Über die Pädagogik Janusz Korczaks und die
Schwierigkeiten im Umgang mit ihr
Inhaltsverzeichnis
1. Warum Janusz Korczak nicht vergessen werden darf?
2. Janusz Korczaks Leben und überliefertes Werk
2.1 Biografie
2.2 Schriften
3. Janusz Korczaks pädagogische Lehre 1
3.1 Ziele
3.2 Pädagogische Grundlagen und methodische Ansätze
4. Warum Janusz Korczaks Pädagogik so schwer faßbar ist?
4.1 Seine Sprache
4.2 Das Fehlen eines geschlossenen pädagogischen Konzeptes
4.3 Die hohen Ansprüche an die Erzieher
4.4 Das in Frage stellen des allgemeinen Erziehungsanspruchs
4.5 der Krieg
4.6 die politische Dimension
5. Literatur
1. Warum Janusz Korczak nicht vergessen werden darf?
„Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die
allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen
voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch
sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so
wenig sich abgegeben hat.“ Theodor W. Adorno 2
„...Ihr sagt: der Umgang mit Kindern ermüdet uns. Ihr habt
recht. Ihr sagt: denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinun-
tersteigen. Ihr irrt euch. Nicht das ermüdet uns. Sondern,
da ß wir zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen. Um
nicht zu verletzen.“ Janusz Korczak 3
1 Der Begriff Lehre wurde hier verwandt, um einen Ausdruck zu haben, der seinem umfangreichem
Lebenswerk gerecht wird. Da Korczak jedoch keine Lehrsätze aufgestellt hat, deren unumstößlicher Charakter
sogar im Gegensatz zu seiner Vorstellung von einer vielleicht am besten als offen oder flexibel zu
bezeichnenden Erziehung gestanden hätten, erscheint der Begriff notwendigerweise in Anführungsstrichen.
2 ADORNO (1967), S. 111.
3 zit. in KLUGE ET AL. (1981, Vorwort)
3
Man fragt sich, ob T. W. Adorno das Leben Janusz Korczaks vor Augen hatte, als er diese martialisch anmutenden Zeilen schrieb. Einen Mann, der sich ganz seiner Aufgabe verschrieb, der Friedlosigkeit auf der Welt durch die liebe- und achtungsvolle Erziehung des Kindes zu begegnen. Und ein Mann, dessen Name untrennbar mit dem Schrecken des Dritten Reichs verknüpft ist. Es liegt nahe ihn vor dem Hinter-grund seines gewaltsamen Todes durch die Nationalsozialisten zum Märtyrer für die gerechte Sache stilisieren zu wollen 4 . Aber das würde ihm nicht gerecht werden, denn Korczak zeigte nicht erst in seinem Tod menschliche Größe. Seine Bedeutung für die Nachwelt sollte vielmehr in seiner konsequenten Haltung gesucht werden, der Frage nach dem Sinn und Erfolg von Erziehung durch die alltägliche Arbeit, durch die miterlebte Freude und den Kummer von Kindern zu begegnen. Damit gelang es ihm eine Ahnung davon zu geben, wie der hohe Anspruch der Pädagogik, Mittler einer menschlicheren Welt zu sein, bewerkstelligt werden kann. Korczak hinterließ kein geschlossenes pädagogisches Konzept und nach seinen Schriften zu urteilen, tat er das bewußt. Zu groß schätzte er die Gefahr ein, dass der Erzieher verleitet werden könnte, sich auf seiner einmal erreichten Stellung auszuruhen. Für ihn gehörten Selbstzweifel, das Hinterfragen der eigenen Person, neben Aufopferung, Kontinuität und eigener kindlich empfundener Freude zu den wesentlichen Stützpfeilern der erzieherischen Arbeit. Seine pädagogischen Prinzipien kleidete er, in der ihm eigenen atmosphärischen Sprache, in Geschichten, die er in zahllosen Aufsätzen, Artikeln, (Kinder)Romanen und Radioreportagen veröffentlichte - Korczak selbst sprach auch von „erzählender Pädagogik“ 5 . Seine zentrale Botschaft: „Das Recht des Kindes auf Achtung“ 6 , also die Kinder ernst zu nehmen in ihren Bedürfnissen, scheint einfach und ist aber zugleich so schwer. Setzt sie doch voraus, dass der Erzieher, der Erwachsene sich seiner Machtposition voll bewußt ist und auch seine Fehlbarkeit akzeptiert. Korczak bietet uns somit keine einfache Lösung an, in der der Erzieher seine einmal gewonnene, erkämpfte Erwachsenenrolle auf immer beibehalten kann. Er fordert, so wie die Erwachsenen es allgemeinhin von den Kindern fordern, dass auch der Lehrer stetig an seinen Aufgaben, Erfolgen und Mißerfolgen wächst und lernt.
4
vgl. PELZER (2000, S. 9.). OELKERS (1982, S. 55) sagt dazu:
„Der Gang mit den Kindern nach Treblinka
5 So lautet der Untertitel der Textsammlung „Verteidigt die Kinder“ (KORCZAK 1978). 6 KORCZAK 1970: Das Recht des Kindes auf Achtung (RKA). Titel der gleichnamigen, neben dem Hauptwerk „Wie man ein Kind lieben soll“ (WL) bedeutendsten Sammlung pädagogischer Texte.
4
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich zunächst mit dem Leben Korczaks und seinen pädagogischen Ansätzen. Im Anschluß soll die Frage diskutiert werden, warum seine ‚Lehre‘gegenüber der anderer Reformpädagogen im heutigen erzieherischen Alltag weniger Beachtung findet.
2. Janusz Korczaks Leben und überliefertes Werk
„Humanität trumpft nicht auf“ Theodor W. Adorno 7
2.1 Biografie
Janusz Korczak wurde am 22. Juli 1878 oder 1879 8 - sein ursprünglicher Name lautete Henryk Goldszmit 9 - in Warschau als Kind einer angesehenen, relativ wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Sein Vater war ein erfolgreicher Rechtsanwalt, die Familie besaß ein geräumiges Haus sowie Dienstboten. Die Goldszmits verstanden sich als polnische Patrioten jüdischer Abstammung mit liberaler politischer und religöser Gesinnung. Dabei waren sie vermutlich stark von der damals populären jüdischen Aufklärungsbewegung ‚haskalah‘ geprägt, die den Anschluß der jüdischen an die Kultur des Gastlandes anstrebte. Korczak erlebte in der gut-bürgerlichen Umgebung seines Elternhauses eine insgesamt unbeschwerte Kindheit. Mit dem Tod des Vaters - Korczak ist damals 17 Jahre alt - ändern sich die Lebensumstände jedoch schlagartig. Da der Vater das gesamte Vermögen beim Glücksspiel verloren hatte, steigt die Familie sozial ab. Korczak nimmt neben der Schule Gelegenheitsjobs an und erteilt Nachhilfeunterrricht, um den spärlichen Unterhalt aufzubessern. 1898 beginnt er mit dem Medizinstudium, dass er 1904 mit einer Promotion abschließt. Während der Studienjahre engagiert er sich in einem Warschauer Wohltätigkeitsverein und betätigt sich als Publizist, womit er gleichzeitig sein Studium finanziert. Noch als Student nimmt er 1904 seine erste Stelle als Kinderarzt in einer Klinik an. 1905 wird seine Arbeit durch seine Einberufung als Sanitätsarzt in den russisch-japani- 7 Adorno,T. W. 1968: Einleitung in die Musiksoziologie. Reinbek. S. 105.
8 Der Vater verschleppte den Eintrag ins Geburtenregister, daher läßt sich das Geburtsjahr nicht genau angeben. 9 Zu seinem Populärnamen gelangte er über einen Zufall. Als junger Student nahm er an einem Literaturwettbewerb unter dem Pseudonym Janasz Korczak teil, das er aus einem Roman des polnischen Schriftstellers Kraszewski entlehnte. Auf der Preisträgerliste, wurde der Name jedoch versehentlich als ‚Janusz‘ statt ‚Janasz‘ wiedergegeben. Korczak gefiel diese Version offenbar so gut, dass er sie auch in Zukunft bei Veröffentlichungen verwandte.
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schen Krieg unterbrochen 10 . Eine weitere diesmal allerdings freiwillige Reise unternimmt er 1907 nach Berlin, um ein Jahr lang an den angesehenen medizinischen Einrichtungen sowie psychatrischen und pädagogischen Anstalten zu studieren. Später sollte er auch noch Studienreisen nach Paris und London unternehmen. Bis 1911 arbeitete Korczak weiter im Krankenhaus, besuchte aber auch Privatpatienten, wobei er -gleich einem modernen Robin Hood- Kranke aus den Armenvierteln unentgeltlich und solche der priviligierten Gesellschaft für sehr hohe Honorare behandelte. Im gleichen Jahr tauschte er seine angesehene gesellschaftliche Stellung und sein gutes Einkommen gegen die Leitung des neu gegründeten Waisenhauses ‚Dom Sierot‘ 11 in Warschau, das nach seinen Entwürfen errichtet wurde. Eine biographische Schlüsselstelle: Nunmehr ist nur in zweiter Linie vom Arzt Korczak die Rede und in erster vom Erzieher und Lehrer. Eine wichtige Rolle bei seiner Hinwendung zur Pädagogik war mit Sicherheit sein zunehmendes Engagement bei der ‚Warschauer Wohltätigkeitsgesellschaft‘, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, notleidenden Kindern auch über die rein materielle Versorgung hinweg zu helfen 12 . Vor allem der gemeinsame Urlaub mit Arbeiterkindern in den sogenannten Sommerkolonien scheinen Korczak maßgeblich beeinflußt zu haben und ermöglichten ihm erste konkrete pädagogische Erfahrungen zu machen. 13 Korczak hat die Leitung des jüdischen Waisenhauses ‚Dom Sierot‘ 14 bis zu seinem Tod, also über 30 Jahre lang, innebehalten. Von 1919 an führte er zusätzlich für 15 Jahre ein weiteres Waisenhaus für polnische Kinder. 15 Korczak widmete in dieser Zeit seine ganze Kraft der Arbeit mit den Kindern. Das Leben bestand für ihn aus Dienst am Menschen rund um die Uhr 16 . Den gleichen aufopferungsvollen Einsatz erwartete er von seinen Mitarbeitern. Er beteiligte sich auch an der Ausbildung von Studenten und Erziehern. Für ein Privatlebeneinschließlich partnerschaftlichen Beziehungen - war anscheinend ebensowenig
10
Er tat ebenso im 1. Weltkrieg (1914-1918) und im polnisch-sowjetischen Krieg (1918-1919) Dienst als Arzt.
11
Polnisch schlicht für ‚Haus der Waisen‘ oder ‚Waisenhaus‘.
12 Im 19./Anfang 20.Jhdt. beruhte die soziale Fürsorge nahezu ausschließlich auf privaten durch Spenden finanzierten Gesellschaften und Vereinen. Die ‚Warschauer Wohltätigkeitsgesellschaft‘ hatte sich z. B. zum Ziel gesetzt, das notleidende Kinder „durch die Lehre der Religion, des Schreibens, des Lesens und des Rechnens dem Schoße der sozialen Not und der Verwahrlosung entrissen werden und ein Handwerk lernen sollen.“ (zit. nach PELZER 2000, S. 36.)
13 Korczak schreibt dazu selbst: „Den Sommerkolonien habe ich viel zu verdanken. Hier begegnete ich zum ersten Male einer Kinderschar und lernte in selbständiger Arbeit das ABC der pädagogischen Praxis.“ WL S. 234 f. und S. 243. 14 Zusammen mit Stefania Wilczynska.
15 Das ‚Nasz Dom‘ (‚Unser Haus‘) war von Maryna Falska gegründet worden, die es ebenfalls leitete. 16 Zu seinem Leben als Erzieher schreibt Korczak: „Was sind deine Pflichten? Wachsam sein. [...] Wenn du Erzieher bist, dann hast du einen sechzehnstündigen Arbeitstag, ohne Pause, ohne Feiertage - einen Tag der aus Arbeiten besteht, die sich weder beschreiben noch wahrnehmen noch kontrollieren lassen [...].“ WL, S. 162.
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Arbeit zitieren:
Sandor Samu, 2002, Über die Pädagogik Janusz Korczaks und die Schwierigkeiten im Umgang mit ihr, München, GRIN Verlag GmbH
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