Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 2
2. Die Geschichte des Osmanischen Reiches bis zur Eroberung
Konstantinopels 1453: Eine kurze Zusammenfassung 3
3. Die Eroberung Konstantinopels und ihre Wirkung
3.1. Die Belagerung und Eroberung der Stadt: Ein kurzer Überblick 6
3.2. Der Fall Konstantinopels als Beginn des Diskurses über die
vermeintliche „Türkengefahr“ 7
4. Die „Türkengefahr“
4.1. Der Begriff und die Wahrnehmung der Türkengefahr in der Forschung 9
4.2. Die Wahrnehmung und Funktion des Türkenbildes 11
4.3. Der Einfluss der Kirche und ihrer Propaganda auf das Türkenbild 12
4.4. Reformation und Türkenfrage 16
5. Die „andere“ Wahrnehmung und Anziehungskraft des Osmanischen Reiches 18
6. Fazit 20
7. Literatur 22
1
1. Einleitung
„Das ist doch getürkt“, oder „Kümmeltürke“. Diese Ausdrücke als Synonym für eine betrügerische Fälschung oder als österreichisches Schimpfwort sind bis heute im Sprachgebrauch der christlich geprägten Bevölkerung verankert. Betrachtet man die Herkunft dieser Begriffe näher, so stellt man fest, dass einige von ihnen Erfindungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind, andere wiederum begründen sich auf seit Jahrhunderten entwickelten Vorurteilen, die mit unter bewusst von unterschiedlichsten Personenkreisen und aus unterschiedlichsten Gründen verbreitet wurden. Die Fragen nach dem Warum und von Wem, die sich daraus ergeben, sollen in dieser Hausarbeit näher betrachtet und beantwortet werden. Ein Ereignis, welches mit dem Diskurs eng verbunden ist, ist der Fall Konstantinopels als Hauptstadt des Byzantinischen Reiches. Die Forschungsliteratur ist sich weitestgehend über die Wertung der Belagerung und Einnahme der Stadt am 29. Mai 1453 durch die Osmanen als ein einschneidendes und fundamentales Ereignis und der damit verbundenen zeitgenössischen Auffassung über die Osmanen einig. 1 Doch nicht nur die Auffassung spielt bei der Betrachtung eine wichtige Rolle. Weiterhin mündet mit der Eroberung der Stadt die Geschichte des Byzantinischen Reiches in die Geschichte der Osmanen, denn mit dem Besitz der Stadt ging die Nachfolge des oströmischen Kaisertitels einher. Somit sind beide Historien fortan miteinander verknüpft und das bedeutet bis in die heutige Zeit für die christliche wie auch für die türkische Geschichte eine nachhaltige Wirkung in der Entwicklung der Beziehungen und der Auffassungen mit- und übereinander. 2 Der folgende Diskurs über die Wahrnehmung kann also nur vor dem Hintergrund dieses Ereignisses geführt werden und erfordert einen kurzen Einblick und eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse zu dieser Zeit und ihrer verschiedenen Sichtweisen. Des Weiteren soll die Wichtigkeit einzelner Ereignisse, die zeitlich mit dem Aufkommen des Diskurses über eine vermeintliche Türkengefahr untersucht und ihre Bedingtheit analysiert werden. Dabei stellt sich die Frage, ob die Ereignisse als Auslöser fungierten oder ob die Ereignisse und beteiligte Personen und Personengruppen diese aus Propagandazwecken benutzten und sie ausschlachteten, um andere Probleme zu überdecken und zu lösen.
1 Vgl. dazu: Mertens, Dieter: Europäischer Frieden und Türkenkrieg im Spätmittelalter. In: Duchhardt, Heinz
(Hrsg.): Zwischenstaatliche Friedenswahrung in Mittelalter und Früher Neuzeit. Köln, Wien 1991, S. 48.
Meuthen, Erich: Der Fall von Konstantinopel und der lateinische Westen. In: Historische Zeitschrift Bd. 237.
München 1983, S. 4.
2 Peters, Richard: Die Geschichte der Türken, Stuttgart 1961, S. 51.
2. Die Geschichte des Osmanischen Reiches bis zur Eroberung
Konstantinopels 1453: Eine kurze Zusammenfassung
Das 11. und 12. Jahrhundert bedeutete für Europa eine Zeit großer Umwälzungen. Zum einen drang das Ottonische Reich durch die Christianisierung immer stärker in östliche Gebiete Europas vor und verdrängte die slawischen Stämme, zum anderen veränderte sich das Machtgefüge im südlichen Raum des Kontinents und das Innere Kleinasiens ging für das Byzantinische Reich mit dem Einfall einiger Stämme aus Anatolien endgültig verloren. In der Folgezeit wurde die Region im Herzen der heutigen Türkei vom abtrünnigen Großseldschukenprinz 3 Kutalmis, seinem Enkel Süleyman und deren Nachkommen beherrscht. Aber auch sie mussten sich gegen die aus Mitteleuropa kommenden Kreuzfahrer und gegen die aus dem Osten vordringenden Muslime erwehren. Der dauerhafte Konflikt und die geografische Lage des Reiches als Pufferzone zwischen Byzanz und der muslimischen Welt führten zu einem Herd ständiger Unruhe und einer zeitlich nur kurzen Konsolidierung der Macht. Der ständige Wechsel im Machtgefüge und der immer stärker werdende Druck durch Stämme, die aus dem Osten ins Innere Kleinasiens vordrangen, besiegelten das Ende der Seldschuken in diesem Gebiet. Während sich auf den Trümmern des einst von den Arabern geschaffenen, von den Persern untergrabenen und von den Mongolen zerstörten Kalifats noch zahlreiche Türkenstämme um die Beute schlugen, tauchte in seinem nordwestlichen Randgebiet die Macht auf, die nicht nur alle anderen türkischen Stämme überlebte, sondern welche auch über ein halbes Jahrtausend die Vorherrschaft über den gesamten Islam haben sollte. 4
Aus einer Vielzahl von Beyliks 5 , die nach der Zerschlagung des Sultanats der Rum-Seldschuken entstanden waren, tat sich ein kleiner Nomadenclan, der Clan der Kayi vom Stamm der Bozok, hervor. Dieser oghusische Clan bestand aus wenigen hundert Zelten und betrieb in der Bergwelt Bithyniens im Nordwesten Anatoliens Weidewirtschaft. Bis 1299 gelang es ihm, sich immer mehr vom Rum-Seldschuken Reich abzuspalten und unabhängig zu werden. Der Anführer des Nomadenstammes hieß Osman I. Ghasi (auch Gazi: Glaubenskrieger). Er wurde 1256 geboren, trat 1288 die Nachfolge seines Vaters Emir
3 Die Seldschuken waren eine türkische Fürstendynastie, die das Reich der Großseldschuken begründete, das sich
über Mittelasien, den Iran, Irak, Syrien, Anatolien und Teile der arabischen Halbinsel erstreckte. Vgl.: Cahen,
Claude: Pre-Ottoman Turkey. New York 1968.
4 Vgl.: Matuz, Josef: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 1994, S. 14ff.
5 Beylik: Der Begriff bezeichnet die türkischen Fürstentümer, die sich ab dem 11. Jahrhundert in Anatolien an
der Grenze zum Byzantinischen Reich gebildet hatten. Vgl.: Kreiser, Klaus: Der Osmanische Staat 1300-1922.
München 2001, S. 5.
Ertugrul an und wurde zum Namensgeber des späteren Großreiches der Osmanen. Ab 1300 hatte sich Osman durch die Unterwerfung großer Teile Kleinasiens und durch eifrig geführte Glaubenskriege gegen seinen christlichen Nachbarn einen Namen gemacht und legte dadurch den Grundstein für das nach ihm benannte Ottomanische (Osmanische) Reich, das sein Sohn Orhan und später sein Enkel Sultan Murad I. gegen das oströmische Byzanz nach Europa ausdehnte. 6
Begünstigt durch die Nichtbeachtung seitens der Mongolen, die der Seldschukenherrschaft von Ikonium ein Ende setzten und den immer stärker werdenden Zulauf von benachbarten Stämmen, konnte Osman 1301 gegen ein rund 2.000 Mann starkes byzantinisches Heer siegen, die Stadt Bursa, heute Türkei, durch Aushungern einnehmen und zu seiner neuen Residenz machen. Die steigende Zahl an Untertanen, die Etablierung von Berufskriegern und die dadurch zunehmend schwieriger werdende Versorgungslage machten erfolgreiche Beutezüge immer mehr zu einer notwendigen Dauererwerbsquelle. 7 Sein Sohn Orhan konnte weitere militärische Erfolge erlangen. So eroberte er 1331 Nikaia (Iznik) und 1352 Tzympe auf der europäischen Seite der Dardanellen. 8 Erstmals fassten die Osmanen somit Fuß auf dem europäischen Festland und schufen so einen Brückenkopf für die spätere planmäßige Eroberung des Balkans. 9 In der Folgezeit unterwarf die osmanische Armee, die zum Teil aus christlichen Sklaven bestand, innerhalb weniger Jahrzehnte in einem beispiellosen Eroberungsfeldzug die christlichen Balkanvölker und konnte das stets schrumpfende Byzantinische Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel auf dem Land völlig einschließen. Auch Orhans Sohn Murad I. setzte die Eroberungsfeldzüge in beide Richtungen des Reiches fort. Der Machtbereich wurde unter ihm sowohl auf dem europäischen Kontinent als auch in weite Teile Asiens ausgedehnt. 10
Es lässt vermuten, dass sich die vom Schwarzmeerraum ausbreitende Pest begünstigend auf die Feldzüge der Osmanen auswirkte. Den Osmanen gelang es ebenfalls, durch Allianzen, Geiselstellung, Tribut und Heeresfolge sowohl christliche als auch muslimische Unterstützung zu gewinnen. Im Jahre 1389 kam es bei der Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo bei Priština zum schicksalhaften Zusammentreffen zwischen dem osmanischem Heer und dem der Balkanvölker. Durch innere Unruhen und dem seit mehreren Jahrhunderten andauernden Machtkampf auf dem Balkan waren die dort beheimateten Völker geschwächt, traten aber dennoch in einer Allianz von bosnischen und serbischen Soldaten gegen die
6 Vgl.: Steinbach, Udo: Geschichte der Türken. München 2001, S. 9.
7 Vgl.: Matuz, S. 30.
8 Vgl.: Geiß, Dieter (Projektleiter): Der große Ploetz. Freiburg im Breisgau 2008, S. 666.
9 Vgl.: Steinbach, S. 9f.
10 Vgl.: Matuz, S. 36f.
Osmanen an. Zwar war das osmanische Heer siegreich, trotzdem wurde der Sieg durch den Tod Murad I., der durch einen serbischen Adligen ermordetet wurde, überschattet. 11 Sein Nachfolger Bayezid I. eroberte 1393 die bulgarische Residenzstadt Tarnowo und besiegte in der Schlacht von Nikopol 1396 ein europäisches Ritterheer unter dem ungarischen König und späteren Kaiser Sigismund und erreichte die Grenzen von Ungarn. 12 Die vordringenden Mongolen unter Timur Lengs ließen den Feldherren unbeeindruckt. Ein Fehler wie sich nur wenige Jahre später zeigen sollte, denn nach seinem Syrien- und Irak-Feldzug vernichtete Timur in der Schlacht von Angora (Ankara) 1402 das osmanische Heer und nahm Bayezid gefangen. Der Mongolenherrscher setzte zahlreiche von den Osmanen entmachtete Herrscher wieder in ihre anatolischen Fürstentümer ein. Daraufhin drohte das bis dahin sich auf dem Weg zur Weltmacht befindliche Osmanenreich durch innere Machtkämpfe der Söhne Bayezid I. zu zerfallen. 13 Erst Mehmed I. gelang es, sich einen Teil Kleinasiens und einen Teil der Balkanhalbinsel zu sichern. Durch die strategisch wichtige Lage und durch das Vorkommen von Kupfer und Silber auf dem Balkan konnte Mehmed I. seinen Machtbereich sogar auf große Teile Albaniens ausweiten. Doch nicht nur die Expansion ins Herzen Europas wurde durch Mehmed I. in der Folgezeit vorangetrieben, sondern auch auf heimischen Boden konnten politische Kämpfe gewonnen werden. So wurde 1420 in einer Kampagne der traditionelle Gegner, das Fürstentum Karaman in Anatolien, neutralisiert. Erfolgreicher als Mehmed I. war sein Sohn Murad II., der als der wohl größte Eroberer der frühosmanischen Epoche galt. Durch die Eroberungen der westanatolischen Fürstentümer Aydin und Mentese schaltete er potentielle Verbündete Venedigs, dem Feind im Norden, aus. 14 Zwar übergab Murad II. seine Regentschaft 1444 an seinen Sohn Mehmed II., dennoch musste er sie 1446 wegen eines Janitscharenaufstands in Edirne wieder aufnehmen. In seiner Amtszeit eroberte er außerdem die am Schwarzmeer liegende Stadt Warna und schlug das dort verteidigende polnische Heer unter Wladyslaw III. und besiegte in einer zweiten Schlacht auf dem Amselfeld erneut das polnische Heer unter Johann Hunyadi. Im Jahre 1451 starb Murad II. und seine Regentschaft ging nun endgültig an seinen Sohn Mehmed II. 15
11 Vgl.: Der große Ploetz, S. 666.
12 Vgl.: Matuz, S. 42f.
13 Vgl.: Der große Ploetz, S. 667.
14 Vgl.: Matuz, S. 50ff.
15 Vgl.: Der große Ploetz, S. 1169.
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Stephan Lembke, 2010, Der Fall Konstantinopels und die vermeintliche Türkengefahr, München, GRIN Verlag GmbH
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