Aristoteles unterscheidet zwischen zwei Arten der „Gutheit“ (aréte). Im Gegensatz zur „Gutheit des Denkens“ entsteht die charakterliche Gutheit (ethiké) nicht durch Belehrung. Charaktertugenden sind uns auch nicht von Natur aus gegeben. Bei natürlichen Gegebenheiten ist nämlich die Fähigkeit (dynamis), etwas zu leisten, der Tätigkeit (energeia) vorangestellt. Aristoteles führt hier das Beispiel der sinnlichen Wahrnehmung an: Der Mensch besitzt zuerst die Fähigkeit zu sehen, bevor er etwas sieht. Bei Charaktertugenden sei es dagegen umgekehrt, Aristoteles vergleicht sie mit Herstellungswissen (techné): Um in den Besitz der Tugend oder techné zu kommen, müssen wir bereits derlei Tätigkeiten ausüben. Aristoteles gibt das Beispiel des Kihtarespiels: Damit man die Fähigkeit des Kitharaspielens erwirbt, muss man bereits Kithara spielen. Analog dazu werden Menschen erst gerecht, indem sie sich darin üben, Gerechtes tun. Naturgegeben ist bei Charaktertugenden lediglich eine natürliche Fähigkeit (dynamis - Kraft, Vermögen, Potenz), charakterliche Tugend durch Gewöhnung zu entwickeln.
Für Aristoteles verhält es sich mit der Tugend also so, dass wir sie erst ausüben müssen um sie zu erwerben. Und so wie wir die Tugenden ausüben, so erwerben wir sie auch. Z.B. wird man ein Baumeister, indem man das Handwerk des Baumeisters erlernt und ein Bauwerk baut. Wenn ein Baumeister mäßig baut, wird er ein mäßig guter Baumeister, wenn er gute Bauwerke baut, ist er ein guter Baumeister. Aristoteles argumentiert es dadurch, dass es ja sonst keine Lehrer bedürfe, wenn alle Baumeister von Natur aus gut wären. So verhält es sich laut Aristoteles auch mit den Tugenden. Wenn wir uns an gewisse Handlungsweisen gewöhnen, werden wir z.B. entweder gerecht oder ungerecht. Z.B. wenn jemand beim Autofahren in Stausituationen sich daran gewöhnt sich zu ärgern, wird er sich in derartigen Situationen auch so verhalten. Mit den entsprechenden Tätigkeiten entstehen die Dispositionen( hexis). Deshalb ist es laut Aristoteles wichtig, in den Tätigkeiten (energeia) die wir ausüben eine gewisse Qualität zu legen. Denn es hängt viel davon ab, ob man von Kind an schon so oder so gewöhnt wird. 1
1 Vgl. Aristoteles, EN, 1103b, 10 - 25
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(2). Dinge die aufgrund einer Tugend entstehen werden erst dann gerecht wenn der Handelnde aus einer bestimmten Verfassung heraus handelt. 2 Nämlich wissend (eidōs), aufgrund einer Entscheidung, also vorsätzlich (prohairoumenos) und seine Handlung muss fest und unerschütterlich sein. 3
Die ethische Handlung entsteht also nur dann, wenn die Gerechtigkeit dauerhaft in den Charaktereigenschaften verankert ist und ich aus dieser ethischen Verfassung heraus handle, 4 wobei das ständige Tun Voraussetzung ist. Denn erst durch ständige praktische Anwendung des Gerechten wird jemand gut.
2 Aristoteles, EN, 1105 a,30
3 Vgl. Wolf, Aristoteles Nikomachische Ethik, S. 69
4 Vgl. Wolf, Aristoteles Nikomachische Ethik, S69
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Arbeit zitieren:
Stephanie Lainer, 2011, Aristoteles - Wie entstehen ethische Tugenden?, München, GRIN Verlag GmbH
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