Außerdem spart Imanishi den Menschen aus seinem Argumentationsfluss aus, mit der
Erklärung, der Mensch sei zu kompliziert, und beschränkt sich auf die anderen in der
Natur vorkommenden Lebewesen. Seine These lautet: unterscheiden sich Wahrnehmung
und die daraus folgende Erkennung eines Mediums durch verschiedene
nichtmenschliche Gattungen, so kann man daraus auf ihren Verwandtschaftsgrad
schießen. Sollte also die Erkenntnis bei nichtmenschlichen Lebewesen vergleichbar
funktionieren, so würden verwandtschaftlich nahe Lebewesen die gleiche Erkenntnis
von der Welt haben. Daraus deutet Imanishi, dass, je weniger zwei Arten miteinander
verwandt sind, es umso unwahrscheinlicher wird, dass der Mechanismus des Erkennens
vergleichbar greift. Menschen und nichtmenschliche Lebewesen unterscheiden sich
daher in der Interpretation ihrer subjektiven Reaktion.
Imanishi Kinji sieht sich dadurch bestätigt, dass Menschen ihre Verwandtschaft
untereinander erkannt haben und dadurch besser miteinander interagieren können.
Jedoch fügt er hinzu, dass es auch unter Menschen zu Problemen der »Erkenntnis«
kommen können. Obwohl Imanishi den Menschen als eines der weit entwickeltsten
Lebewesen in dem sogenannten »Weltenschiff« sieht, so darf aber nicht der Rest der
Lebewesen als simple »Automaten« und Unsereins als begnadet angesehen werden. Der
Autor betont im ersten Kapitel wiederholt, der Mensch versuche von seinem Standpunkt
aus, das Leben der Lebewesen zu erfassen und ihre Welt zu erforschen. Interessant ist
ebenfalls die moderne Denkweise Imanishis, die zu seiner Zeit (1941) durchaus nicht
selbstverständlich war. Denn er lässt der »neuen« Biologie die zentrale Aufgabe
zukommen, dem Analogieschluss eine rationale Grundlage zu geben. Zu erwähnen ist
hierbei auch, dass Imanishi Kinji sich im ersten Kapitel »Analogie und Differenz« dafür
rechtfertigt, dass er Termini verwendet, wie »Gesellschaft der Lebewesen«,
»Liebesbeziehung der Lebewesen« und »Kunst«, welche sich normalerweise nur auf
Menschen beziehen. Ein Teil dieser Welt zu sein heißt nach Imanishi auch Teil einer
Verwandtschaftsbeziehung zu sein, die wiederum zur Struktur der Welt gehört.
Verhaltensgewohnheiten sind somit tief in der biotischen Herkunft der Lebewesen
verankert.
Das zweite Kapitel »Über die Struktur« setzt sich mit der Funktion und dem Raum-Zeit
Verhältnis als Rahmenbedingung für eine Existenz auseinander.
Nach Meinung des Autors lässt sich der Aufbau der Welt zum einen in die Gattung der
Nicht-Lebewesen und zum anderen in die der Lebewesen unterteilen. Mit Lebewesen
werden hier Tiere und Pflanzen gemeint (Vierbeiner, Vögel, Fische, Insekten usw.;
Bäume, Gräser, Pilze usw.). Diese Faktoren können als Nahrung oder aber auch als
Bedrohung in die Lebensgeschichte einzelner Lebewesen innerhalb der Welt eingehen.
Eine Besondere Rolle für Imanishi Kinji nehmen die Mikroorganismen ein, die quasi
für das Leben eine Struktur oder besser gesagt ein Gerüst bilden.
Anhand des menschlichen Verstandes kann man recht leicht Lebewesen von Nicht-Lebewesen unterscheiden, doch die Gestalt allein reicht dafür nicht aus. Es ist also nicht
möglich eine allgemeine Lebewesen-Gestalt abzuleiten. Hiermit wirkt Imanishi Kinji in
seiner Zeit weitaus moderner und fortschrittlicher innerhalb der Biowissenschaft, da er
sich besonders auf die Mikroorganismen und die innere Struktur der Natur bezieht,
anstatt nur Äußerlichkeiten zu definieren.
Das Zusammenspiel von Äußerlichkeiten und der inneren Funkion eines Lebewesen
(Organe, Muskulatur, Skelett usw.) fußt auf der Basis der Mikroorganismen (Zellen
eines Lebewesen) und ist dadurch ein wichtiger Aspekt innerhalb der Abhandlung von
Imanishi Kinji. Was macht nun für den Biologen und Anthropologen Imanishi die
Grenze zwischen Lebewesen und Nicht-Lebewesen aus? Hierfür bringt er dem Leser
ein Bild, was für uns recht simpel erscheint: »Dass ein lebendiges Tier springt oder
schwimmt, liegt daran, dass es lebendig ist«. Die Fähigkeiten, die ein Lebewesen
besitzt, wie beispielsweise durch einen Fluss zu schwimmen, sind Beweise für deren
Lebendigkeit. Diese Fähigkeiten bezeichnet Imanishi als »Funktionen«. Ein Lebewesen
muss, nach Auffassung des Autors, sowohl aus »Funktion« als auch »Struktur«
bestehen. Imanishi entkräftet damit die damals geläufige Behauptung, die Funktion
existiere nur für die Struktur und andersherum. Für ihn sind es bloß Phänomene, die
zwingend auftreten müssen. Der weitere Argumentationsverlauf wird im Weiteren nicht
mehr aufgegriffen.
Die Zelle in einem Organismus wird von Imanishi in den Mittelpunkt zur Bildung eines
Lebewesens gerückt, aber bekommt nicht die Stellung eines eigenständigen Lebens. Sie
gehört weder zum Lebewesen noch zum Nicht-Lebewesen.
Arbeit zitieren:
Rudolf Richter, 2011, Die Welt der Lebewesen von Imanishi Kinji, München, GRIN Verlag GmbH
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