Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Beziehung zwischen Wahl- und Parteiensystem 4
2.1 Beobachtungen in den post-kommunistischen Staaten 7
2.2 Hypothesen 11
3 Empirische Untersuchung 12
3.1 Datensatz 12
3.1.1 Definition der Wahlsysteme 13
3.1.2 Messung der Anzahl der Parteien 13
3.1.3 Maß für Disproportionalität: Least-Squares Index 13
3.2 Ein erster Blick 14
3.3 Statistische Überprüfung 16
4 Schlussfolgerung 18
1 Einleitung
Dass das Wahlsystem ein entscheidender Faktor für die Ausformung des Parteiensystems darstellt, ist eine der wenigen gesicherten Teil-Erkenntnisse, die die junge Disziplin der Politikwissenschaft bisher erarbeiten konnte. Wohl auch deshalb, weil die Wahlsystem- und Parteienforschung es im Vergleich zu anderen Teildisziplinen recht gemütlich haben: Ihre Analyseeinheiten - die Demokratien - haben ein inhärentes Interesse daran, die Ergebnisse des Wahlsystems zu erfassen und öffentlich zugänglich zu machen. Zudem haben die entscheidenden Akteure ein machtpolitisches Interesse daran, Wahlsysteme zu erforschen und in vielen, vor allem westlichen Demokratien auch das Kapital, diese Forschung zu finanzieren. Die einzigen Hindernisse in diesem Unterfangen sind Zeit und wissenschaftliches Humankapital um die Daten zu akkumulieren und auszuwerten. Dennoch stehen auch in diesem politikwissenschaftlichen Paradies grundlegendste Annahmen immer wieder auf dem Prüfstand. Das liegt vor allem daran, dass der Untersuchungsgegenstand nicht, wie zum Beispiel in der Psychologie, im Akkord durch ein Experiment geschleust werden kann, sondern zäh und nur in vergleichsweise geringer Stückzahl vorhanden ist. So ist zum Beispiel das Eigenleben Indiens, des enfant terrible der Wahlsystemforschung, kein unbedeutendes Artefakt unter hunderttausenden Ergebnissen, sondern eine ernst zu nehmende Abweichung von der bisher angenommenen Norm. Ebenso verhält es sich mit den Anomalien in neuen Demokratien, die im Fokus der vorliegenden Hausarbeit stehen.
Ausgehend von der Beobachtung, dass die erstmals von Maurice Duverger vorausgesagten psychologischen Effekte des Wahlsystems auf die Anzahl der Parteien in den jungen post-kommunistischen Demokratien nicht auf die gleiche Weise funktionieren, wie in den etablierten, westlichen Demokratien (Moser 1999), möchte ich untersuchen, ob und wie diese Effekte inzwischen ihre Wirkung auf die Fragmentierung der Parteiensysteme gezeigt haben. So diese psychologischen Effekte, den wissenschaftlichen Erwartungen entsprechend, inzwischen eingetreten sein sollten, möchte ich zudem analysieren, zu welchem Zeitpunkt dies stattfand und ob es hierin Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Staaten gab. Die zugrunde liegende Frage lautet also: Ab wann wirken Wahlsysteme in neuen Demokratien, so, wie in etablierten Demokratien und lassen sich hier überhaupt einheitliche Muster erkennen?
Um zu einer Antwort zu gelangen, werde ich erst die Ergebnisse der bestehenden Literatur - zum allgemeinen Zusammenhang zwischen Wahl- und Parteiensystem, später speziell zu den Umständen in den post-kommunistischen Staaten - zusammenfassen und diesbezüglich Hypothesen aufstellen. Daraufhin werde ich diese Hypothesen anhand eines quantitativ-empirischen Modells überprüfen und anschlie-
3
ßend die Ergebnisse dahingehend analysieren, ob meine Hypothesen bestätigt oder widerlegt wurden.
2 Beziehung zwischen Wahl- und Parteiensystem
Die Auswirkungen des Wahlsystems auf die Anzahl der Parteien ist spätestens seit Maurice Duvergers 1951 erstmals publiziertem Werk Les parties politiques ein viel und intensiv diskutierter Forschungsgegenstand. Über die Jahre hinweg wurden Duvergers Behauptungen bestätigt, ergänzt, verworfen, rehabilitiert und geistern auch heute noch in unzähligen Publikationen herum. Ich werde die für diese Arbeit relevanten Entwicklungslinien hier kurz skizzieren.
Laut Duverger entscheidet nach den sozialen Faktoren, die zur Spaltung einer Gesellschaft führen, das Wahlsystem darüber, ob sich diese Cleavages 1 im Parteiensystem wieder finden oder nicht (Clark/Golder 2006). Duverger behauptet, dass sich in relativen Mehrheitswahlsystemen ohne Stichwahl bevorzugt Zweiparteiensysteme bilden. Während sich in absoluten Mehrheitswahlsystemen mit Stichwahl und in Verhältniswahlsystemen bevorzugt Mehrparteiensysteme bilden (nach Duverger 1986). Bei der Erklärung dieses Einflusses weißt Duverger auf die mechanischen und psychologischen Effekte des Wahlsystems hinsichtlich der Anzahl der Parteien hin. (nach Riker 1982) Die mechanischen sind dabei die direkten Effekte, die bei der Übersetzung der Anzahl der Stimmen in die Anzahl der Sitze Einfluss auf die Stärke der einzelnen Parteien nehmen. Hierzu zählen zum Beispiel die Wahl des Stimmverrechnungsverfahren in Verhältniswahlsystemen (D’Hondt, Largest Remainders, etcetera), prozentuale Hürden (Sperrklauseln), die vor dem Eintritt in das Parlament genommen werden müssen, die Anzahl der zu wählenden Personen im Wahldistrikt, oder aber Besonderheiten wie Überhangmandate, die die genaue Abbildung der Stimmenanzahl auf die Anzahl der Sitze verzerren. Die psychologischen Effekte sind dagegen etwas diffuser und daher schwerer zu erfassen. Sie gehen auf die Annahme zurück, dass der Wähler rational handelt und seine Stimme möglichst effektiv nutzen möchte. Wenn zum Beispiel die FDP in bestimmten Regionen Deutschlands keine Chance hat, in einen Landtag gewählt zu werden, wird ein rationaler Wähler seine Stimme nicht „verschwenden“, sondern trotz anderer ideologischer Prädisposition eine Partei wählen, die eher die Chance hat, seine Interessen mehr als nur symbolisch zu vertreten. Ebenso gilt diese rational-choice-Annahme auf Seiten der Parteien, die sich, wenn sie zum Beispiel Schwierigkeiten haben, die Sperrklausel zu überwinden, eher mit anderen Parteien zusammenschließen, um so die nötige Stimmenzahl zu erreichen. Noch stärker treten diese psychologischen oder strategischen Effekte vermeintlich in Mehrheitswahlsystemen zum Vorschein, da hier die
1 Soziale Konfliktlinien. Siehe zur Cleavage-Theorie: Lipset/Rokkan 1967
4
Chance auf direkte politische Repräsentation für kleine Parteien noch geringer ist. Eine frühe und berühmte Rezeption dieses Theorems ist die von Douglas W. Rae in
Political Consequences of Electoral Laws
(1967), in dem die Annahmen Duvergers im Wesentlichen bestätigt wurden. Obwohl dieses Werk Jahrzehnte als großer Durchbruch gefeiert wurde, kritisierte Arend Lijphart (1990) Rae sehr stark und warf ihm konzeptionelle, methodische und empirische Schwäche vor. Bei der statistischempirischen und qualitativ-empirischen Überprüfung der Thesen stieß man regelmäßig auf Fälle, die den Annahmen Duvergers widersprachen und so kann man heute kaum noch von einer Gesetzmäßigkeit sprechen. Insofern sind diese „Arbeits-
hypothesen“
2
lediglich ein Hinweis darauf, in welche Richtung sich Parteiensysteme entwickeln können (Duverger 1986). Durch die Arbeit Lijpharts (1994) wurden die Annahmen Duvergers systematisch überprüft. Lijphart stellte fest, dass vor allem der Einfluss auf die effektive Anzahl der zur Wahl stehenden Parteien (nachfolgend: elektorale Parteien) nahezu nicht vorhanden ist: „The influence of the electoral system on the effective number of elective parties is especially weak. The comparable-cases evidence indicated that there was no systematic relationship between the two at all, and the crosstabulations and the regression analyses showed no more than a tenuous relationship.“ 3
Auch wenn er damit generell sagt, dass die Verbindung zwischen dem Wahlsystem und der effektiven Anzahl der elektoralen Parteien schwächer ist, als erwartet, betont er doch, dass die psychologischen Effekte diese Anzahl in Verhältniswahlsystemen substantiell verringern. Außerdem zeigen seine Ergebnisse, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem Wahlsystem und der effektiven Anzahl parlamentarischer Parteien gibt:
„In the comparable-cases analyses, changes in all three of the principal electoral system dimensions yielded the expected increases or decreases in the effective number of parliamentary parties with only few exceptions.“ 4
Dabei betont er besonders den Einfluss von Sperrklauseln, Verrechnungsverfahren und der Anzahl der Sitze im Parlament. Diese Ergebnisse, die sich schon früher abzeichnen (Lijphard 1990), deuten darauf hin, dass die psychologischen Effekte des Wahlsystems auf die Anzahl der Parteien zumindest in Mehrheitswahlsystemen geringer sind, als bis dahin angenommen. Die Mechanischen Effekte dagegen scheinen die wichtigeren zu sein, da sich erst nachdem diese eingesetzt werden, die
2 So Duverger selbst (1984: 39) in Reaktion darauf, dass man ihm den Wagemut unterstellt, erstmals sozialwissenschaftliche Gesetze formuliert zu haben.
3 (Lijphart 1994: 141)
4 (Lijphart 1994: 142)
5
effektive Anzahl der (parlamentarischen) Parteien vollkommen den Erwartungen
entsprechend verändert.
5
Die Ergebnisse seiner früheren Arbeit überschlagend entschließt Lijphart sich so in seinem Werk
Patterns of Democracy
(1999: 63-89) dem Westminster-Model ein Zweiparteien und dem Konsensus-Model ein Mehrparteiensystem zu attestieren.
Wie schon angedeutet ist eine zentrale Weiterentwicklung bei der Überprüfung von Duvergers Annahmen, dass man heute bei der Zählung der Parteien ein Korrektiv anwendet und zwischen Parteien, die zur Wahl stehen, und Parteien, die es tatsächlich ins Parlament schaffen, unterscheidet. Für die Beobachtung der psychologischen Effekte ist dabei auf die Anzahl der elektoralen Parteien zu achten, während die mechanischen Effekte ihre Wirkung erst bei der Anzahl der parlamentarischen Parteien zeigen. In der Regel verwendet man als Korrektiv das Konzept der „effektiven“ Anzahl der Parteien nach Markku Laakso und Rein Taagepera (1979), das zwar nicht unangefochten (siehe hierzu den Fraktionalisierungsindex: Rae 1967), aber in der Vergleichenden Politikwissenschaft weitestgehend etabliert ist. Hier wird nicht nur die einfache Anzahl der Parteien berechnet, sondern auch ihre relative Stärke in Betracht gezogen. 6 Dieses Maß steht vor allem in der Kritik, weil es nicht die tatsächliche Heterogenität der Parteienlandschaft misst, sondern nur die reine Anzahl der Parteien. Alternativ könnte man deswegen Russell J. Daltons (2008) Polarisationsindex zu Rate ziehen, der allerdings wesentlich komplizierter zu erfassen und längst nicht so praktikabel ist, wie das Maß von Laakso und Taagepera. Es ist zudem zu bezweifeln, dass man bei der Frage des Einflusses des Wahlsystems auf das Parteiensystem tatsächlich auf dieses kompliziertere Maß zurückgreifen muss: Die Polarisation des Parteiensystems wird durch andere, gesellschaftliche Faktoren bestimmt und wird nur über den Umweg der Anzahl der Parteien vom Wahlsystem beeinflusst. Es kann also bei zugrunde liegender Fragestellung problemlos auf das Konzept der effektiven Anzahl der Parteien zurückgegriffen werden. Die neueste und aktuellste Interpretation und Überprüfung von Duvergers Theorie stammt wohl von William R. Clark und Matt Golder (2006), die ihren Vorgängern vorwerfen, Duverger nicht sauber interpretiert zu haben und herausgefunden haben, dass man mit modernen Tests, Duvergers Theorie in weiten Teilen bestätigen kann. Clark und Golder betonen, dass Duverger das Wahlsystem als Filter sieht, der darüber entscheidet, ob bestehende Cleavages im Parteiensystem repräsentiert werden, oder nicht. Die Anzahl der Parteien hängt also zum einen davon ab, ob so-
5 Hierbeiist anzumerken, dass sich Lijphart zwar auf eine Fülle elaborierter Daten aus 27 Ländern stützt, von denen allerdings lediglich acht außerhalb West-Europas liegen, und von denen wiederum keines in Osteuropa, Südamerika oder Afrika liegt. Angesichts der Zeit ist das sicherlich verständlich, allerdings sind die Ergebnissen für heutige Bedürfnisse dadurch zu Teil-Erkenntnissen degradiert.
6 Zur genauen Berechnung siehe Kapitel 3.1.2
6
Arbeit zitieren:
Patrice Wangen, 2011, Entwicklung der psychologischen Effekte des Wahlsystems in post-kommunistischen Demokratien, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte: neuer Titel erschienen: Entwicklung der psychologischen Effekte des Wahlsystems in post-kommunistischen Demokratien
Patrice Wangen hat einen neuen Text hochgeladen
Kausalmodellierung mit Partial Least Squares
Eine anwendungsorientierte Ein...
Frank Huber, Andreas Herrmann, Frederik Meyer, Johannes Vogel, Kai Vollhardt
Dynamic Data Assimilation: A Least Squares Approach
John M. Lewis, Sudarshan Dhall, S. Lakshmivarahan
Filtering and System Identification: A Least Squares Approach
Michel Verhaegen, Vincent Verdult
Total Least Squares and Errors-in-Variables Modeling
Analysis, Algorithms and Appli...
P. Lemmerling, S. van Huffel
0 Kommentare