Beate Schlüter-Rickert
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 4
2 Aktuelle Problemlage 5
2.1 Die demografische Entwicklung 5
2.2 Bewältigungsstrategien im Kontext dementieller Erkrankungen 7
2.3 Arbeitszufriedenheit im Praxisfeld Altenpflege 10
3 Biografiearbeit in stationären Altenpflegeeinrichtungen 12
3.1 Biografiezentrierte Pflege als modernes Instrument der Altenpflegearbeit 12
3.2 Ergebnisse einer Studie zum Thema Biografie 15
4 Theoretischer Begründungszusammenhang und Erkenntnisinteresse 18
4.1 Eriksons Lebenszyklusmodell als neues Konzept zum Verständnis von
Alter und Identitätskrise 18
4.1.1 Grundlagen des Lebenszyklussmodells 19
4.1.2 Die psychosozialen Krisen und die Tugenden 20
4.1.3 Die Abwehrmechanismen 24
4.1.4 Der Einfluss der Umwelt 27
4.1.5 Die Identitätskrise im Alter 29
4.1.6 Schlussfolgerung 33
4.2 Antonovskys Modell der Salutogenese als Konzept salutogener Integration
von Mitarbeitern 35
4.2.1 Ein kurzer Überblick 36
4.2.2 Der Kohärenzsinn (Sense of coherence SO)C 36
4.2.3 Die Wiederstandsressourcen und Wiederstandsdefizite 38
4.2.4 SOC und Gesundheit 42
4.2.5 Die SOC-Typen 43
4.2.6 Der SOC im Lebensverlauf 45
4.2.7 Schlussfolgerung 46
4.3 Biografie als Gesundheitsfaktor 47
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4.4 Biografiearbeit als Instrument zur Erhöhung der Arbeitszufriedenheit 50
4.5 Biografiearbeit in der Dementenpflege 52
5 Das Genogramm als praktikabler Einstieg in die Biografiearbeit 54
5.1 Grundlagen 55
5.2 Technik der Genogrammerstellung 55
5.3 Symbole in Genogrammen 56
5.4 Zentrale Themen in der Genogrammarbeit 60
5.5 Auswertung von Genogrammen 61
5.6 Anwendungsmöglichkeiten der Genogrammarbeit 64
5.7 Grenzen der Genogrammarbeit 65
5.8 Zusammenfassung und kritische Betrachtung 67
6 Ausblick und kritische Würdigung 69
7 Quellenverzeichnis 73
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1 Einführung
Die demografischen Herausforderungen der Zukunft liegen für stationäre Pflegeeinrichtungen in einer Zunahme sowohl der Pflegbedürftigkeit allgemein, als auch in der steigenden Zahl Demenzerkrankter. Es gilt Konzepte zu institutionalisieren, die sowohl zum Wohlbefinden der Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen beitragen, als auch die Arbeitszufriedenheit der Pflegepraktiker, die einer zunehmenden Belastung ausgesetzt sind, positiv beeinflussen.
Besonders im Rahmen der Dementenpflege, hat die Bewohnerbiografie und die Biografiearbeit an Bedeutung gewonnen.
Leider mangelt es jedoch in der Praxis an einem Instrument, welches relevante Daten der Bewohnerbiografie erhebt, von Mitarbeitern akzeptiert und aus Überzeugung angewandt wird.
Vielfach beschränken sich erhobene Informationen auf Gewohnheiten und Vorlieben der Bewohner, ohne tatsächlich die individuellen Facetten des Personseins zu beachten.
Diese erhobenen Daten sind im Pflegealltag häufig wenig hilfreich und tragen nicht zum Wohlbefinden der Bewohner und zur Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter stationärer Pflegeeinrichtungen bei.
Wie die Ergebnisse einer 2007 von der Autorin durchgeführten Studie belegen, kann nicht nur der Mangel an einem praxistauglichen Instrument zur Erhebung der Bewohnerbiografie beklagt werden, sondern es mangelt vor allem auch an fundiertem Theoretischem Wissen zum Thema Biografie. Um einen Blick sozusagen hinter die Kulissen auf das, was einen Menschen ausmacht, zu erlauben, könnte Erikson`s Interpretation des Lebenszyklus einen möglichen Weg aufzeigen.
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Dieser Blick wendet sich ab von Vorlieben und Gewohnheiten einer Person, hin zu durchlebten Krisen, dem Gewinn an persönlicher Stärke und zu getroffenen Entscheidungen in dem jeweils gültigen sozialen und gesellschaftlichen Kontext. In diesem Zusammenhang gilt es für das Management nicht nur ein neues Instrument einzuführen, sondern alle Veränderungen müssen im Sinne Antonovskys salutogen ausgerichtet sein.
Mitarbeiter müssen demnach zu Beteiligten werden, die mit ihren Arbeitsinhalten weder über- noch unterfordert werden und ihre Arbeitsaufgaben für sinnvoll erachten.
Wird bei Pflegepraktikern ein neues Verständnis von Biografie geweckt, sind die Voraussetzungen geschaffen, um ein anderes Instrument zur Erhebung der Bewohnerbiografie als den bisherigen Biografiebogen zu institutionalisieren. Als Grundlage professioneller Pflegearbeit könnte die Arbeit mit Genogrammen, als grafische Darstellung der Familienmitglieder und ihrer Beziehungen dienen. Dieses bisher überwiegend in der Familientherapie etablierte Instrument stellt in übersichtlicher Form die Krisen, Konflikte, Beziehungen und Verluste von Familienmitgliedern dar und ermöglicht so einen umfassenden Blick auf die Biografie einer Person.
Im Rahmen dieser Diplomarbeit soll daher die Biografiearbeit sowohl aus Sicht der Bewohner, als auch aus Sicht der Mitarbeiter beleuchtet und letztendlich im Zusammenhang mit Genogrammen als neue Herangehensweise betrachtet werden.
2 Aktuelle Problemlage
2.1 Die demografische Entwicklung
Die gesellschaftlichen Veränderungen stellen für alle Akteure, die gestaltend und ausführend im gesellschaftlichen Kontext tätig sind, eine große Herausforderung dar.
Zahlreiche Diskussionen sind geprägt von den Schlagworten Singualisierung, Femininsierung und Veralterung der Gesellschaft, um nur einige zu nennen.
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Dieser sich vollziehende Wandel führt nicht nur zu einer neuen Altersstruktur, sondern auch zu einer Reduzierung intrafamiliärer Pflegekapazitäten. Die Gestalter der sozialen Sicherungssysteme, sowie die Dienstleister pflegerischer Versorgung, müssen sich dieser neuen Herausforderung stellen und einen Kontext gestalten, der den Bedürfnissen sowohl der Alten, als auch den der Pflegepraktiker gerecht wird.
Die Altersstruktur in Deutschland hat sich dahingehend verändert, dass es zu einer Verschiebung zu Gunsten der Senioren, insbesondere der Hochaltrigen, kommt. Statistischen Berechnungen zu Folge dürfte „2050 etwa jeder dritte Einwohner Deutschlands 65 Jahre und älter sein, unter 20 dagegen etwa halb so viele.“ (Statistischen Bundesamt 2007, S.18)
Demografischer Wandel begreift sich jedoch nicht nur als Veränderung der Altersstruktur, sondern wird auch in zahlreichen anderen Facetten deutlich, die alle mit einem zunehmenden Bedarf an Pflegeleistungen bzw. mit einer Verknappung intrafamiliärer Pflegeressourcen einhergehen. Hier seien die steigende Mobilität der Bevölkerung, die wachsende Anzahl berufstätiger Frauen und der Rückgang der Geburtenrate genannt. All diese gesellschaftlichen Veränderungen machen ein Umdenken und Maßnahmen der Anpassung notwendig, um diesen Herausforderungen entsprechend zu begegnen.
Die Zunahme der Hochaltrigkeit ist zwangsläufig gekoppelt an eine Zunahme der Multimorbidität und damit dem Bedarf an Pflegeleistungen. So sind Menschen mit zunehmendem Alter in der Regel eher pflegebedürftig. Sind bei den 70 bis unter 75-jährigen „nur 5% pflegebedürftig, so sind es bei den 90-bis unter 95-Jährigen 61%.“ (Statistisches Bundesamt 2007, S.5) Weiterhin ist ein Trend zur professionellen Pflege in stationären Pflegeeinrichtungen und durch ambulante Pflegedienste zu beobachten. (Statistisches Bundesamt 2007, S.4)
Bereits am 15.12.2005 wurden 677.000 Pflegebedürftige von 546.000 Beschäftigten in stationären Pflegeeinrichtungen versorgt. (Statistisches Bundesamt 2007, S.4 ff.)
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Daher soll im Rahmen dieser Diplomarbeit ein besonderes Augenmerk auf eine Personengruppe gerichtet sein, die mehr als 1 Million Menschen beträgt und sich aus Beschäftigten der stationären Pflegeeinrichtungen und den stationär versorgten Pflegebedürftigen zusammensetzt.
Der stetige Anstieg des Pflegebedarfs zeichnet sich insbesondere durch eine Zunahme von Demenzerkrankten aus, da die Prävalenz signifikant mit dem Alter ansteigt.
Die Gruppe der an Demenz erkrankter macht einen Anteil von 69% der Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen aus und bedarf daher einer ganz besonderen Betrachtungsweise. (Engel u.a. 2007, S.9)
Sowohl für die Betroffenen, als auch für Angehörige und Pflegekräfte kommt es im Rahmen der Versorgung dementiell Erkrankter zu Belastungen, die mit herkömmlichen, an Defiziten orientierten Pflegekonzepten, weder reduziert noch aufgefangen werden können.
Um ein Herangehensweise dieser Problematik zu gewährleisten, die den Demenzerkrankten mit Respekt, Würde und Verständnis begegnet und den Pflegepraktikern als Instrument der Handhabbarkeit der begleitenden Phänomene der Demenz ermöglicht, bedarf es eines Konzepts, welches sowohl Betroffene, als auch Pflegekräfte im Blick hat.
2.2 Bewältigungsstrategien im Kontext dementieller Erkrankungen
Dementielle Erkrankungen stellen für Betroffene, Angehörige und Pflegende eine ganz besondere Herausforderung dar.
Neben fachlichen Kompetenzen sind im besonderen Maße persönliche Kompetenzen notwendig, um eine pflegerische Versorgung zu gewährleisten, die die Lebensqualität der Erkrankten positiv beeinflusst und an den Bedürfnissen dieses Personenkreises orientiert ist.
Empathie, die Fähigkeit des aktiven Zuhörens, sowie die richtige Deutung gesendeter Signale sind nur einige zu nennende Aspekte, die in der Versorgung sowohl im häuslichen, als auch institutionellem Kontext unerlässlich sind.
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Notwendig ist außerdem eine Sichtweise, die Betroffene als Person akzeptiert und respektiert.
Eine solche Herangehensweise darf sich nicht nur an Defiziten und schon gar nicht an der wörtlichen Übersetzung des Wortes Demenz „ohne Geist sein“ orientieren.
Die Folge wäre eine Zentrierung auf die Symptomatik, Pathologie und eine Orientierung nicht am Subjekt, sondern eine Reduzierung dementiell Erkrankter zum Objekt.
Insbesondere beim Auftreten „ herausfordernder Verhaltensweisen“ existiert eine ausgeprägte Tendenz diese als Symptom der Demenz mit entsprechender Medikation zu unterdrücken.
Wobei als „herausforderndes Verhalten“, Verhaltensweisen verstanden werden, „die als störend und problematisch empfunden werden. Zielloses Herumwandern, Aggressivität, Schreien oder Apathie sind Verhaltensweisen, die meistens als belastend sowohl für Pflegende, als auch für das Umfeld empfunden werden.“ (Bartholomeyczik 2006, S.8)
Diese Definition als problematisches und symptomatisches Verhalten schließt aus, dass Verhalten „immer einen Sinn hat, weil es ein sinnhafter Ausdruck der menschlichen Psyche ist.“ (Bartholomeyczik 2006, S.4) Verhalten dient immer der Befriedigung von Bedürfnissen und wird von Motiven ausgelöst. Dies trifft für Demente nicht weniger zu, als für nicht Erkrankte. Allerdings sind mögliche Strategien zur Bedürfnisbefriedigung durch Abnahme der kognitiven Fähigkeiten deutlich reduziert und beschränken sich, je nach Stadium der Erkrankung, auf nur kleine Handlungsspielräume. So können „herausfordernde“ Verhaltensweisen durchaus auch als Instrument der Aufmerksamkeitslenkung und der Bewältigung belastender Situationen dienen. Im Alter und erst recht im Zusammenhang mit Demenz, geht es darum mit sozialen, psychischen und physischen Verlusten umzugehen. (Feil 2005, S.40) Mangelt es jedoch im Rahmen einer Demenz an Ressourcen, um diese Verluste zu be- und verarbeiten, oder sich anzupassen, weil verbleibende kognitive und körperliche Fähigkeiten nicht ausreichen, können die sogenannten „herausfordernden Verhaltensweisen“ Ausdruck des Versuchs der Bewältigung Seite 8 von 76
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sein. Denn „generell ist davon auszugehen, das psychische Devianzen im Alter eine bestimmte Form der Bewältigung psychosozialer Belastungen darstellen, auch wenn in diesem Zusammenhang nicht von einer Problemlösung gesprochen werden kann.“ (Schneider 2005, S.152)
Denn im Alter gilt es nicht nur mit Verlusten umzugehen, sondern auch mit nicht bewältigten Krisen vorangegangener Lebensabschnitte. Denn „jedes Lebensstadium hat seine spezifischen Aufgaben, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens lösen müssen. Wir müssen danach streben, diese Aufgaben zu erfüllen und dann zur Nächsten zu schreiten. Eine übergangene Lebensaufgabe meldet sich in einem späteren Zeitpunkt wieder.“ (Feil 2005, S.16) So können „herausfordernde Verhaltensweisen“ Ausdruck des Versuchs der Bewältigung dieser unerledigten Aufgaben sein, werden aber vom Umfeld nicht als solche gewertet. Vielmehr erfolgt in der Regel eine Etikettierung Betroffener mit dem Stigma der Desorientiertheit und der Bewertung von Verhalten als Symptom der Demenz.
Für Betroffene geht es aber darum, unerledigte Lebensaufgaben mit den verbleibenden Fähigkeiten zu erledigen, um Integrität zu erlangen und in Frieden sterben zu können.
Sinn dieser Ausführungen soll es sein, eine Sichtweise zu entwickeln, die es ermöglicht, Alten und vor allem dementen Menschen nicht ihr Personsein abzusprechen und ihr Verhalten nicht nur als Symptom nachlassender kognitiver Fähigkeiten und von Desorientiertheit zu werten.
Versteht man ihr Verhalten in Bezug zu den oben genannten Ausführungen, wird es möglich, in Beziehung zu treten, den Sinn und Zweck des Verhaltens zu verstehen und durch entsprechende Interventionen nicht den „Störfaktor“ Verhalten zu beeinflussen, sondern durch eine verstehende Herangehensweise die Lebensqualität zu verbessern und die verbleibende Selbstbestimmung zu erhalten. Diese andere Sichtweise trägt letztlich nicht nur zum Wohlbefinden Betroffener bei, sondern maßgeblich auch zur Reduzierung der Arbeitsbelastung von Pflegepraktikern Seite 9 von 76
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2.3 Arbeitszufriedenheit im Praxisfeld Altenpflege
Kaum eine Organisation unterliegt, bedingt durch die demografische Entwicklung, dem Gesundheitsreformgesetz, der Einführung der Pflegeversicherung und den wachsender Qualitätsanforderungen, um nur einige Beispiele zu nennen, einem so rasanten Wandel wie Altenpflegeeinrichtungen. Bedingt durch diese Faktoren kommt es zu einem stetigen Anstieg der Arbeitsbelastung in diesem Feld.
Mit weniger personellen und finanziellen Ressourcen muss eine immer größere Anzahl von Klienten versorgt werden, die sich außerdem durch eine zunehmende Multimorbidität auszeichnet und somit immer pflegebedürftiger wird. Gerade diese zunehmende Pflegebedürftigkeit stellt die Somatik und die Orientierung am Defizitmodell in den Vordergrund. Wenn die Zielsetzung heutiger Pflegesettings vornehmlich im Ausgleich körperlicher Defizite liegt, verwundert es nicht, wenn zunehmend eine körperliche Überversorgung anzutreffen ist, möglicherweise auch um Pflegeleistungen dokumentieren und belegen zu können, wie es von Gesellschaft und Politik gefordert wird.
Noch zu wenig Beachtung hingegen findet die weiterhin häufig anzutreffende emotionale Unterversorgung, die nicht selten verschiedene Formen von Verhaltensauffälligkeiten zu Folge hat. (Schneider 2005, S.170) Diese sind zunehmend Grund für eine Überforderung des Pflegepersonals, welches sich bei aller Anstrengung erheblichen Belastungen ausgesetzt, machtlos und frustriert fühlt.
Möglicherweise spüren die Akteure der Pflegepraxis auch den Widerspruch zu der von ihnen vertretenen Berufsethik, die doch den alten Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt und weniger die Anforderungen und Auflagen der Politik.
Eine Gesellschaft, die auch in der pflegerischen Versorgung Begriffe wie Kunde und Dienstleistung propagiert, ist betriebswirtschaftlich sicher auf dem richtigen Weg, trägt aber so nicht unbedingt zur Statusverbesserung des Pflegeberufes bei.
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In die gleiche Kategorie fallen immer wieder auftretende mediale Berichterstattungen über Qualitätsmängel in Pflegeheimen (Schneider 2005, S.174), die Pflegende in einen negativen Fokus stellen und eher die „satt-sauber Mentalität“ in den Vordergrund rücken und Pflegequalität an Hand von Gewichtstabellen, Bilanzierungsbögen und Prävalenz von Blasenkathetern messen.
Pflegepraktiker spüren aber sehr wohl, dass es hierbei eher um Bedürfnisse der Verantwortlichen nach Erfüllung gesetzlicher Bestimmungen geht und nicht um die Bedürfnisse Alter und Dementer.
Im Resultat findet sich ein Umfeld, an das sich Pflegende und Pflegebedürftige anpassen müssen, ohne Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse, deren Befriedigung einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden hätte.
Nicht selten reagieren beide Personengruppen mit Verhaltensauffälligkeiten. So ist bei Angehörigen von Pflegeberufen die Flucht aus dem Beruf, Suchterkrankungen und Burn-out ein nicht selten anzutreffendes Phänomen, welches durch die Verhaltensauffälligkeiten der Bewohner, die durch falsche Deutung gesendeter Signale entstehen und zum Beispiel zu Apathie, Aggressivität und Schreien führen können, verstärkt werden.
Diese Betrachtungsweise macht deutlich, dass Pflegende und Pflegebedürftige zwei Personengruppen sind, die bei näherer Betrachtung im gleichen Boot sitzen. Für beide Gruppen gilt es daher, Handlungsfähigkeit zu erhalten, die sowohl von körperlichen und motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, von biografischen Gegebenheiten, von den Rahmenbedingungen, als auch von der individuellen Motivation abhängt. (Schneider 2005, S.179)
Die Bedürfnisse beider Personengruppen müssen daher im Fokus stehen, um Wohlbefinden und Lebensqualität positiv beeinflussen zu können. Gerade deshalb müssen sich Pflegende in besonderem Maße mit den Alten und Dementen solidarisch erklären.
Auch wenn im Rahmen von Professionalisierung, Pflegeforschung und Pflegewissenschaft versucht wird, durch Akademisierung den Stellenwert pflegerischer Berufe zu verbessern und durch neue Konzepte eine Orientierung an Seite 11 von 76
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den Bedürfnissen Pflegebedürftiger erfolgen soll, sind Resultate dieser Bemühungen an der Basis noch zu wenig spürbar.
Meiner Ansicht nach führt die Akademisierung eher dazu, dass innerhalb des Berufstandes Pflege eine Spaltung in zwei Lager vollzogen wird. Ein immer größer werdender Anteil Pflegender, der motiviert, engagiert, weiterbildungsbereit und innovativ ist, besucht eine Hochschule, um sich nach den Studium von der Pflegebasis zu entfernen und in Führungspositionen tätig zu sein , wo schnell der Blick für alltägliche Probleme der Pflegepraxis verloren geht. Die Pflegepraktiker empfinden unter diesen Umständen wenig Unterstützung durch das Management und fühlen sich von der eigenen Berufsgruppe wenig beachtet und geachtet.
Der Einfluss dieses Managements auf schlechte Entlohnung, sozial unverträgliche Arbeitszeiten und Anpassung von Rahmenbedingungen an innovative Konzepte, lässt dann allzu oft zu wünschen übrig.
Schon gar nicht kann so dazu beigetragen werden, ein neues Pflegeverständnis zu etablieren, welches nicht länger die somatische Sichtweise in der Versorgung dementer und alter Menschen in den Mittelpunkt stellt. Eine sich abzeichnende Pflegekrise mit einer „nicht mehr zu übersehenden Diskrepanz zwischen dem Bedarf und dem absinkendem Interesse am Pflegeberuf, die hohe Fluktuation und geringe Verweildauer von Pflegekräften im Beruf, sowie die äußerst emotionalisierte und kontrovers geführte Diskussion“ zu verschiedenen Pflegefragen (Schneider 2005, Vorwort) kann nur durch Konzepte und strukturelle Veränderungen gelöst werden, die sowohl Bewohner als auch Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen im Zentrum der Betrachtung hat.
3 Biografiearbeit in stationären Altenpflegeeinrichtungen
3.1 Biografiezentrierte Pflege als modernes Instrument der Altenpflegearbeit
Um die Altenpflegearbeit an den Bedürfnissen alter Menschen und insbesondere an Dementen auszurichten, wird versucht, durch neue Pflege- und Betreuungsmodelle, einen Rahmen zu schaffen, der diese ermöglicht.
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Nicht selten scheitert die Institutionalisierung dieser Konzepte auf Grund fehlender finanzieller Ressourcen, mangelnder Akzeptanz bei den Mitarbeitern und inakzeptablen Rahmenbedingungen. Häufig begleitet von der falschen Einstellung zum Bewohner.
Grundlage jeder Altenpflegearbeit müssen jedoch in erster Linie nicht nur stimmige Rahmenbedingungen und profunde Fachkenntnisse sein, sondern eine Grundeinstellung, die den Bewohner in seinem Personsein akzeptiert und unterstützt.
Folgt man Kitwood´s personen-zentrierten Ansatz, ist die Hauptaufgabe der Demenzpflege „(...) der Erhalt des Personseins (...).“ (Kitwood 2005, S.125) Um Identität zu erhalten, ist es von essentieller Bedeutung, „ ...einigermaßen detailliert über die Lebensgeschichte einer Person Bescheid zu wissen (...).“ (Kitwood 2005, S.125) Nur unter dieser Voraussetzung wird es möglich, mit dem alten Menschen in Interaktion zu treten.
Bei jeder Form von Interaktion geht es aber nicht nur um die Kontaktaufnahme mit dem Klienten, sondern ausschlaggebend ist die richtige Deutung gesendeter Signale. Werden die vom Bewohner gesendeten Signale in ihrer Bedeutung erfasst, stärkt dies die Identität und zieht auch auf anderen Ebenen, wie beispielsweise dem Erhalt von Fähigkeiten und dem Verstehen „herausfordernder Verhaltensweisen“, positive Effekte nach sich.
Ermöglicht wird die richtige Deutung gesendeter Signale nur durch möglichst umfangreiches Biografiewissen, welches durch Biografiearbeit gewonnen wird. Der konzeptionelle Rahmen der Biografiearbeit beschränkt sich jedoch häufig auf Angaben in einem halbherzig bearbeiteten Biografiebogen, der kaum als Basis fundierter Biografiearbeit dienen kann. Jede Person in ihrer Einzigartigkeit wahrzunehmen und Biografiearbeit frei von Tendenzen des Sterotypisierens und Pathologisierens zu sehen, ist damit nicht möglich. (Kitwood 2005, S.173) Es mangelt in einem solchen Kontext an der richtigen Haltung gegenüber dem Klienten. Seite 13 von 76
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Aussagen zur Einzigartigkeit einer Person sind häufig eher Interpretationen gewonnener Daten verschiedener Dimensionen, wie beispielsweise Kultur, Geschlecht und soziale Klasse. Ausschlaggebend ist jedoch nach Kitwood „ (...) die Angelegenheit der persönlichen Geschichte. Jeder Mensch ist an dem inneren Ort, an dem er sich gegenwärtig befindet, auf einem nur ihm eigenen Weg gelangt und jede Station an diesem Weg hat dabei ihre Spuren hinterlassen.“ (2005, S.35) Im Zentrum der Biografiearbeit müssen das Individuum und dessen Bedürfnis der Lebensrückschau stehen.
Biografiearbeit ist Erinnerungsarbeit und „dient der Versicherung eigener Identität und eigenen Wertes. Gleichzeitig ist es der Versuch, sich am Ende des Lebens mit seinem Schicksal auszusöhnen. Nebenprodukt dieser versöhnlichen Lebensbilanz ist der Zuwachs an persönlicher Stärke, Gelassenheit und Lebensfreude. Das wiederum erleichtert es dem alten Menschen, sich mit den belastenden Erscheinungen des Älterwerdens auseinander zu setzen und sie zu meistern.“ (Osborn 1997, S.10)
Biografiearbeit ist also kein Synonym für das Abfragen bestimmter Vorlieben, Abneigungen oder zeitlicher Eckdaten.
Viel mehr geht es um die Begleitung des alten Menschen zu seinem Selbst, um das ihn Verstehen mit allen individuellen Facetten. Denn „in Lebensgeschichten ist nicht nur von Erfolgen oder aktenkundigen Misserfolgen, sondern auch von missglückten Versuchen, Demütigungen, Enttäuschungen, Krisen, Zweifeln und Verzweiflungen die Rede und von mühsamen Versuchen, sie dennoch zum Guten zu wenden, sie in Gewinn zu verwandeln und sei es nur der Gewinn der Einsicht. Es geht nicht um Lebensläufe, in denen Laufbahnen und Rollen normiert und zugleich isoliert, als von einander unabhängig erscheinen, sondern um Lebensgeschichten, in welchen sich Laufbahnen kreuzen, verbinden oder aneinander reiben.
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In Lebensgeschichten wird deutlich, dass Laufbahnen nicht gradlinig verlaufen, sondern in Wendungen und Biegungen, mit Brüchen, Unterbrechungen, vergeblichen Anläufen und Rückschlägen und gegen innere Widerstände (...).“ (Schulze 1993, S.190)
Solche Wendungen und Biegungen, solche Brüche, Unterbrechungen, vergebliche Anläufe und Rückschläge zu betrachten, ist Inhalt und Aufgabe von Biografiearbeit.
Biografiewissen als essentieller Bestandteil der Arbeit mit alten Menschen wird durch Biografiearbeit gewonnen und fließt in die Pflege und Betreuung ein. Durch unterschiedliche Formen der Biografiearbeit gilt es, durch das sich Erinnern das Identitätsgefühl des alten Menschen zu erhalten. Zwischen Pflegepersonal und Bewohner entsteht eine Vertrauensbasis durch geteiltes Erinnern, wodurch die Beziehung und Kommunikation verbessert wird. Verhaltensweisen und Bedürfnisse der Bewohner werden entsprechend interpretiert. Der alte Mensch kann sein personales „Selbst“ erhalten, da er sich angenommen und verstanden fühlt.
Durch diese Hinwendung zum Subjekt und durch die Bewahrung und Förderung von Identität, wird den Professionellen der Zugang zum alten Menschen erleichtert.
Durch das Verstehen von Verhaltensweisen und Äußerungen des Klienten kann außerdem die Arbeitszufriedenheit des Pflegepersonals und das Wohlbefinden der Bewohner positiv beeinflusst werden. (Wächterhäuser 2002, S.16) Vorausgesetzt, Pflegepraktiker verfügen über das notwendige Fachwissen zum Thema Biografie.
3.2 Ergebnisse einer Studie zum Thema Biografie
Eine 2007 von der Autorin durchgeführte Studie zum Thema Biografie und Biografiebogen in einer stationären Altenpflegeeinrichtung mit 132 vollstationären Pflegeplätzen und einer Pflegefachkraftquote von 54% hatte die Zielsetzung, den Wissensstand von Mitarbeitern zum Thema Biografie und den Stellenwert der dort verwendeten Biografiebögen aufzudecken. Seite 15 von 76
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Dipl. Pflegewirtin Beate Schlüter-Rickert, 2009, Salutogen orientierte Biografiearbeit in Einrichtungen der stationären Altenpflege, München, GRIN Verlag GmbH
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