Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. St. I. Witkiewiczs Nowe Wyzwolenie als Handlungseinakter
3. Tatiana als Regisseurin
4. Weitere handlungsmächtige Figuren in Nowe Wyzwolenie
5. Figuren mit eingeschränkte oder ohne Handlungskompetenz
6. Ergebnisse und Ausblick
Literaturverzeichnis
2
1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit soll der Frage der typologischen Zugehörigkeit von S. I. Witkiewiczs Einakter Nowe Wyzwolenie (Neue Befreiung) nachgegangen werden. Damit wird eine Teilmenge des Deutungsangebots erschlossen.
Um die Zuordnung festzulegen, ist es zuerst notwendig, die Einaktertypen zu beschreiben. Wir werden uns in dieser Arbeit auf den Theorievorschlag von Brigitte Schulze stützen, die unter Berücksichtigung des Textbestands vom 18. bis zum 20. Jahrhunderts den Versuch einer typologischen Klassifikation von Einaktern unternahm. In ihrem Aufsatz schlägt Schulze drei strukturelle Grudmuster der Kurzdramen vor: den „Zustands-", „Situations-" und den „Handlungseinakter“. 1 Da sich aber die drei Strukturmuster oft überlagern und von „Übergänglichkeit “ gekennzeichnet sind, werden auch Zwischenformen und typologische Varianten unterschieden.
Der Zustanseinakter ist typisch für das realistisch-mimethische Theater, d.h. dasjenige des Realismus und Naturalismus. Hiermit wird das Zusandsbild einer Gesellschaft gezeigt. Die Aussage des Stückes bleibt am ende immer gleich, auch wen man einzelne Szenen bzw. Sequenzen umstellt.
Im Situationstypus ändert sich das Faktum in der Lebenswelt nicht. Die Situation wird wie beim analytischen Drama erst am ende völlig enthüllt (analytischer Einakter). Ein Handlungseinakter liegt vor, wenn die Situation A in eine ganz neue Situation B überführt wird 2 , wenn sich etwas gegenständlich in dem Raum verändert oder eine Rollenfigur ihre Wertvorstellung ändert. Dieser Ansatz lehnt sich an Manfred Pfisters Dramentheorie. Wir gehen von der These aus, dass Witkiewiczs Kurzdrama dem Handlungstypus angehört. Als ein Argument für diese These kann der Titel Nowe Wyzwolenie dienen. Er allein gibt uns schon den Hinweis auf seine typologische Zuordnung. „Wyzwolenie“ signalisiert ganz deutlich eine Veränderung, nicht eine gleich bleibende Situation. Das Verb „wyzwolić“, „wyzwalać“ (befreien) zeigt doch keinen Zustand, sondern Aktivität an. Allein der Titel ist also ein Indiz dafür, dass in Witkiewiczs Drama eine Ver-wandlung der Situation A in Situation B stattfindet. Darüber hinaus sind nicht nur der Titel, sondern auch die Befreiungen, die im Verlauf des Dramas vorkommen, Argumente dafür, dass in Nowe Wyzwolenie, eine Dramenhandlung vorhanden ist.
1 Schulze Brigitte: Vielfalt von Funktionen und Modellen in Geschichte und Gegenwart. Einakter und andere
Kurzdramen. In: Kurzformen des Dramas. Gattungspoetische, epochenspezifische und funktionale Horizonte.
Hg. V. Winfried Herget, Brigitte Schultze. Mainz 1996. S. 1-29, hier S. 12.
2 Vgl. ebd., S.12
3
2. S.I. Witkiewiczs Nowe Wyzwolenie als Handlungseinakter
Wie bereits angedeutet, gehen wir davon aus, dass Witkiewiczs Nowe Wyzwolenie dem Handlungstypus zuzuordnen ist. Um die Handlung in Witkacys Einakter zu untersuchen, ist es zuerst notwendig, den Handlungsbegriff zu erläutern. Da sich besonders viele Arbeiten auf Manfred Pfister berufen, wird auch für diese Arbeit sein Definitionsvorschlag maßgebend sein.
In dem Handlungsbegriff ist eine semantische Mehrdeutigkeit angelegt. Er kann sowohl „die einzelne Handlung einer Figur in einer bestimmten Situation“ 3 als auch den „übergreifenden Handlungszusammenhang“ des ganzen Dramas bezeichnen. Um die Uneindeutigkeit aufzulösen, wird in dieser Arbeit die Handlung nur im Sinne der Einzelhandlung einer Figur verwendet. In dem zweiten Fall, bei dem wir mit einer Aneinanderreihungen von Handlungen zu tun haben, geht es um die Handlungssequenz.“ 4
Pfister definiert die Handlung als: „absichtsvoll gewählte, nicht kausal bestimmte Überführung einer Situation in eine andere.“ 5 Bei der Veränderung der Situation, die als „die gegebene Relation von Figuren zueinander und zu einem gegenständlichen oder ideellen Kontext“ 6 definiert wird, entsteht „Handlung“. 7 Diese von Intentionalität gekennzeichneter Handlungsdefinition wollen wir in der vorliegenden Arbeit akzeptieren. Die Kategorie des Konflikts gilt bei Pfister als ein fakultatives Kriterium, die Situation kann entweder konfliktgeladen oder konfliktlos sein.
Das als erste von Pfister angegebene Kriterium, d.h. die „gegebene Relation von Figuren zueinander“ hat sich in Witkacys Drama am ende insofern geändert, als Richard III zwei Menschen erwürgt hat (2 Mörder) und letztlich auch alleine die Bühne verlässt. Florestans Mutter (Joanna) stirbt in der letzten Szene, als sie erfährt, dass ihr Sohn ein Verhältnis mit Tatiana hatte. Florestan selbst, der sich als Lügner und Versager erwiesen hat, liegt auf dem Boden und wird von sechs Schergen gefoltert. Er kann nicht mehr zum Leben zurückkehren und warten nun auf sein ende. Vergleicht man den Personalbestand am Beginn- und am Ausgang des Stückes, so stellt man fest, dass am Ende fünf Figuren weniger auf der Bühne sind. Das erste Handlungskriterium von Pfister ist damit erfüllt. Unter dem zweiten von Pfister genannten Kriterium, also der „gegebene Relation zu einem gegenständlichen Kontext“, ist jede dingliche Veränderung in der Bühnedekoration zu verstehen. In Nowe Wyzwolenie wird das Strickzeug die ganze Zeit von Tatiana
3 Vgl. Pfister, Manfred. Das Drama. Theorie und Analyse. München 1988, S. 269.
4 Pfister 1988, S. 269f.
5 Pfister 1988, S.269ff.
6 Pfister 1988, S.220
7 Pfister 1988, S. 220f.
4
benutzt, am Ende liegt es jedoch unbenutzt herum. Richard III, der sein Schwert angelegt hatte, stellt es wegen der Teepause in die Ecke, womit symbolisiert wird, dass er seine Macht zur Seite stellt.
Nachdem der König die Bühne verlassen hat, ändert sich auch die Raumorganisation. Die vorherige Raumaufteilung in drei historische Phasen: Renaissance, Gegenwart und Zukunft (Theaterbefreiung) wird damit aufgehoben. In der vierten Szene dringen anonyme Gestalten auf die Bühne, die mit Folterwerkzeug wie „obcęgi“, „młotki“ und „maszynka“ 8 ausgestattet sind. Joannas Leiche liegt gegen Ende des Stückes auf dem Sofa und wird dadurch zum Requisit. Die Gleichsetzung der menschlichen Leiche mit dem Gegenstand ist nach Witkacy ein Zeichen der Katastrophe.
Das dritte Kriterium, d.h. die „gegebene Relation zu einem ideellen Kontext“, ist im Drama erfüllt, indem sich Zabawnisia von der metaphysischen Dimension verabschiedet. Das im Kloster erzogene Mädchen, besitzt am Anfang eine Vorstellung von der Dimension „Transzendenz“, später bricht es aber mit dem Kloster und löst sich völlig von ferner Vergangenheit (religiöse Befreiung). Eine Änderung im Denken, lässt sich auch in Tatianas Verhalten beobachten. Als die namenlose Masse, begleitet von dem Unbekanntem und der Köchin auf der Bühne auftaucht, sieht Tatiana ein, dass ihre Zeit vorbei ist und dass sie nicht mehr regieren kann. Sie ist sich der Tatsache bewusst, dass sie abtreten und die Macht an die Unterschicht abgeben muss. Durch den Auftritt von Joanna kommt es zur peinlichen Enthüllung von Florestans Vergangenheit. Frau Wężymordowa erhält neue Einsichten über ihren Sohn, der als Tatianas Geliebte demaskiert wird. In der externen Kommunikation kommt es zu weiteren Enthüllungen. Es stellt sich heraus, dass Tatiana mehrere Liebhaber hatte (sexuelle Befreiung) und Joanna Geliebte des Königs war, Florestan jedoch nicht sein Sohn ist. In der externen Kommunikation lernt der Leser/Zuschauer die Ansichten des Autors kennen, d.h. Witkacys Historiosophie und Katastrophismus wird enthüllt.
Damit ein Handlungsdrama entsteht, muss nach Pfister mindestens einer der drei angegebenen Kriterien erfüllt sein. In Nowe Wyzwolenie sind alle drei Kriterien erfüllt. Wir haben hiermit eindeutig mit einem Handlungseinakter zu tun.
8 Vgl. Witkiewicz, Stanisław Ignacy. Hg. v. J. Degler. Warszawa 1996, S.358.
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Arbeit zitieren:
M.A. Renata Paluch-Kompalla, 2004, S.I. Witkiewiczs "Nowe Wyzwolenie" als Einakter, München, GRIN Verlag GmbH
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