Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Annäherung an den Begriff Eugenik. 3
2.1 Was ist Eugenik? 3
2.2 Historisch-biologische Grundlagen. 4
3. Eugenik im Deutschen Reich vor 1933. 8
3.1 Die Etablierung rassenhygienischer Gedanken vor 1918. 8
3.2 Eugenik in der Weimarer Republik. 10
4. Eugenik im Nationalsozialismus. 12
4.1 Ideologische Prämissen und NS-Gesundheitspolitik. 12
4.2 Die Realisierung eugenischer Maßnahmen im NS-Staat 14
5. Schlussbetrachtung. 20
Literaturverzeichnis 22
1. Einleitung
„Über der Geschichte der Medizin und der Gesundheitspolitik
in der NS-Zeit liegt der Schatten eines singulären Grauens.“ 1
Die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 gilt als einer der am besten erforschten Zeitabschnitte in der deutschen Geschichte. Nicht nur die Geschichtswissenschaft selbst als primäre Forschungsdisziplin, sondern auch alle anderen (angrenzenden) Wissenschaftsgebiete befassen sich zum einen nach Maßgaben ihrer jeweiligen Forschungsrichtung mit ausgewählten Aspekten aus dieser Zeit und zum anderen kritisch reflektierend mit ihrer jeweiligen Rolle im Dritten Reich.
An Norbert Freis einleitenden Worten zum Sammelband Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit lässt sich bereits erkennen, dass diesen beiden Bereichen als wissenschaftliche Disziplin einerseits und politisches Ressort andererseits Schlüsselrollen in der nationalsozialistischen Ideologie zukommen. Die Errichtung einer rassisch homogenen wie gesunden und resistenten Volksgemeinschaft war eines ihrer Hauptziele. 2 Um diese Ziele realisieren zu können, wurden unter anderem bevölkerungs- und gesundheitspolitische Maßnahmen wie Eugenik respektive Rassenpflege und -hygiene betrieben. 3 Aufgrund der angedeuteten zentralen Rolle, welche die Bereiche Medizin und Gesundheitspolitik in der nationalsozialistischen Ideologie bzw. für deren praktische Umsetzung spielen, ist der Forschungsstand zu diesen Aspekten nationalsozialistischer Herrschaft zahlreich. Einzelne Gesichtspunkte wie Eugenik bzw. Rassenpflege und -hygiene erfahren allerdings „erst seit den 1980er Jahren
1 FREI, Norbert: Einleitung. In: Ders. (Hrsg.): Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit, München 1991, S. 7-32, hier S. 7 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Sondernummer).
2 Der Verfasser dieser Hausarbeit distanziert sich hier und im Folgenden selbstredend von den Inhalten solcher „belasteter Wörter“ wie rassisch oder Volksgemeinschaft. Deren Verwendung geschieht reflektiert und soll deskriptiv die damaligen ideologischen Anschauungen nachzeichnen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit soll auf Distanzmarker wie Anführungszeichen oder eine durchgängige Kursivschreibung verzichtet werden. Vgl. zur überlegten Verwendung dieser Begriffe DIECKMANN, Walther: „Belastete Wörter“ als Gegenstand und Resultat sprachkritischer Reflexion. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 3 (2007), H. 1, S. 62-80.
3 In dieser Arbeit werden die Begriffe Eugenik und Rassenhygiene weitgehend synonym verwendet; vgl. Anm. 33.
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verstärkte Aufmerksamkeit.“ 4 Wichtige Ergebnisse auf diesem Forschungsgebiet haben Hans-Peter Kröner 5 , Benno Müller-Hill 6 , Hans-Walter Schmuhl 7 , Paul Weindling 8 sowie Peter Weingart 9 vorgelegt. Darüber hinaus ist die Rolle des ‚Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik’ (KWI-A), das zum Zentrum der eugenischen Forschung im Dritten Reich wurde, besonders in jüngster Zeit Gegenstand der Forschung geworden. 10
Die vorliegende Hausarbeit will versuchen die Bedeutung der Eugenik in der NS-Gesundheitspolitik nachzuzeichnen. Dabei wird untersucht, welche
rassenhygienischen Maßnahmen ergriffen wurden, um die bevölkerungspolitischen Vorstellungen der Nationalsozialisten durchzusetzen, anhand derer die heterogene Gesellschaft in eine homogene Volksgemeinschaft transformiert werden sollte. In einem ersten Schritt wird zu klären sein, was unter Eugenik zu verstehen ist und welche ideologischen Vorstellungen dieser neuen Wissenschaftsdisziplin den Weg
4 RICKMANN, Anahid S.: „Rassenpflege im völkischen Staat“: Vom Verhältnis der Rassenhygiene zur nationalsozialistischen Politik, Bonn 2002, S. 17.
5 KRÖNER, Hans-Peter: Von der Eugenik zur NS-Rassenhygiene: Zur politischen Schuld der Medizin im „Dritten Reich“. In: Knigge-Tesche, Renate (Hrsg.): Berater der braunen Macht. Wissenschaft und Wissenschaftler im NS-Staat, Frankfurt/M. 1999, S. 111-132.
6 MÜLLER-HILL, Benno: Tödliche Wissenschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und Geisteskranken 1933-1945, Hamburg 1984; MÜLLER-HILL, Benno: Selektion. Die Wissenschaft von der biologischen Auslese des Menschen durch den Menschen. In: Frei, Norbert (Hrsg.): Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit, München 1991, S. 137-155 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Sondernummer).
7 SCHMUHL, Hans-Walter: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens’, 1890-1945, Göttingen 1987 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 75); SCHMUHL, Hans-Walter: Sterilisation, „Euthanasie“, „Endlösung“. Erbgesundheitspolitik unter den Bedingungen charismatischer Herrschaft. In: Frei, Norbert (Hrsg.): Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit, München 1991, S. 295-308 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Sondernummer).
8 WEINDLING, Paul: Health, Race and German Politics between National Unification and Nazism 1870-1945, Cambridge 1989.
9 WEINGART, Peter / KROLL, Jürgen / BAYERTZ, Kurt: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt/M. 1988; WEINGART, Peter: Eugenik - Eine angewandte Wissenschaft. Utopien der Menschenzüchtung zwischen Wissenschaftsentwicklung und Politik. In: Lundgreen, Peter (Hrsg.): Wissenschaft im Dritten Reich, Frankfurt/M. 1985, S. 314-349.
10 Vgl. hierzu: MASSIN, Benoît: Rasse und Vererbung als Beruf. Die Hauptforschungsrichtungen am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik im Nationalsozialismus. In: Schmuhl, Hans-Walter (Hrsg.): Rassenforschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten vor und nach 1933, Göttingen 2003, S. 190-244 (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus Bd. 4); SCHMUHL, Hans-Walter: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927-1945, Göttingen 2005 (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus Bd. 9) sowie eine historisch über den Krieg hinausgehende Perspektive KRÖNER, Hans-Peter: Von der Rassenhygiene zur Humangenetik. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik nach dem Kriege, Stuttgart 1998 (= Medizin in Geschichte und Kultur Bd. 20).
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bereitet haben. Um die Entwicklung und hier insbesondere die Institutionalisierung eugenischer Gesetze und gesundheitspolitischer Vorgaben nachzuzeichnen, ist es notwendig, einen Blick auf eugenische Vorstellungen im Deutschen Reich vor 1933 zu werfen. Sodann sollen eugenische Maßnahmen aufgezeigt werden, die während des Nationalsozialismus aufgegriffen, weitergeführt und ausgestaltet wurden. Abschließend soll dann die Frage beantwortet werden, wie hoch der Einfluss der Eugenik(er) auf die Verbrechen der Nationalsozialisten tatsächlich war.
2. Annäherung an den Begriff Eugenik
2.1 Was ist Eugenik?
Der Begriff Eugenik stammt von dem griechischen Wort eugenes, das sich aus eu für gut oder wohl und genes für hervorbringend oder verursachend zusammensetzt und bedeutet als Kompositum soviel wie wohlgeboren oder von edler Abkunft. 11 Als internationaler Begründer und Begriffsvater der Eugenik gilt der britische Wissenschaftler Francis Galton, der diese neue Disziplin und deren Selbstverständnis bereits von ihren gedanklichen Anfängen aus dem Jahr 1883 als „angewandte Wissenschaft von der Verbesserung der menschlichen Erbanlagen und zugleich als (sozial)politische Bewegung“ 12 im Sinne von Rassen- und Erbhygiene sowie Erbgesundheitslehre verstand. Dabei entfaltete die „Galtonsche Eugenik [...] eine wenig konkrete Programmatik, die als negative Elemente etwa die Absonderung von Gewohnheitsverbrechern oder die Einschränkung der Fortpflanzung von Geistesschwachen und -kranken enthielt.“ 13 Übergeordnetes Ziel der Eugenik war es „durch Eingriffe in das biologische und gesellschaftliche Leben die Verteilung erblicher Merkmale im kollektiven Reproduktionsprozess von Bevölkerungen zu steuern.“ 14 Konkret beschäftigt sich
11 Vgl. Duden Deutsches Universalwörterbuch, 4. Auflage Mannheim 2001, S. 499.
12 TOMKOWIAK, Ingrid: „Asozialer Nachwuchs ist für die Volksgemeinschaft vollkommen unerwünscht“. Eugenik und Rassenhygiene als Wegbereiter der Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter. In: Sedlaczek, Dietmar / Lutz, Thomas / Puvogel, Ulrike / Dies. (Hrsg.): „minderwertig“ und „asozial“. Stationen der Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter, Zürich 2005, S. 33-50, hier S. 35.
13 SCHMUHL 1987, S. 30.
14 GEULEN, Christian: Geschichte des Rassismus, Bonn 2007, S. 92 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 677). Galton selbst definierte Eugenik folgendermaßen: „Eugenik ist die Wissenschaft, die sich mit allen Einflüssen befaßt, welche die angeborenen Eigenschaften
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die Eugenik also mit der Erhaltung und günstigsten Entfaltung der als gesund eingestuften Erbanlagen des Menschen, um damit schließlich eine erbbiologische Verbesserung der Bevölkerung zu erreichen. Neben dieser so genannten positiven Eugenik, die das Ziel hatte durch sozialpolitische Maßnahmen erwünschte und als positiv klassifizierte Erbanlagen fortzuschreiben (z.B. durch Förderung kinderreicher Familien), diente die so genannte negative Eugenik der Einschränkung oder gar Entfernung der als negativ eingestuften Erbanlagen (z.B. durch Sterilisation, Geburtenkontrolle, Eheverhinderung, Tötung). 15
2.2 Historisch-biologische Grundlagen
Um die Entstehung eines eugenischen Forschungszweiges verstehen zu können, ist es notwendig, einen kurzen historischen Überblick über jene ideologischen Strömungen zu skizzieren, die der Eugenik den Weg bereitet haben. Basierend auf Charles Darwins Evolutionstheorie, die er 1859 in seiner Schrift On the Origin of Species by Means of Natural Selection veröffentlichte, gewann der bereits in vielen Ländern Europas stattfindende Rassendiskurs in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zusätzliche Beachtung. Darwins biologische Erkenntnisse, die eine Erklärung für die natürliche Auslese verschiedener Arten von Lebewesen liefern sollten, wurden rasch auch auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften übertragen. 16 So lässt sich festhalten, „daß die Eugeniker unter Berufung auf die
einer Rasse verbessern; auch mit denen, die sie zum großmöglichsten Vorteil entwickeln.“ (zit. nach Kröner 1999, S. 111).
15 Konkrete eugenische Maßnahmen auf Grundlage der nationalsozialistischen Gesetzgebung werden in Kap. 4.2 näher beleuchtet. Zu familienpolitischen Maßnahmen der NS-Politik, die auf eugenischen Klassifikationen basieren vgl. ausführlich CZARNOWSKI, Gabriele: Das kontrollierte Paar. Ehe- und Sexualpolitik im Nationalsozialismus, Weinheim 1991 (= Ergebnisse der Frauenforschung Bd. 24).
16 Ein wichtiger Hintergrund für biologistische Gesellschaftsdeutungen sind zudem die von der Industrialisierung vorangetriebenen ökonomischen und sozialen Veränderungen im Verlauf des 19. Jahrhunderts wie Urbanisierung, Pauperisierung und Lebensmittelknappheit. Vgl. hierzu TOMKOWIAK 2005, S. 34: „Mit dieser Entwicklung einher ging in bürgerlichen Kreisen die Angst vor Degeneration, und die skizzierten Entwicklungen galten als Indiz für deren Fortschreiben, wobei die historischen, wirtschaftlichen und sozialen Ursachen zugunsten biologistischer Erklärungsmuster in den Hintergrund gedrängt wurden.“ Vgl. zudem KÜHL, Stefan: Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1997, S. 21: „Aufbauend auf diese in die pessimistische Grundstimmung des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts passende biologische Erklärung für die Probleme der Industriegesellschaft, boten die Eugeniker ein scheinbar wissenschaftlich begründetes Lösungskonzept an.“
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Darwinsche Evolutionstheorie [...] die biologische Evolution der menschlichen Spezies in eine Wechselbeziehung zu gesellschaftlichen Bedingungen setzten.“ 17 Der so entstandene Sozialdarwinismus mit dem markigen Leitspruch ‚survival of the fittest’ - geprägt vom führenden englischen Vertreter des Sozialdarwinismus Herbert Spencer - war danach der Ansicht, dass sich nur die besten und stärksten Völker oder Rassen gegen die schlechteren und schwächeren Rassen oder Völker durchsetzen und langfristig überleben würden. Grundprinzip war damit das Recht des Stärkeren, wodurch Humanität gering geschätzt und Gewalt verherrlicht und gerechtfertigt wurde.
Im Deutschen Reich war es der Anatom und Zoologe Ernst Haeckel, der die Darwinsche Theorie salonfähig machte und sie in seiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte (1868) auf die Menschheitsgeschichte übertrug. 18 Haeckel „ging davon aus, dass die Gesundheit, Macht und Leistungsfähigkeit der Völker in erster Linie von der Gesundheit, Kraft und Tüchtigkeit der Einzelnen und ihrer vererblichen Anlagen abhänge, der Medizin seiner Zeit warf er kontraselektorische Wirkung vor.“ 19
Doch schon vor Darwins weitreichender Veröffentlichung war in Europa, besonders in Frankreich und England, ein weitreichender Rassendiskurs entstanden. Als Begründer des Rassismus gilt der Franzose Gobineau, der mit seinem vierbändigen Werk Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (1852-54) „beim Blick auf Zivilisationen und Kulturen im Grunde zu den gleichen Schlussfolgerungen gekommen [ist] wie nur etwas später Darwin beim Blick auf die Naturformen: daß nämlich das Leben am Ende immer nur ein Überleben im Kampf um die Reproduktion der eigenen Art [ist].“ 20
Richard Wagners Schwiegersohn Richard Chamberlain machte als Wahldeutscher mit seinem zweibändigen Hauptwerk Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899) das rassistische Gedankengut in deutschen bildungsbürgerlichen Kreisen salonfähig.
Der rassischen Ideologie zufolge lässt sich die menschliche Bevölkerung - mithilfe jedoch pseudowissenschaftlicher Begründungen - in verschiedene Rassen einteilen,
17 WEINGART 1985, S. 318; vgl. zudem SCHMUHL 1987, S. 29 f.
18 Vgl. TOMKOWIAK 2005, S. 35.
19 Ebd.
20 GEULEN 2007, S. 72.
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Patrick Borchert, 2008, Die Rolle der Eugenik in der NS-Gesundheitspolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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