Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Die Anfänge der Erinnerungsforschung: Die 1950er bis 1980er
Jahre 3
1.1 Ausgangslage im Nachkriegsdeutschland 1918 3
1.2 Anfänge der Erinnerungsforschung von 1950 bis 1980 4
2. Die Erinnerungsforschung 1980 bis heute 11
2.1 Die 1980er Jahre 11
2.2 Die 1990er Jahre 13
2.3 Die 2000er Jahre bis heute 18
3. Fazit / Ausblick 23
4. Literatur- und Abbildungsverzeichnis 25
2
Einleitung
Schon der Titel der Arbeit wirft Fragen auf: Warum gerade der Erste Weltkrieg? Was ist mit den Erinnerungen an ihn gemeint und wie lassen diese sich identifizieren? Der Erste Weltkrieg war in der geschichtswissenschaftlichen Forschung und in der Erinnerung der Deutschen bis in die 1960er eher im Hintergrund zu verorten. Zu stark waren die zweifelsohne schrecklichen Gräuel von Holocaust, Bombenkriegen und die Abwürfe der Atombomben im Kontext des Zweiten Weltkriegs in den Köpfen von Forschern und Bevölkerung verhaftet. Diese noch größere Katastrophe hat einen Blick weiter zurück zunächst erschwert. 1 Ein Blick in die am Krieg beteiligten europäischen Nachbarländer belegt jedoch, dass dort, z. B. in Frankreich oder Großbritannien, der Erste Weltkrieg stets präsent war und ist. Im Jahr 2006 führte beispielsweise der französische Staatspräsident Jacques Chirac unter militärischen Paraden eine Zeremonie am Pariser Triumphbogen mit dem damals 107-jährigen Kriegsveteranen René Riffaud in Gedenken an den 88. Jahrestag des Waffenstillstandes vom 11. November 1918 durch. 2
In der Forschung herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 eine einschneidende Zäsur in der Geschichte darstellt. 3 Inwieweit es sich hierbei um das Ende des langen 19. Jahrhunderts bzw. um den Beginn des kurzen 20. Jahr-hunderts handelt, kann hier nicht diskutiert werden. 4 Eindeutig ist, dass der Krieg ziemlich schnell zu einem zähen, verlustreichen und grausamen Phänomen wurde. Dadurch, dass die militärischen Offensiven bereits 1914 ins Stocken gerieten und der Bau von Schützengräben begann, fanden verbissene Gefechte um kleinste Räume statt. Durch den Einsatz von Artilleriegeschossen in feindliche Stellungen, durch Giftgas und Handgranaten ent-standen die sogenannten Materialschlachten. Die Kampfhandlungen forderten viele Tote, Verwundete und Vermisste. 5 Infolge der zunehmend mangelhaften Versorgung sind ebenso viele Krieger diversen Krankheiten und Epidemien zum Opfer gefallen oder durch sie
1 Ottomeyer, Hans, Vorwort, in: Rother, Rainer (Hrsg.), Der Weltkrieg 1914 - 1918. Ereignis und Erinne-
rung, Wolfratshausen 2004, S. 12 - 13, hier: S. 12.
2 Korte, Barbara / Paletschek, Sylvia / Hochbruch, Wolfgang, Der Erste Weltkrieg in der populären Erinne-
rungskultur. Einleitung, in: Dies. (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg in der populären Erinnerungskultur, Essen
2008 (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte - Neue Folge, Bd. 22. Hrsg. von Gerhard Hirschfeld), S. 7 -
24, hier: S. 7.
3 Rürup, Reinhard, „Weltkrieg“ - „Volkskrieg“ - „Kulturkrieg“. Die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für
die deutsche Geschichte, in: Spilker, Rolf / Ulrich, Bernd (Hrsg.), Der Tod als Maschinist. Der industriali-sierte Krieg 1914 - 1918. Eine Ausstellung des Museums Industriekultur Osnabrück im Rahmen des Jubilä-
ums „350 Jahre Westfälischer Friede“ 17. Mai - 23. August 1998, Bramsche 1998, S. 12 - 22, hier: S. 13.
4 Vgl. dazu Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3: Von der „Deutschen Doppelrevo-
lution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, 1849 - 1914, München 1995. Nipperdey, Thomas, Deutsche
Geschichte 1866 - 1918, Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, München 1992.
5 Rürup, 1998, S. 15.
1
geschwächt worden. 6 Die Gesamtzahl an Toten infolge des Ersten Weltkriegs beläuft sich auf etwa neun Millionen. Nicht ohne Grund spricht George Kennan 1979 von der „great seminal catastrophy of this century“, zu deutsch: der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ 7 .
Daher drängt es sich auf, die Erinnerungen in der Weimarer Republik im Anschluss an diesen „industrialisierten Krieg“ 8 , der die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts eingeleitet hat, näher zu untersuchen. Dazu bedarf es einer näheren Erläuterung von Erinnerungen. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Astrid Erll hat in ihrer Dissertation über Gedächtnisromane 9 ein Modell zu kollektivem Gedächtnis und Erinnerungskulturen entworfen. Sie bezieht das kollektive Gedächtnis auf Kulturphänomene und bezeichnet es als ein „‚Vorrat‘ oder ‚Speicher‘“ 10 an Informationen. Dies sei „ein prinzipiell offenes und veränderliches Gewebe mentaler, materialer und sozialer Phänomene der Kultur“ 11 und nur durch „Akte kollektiver Erinnerung“ 12 beobachtbar. Erinnerung ist nach Erll eine Aktivierung der Informationen aus dem Vorrat bzw. Speicher an Informationen, also dem Gedächtnis. Die Akte kollektiver Erinnerung können nur durch mediale Instrumente von mehreren Menschen getätigt und gelesen werden, sind aber genauso vom individuellen Gedächtnis als „Ausgangspunkte“ abhängig. Erinnerungskulturen sind die „Ausprägungen von kollektivem Gedächtnis“ 13 . Sie machen kollektives Gedächtnis erst sichtbar und analysierfähig. 14
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Bericht zu liefern, wie diese Erinnerungen in der wissenschaftlichen Forschung behandelt werden, welche Aspekte und Fragen diskutiert wurden und werden und welche neuen Perspektiven und Ansätze entstanden. Hierfür bietet es sich an, chronologisch vorzugehen. Im ersten Kapitel beleuchte ich die Anfänge der Forschung von 1950 bis in die 1980er Jahre, im zweiten Kapitel von den 1980er bis heute, da diese Jahre -wie gezeigt wird- einen Zäsurcharakter haben. Dabei kann im Rahmen dieser Arbeit nur auf ausgewählte Werke eingegangen werden. Am Ende erfolgen ein Fazit, das die
6 Ziemann, Benjamin, Soldaten, in: Hirschfeld, Gerhard / Krumreich, Gerd / Renz, Irina (Hrsg.), Enzyklopä-
die Erster Weltkrieg, Paderborn 2009, S. 155 - 168, hier: S. 157.
7 Rürup, 1998, S. 13 ff.
8 Ziemann, 2009, S. 157.
9 Erll, Astrid, Gedächtnisromane. Literatur über den Ersten Weltkrieg als Medium englischer und deutscher
Erinnerungskulturen in den 1920er Jahren, Trier 2003 (Studien zur Englischen Literatur- und Kulturwissen-
schaft, Bd. 10. Hrsg. von Ansgar und Vera Nünning).
10 Ebd., S. 36.
11 Ebd.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Ebd. Vgl. Abb. 1.
2
zentralen Ergebnisse zusammenfasst, sowie ein Ausblick, der mögliche Forschungsperspektiven für künftige Studien betrachtet.
1. Die Anfänge der Erinnerungsforschung: Die 1950er bis 1980er Jahre
1.1 Ausgangslage im Nachkriegsdeutschland 1918
Um mit den Anfängen in der Erinnerungsforschung zu beginnen, muss an dieser Stelle zunächst die Ausgangslage nach Kriegsende betrachtet werden.
Durch die (Presse-)Zensur und die realitätsferne Kriegspropaganda entstand ein verzerrtes Bild der Kriegswirklichkeit. Mehrheitlich war man der Auffassung, das Deutsche Reich sei von seinen Nachbarn England, Russland und Frankreich „eingekreist“, wogegen nur ein Befreiungskrieg helfe. Durch diese Bedrängnis hätten die deutschen Kriegsgegner dem Reich den Zugriff auf die Kolonien verwehren wollen, obwohl Deutschland den „Platz an der Sonne“ verdient hätte, um die ökonomische Stärke zu gewährleisten. Durch die Propa-ganda wurde auch das Bild des „sauber“ geführten Krieges deutscher Soldaten vermittelt, obwohl es beispielsweise in Belgien auch zur Tötung von Zivilisten kam. Das Kriegsende wurde immer stärker zu einem medialen Spektakel, infolgedessen es immer schwieriger wurde, Fakten von Erfundenem zu differenzieren. Dadurch wurde -wie auch in den anderen kriegsteilnehmenden Staaten- die erkenntnisorientierte und kritische Aufarbeitung des Krieges überlagert. Der Krieg wurde zunächst quasi „weitergeführt“ -nur ohne Waffen. Dieser Zustand gipfelte im Versailler Vertrag, in dem die „Oblivions“-Klausel fehlte, die besagt hätte, dass der vorangegangene Streit beigelegt und tatsächlicher Frieden geschlossen würde.
Dieser Umstand gab den Nährboden für die in der Weimarer Republik aufgeflammte Kriegsschuldfrage, die von einigen zu der Zeit bekannten Historikern, wie Max Graf Montgelas, mit dem Begriff der Kriegsschuldlüge „eindeutig“ beantwortet wurden. 15 Neben dieser Diskussion gab es noch andere Wege der (propagandageladenen) Erinnerung, in Form von Unterhaltungsmedien, wie Film und Literatur 16 , wobei erstaunlich ist, dass Augenzeugenberichte zunächst keine Resonanz fanden. 17
15 Krumreich, Gerd, Konjunkturen der Weltkriegserinnerung, in: Rother, Rainer (Hrsg.), Der Weltkrieg 1914
- 1918. Ereignis und Erinnerung, Wolfratshausen 2004, S.68 - 73, hier: S. 69.
16 Korte et al., 2008, S. 9.
17 Krumreich, 2004, S. 69.
3
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde die Weltkriegserinnerung neu inszeniert. In Propagandafilmen wurden die Novemberrevolutionäre verurteilt, die Dolchstoß-Legende und die Ehrung der ehemaligen Frontkämpfer wiederbelebt, was die Nationalsozialisten für die „‚Wehrhaftmachung‘“ 18 und schließlich für den darauffolgenden Krieg nutzten. Dadurch blieb die instrumentalisierte und einseitig interpretierte Erinnerung ein wichtiger Stützpfeiler der Hitler-Diktatur. 19
1.2 Anfänge der Erinnerungsforschung von 1950 bis 1980
Vor dem in 1.1 geschilderten Hintergrund scheint es wenig verwunderlich, dass die Erinnerungen bzw. der Erste Weltkrieg als solcher in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Beachtung fand. Historiker der 1950er Jahre waren der Ansicht, dieses Thema bedürfe keines weiteren Aufwandes. Ausländische Studien, beispielsweise die von Luigi Albertini über die Ursprünge des Ersten Weltkriegs, fanden in Deutschland wenig Aufmerksamkeit. Dies ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Deutschland sich 1951 mit Frankreich darin übereinkam, dass kein europäischer Staat den Krieg gewollt habe und die schwierige „militärisch-politische Zwangslage“ 20 zu berücksichtigen sei. Bis in die 1960er Jahre blieb der Erste Weltkrieg im Hintergrund der Forschungen. 21 Mit dem Hamburger Historiker Fritz Fischer und seinem 1961 erschienenen Werk Griff nach der Weltmacht wurde der erste sogenannte Historikerstreit ausgelöst; verkörpert in der sogenannten Fischer-Kontroverse. 22 In seiner Arbeit versucht Fischer eine Kontinuitätslinie zwischen dem expansionistischen Kaiserreich in seiner Spätphase und dem Nationalsozialismus herzustellen. 23 Außerdem nimmt er die Kriegsschuldfrage erneut auf und kommt zu dem Ergebnis, dass das Deutsche Reich und seine Verantwortlichen den Krieg 1914 absichtlich auslösten und damit Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehabt hätten. Die sich im Zuge dessen aufbauenden Kontroversen bestimmten die Forschungs-landschaft in den 1960er Jahren. Im Mittelpunkt stand nun nicht mehr die alleinige Debatte um die Kriegsschuld, sondern die Weltkriegsforschung wurde durch wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen erweitert. 24
18 Krumreich, 2004, S. 71.
19 Ebd., S. 72.
20 Ebd.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Korte et al., 2008, S. 10.
24 Krumreich, 2004, S. 72.
4
Ein Beispiel für diese neue Richtung, bezogen auf die Kriegserinnerungen, ist die Erforschung der Wehrverbände der Weimarer Republik, die Mitte der 1960er begann. So hat der Historiker Volker Berghahn in seiner 1966 veröffentlichten Dissertation den Stahlhelm Bund der Frontsoldaten 25 behandelt. Berghahn betont zunächst, dass Kriegsteilnehmerverbände schon auf eine längere Tradition zurückblickten und nicht erst seit dem 20. Jahrhundert existierten. Solche Zusammenschlüsse tätigten sie, „um das Erlebnis von Kampf und Kameradschaft zu bewahren.“ 26 Sie gewannen -nach den Ausführungen Berghahns- durch eine Demokratisierung und steigende Mitgliederzuwächse -auch in anderen Staaten Europas- an Bedeutung. Durch die Totalität des Ersten Weltkriegs entstand eine neue Form des Kampfes, weshalb sich so viele Kriegerverbände gründeten. Berghahn unterstreicht, dass diese Kriegsteilnehmerverbände nicht lediglich zurückschauende Vereine waren, sondern sich hohe politische Ziele gesteckt hatten und in der Weimarer Republik politisch aktiv waren. 27
Ziel Berghahns Studie ist es, durch ein stringent chronologisches Vorgehen die Entwicklungen des Stahlhelm wahrheitsgetreu nachzuzeichnen. Dabei bedient er sich eines reichhaltigen Quellenkorpus, indem er auf die Akten der Stahlhelm-Bundesleitung aus dem Deutschen Zentralarchiv in Potsdam zugriff. Außerdem zieht Berghahn Nachlässe von Gustav Stresemann und wichtiger Stahlhelm-Anhänger heran, die ihm im Bundesarchiv in Koblenz offenstanden. Eine weitere entscheidende Quelle für Berghahn sind die damals noch lebenden Stahlhelm-Funktionäre Heinz Brauweiler (Politischer Referent) und Friedrich Wilhelm Heinz (Bundeszeitungsredakteur), dessen Aussagen und Informationen er durch diverse Befragungen festhielt. 28
Berghahn führt in seiner Arbeit aus, dass der Stahlhelm sich aus einem ursprünglichen Kriegerverein 1918 gegründet 29 und sich zur Aufgabe gemacht hat, Ordnung durch die Bekämpfung linker Strömungen herzustellen. 30 Bevor der Versailler Vertrag 1919 angenommen wurde, stand der Stahlhelm der Weimarer Republik durchaus aufgeschlossen ge-
25 Berghahn,Volker, Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten 1918 - 1935, Düsseldorf 1966 (Beiträge zur
Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 33. Hrsg. von der Kommission für Ge-
schichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien). Vgl. auch: Rohe, Karl, Das Reichsbanner
Schwarz-Rot-Gold. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur der politischen Kampfverbände zur Zeit der
Weimarer Republik, Düsseldorf 1966. (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen
Parteien, Bd. 34. Hrsg. von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Partei-
en).
26 Berghahn, 1966, S. 5.
27 Ebd., S. 6 f.
28 Epstein, Klaus, Rezension zu: Berghahn, Volker, Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten 1918 - 1935,
Düsseldorf 1966 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 33. Hrsg.
von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien), in: Historische
Zeitschrift 206 (1968), S. 157 - 160, hier: S. 157.
29 Epstein, 1968, S. 158.
30 Berghahn, 1966, S. 19.
5
genüber, arbeitete mit Arbeiterräten zusammen und akzeptierte die Völkerversöhnung. 31 Danach jedoch setzte eine Protesthaltung gegen dieses „Diktat von Versailles“ ein und die Stahlhelm-Mitglieder mobilisierten für ihre Zwecke die entstandene Verbitterung und Enttäuschung in großen Teilen der Bevölkerung. 32 Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen untersucht der Verfasser die Verbindungen des Stahlhelm mit dem DVP-Politiker Gustav Stresemann. Als Außenminister versuchte Stresemann gegenüber dem Westen seine Ver-handlungsposition durch eine „‚verantwortliche‘ nationale Opposition“ 33 zu stärken. In diesem Vorhaben enttäuscht und in dem Versuch gescheitert, den radikalen Düsterberg und den gemäßigten Seldte gegeneinander aufzubringen, wandte Stresemann sich 1928 vom Stahlhelm ab und schloss die dem Stahlhelm angehörigen DVP-Politiker aus der Reichstagsfraktion aus.
Weitere Schwerpunkte Berghahns Ausführungen sind das vom Stahlhelm initiierte Volksbegehren gegen den Young-Plan, das Teilverbot des Westmark-Stahlhelm, die doppelseitige Haltung zu Brüning und die Beteiligung an der Harzburger Front. Berghahn kommt zu dem Ergebnis, dass die politischen Ziele des Stahlhelm nebulös blieben und die politischen Mittel zur Umsetzung dieser Ziele ungeeignet gewesen seien. 34 Dies begründet der Verfasser damit, dass es im Stahlhelm viele Opportunisten gegeben habe, denen es an politischer Erfahrung und an dem Verständnis für die liberale Demokratie mangelte. Außerdem sei der Stahlhelm nicht fähig gewesen, der drohenden Diktatur konstruktive Maßnahmen entgegenzusetzen, auch dem Umstand geschuldet, dass es diktaturbejahende Kräfte im Stahlhelm gab. 35 Analog zur Fischer-Kontroverse sieht Berghahn ein Kontinuum im Stahlhelm von Kaiserreich und Nationalsozialismus 36 , weil das Führungspersonal des Stahlhelm Züge aus dem Wilhelminismus aufweist: „Aus jener Zeit rührte somit jedes Unverständnis für die Möglichkeiten und Grenzen politischen Handelns […]. Die Betonung lag […] auf einem autoritätsgläubigen Hurra-Patriotismus […].“ 37 Diese grundlegende kritische Haltung soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Verfasser weitestgehend um eine wertneutrale Darstellung des Stahlhelm sowie seiner Entwicklungen bemüht und versucht, sich in verständnisvoller Art (wegen der schwierigen Lage nach Kriegsende) dem Thema bzw. dem Stahlhelm zu nähern. 38
31 Epstein, 1968, S. 159.
32 Berghahn, 1966, S. 19.
33 Epstein, 1968, S. 159.
34 Ebd.
35 Berghahn, 1966, S. 277 f.
36 Ebd., S. 7.
37 Berghahn, 1966, S. 6.
38 Epstein, 1968, S. 157.
6
Arbeit zitieren:
B. A. Sören Lindner, 2011, Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag GmbH
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