1. Einleitung:
„Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik“, erklärte Otto von Bismarck 1881. 1
Bismarcks Gründe sich vorerst vehement gegen eine deutsche Kolonialpolitik zu entscheiden sind recht eindeutig. Die Lage des Deutschen Reiches in Europa verbot eine Provokation neuer Konfliktfelder und auch der ökonomische Zweck staatlicher Kolonien erschloss sich dem Reichskanzler nicht. Die Frage nach der Kehrtwende von 1884/85, die den entscheidenden Startschuss staatlichen Kolonialengagements bildete, ist nach wie vor Gegenstand eines ungelösten Rätsels. Trotz Saturiertheitserklärung und mehrfach betonter ablehnender Haltung gegenüber einem Kolonialerwerb setzte Bismarck seine Grundüberzeugung- scheinbar- vorübergehend außer Kraft. Worin liegen die politische Kehrtwende und der Übergang zu einer staatlichen Kolonialpolitik begründet? Vor allem außenpolitische Überlegungen und Konsequenzen dieser Entscheidung sollen Gegenstand dieser Arbeit sein, aber auch die untrennbare Verknüpfung zwischen Bismarcks Außen- und Innenpolitik. Bisherige historiographische Erklärungsmodelle, unter besonderer Fokussierung der Kronprinzenthese, sollen dargestellt und einer kritischen Analyse unterzogen werden. Zuvor jedoch soll auch Bismarcks Kolonialskepsis nicht unbeachtet bleiben und mögliche Ursachen herausgearbeitet werden weswegen sich der Reichskanzler trotz der ständig wachsenden Kolonialbegeisterung im Reich gegen den Erwerb formeller Kolonien bis etwa 1883 so vehement gesträubt hatte.
2. Bismarcks Kolonialskepsis:
Die Entscheidung Deutschlands nach Jahren der Kolonialabstinenz zu den europäischen Kolonialmächten aufzuschließen geht letztlich auf die Person Bismarck zurück, dem politisch verantwortlichen Reichskanzler. Erst sein Entschluss, neben diversen Kolonialpropagandisten und Agitatoren, stellt den definitiven Umschlagpunkt von einem informell-indirekten Freihandelsexpansionismus seit den 1860ern zu direkt-formellen Kolonialerwerbungen dar. 2 Bismarck betonte mehrfach ausdrücklich die territoriale Saturiertheit des Deutschen Reiches. Gerade deshalb steht die Frage nach dem „warum gerade 1884?“ bzw. „warum nicht schon vorher?“ so stark im Vordergrund. Laut detaillierter und in umfangreicher Zahl vorhandener Quellenlage, die hier exemplarisch vorgestellt werden soll, sah Bismarck militär-, wirtschafts-,
1 Zitiert nach: Baumgart, Bismarcks Kolonialpolitik, S. 142.
2 Vgl. Gründer, Geschichte, S. 51.
2
außen- sowie innenpolitisch nichts als Unannehmlichkeiten und finanziellen Aufwand auf das Deutsche Reich zukommen, falls es sich zu Kolonialbesitz entscheiden würde. 3
2.1. Ökonomische Skepsis:
Im Zuge des Krieges 1870 bot die französische Regierung Bismarck Cochinchina an um Elsass-Lothringen nicht zu verlieren. 4 Bismarck lehnte das Angebot ab:
„O!O! Cochinchina! Das ist aber ein sehr fetter Brocken für uns; wir sind aber noch nicht reich genug, um uns
den Luxus von Kolonien leisten zu können.“ 5
Elsass-Lothringen war auf Grund von territorialer Reichskonsolidierung und wegen innenpolitischer Motive von wesentlich höherem Interesse als fernabgelegene Kolonien. 6 Seit der französischen Revolution herrschte eine emotional- nationalistische Verbundenheit in der Bevölkerung zu den deutsch-französischen Grenzgebieten, der sich Bismarck bewusst war: „Wenn der König und ich ohne dasselbe (von den Friedensverhandlungen ins Deutsche Reich) zurückkehren,
würden wir mit Steinwürfen empfangen.“ 7
In der Ferne gelegene Kolonien brächten dagegen immense Kosten für den Aufbau und dem Erhalt einer Kolonialverwaltung mit sich, die auch durch privatwirtschaftliche Gewinne nicht auszugleichen sein würden. Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung wurde- und mit dieser Meinung stand der Reichskanzler nicht allein- äußerst gering geschätzt. Die von den Kolonialpropagandisten vorgebrachten Argumente wie die Gewinnung von Rohstoff- und Absatzmärkten sowie die Lösung der Auswandererfrage trafen neben Bismarck auch bei den Hanseaten im Allgemeinen auf nur geringes Interesse. Handelsgewinne, die Jahrzehnte auf sich warten lassen sollten, waren nicht im Sinne der Kaufleute aus Hamburg und Bremen. 8 Dem Handelskapital widerstrebte einerseits eine längere Festlegung, andererseits waren die politischen Auswirkungen in Übersee, „wo die nationale Abgrenzung ähnliche Konsequenzen bei den übrigen Handeltreibenden, zur See zumeist mächtigeren Konkurrenten zur Folge gehabt hätte“ 9 deutliche Gegenargumente gegen abgegrenzte Schutzgebiete. Bis Mitte der achtziger Jahre blieben daher die überwiegende Mehrheit der hanseatischen Kaufleute und der mit ihnen verbundenen Bankhäuser entschiedene Anhänger des Freihandels und Kolonialgegner. Zweifel bei Bismarck werden schon vor der Reichsgründung 1868 in einem Brief an Kriegsminister Roon deutlich:
3 Vgl. Baumgart, Bismarcks Kolonialpolitik, S. 142f.
4 Cochinchina ist eine alte Bezeichnung für den Süden Vietnams und Teile des östlichen Kambodschas.
5 Otto von Bismarck, Gesammelte Werke, Bd.7, S. 382. Zitat vom 24.10. 1870.
6 Vgl. Riehl, Tanz, S. 22.
7 Hagen, Kolonialpolitik, S. 48.
8 Vgl. Gründer, Geschichte, S. 43.
9 Gründer, Geschichte, S. 43.
3
„Einerseits beruhen die Vortheile, welche man sich von Kolonien für den Handel und die Industrie des Mutterlandes verspricht, zum größten Teil auf Illusion. Denn die Kosten, welche die Gründung, Unterstützung und namentlich die Behauptung von Kolonien veranlaßt, übersteigen, wie die Erfahrungen der Kolonialpolitik Englands und Frankreichs beweisen, sehr oft den Nutzen, den das Mutterland daraus zieht, ganz abgesehen davon, daß es schwer zu rechtfertigen ist, die ganze Nation zum Vorteil einzelner Handels- und Gewerbezweige
zu erheblichen Steuerlasten heranzuziehen.“ 10
Der steigenden Anzahl an Kolonialenthusiasten versuchte Bismarck deutlich zu machen, dass Deutschland im Gegensatz zu England und Holland nicht über die gleiche Bürokratie verfügte, die die Kolonialverwaltung übernehmen könnte und im Vorfeld kostenintensiv geschult wurde. Gesamtwirtschaftlich spürbare Absatzeffekte hatte sich Bismarck von Kolonien sicherlich nie erhofft. Der Nutzen der Kolonien, so ahnte er, würde sich rein - wie letztlich auch geschehen- auf wenige privatwirtschaftliche Unternehmen beschränken, die durch die deutschen Steuerzahler gestützt werden müssten. Bestätigt wurde er bereits im Dezember 1884 von Reichskommissar Nachtigal, der Bismarck einen „desillusionierenden Bericht über die wirtschaftlichen Aussichten des südwestafrikanischen Schutzgebietes“ 11 zukommen ließ. Gründer wendet aber ein, dass man die ökonomischen Motive für Bismarcks langfristige Absichten, gesicherte Absatzmärkte zu schaffen, möglicherweise auch im Sinne eines prophylaktischen Imperialismus, nicht unbeachtet lassen dürfe. Weiter führt Gründer an, dass die Dokumente, in denen sich Bismarck auf positive Aspekte von Kolonialbesitz bezieht, sich beinahe einzig mit einem wirtschaftlichen Nutzen beschäftigen. Allerdings standen neben den gesicherten Absatzmärkten der deutschen Industrie soziale Erwartungen „im Hinblick auf Arbeitsplätze, Löhne und die Zufriedenheit der Arbeiter“ 12 im Vordergrund. An diese Überlegung schließt sich auch Wehlers These des Sozialimperialismus an. 13 Denkbar ist eine spontane Beschäftigung Bismarcks mit der Wirtschaftlichkeit von Kolonien aber auch um außenpolitische Anliegen, vor allem in Bezug auf England, worauf im weiteren Verlauf noch eingegangen werden soll, zu verschleiern.
2.2. Weltweiter Freihandel:
Bismarck bevorzugte statt kostspieliger und aufwändiger Schutzgebiete in Übersee seit seiner Amtszeit als Ministerpräsident eine Expansion des weltweiten Freihandels. 14 Dies schloss eine aktive Überseepolitik mit ein, die in Form einer „Politik der offenen Tür“ den
10 Spellmeyer, Deutsche Kolonialpolitik im Reichstag, Stuttgart 1931, S.3.
11 Gründer, Geschichte, S. 53.
12 Gründer, Geschichte, S. 53.
13 Wehler, Bismarck, 1992.
14 Vgl. Hillgruber, Bismarcks Außenpolitik, S. 167.
4
industriewirtschaftlichen Außenhandel fördern sollte. 15 „Er trat (somit) in die Fußstapfen der freihändlerischen Außenhandelspolitik seiner Vorgänger.“ 16 Dies Haltung erfolgte nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern auf Grund von „Erfahrungen, unter dem Einfluss des ungeheuren Erfolgs des mittelviktorianischen britischen Informal Empire“ und der teils innenpolitischen sowie außenpolitischen Interessen einer „Laissez-Faire Überseepolitik.“ 17 „We want trade and not dominion” ist ein Kerngedanke des freihändlerischen Expansionismus, der 1884 von den Linksliberalen aufgegriffen wurde und Bismarcks Abneigung gegen finanziell sowie politisch belastende und militärisch riskante formellstaatliche Kolonien widerspiegelte. 18 Er sah ein Schutzbriefsystem, ähnlich der britischen „Royal Charters“ vor. 19 Auch nach 1984 und einem Zustimmen zu staatlichen „Schutzgebieten“ 20 änderte Bismarck seine Haltung nicht wesentlich. Am 28.11.1885 erläuterte er deutlich seine Vorstellungen zur Verwaltung der Kolonien: Sein Bestreben sei „der regierende Kaufmann und nicht der regierende Bureaukrat in jenen Gegenden, nicht der regierende Militär und der preußische Beamte. (…) Mein Ziel ist die Regierung kaufmännischer Gesellschaften, über denen nur die Aufsicht und der Schutz des Reiches und des Kaisers zu schweben hat.“ 21
2.3. Parlament und Haushalt:
Auch die durch ein Kolonialengagement entstehende politische Einflusssteigerung des von Bismarck ungeliebten Parlaments gab Anlass zur Skepsis. Dieses besaß im Vergleich zu anderen Volksvertretungen in konstitutionellen Monarchien zwar weniger Mitspracherecht, jedoch waren deren Vertreter gemäß der Reichsverfassung sowohl bei Gesetzgebung als auch Aufstellung des Finanzhaushalts eingeschränkt beteiligt. 22 Die Notwendigkeit einer parlamentarischen Genehmigung des anfallenden Kolonialetats würde stark in die als ureigene Domäne des Reichskanzlers angesehene Außenpolitik eingreifen, versuchen parlamentarische Ziele zu verwirklichen und den Haushalt mitzubestimmen. 1885 versuchte der Reichskanzler das Mitspracherecht bezüglich der Kolonialangelegenheiten schließlich völlig zu umgehen indem er erste Gebiete in Afrika und der Südsee ohne jegliche Absprache mit dem Reichstag oder den Fraktionsführern unter Reichsschutz stellte und das Parlament
15 Vgl. Hillgruber, Bismarcks Außenpolitik, S. 166f.
16 Hillgruber, Bismarcks Außenpolitik, S 166f.
17 Wehler, Bismarck und der Imperialismus, S. 425.
18 Vgl. Wehler, Bismarck und der Imperialismus, S. 424.
19 Vgl. Bismarck, Gesammelte Werke, Bd.12, S. 482.
20 Ein von Bismarck konstruierter Begriff um nicht den Terminus „Kolonien“ verwenden zu müssen.
21 Stenographische Berichte, 86, 117., zitiert nach Gründer, Geschichte, S. 59.
22 Vgl. Schöllgen, Gregor, Zeitalter, S. 96ff.
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Arbeit zitieren:
Verena Illing, 2011, Bismarcks Außenpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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