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wird Eckharts Leben und Werk verglichen mit anderen großen Gelehrten des Mittelalters. Es werden Gemeinsamkeiten im Lebenslauf und philosophisch-theologische Wurzeln in den Werken 11 herausgearbeitet, und signifikante Besonderheiten in Eckharts vita und Neuheiten in seinen Lehren aufgezeigt. Hierbei müssen wir, dem Gebot der Kürze verpflichtet, Einschnitte hinnehmen. Der Vergleich von Eckharts Thesen kann beispielsweise nur oberflächlich vorgenommen werden, da eine philosophische Interpretation den Rahmen dieser historischen Arbeit weit übersteigen würde. Dieser Mangel wird durch weiterführende Literaturhinweise im Anmerkungsapparat ein wenig ausgeglichen. Wegen der Binarität dieser Arbeit, wird soviel Forschungsliteratur als möglich verwendet. Das Hauptaugenmerk war bei der Auswahl aber stets auf Eckhart gerichtet. Als Forschungsliteratur wurden vor allem neuere Ansätze (d.h. der letzten 60 Jahre) verwendet, da diese ein höheres Maß an Sachlichkeit aufweisen als manche früheren Monographien 12 . Es darf nicht wundern, dass Kurt Ruh mit insgesamt drei verschiedenen Beiträgen in diesem Aufsatz zitiert wird, ist er doch der „beste Sachkenner“ 13 zum Thema Eckhart. Ähnliches gilt auch für Kurt Flasch, der ein tiefes Verständnis für die Philosophie Eckharts aufweist. Für unsere Arbeit von unermesslichem Wert ist auch Otto Langers Studie zur christlichen Mystik im Mittelalter, da er sich ausführlich und mit vielen Verweisen zu anderen Gelehrten mit der Mystik Eckharts beschäftigt. 14 Ausgehend vom Leben und von den Schriften Meister Eckharts werden Vergleiche gezogen zu anderen Persönlichkeiten und Lehren, diese werden jedoch meist nur kurz angerissen und nur soweit behandelt, als dass es im Hinblick auf Eckhart dienlich ist. Denn, um es in den Worten eines hochberühmten, italienischen Zeitgenossen Eckharts zu sagen: „Nicht alle[s] kann ich hier erschöpfend schildern, der große Gegenstand treibt mich zur Eile, daß oft die Worte nicht dem Stoff genügen.“ 15
Vorüberlegung: Wer ist „Der Gelehrte im Mittelalter“?
Bevor wir uns mit der vita Meister Eckharts eingehend beschäftigen, drängt es mich eine im Raum stehende Frage zu klären, nämlich was mit dem Begriff des Gelehrten im Mittelalter überhaupt gemeint ist. Das mag auf den ersten Blick überflüssig erscheinen, kann sich doch jeder etwas unter einem Gelehrten vorstellen, aber bei der genauen Definition dieses Begriffes
11 Diese Arbeit befasst sich allerdings nur mit den deutschen Werken, nicht mit den lateinischen, da sich besonders in den mittelhochdeutschen Schriften, Eckharts Genie zeigt, und da diese als Begründung des Prozesses gegen Eckhart herangezogen wurden.
12 Ein berühmt-berüchtigtes Beispiel für eine solche Monographie ist Alfred Rosenbergs ‚Mythus des 20. Jahrhunderts‘. Vgl. dazu Flasch, Kurt: Meister Eckhart: Philosoph des Christentums, S. 29.
13 Stachel: Meister Eckhart, S. 22.
14 Langer, Otto: Christliche Mystik im Mittelalter. Mystik und Rationalisierung - Stationen eines Konflikts, Darmstadt 2004. Für diese Arbeit von besonderem Interesse ist S. 303-350.
15 Dante: Die göttliche Komödie. Übersetzt von Ida und Walther von Wartburg, Zürich 1963, S. 85.
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kommt man doch ins Grübeln. Hinzu kommt, dass die gängige Literatur diesen Begriff ebenfalls als bekannt voraussetzt, historische Lexika ihn nicht erwähnen 16 und Darstellungen über Gelehrte meist ebenfalls auf eine vorherige Definition verzichten. 17 Umso wichtiger erscheint es diesen komplexen Begriff genau zu klären. Das Problem dabei ist, dass es keine regelgültige Definition gibt und man sich so die Bedeutung des Wortes aus mehreren Quellen erarbeiten muss. Generell gilt, dass ein Gelehrter eine Person ist, die „gründliche und umfassende wissenschaftliche Kenntnisse“ 18 besitzt. Solche Kenntnisse besaßen im
Mittelalter nur Akademiker, die in der Regel Geistliche waren. Daher gibt es eine enge Begriffsbindung von ‚gelehrt‘ und ‚geistlich‘. 19 Für den Gelehrten im Mittelalter ist die akademische Definition weit verbreitet. Rainer Schwinges versteht unter den Gelehrten im Mittelalter im „engeren Sinne alle Graduierten von den Artistenmagistern über die Lizenziaten bis hin zu den Doktoren der höheren Fakultäten.“ 20 Jacques LeGoff führt in seinem Klassiker „Die Intellektuellen im Mittelalter“ eine weitere begriffliche Unterscheidung ein. Für ihn sind Intellektuelle „diejenigen, die beruflich Denken und ihre Gedanken lehren.“ 21 Ausdrücklich nicht berücksichtigt werden bei ihm „die hinter Klostermauern eingeschlossenen Mystiker.“ 22 Für einen solchen hat LeGoff Meister Eckhart zweifellos gehalten, weswegen er ihn in die Nähe von antiintellektualistischen Positionen rückt. 23 Wenn man die beiden hier betrachteten Begriffsbestimmungen vergleicht, könnte man „intellektuell“ und „gelehrt“ beinahe als Synonym verstehen. Ein Gelehrter war im Mittelalter vor allem ein Lehrer, auf solchen treffen aber natürlich auch Attribute wie Denker oder Prediger zu. Meister Eckhart vereint in seiner Person alle drei Begriffe: Lehrer, Denker und Prediger, er darf deshalb ohne weiteres, auch gegen LeGoff, als ein Intellektueller und ein Gelehrter gelten.
16 Das Lexikon des Mittelalters (LexMa) beispielsweise, hat keinen Eintrag zum Gelehrten oder zu Gelehrsamkeit.
17 Band vier der Reihe Mittelalter Mythen (herausgegeben von Müller/Wunderlich) ‚Künstler, Dichter, Gelehrte‘ lässt eine vorherige Begriffsbestimmung vermissen.
18 Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in acht Bänden, Band 3: Fas-Hev, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2 1993, S. 1272.
19 Vgl. Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Band 5: Gefoppe-Gebtreibs [= Band 4, Abt. 1, Theil 2. Gefoppe-getreibs] Nachdruck der Erstausgabe, München 1991, S. 2960f.
20 Schwinges, Rainer: Universität, soziale Netzwerke und Gelehrtendynastien im deutschen Spätmittelalter, in: Rexroth, Felix (Hrsg.): Beiträge zur Kulturgeschichte der Gelehrten im späten Mittelalter, Ostfildern 2010, S. 47-71, hier S. 47.
21 LeGoff, Jacques: Die Intellektuellen im Mittelalter, Stuttgart 1985, S. 9.
22 Ebd., S. 10.
23 Ebd., S. 140f. Er verkennt Eckhart grandios, was nur auf Unkenntnis des Lebenslaufes zurückzuführen ist, da nach LeGoffs Definition der Intellektuelle ein Schulmeister war, und gerade Eckhart sollte in die Geschichte eingehen als einer von zwei Gelehrten (der andere war der von LeGoff hochverehrte Thomas von Aquin), der zweimal an der Pariser Universität lehren durfte.
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1. Eckharts Leben
1.1. Aufstieg an die Spitze der akademischen Welt
Eckhart wurde um 1260 in Tambach, einem Dorf bei Gotha oder Erfurt, geboren. 24 Er trat mit jungen Jahren in den Dominikanerorden ein. 1277 war Eckhart vielleicht als Student in Paris 25 , er kehrte daraufhin nach Köln zurück und ging zum Studium Generale seines Ordens. Zum genauen Ablauf von Eckharts Ausbildung, gibt es in der Forschung einige Debatten, denn „alles, was vor Eckharts Pariser Sentenzenlektorat liegt, ergibt sich [nur] aus Rückschlüssen.“ 26 Im Schuljahr 1293/94 ist Eckhart dann erstmal, als frater ekhardus in der Funktion eines Baccalaureus an der Universität Paris, nachweisbar. 27 Dort hatte er die Aufgabe, die Sentenzen des Petrus Lombardus zu kommentieren. 28 Nach dieser Tätigkeit wurde Eckhart Prior von Erfurt und Vikar von Thüringen, dabei kam er als Stellvertreter Dietrichs von Freiburg, mit ihm in engen Kontakt. Der Umstand, dass Eckhart beide Ämter zugleich innehatte zeigt, dass er schon „in seinen Dreißigerjahren eine der prominentesten Persönlichkeiten seines Ordens war.“ 29 Das bestätigt auch Eckharts Berufung als Magister der Theologie nach Paris im Jahr 1303. Denn die Universität in Paris war zur damaligen Zeit der Gipfel der akademischen Welt. 30
Nach seiner Lehrtätigkeit, kehrte Eckhart abermals nach Erfurt zurück. Nachdem auf dem Generalkapitel von Besanςon Eckharts Heimatprovinz Teutonia - weil sie zu groß geworden war - aufgeteilt wurde, übergab man Eckhart die Leitung der neugegründeten Ordensprovinz Saxonia. 31 In dieser Position gründete Eckhart unter anderem drei Frauenklöster und absolvierte lange Reisen (natürlich zu Fuß). 32 Eckhart muss in seiner organisatorischen Arbeit sehr erfolgreich gewesen sein, denn 1307 wurde er zusätzlich zum Generalvikar der Provinz Böhmen ernannt. 1310 wurde er sogar zum Provinzial der benachbarten Provinz Teutonia gewählt. Das Generalkapitel von Neapel, hatte jedoch andere Pläne mit Eckhart. Es bestätigte diese Wahl nicht, entband ihn von seinen Ämtern und sandte
24 In den Angaben zur Vita folge ich, für grundlegende Informationen, Kurt Ruhs kompakter Darstellung in: Ruh, Kurt: Art. Meister Eckhart, S. 327-348.
25 Soudek: Meister Eckhart, S. 16. Ruh hält das nicht für wahrscheinlich, er vertritt die Meinung Eckhart hätte eine fünfjährige Ausbildung in Köln absolviert, argumentiert jedoch, dass Eckhart in irgendeiner Form (z. b. durch ein Zusatzstudium) bereits vor seiner Tätigkeit als Baccalaureus in Paris gewesen sein muss, da er andernfalls wohl kaum „so schnell Karriere“ gemacht hätte. (Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik, S. 237).
26 Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik, S. 237.
27 Winkler, Norbert: Meister Eckhart zur Einführung, Hamburg 1997, S. 29.
28 Das ‚ Buch der Sentenzen‘ von Petrus Lombardus war neben der Bibel eine grundlegende Schrift im Theologiestudium. Vgl. LeGoff: Die Intellektuellen im Mittelalter, S. 84.
29 Soudek: Meister Eckhart, S. 16.
30 Vgl. Flasch: Meister Eckhart. Philosoph des Christentums, S. 19.
31 Soudek: Meister Eckhart, S. 17.
32 Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik, S. 240.
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ihn stattdessen ein zweites Mal als Magister an die Universität Paris. Diese zweite Ernennung Eckharts, war eine große Ehre, die zuvor nur Thomas von Aquin zuteil wurde. 33 Nach diesem zweiten Pariser Magisterium kehrte Eckhart nicht in seine Heimat zurück, sondern ging nach Straßburg. Er ist dort 1314 urkundlich nachweisbar, seine genaue Tätigkeit leider nicht. So gibt es auch hierzu in der Forschung Unstimmigkeiten und verschiedene Ansätze. 34 Für Kurt Ruh steht fest, dass Eckhart in Straßburg zum Generalvikar und „für Sonderaufgaben“ eingesetzt wurde. Diese seien unter anderem „Betreuung und Oberaufsicht der südlichen Frauenklöster des Ordens“ gewesen. 35
In dieser Position wurde Eckhart auch verwickelt in die 1317 von Johann I. von Zürich, dem damaligen Bischof von Straßburg, angestrengte Verfolgung gegen die Beginen. Beginen waren gläubige Frauen die als Nonnen in Gemeinschaft zusammenlebten, die aber kein Gelübde abgelegt hatten. 36 Für Ruh war auch „ohne Zeugnisse“ klar, dass Eckhart als Generalvikar „mit seiner Berufung als Prediger und Seelsorger […] auf der Seite der Betroffenen und Verfolgten“ stand. 37
Nach seinem Aufenthalt in Straßburg, ging Eckhart um 1323 nach Köln, wo er Magister am dortigen Studium Generale wurde. Über die Berufung nach Köln gibt es - wiedereinmal - Kontroversen in der Forschung. Für die einen zeigt sich in dieser ein „großes Vertrauensvotum der Ordensoberhäupter für Meister Eckhart“ 38 , andere sehen darin eine vorbeugende Maßnahme gegen weitere Anfeindungen von Eckharts Lehre in Straßburg. 39 Es steht fest, dass es in Köln nicht lange gedauert hat, bis Eckhart in einen Inquisitionsprozess verwickelt wurde, der den Rest seines Lebens bestimmte und sein Ansehen nachhaltig schädigte.
1.2. Der Prozess gegen Eckhart
Eckharts Leben bis zu seinem Prozess kann man keineswegs als das Leben eines Isolierten, in sich versunkenen mystischen Einzelgängers beschreiben. Das Gegenteil ist der Fall, er war integriert in die theologisch-akademische Welt. Die Ursprünge seiner Lehre werden im
33 Vgl. Winkler: Meister Eckhart, S. 30.
34 Eine Gruppe von Forschern meint, er wäre dort Lektor oder Leiter einer dominikanischen Ordensschule gewesen, für andere war er dort vorallem zur Betreuung der Frauenklöster (Vgl. Soudek: Meister Eckhart, S. 18.)
35 Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik, S. 241.
36 Genaueres zu Beginen und Frauenmystik in : Störmer-Caysa, Uta: Einführung in die mittelalterliche Mystik, überarb. und erg. Neuausgabe, Stuttgart 2004, S. 39-43.
37 Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik, S. 243. Störmer-Caysa weist mit Bezug auf die besondere Rolle der Dominikaner in der Ketzerverfolgung darauf hin, dass Eckhart selbst auch auf der Seite der Inquisition gestanden haben könnte. Vgl.: Störmer-Caysa: Meister Eckhart. Ein schwieriges Lebensbild, S. 717 (Siehe Seite 1, Anmerkung 4).
38 Soudek: Meister Eckhart, S. 18.
39 Stachel: Meister Eckhart, S. 7.
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Peter Ansel, 2011, Meister Eckhart - Ein Gelehrter seiner Zeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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