Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zum Fall ,Albert Leo Schlageter 4
3. Ablehnung der Weimarer Republik 4
3.1. Die ,Dolchstoßlegende’ 4
3.2. Satire der Regierung der Republik 5
3.3 Die ideologische Krise in der Nachkriegszeit 6
4. Die Konzeption des ,Neuen Menschen’ in Schlageter 7
4.1. Soldatentum und Kampf als Berufung 7
4.2. Die Idealisierung des ,Deutschen’ 9
4.2.1. Kameradschaft 9
4.2.2. Heldentum 10
4.2.3. Bereitschaft zum ,Opfer’ des eigenen Lebens 12
4.2.4. Die Zukunft liegt in der Jugend 13
4.2.5. Verachtung des Auslands 14
4.4. Innere Determination statt Rationalität 14
5. „Wir sind Deutsche “ - Der ,Neue Mensch’ als Teil der ,Volksgemeinschaft’ 15
5.1. Die scheinbare Individualität 15
5.2. Eine ,Volksgemeinschaft’ der Deutschen 17
Exkurs : Die Erweckung des ,Neuen Menschen’ durch das ,Erlebnistheater’ 18
6. Schlußbemerkung und Kritik 20
Literaturverzeichnis 22
2
1. Einleitung
Seit jeher haben Menschen nach anderen, neuen Daseinsformen gesucht. Immer wieder wurden Konzepte und Visionen eines ,Neuen Menschen’ entworfen, die das gegenwärtige Leben verändern und in eine höher entwickelte Phase bringen sollten. Die Suche der Menschen nach E rlösung aus den und ihr Streben nach Überwindung der gegebenen Lebensverhältnisse scheint ein Phänomen zu sein, das nicht von Religions- und Kulturzugehörigkeit abhängt, sondern als anthropologische Konstituente bezeichnet werden kann.
Dem ,Neuen Menschen’ als einer zentralen Denkfigur kam besonders im Nationalsozialismus eine besondere Bedeutung zu. Der heroische Mensch war die Hoffnungsvision, auf dem sich ein ,Drittes Reich’ gründen sollte. So verkündete die nationalsozialistische Literatur einen ,Neuen Menschen’ auf nationaler Basis.
Hanns Johst, ein aus dem literarischen Expressionismus stammender Autor, veröffentlichte nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 sein Drama Schlageter, mit dem er sich offen zum Nationalsozialismus bekannte 1 . Schon fünf Jahre zuvor hatte Johst in seinem programmatischen Bekenntniswerk „Ich glaube!“ den Zustand der Gesellschaft beschrieben, der ihm die Forderung nach einem ,Neuen Menschen’ als dringend notwendig erscheinen ließ: „Der Mensch als treibende Idee hat abgewirtschaftet. Die Mechanik der menschlichen Weltbestimmung treibt die innere Triebkraft der Seelen nicht mehr zu Ekstasen und Erhebungen über Menschenmacht hinaus.“ (Johst 1928, S. 30).
In dieser Arbeit soll nun versucht werden, das Bild des ,Neuen Menschen’, wie Hanns Johst es in Schlageter entwirft, darzustellen und somit die Ideologie der Nationalsozialisten, denen die Titelfigur des Stückes als „[...] der erste politische Soldat des neuen Reiches“ galt, der „[...] mit seinem Opfergang das Signal für den Freiheitsmarsch in die Zukunft“ 2 gebe, zu umreißen.
1 Der Wandel Hanns Johsts vom Vertreter des Expressionismus zum überzeugten Nationalsozialisten wird in der Sekundärliteratur - in einem einleuchtenden Argumentationsgang - nicht als widersprüchlich gedeutet. Als Beispiel hierzu: Pfanner, Helmut F.: Hanns Johst. Vom Expressionismus zum Nationalsozialismus. Paris: Mouton 1970 (= Studies in German Literature 17).
2 ,Völkischer Beobachter’ vom 7. Juli 1940; zitiert nach: Drewniak, Boguslaw: Das Theater im NS-Staat. Szenarium deutscher Zeitgeschichte 1933-1945. Düsseldorf: Droste 1983.
3
2. Zum Fall ,Albert Leo Schlageter‘
„Der Fall Schlageter gehört zu den neuralgischsten Ereignissen der Weimarer Republik.“ (Rühle 1974, S. 734). Ausgelöst wurde er durch die Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen im Januar 1923, die auf diesem Weg ausgebliebene Reparationszahlungen in Form von Kohle sichern wollten. Die deutsche Regierung unter Reichskanzler Cuno rief zum „passiven Widerstand“ auf. Kohlelieferungen an Frankreich wurden verweigert, und die deutschen Arbeiter an den Bahnstrecken streikten. Den folgenden ,Ruhrkampf‘ radikalisierten Gruppen ehemaliger Soldaten und Freikorpskämpfer, in denen Albert Leo Schlageter eine wichtige Rolle spielte. 1894 im Schwarzwald geboren, wurde Schlageter im Ersten Weltkrieg zum Leutnant befördert. 1919 brach er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Freiburg ab und kämpfte zunächst im Baltikum gegen die bolschewistischen Truppen, nahm an der Rückeroberung Rigas teil, kämpfte mit der Gruppe „Heinz“ in Oberschlesien gegen die Polen sowie gegen kommunistische Umsturzversuche im Ruhrgebiet. Ab Ende Februar 1923 verübte Schlageter zusammen mit ehemaligen Mitgliedern seines Freikorps Anschläge auf Brücken und Bahnlinien im Ruhrgebiet, um den Abtransport der Kohle nach Frankreich zu verhindern. Nach der Sprengung einer Brücke über den Haarbach in Calcum bei Düsseldorf wurde Schlageter verhaftet und am 8. Mai 1923 mit sechs Mitkämpfern vom französischen Kriegsgericht in Düsseldorf angeklagt. Schlageter wurde als einziger seiner Gruppe zum Tode verurteilt und am 26. Mai 1923 auf der Golzheimer Heide vor dem Nordfriedhof Düsseldorfs von einem französischen Exekutionskommando erschossen (vgl. ebd., S. 734f).
3. Ablehnung der Weimarer Republik
3.1. Die ,Dolchstoßlegende’
Die nach 1918 als ,Dolchstoßlegende’ von deutschen Nationalisten verbreitete These, daß die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg nicht auf militärische und wirtschaftliche Gründe zurückzuführen, sondern Schuld der deutschen demokratischen Politiker und der revolutionären Unruhen sei, fand viele Anhänger. Allen voran versuchten die ehemaligen Generäle von Hindenburg und Ludendorff, auf deren Gesuch die deutsche Regierung den Waffenstillstand erwirkt hatte, die Niederlage des Militärs zu vertuschen. Die Darstellung des im Kampf unbesiegten deutschen Heeres, dem die ,Novemberverbrecher’ in der Heimat den ,Dolch in den Rücken gestoßen’ hätten, rief bei vielen eine starke Aversion gegen den neuen demokratischen Staat und seine Politiker hervor und diente somit den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken (vgl. Taschenhandbuch zur Geschichte1988, S. 182). Auch Schlageter
4
akzeptiert die Niederlage seiner Armee nicht, sondern ist überzeugt, daß nur der Kaiser, nicht aber das Militär die Kapitulation gewollt habe:
„1918 konnte der deutsche Kaiser plötzlich kein Blut mehr sehen. Er entband uns unseres Eides. Das Gottesgnadentum ... das Geheimnis ... das Mysterium der Verantwortung ... alles Unsagbare löste er damit auf! Der Rest ist Demokratie.“ (Johst 1933, S. 29)
Selbst Alexandra vertritt die ,Dolchstoßlegende’, wenn sie zu ihrem von Selbstvorwürfen geplagten Vater sagt:
„Kein Mensch verlangt von Euch Weißhaarigen Einsatz ... aber wenn ihr schon selber gebrauchsunfähig seid, dann fallt denen, die eure, eure Lehre zur Tat machen, die euren Idealismus verwirklichen, mit eurem Umfall nicht in den Rücken!“ (ebd., S. 122)
Soldaten, die auch nach dem Kriegsende an ihrer ,Berufung’ (vgl. Kapitel 4.1.) festhielten, kämpften in den Freikorps als Grenzschützer im Baltikum und in Oberschlesien. Den Mißerfolg dieser Aktionen begründet Schlageter mit der bewußten Gegensteuerung durch die deutsche Regierung. Eine Niederlage will er daher nicht noch einmal erleben, und er warnt seine Kameraden, die gegen die französische Besatzung gewaltsam vorgehen wollen: „Was habt ihr vor? Ihr stürzt wieder einmal an die brennende Grenze! Und wer wird euch diffamieren? Wer wird euch fallen lassen? Wer in den Rücken fallen? Eine feine Regierung ... in Berlin! [...] Und Berlin spielt euch aus, spielt Schindluder mit euch!!“ (Johst 1933, S. 48)
Demzufolge fordert Schlageter, zunächst die eigene Regierung auszuschalten, bevor gegen die Franzosen gekämpft werden soll: „Erst Aktion nach innen - dann Politik nach außen. [...] Die Weltverbrüderer von 1918 an die Wand!“ (ebd., S. 48). Dieser kompromißlose, Terror und Revolution fordernde Aufruf „[...] bezeichnet die eindeutige Absage an den Parlamentarismus eines demokratischen Regierungssystems“ (Pfanner 1970, S. 235).
3.2. Satire der Regierung der Republik
„Als die Franzosen das Ruhrgebiet besetzen, gilt es zu handeln. Die Weimarer Republik handelt jedoch nicht, ja sie distanziert sich sogar von der Widerstandsbewegung.“ (Riedel 1970, S. 80). General X erklärt Schlageter, daß er den Widerstand selbst verantworten müsse. Unausgesprochen akzeptiert er den Plan der Gruppe. Allerdings kann er Schlageter weder einen Befehl erteilen, noch der Regierung die Wahrheit seines Verhaltens auf Schlageters Bitte hin mitteilen (s. Johst 1933, S. 72-76) - ein Seitenhieb Johsts auf eine Regierung, in der seinem Empfinden nach keine Offenheit herrschte, sondern jeder sein eigenes Spiel spielte, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen. „Die Art, mit der Johst die politischen Zustände Deutschlands in seinem Drama Schlageter schilderte, zeigt deutlich, daß er die
5
Sabotageakte der jungen Nationalisten für eine vaterländische Pflicht hielt.“ (Pfanner 1970, S. 228)
Im vierten Akt treibt Johst die Satire der Regierung auf die Spitze. August, Sohn des Regierungspräsidenten Schneider, wurde wegen seiner Freundschaft mit Schlageter inhaftiert. Auf Befehl der deutschen Regierung hin verhaftet ein Wachtmeister Schlageters Burschen, Peter Fischer, noch bevor dieser aufbrechen kann, um seinen Herrn aus der Gefangenschaft zu befreien. Schlageters Freundin Alexandra kommentiert das Geschehen: „Deutsche liefern Schlageter an das Messer ... Deutsche fangen seine Kameraden wie streunende Hunde!! Ich hatte geglaubt, Taten würden Deutschland wie Brisanz aufreißen! Aber Deutschland läßt selbst über seine Heldentaten Frankreich zu Gericht sitzen!!“ (Johst 1933, S. 132)
Klarer hätte Johst seine Antipathie gegen die Weimarer Republik nicht formulieren können. Die Frustration über die Regierung drückt Schlageter aus, indem er sich an den Blockierungstaten gegen die Politik beteiligt. In seinen Augen hat zunächst die Monarchie versagt, da sie den Krieg für beendet erklärte; nun versagt auch die Republik, die gegen die französische Besatzung des Ruhrgebietes nicht vorgehen will. Schlageter - und auch Johstbetrachten die Politiker der Weimarer Republik als skrupellose Mitläufer, die ihre politische Macht lediglich nutzen, um ihre Karriere zu fördern und den eigenen Wohlstand zu vermehren. In der Unterhaltung zwischen Regierungspräsident Schneider und Reichstagsmitglied Willi Klemm wirft Johst der Regierung implizit politische Inkompetenz, fehlendes Engagement, Nepotismus, Bespitzelung und Heuchelei in bezug auf politische Verantwortung vor. Zudem sehen die Politiker die Zukunft nicht im Krieg, sondern in „Arbeit und Existenzkampf“ (Johst 1933, S. 77), das krasse Gegenstück zum extremen Militarismus der Schlageter-Gruppe (vgl. Pfanner 1970, S. 229ff).
3.3 Die ideologische Krise in der Nachkriegszeit
Schlageter: „Und nun, d a wir Kameraden alle sehr einsam wurden und jeder sich mutterseelenallein auf sich selbst gestellt sieht, sehen wir langsam ein, daß wir gar nicht in Deutschland sind ... daß wir unter Fassaden potemkinscher Dörfer leben ... daß die Verbrüderung, von der man uns sprach, Kitsch ist, daß wir hier Fremdkörper sind, wir Kameraden!“ (Johst 1933, S. 36)
Leo Schlageter, erfolgreich als Soldat und Freikorpskämpfer, kehrt nach Kriegsende zwar zurück in seine Heimat, doch sie erweist sich als eine für ihn und seine Kameraden fremde Welt, in der sie sich verlassen fühlen, und in die sie sich kaum integrieren können. Schlageter versucht sich zwar anfangs den geänderten Verhältnissen anzupassen, indem er ein Studium
6
Arbeit zitieren:
Daniela Schroeder, 1998, NS-Idole: Hanns Johsts Schauspiel ´Schlageter´ und die Wiederbelebung des Heldenmythos, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Ausarbeitung zum Referat "Hypothesen zum Zweitspracherwerb"
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Referat (Ausarbeitung), 16 Seiten
Peter Handkes "Don Juan (erzählt von ihm selbst)" in der Tra...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Magisterarbeit, 101 Seiten
Das romantische Kunstmärchen am Beispiel von E.T.A. Hoffmann
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 22 Seiten
Mozarts 'Don Giovanni' und seine romantische Interpretation am...
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Ungesteuerter und gesteuerter Zweitspracherwerb
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 16 Seiten
Ödön von Horvath 'Don Juan kommt aus dem Krieg'
Analyse des Don Juan
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Die wirtschaftlichen Folgen der großen Pest (1348 -1351)
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Horvath und der Mythos Don Juan. Untersucht an dem Theaterstück "...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Zweitspracherwerb von Migrantenkindern
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Der Donjuanismus bei Moliere, Byron und Hoffmann - ein Vergleich
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 24 Seiten
Mann, Thomas - Der Tod in Venedig - Die Problematik der Literaturverfi...
Facharbeit (Schule), 20 Seiten
E.T.A. Hoffmanns 'Don Juan' als Interpretation von W.A. Mozart...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Zwischenprüfungsarbeit, 20 Seiten
Das Zeichensystem Ferdinand de Saussures
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Seminararbeit, 12 Seiten
Eine Analyse der Darstellung des impressionistischen und dekadenten Me...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Daniela Schroeder hat den Text NS-Idole: Hanns Johsts Schauspiel ´Schlageter´ und die Wiederbelebung des Heldenmythos veröffentlicht
Daniela Schroeder hat einen neuen Text hochgeladen
"Nationale Märtyrer": Albert Leo Schlageter und Julius Fucík
Heldenkult, Propaganda und Eri...
Stefan Zwicker
NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preussische Staatsbibliothek
Vorträge des Berliner Symposiu...
Hans Erich Bödeker, Gerd-Josef Bötte
NS-Justiz und politische Verfolgung in Österreich 1938-1945 / National...
Analysen zu den Verfahren vor ...
Wolfgang Form, Wolfgang Neugebauer, Theo Schiller
0 Kommentare