"Der Kinder Herzen sind wie Wachs, und ein Stück Wachs lässt sich um die Finger wickeln, wenn es erwärmt wird." (Peter Rosegger)
Die kindliche Lebenswelt ist komplex und birgt sowohl Chancen der Selbstverwirklichung als auch vielfältige Risiken in sich. Ein Blick auf die heutige Lebenswelt der Menschen in den westlichen Industrieländern zeigt, dass es den meisten, gemessen an den materiellen Sorgen der vorherigen Jahrhunderte, gut geht. Viele Kinder wachsen weitestgehend unbeschwert auf. Sie müssen weder arbeiten noch betteln gehen, um ihre Familien zu unterstützen und in ihren Zimmern türmen sich die Kuscheltiere und technisches Spielzeug. Allerdings hat „der materielle Wohlstand für eine gesunde Entwicklung der Kinder nur eine vergleichsweise untergeordnete Bedeutung.“ 1 . Die Gesellschaft entwickelt sich ständig weiter und im Zuge dieser Weiterentwicklung kommt es auch zu Veränderungen des sozialen Umfelds. Viele Kinder erleben heute Unsicherheiten in den familiären Beziehungen und werden Zeuge von Spannungen in der Partnerschaft ihrer Eltern. Heranwachsende werden immer häufiger von alleinerziehenden Elternteilen betreut und leiden unter einer neuen, sozialen Armut. Die stetig ansteigenden Leistungsanforderungen der Schule und Gesellschaft bewirken weiteren starken Druck auf die jungen Individuen. Besonders das deutsche Schulsystem, welches in den letzten Jahren starken Veränderungen und Umstrukturierungen unterliegt, stellt eine große Herausforderung für Schüler und Lehrer dar. Oftmals wird die Schule zum Ort offen ausgetragener aggressiver Handlungen, die sich auch geschlechterspezifisch betrachten lassen können. Auffällig bei dieser Betrachtung ist, dass Störungen bei den Jungen eher in der Kindheitsphase und Schulzeit auftreten und bei den Mädchen eher in der Phase der Adoleszenz.
1 Vgl. Mielke, Ursel: Schwierige Kinder besser verstehen. Augsburg. Midena 1998.
Psychische Störungen und Geschlechterdifferenz 2
Die Statistik beweist, dass psychische Störungen bereits in jungen Jahren auftreten und therapeutischer Behandlung bedürfen. Andernfalls können sich oben gezeigte Neurosen manifestieren und für Schaden in der Lebenswelt der Betroffenen und deren Umfeld sorgen.
Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Ursachen von aggressivem Verhalten im Unterricht aus der Sicht der psychoanalytischen Entwicklungstheorie zu untersuchen. Dies geschieht hauptsächlich unter Einbeziehung der Grundlagen der Objektbeziehungspsychologie des Neofreudianers Erik Erikson und einer kurzen Einführung in die Thematik durch den Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, der allein schon aufgrund dieser Tatsache nicht unerwähnt bleiben darf.
2 Heinemann, Evelyn: Psychische Störungen in Kindheit und Jugend, S. 29.
Aggression und aggressives Verhalten
Der Begriff Aggression ist seit Beginn des 18. Jahrhunderts aus dem Lateinischen aggressio entlehnt und steht für den Angriff oder einen bewaffneten Überfall. 3 Auch heute verbinden wir mit dem Begriff Aggression selbige Verhaltensmuster. Bei Kindern zählt aggressives Verhalten zu Störungen des Sozialverhaltens, welches sich in der Schule äußert durch: x Lügen x Schulschwänzen x Delinquenz x dem Widersetzen gegen Autoritäten x Provokation von Streitigkeiten und x körperliche Gewalt gegen andere Kinder x Stehlen x Vandalismus
und häufig mit schlechten Schulleistungen einhergeht. 4 Als Verhaltensstörung wird aggressives Verhalten bei Jungen etwa dreimal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen, welches sich auch in der Gewaltstatistik niederschlägt. 93% aller Gewaltverbrecher der letzten 20 Jahre waren männlichen Geschlechts. 5
Aggressive Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind jedoch keine Menschen, die triebhaft und lustvoll aggressive Impulse ausleben. Vielmehr liegen komplizierte Störungen der gesamten Persönlichkeit vor, die aus der Sicht der Psychoanalytiker ihren Ursprung in der frühkindlichen Entwicklung haben und ein spezifisches und psychotherapeutisches Vorgehen erfordern. 6 Ein Blick auf die Biografie aggressiver Menschen lässt erkennen, dass gerade in der frühen Kindheit schwere Traumatisierungen stattfanden und vor allem die soziale Instabilität der
3 Pfeiffer, Wofgang: Etymologisches Wörterbuch, dtv, München, 2004, S. 17.
4 Heinemann, Evelyn: Psychische Störungen in Kindheit und Jugend, S. 279.
5 Vgl. Heinemann, Evelyn: Psychische Störungen in Kindheit und Jugend, S. 123.
6 Vgl. Heinemann, Evelyn: Gewalttätige Kinder, S.279.
Arbeit zitieren:
Seda Markhoff, 2010, Über die Ursachen aggressiven Verhaltens aus psychoanalytischer Sicht, München, GRIN Verlag GmbH
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