1 Einleitung
Von Organisationen wird gemeinhin erwartet, Prozesse, Ziele und Abläufe derart zu planen, dass durch Organisieren Ordnung geschaffen wird. In der Realität zeigt sich aber, dass dieses Ziel oftmals verfehlt wird und aus vielfältigen Gründen Unordnung entstehen kann. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Plan und Chaos findet sich auch in einem ausschlaggebenden Aspekt der Organisation, nämlich dem des Entscheidens wieder. Gemeinhin bestehen Organisationen aus Individuen, die die organisationalen Zwecke und Ziele zumindest der Intention nach rational verfolgen (vgl. JANSEN 2006, S. 8 ff). Aus diesen Prämissen ergibt sich für die vorliegende Arbeit folgende Fragestellung: Wie rational können Entscheidungen in Organisationen sein? Die Analyse findet auf der Mikroebene der Organisation statt, individuelle Wahlhandlungen dienen als Erklärungsfigur (vgl. JANSEN, S. 19). Demnach ist das Modell des "homo oeconomicus", auch als Rational-Choice-Modell bekannt, so etwas wie der "Urmensch" der Wirtschafts- als auch der Sozialwissenschaften. Auf ihm und vor allem auf der Kritik an ihm bauen weitergehende Betrachtungen der wissenschaftlichen Forschung auf. Die Fundamentalkritik an der vom "homo oeconomicus" angestrebten vollkommenen Rationalität bildet die Grundlage für die "Verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie", einer
Forschungsrichtung innerhalb der Organisationssoziologie. Mithilfe dieser Theorie soll die o.g. Frage beantwortet werden. Im Anschluss an die Beschreibung des „homo oeconomicus“, wird in die "Verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie" eingeführt, die Kritik am "homo oeconomicus" konkretisiert und das alternative Modell des "homo organisans" vorgestellt. Im weiteren Verlauf werden Entscheidungsregeln und Beeinflussungsmechanismen von Organisationen erläutert, die auf das Handeln ihrer Mitglieder einwirken. Unter dem Gesichtspunkt der Rationalität wird danach untersucht, wie Ziele und Erwartungen der Organisationsteilnehmer in Ziele der Organisation umgesetzt werden. Schließlich wird mit dem Papierkorb-Modell eine Methode für organisationales Entscheiden diskutiert, das von der ursprünglichen Rationalitätsanforderung nicht mehr viel übrig lässt. Das abschließende Fazit fasst die gesammelten Erkenntnisse zusammen.
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2 "Homo Oeconomicus"
Grundlage für das Modell des "homo oeconomicus" ist die Annahme, dass "Individuen dadurch handeln, dass sie aus den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten eine rationale Auswahl treffen, wobei sie sich in ihren Entscheidungen an den (erwarteten) Konsequenzen ihres Handelns orientieren" (KIRCHGÄSSNER 1991, S. 2).
Dem Individuum wir unterstellt, dass es sich in einer Situation der Knappheit befindet, es ihm deshalb nicht möglich ist, alle Bedürfnisse gleichzeitig zu befriedigen und es folgerichtig aus einer der Alternativen wählen muss. Dabei wird erwartet, dass die Wahl rational, sprich nutzenmaximierend erfolgt. Um dieses Ziel zu erreichen, stellt der "homo oeconomicus" in einer Entscheidungssituation eine Präferenzordnung auf: Präferenzen werden durch Intentionen gebildet, die durch die im Sozialisationsprozess entwickelten Wertvorstellungen geprägt sind. Auf Grundlage dieses Präferenzsets bewertet das handelnde Individuum die zur Verfügung stehenden Wahlmöglichkeiten und entscheidet sich schließlich für diejenige Alternative von der es sich den größten Nutzen bei Kostenminimierung verspricht. Die Einschätzung der möglichen zukünftigen Konsequenzen der jeweiligen Alternativen fließen in den Entscheidungsprozesse mit ein. Der Handlungsspielraum, also die Vielfältigkeit der Handlungsoptionen, wird durch Restriktionen begrenzt; z.B. individuelles Einkommen, rechtliche Rahmenbedingungen, intendierte Reaktionen anderer (KIRCHGÄSSNER 1991, S. 14-16).
In der entscheidungstheoretischen Literatur finden sich verschiedene Modelle mit deren Hilfe das Idealbild des perfekt rationalen Entscheides bzw. dem Entscheidens unter Untersicherheit abgebildet werden soll. SCHIMANK z.B. untergliedert den Entscheidungsvorgang in die Komponenten: Problemdiagnose, Kriterienformulierung, Alternativensuche, Alternativenbewertung und -auswahl, Implementation und Evaluation. Er versteht dabei im Gegensatz zu anderen Autoren die Komponenten nicht als strikte lineare Phasenabfolge, sondern als logische Bestandteile des Entscheidungsprozesses, in dem Komponenten übersprungen oder auch wiederholt werden können (SCHIMANK 2005, 174 ff).
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Die auch als normativ-präskriptiv bezeichnete neoklassische Entscheidungstheorie versucht Empfehlungen darüber abzugeben, wie ein Akteur in einer Entscheidungssituation die möglichst optimale Lösung findet. Sie stößt dabei auf eine breite Kritik, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wirtschaftswissenschaften, und wird im Folgenden aus der Perspektive der verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungstheorie betrachtet (vgl. SCHIMANK 2005, S. 224 ff; KIRCHGÄSSNER 1991, S. 27 ff).
3 Die verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie In der verhaltenswissenschaftlichen Organisationstheorie dienen
Entscheidungsprozesse als zentraler Ausgangspunkt für die Organisationsanalyse. Demnach bestehen Organisationen hauptsächlich aus Entscheidungen, die wiederum von menschlichen Individuen getroffen werden. Die Leitfragen dieser Theorie gehen den Gründen von individuellen Entscheidungen unter Einbeziehung der Beeinflussung durch Organisationen nach. Das Fortbestehen einer Organisation manifestiert sich im richtigen Entscheidungsverhalten ihrer Mitglieder. Die Motive und die kognitiven Fähigkeiten der
Organisationsmitglieder stehen im Vordergrund des Interesses dieser Forschungsrichtung. Zentrale Grundannahmen sind die begrenzte Bereitschaft sich in Organisationen zu engagieren und die begrenzte
Informationsverarbeitungskapazität des Menschen (BOGUMIL / SCHMID 2001, S.33).
Da der Fokus dieser Arbeit auf Entscheidungen in Organisationen liegt, wird im weiteren Verlauf die erste Grundannahme, also der motivationale Aspekt, nicht weiter verfolgt. An dieser Stelle sei angemerkt, dass Barnard wichtige Vorarbeiten zu diesem Thema geleistet hat. Seine Ausgangsthese, dass Organisationen nicht aus Menschen sondern Handlungen bestehen, beeinflusste die Herausbildung einer neuen Organisationstheorie maßgeblich. Sein vielbeachtetes Konzept des Anreiz-Beitrags-Gleichgewichts beschäftigt sich mit den Motiven von Individuen sich in Organisationen zu engagieren (vgl. BANARD 1970). SIMON knüpfte an die Überlegungen Barnard an und beschäftigte sich seit Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts mit der Frage nach den Faktoren für das menschliche
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Entscheidungsverhalten in Organisationen und legte damit den Grundstein für diese Theorie.
Einer der Kernaspekte von SIMONS Überlegungen fußt auf der Fundamentalkritik an der allwissenden Rationalität der neoklassischen Organisationstheorie und ihrem Modell des "homo oeconomicus": "Der homo oeconomicus hat ein vollständiges und konsistentes Präferenzsystem, das es ihm immer erlaubt, aus den ihm verfügbaren Alternativen zu wählen; er ist sich immer vollständig bewusst, welche diese Alternativen sind; es gibt keine Grenzen für die Komplexität der Berechnungen, die er durchführen kann, um zu bestimmen, welche Alternativen die besten sind;
Wahrscheinlichkeitsberechnungen sind für ihn weder ängstigend noch rätselhaft." (SIMON 1981, S. 29)
SIMON kritisiert die realitätsferne dieses Modells und propagiert stattdessen eine modifizierte Version, die den beschränkten kognitiven Fähigkeiten des Menschen Rechnung trägt. Menschlichem Verhalten in Organisationen gesteht er eine beabsichtigte, jedoch nur begrenzte Rationalität zu. Er erteilt damit aber auch dem anderen Extrem der Sozialforschung eine Absage - der freudschen Sozialpsychologie, die das gesamte Denken auf Affekte zu reduzieren versucht. Er plädiert für eine Kombination aus ökonomischen und psychologischen Aspekten bei der Betrachtung des Verhaltens in Organisationen und begründet eine eigenständige Theorie der Organisation und Verwaltung. Die zentralen Thesen dieser Organisationstheorie lauten wie folgt: "Das zentrale Anliegen der Organisationstheorie ist die Grenze zwischen dem rationalen und dem nichtrationalen Aspekten des menschlichen sozialen Verhaltens. Die Organisationstheorie ist insbesondere die Theorie der beabsichtigten und beschränkten Rationalität - die Theorie des Verhaltens von Menschen, die befriedigende Lösungen anstreben, weil sie nicht den Verstand haben, zu maximieren." (ebd., S. 30)
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Arbeit zitieren:
Christian Weber, 2011, Die verhaltenswissenschaftliche Kritik am Modell des Homo Oeconomicus, München, GRIN Verlag GmbH
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