachheit 12
http://edoc.ub.uni-muenchen.de/362/1/Bueker_Katja.pdf (Autor: Katja Büker) 13
http://de.wikipedia.org/wiki/Dimethyltryptamin 14
http://de.wikipedia.org/wiki/Tryptamine 15
http://de.wikipedia.org/wiki/Serotonin#Biosynthese 16
http://de.wikipedia.org/wiki/Melatonin 17
http://obskuristan.com/2009/01/07/parallele-dimensionen/ 18
Der Stand jeglicher Internetquellen wurde am 06.11.2011 oder 07.11.2011 überprüft und ist auf der beigelegten CD in Form von Bildern gesichert worden.
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7) Anhang
Anlage 1: Übernommen aus „Endloses Bewusstsein“, Seite 157
1. Dauer des Herzstillstands N.S.
2. Dauer der Bewusstlosigkeit N.S.
3. Intubation (schwierige Reanimation) N.S.
4. Erzeugter Herzstillstand (EPS) N.S.
5. Verabreichte Medikation N.S.
6. Todesangst N.S.
7. Vorkenntnisse NTE N.S.
8. Religion N.S.
9. Bildungsstand N.S. N.S. = nicht signifikant
Anlage 2: Übernommen aus „Endloses Bewusstsein“, Seite 158
TE werden häufiger bei:
1. Alter unter 60 Jahren p = 0,012
2. Erster Herzinfarkt (jünger!) p = 0,013
3. Mehr als eine Reanimation im Krankenhaus p = 0,029
4. Frühere NTE p = 0,035 TE werden seltener bei:
Bleibende Gedächtnisstörungen p = 0,011
p bezeichnet das Maß der statistischen Signifikanz
Bei p≤0,05 liegt ein signifikanter Unterschied vor
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Anlage 3: Frei zusammengestellt aus den Informationen von „Endloses Bewusstsein“, Seite 91 - dort markiert als Ergebnisse von Sutherlands Studie
Angehörige 50% Freunde 25% Pflegekräfte 30% Ärzte 85% Psychiater 50%
Anlage 4: Aspekte der interpersonellen Problematik, übernommen aus „Endloses Bewusstsein“, S. 91f.
1. Ein Gefühl der Exklusivität oder der Isolation von anderen, die keine NTE erlebt haben.
2. Die Angst, von anderen lächerlich gemacht oder abgelehnt zu werden.
3. Probleme damit, die eigenen Persönlichkeitsveränderungen in den Erwartungshorizont der Familie und der Freunde zu integrieren.
4. Das Unvermögen, die Bedeutung und die Folgen der NTE in Worte zu fassen.
5. Schwierigkeiten, an alten Rollenmustern festzuhalten, deren Bedeutung sich seit der NTE gewandelt hat.
6. Die Schwierigkeit, nach der Erfahrung bedingungsloser Liebe während einer NTE die Grenzen und Unzulänglichkeiten menschlicher Beziehungen zu akzeptieren.
7. Das Problem, mit Familienangehörigen über die eigenen großen Persönlichkeitsveränderungen zu sprechen, die als »soziales Sterben« erlebt werden.
8. Die gelegentlich absurd hohen Erwartungen von Familienangehörigen, nachdem sie durch populäre Veröffentlichungen, Radio- oder Fernsehsendungen von positiven Veränderungen nach einer NTE erfahren haben.
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Anlage 5: Lebensveränderungen nach einem Herzstillstand, sinngemäß übernommen aus „Endloses Bewusstsein“, S. 97f.
Die Zahlen in der Tabelle geben den Prozentsatz der Teilnehmer an, die als
Veränderung eine leichte bis starke Zunahme der aufgelisteten Verhaltensweisen oder
eine Verstärkung der Einstellungen nannten. Wenn in der Tabelle ein negativer
Prozentsatz angegeben ist, kam es zu einer Abnahme. Seite
Verwendete Abkürzungen
Anmerkung des Autors Anm.
Dimethyltryptamin DMT
Nahtoderfahrung TE
Wichtig: Um Wiederholungen zu vermeiden, wurde statt „Nahtoderfahrung“ in einzelnen Fällen „Todesnähe-Erlebnis“ geschrieben. Gemeint ist damit dasselbe.
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Arbeit zitieren:
Alexander Seipel, 2011, Das Phänomen der Nahtoderfahrungen - Klassifizierung, neurologische Aspekte und Antworten der Verhaltenspsychologie, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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Der Text von der Stellungnahme
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