Das deduktiv-nomologische Modell beschreibt eine formalisierte Struktur der wissenschaftlichen Erklärung eines kausalen Zusammenhangs, welche von den deutschen Philosophen Carl Gustav Hempel und Paul Oppenheim 1948 in ihrem gemeinsamen Aufsatz "Studies in the Logic of Explanation" 5 vorgeschlagen wurde und daher in der Literatur oft auch als Hempel-Oppenheim-Schema bezeichnet wird. Nach dem deduktiv-nomologischem Modell wird die Frage "Why does the phenomenon happen?" 6 interpretiert als Frage "according to what general laws, and by virtue of what antecedent conditions does the phenomenon occur?" 7 . Daraus leitet sich folgendes allgemeines Schema zur Erklärung eines Sachverhalts ab: Eine deduktiv-nomologische Erklärung ist ein logisch korrektes Argumentum a posteriori 8 , welches aus einem Explanas 9 (die Faktoren, welche das Ereignis erklären), welches wiederum in allgemeine Gesetzmäßigkeiten und Randbedingungen aufzuschlüsseln ist und einem daraus folgendem Explanandum 10 (das zu erklärende Ereignis) besteht. 11 Demnach ist folgende Argumentation eine methodisch korrekte deduktiv-nomologische Erklärung: „Wenn eine Person raucht, wird sie einen Herzinfarkt erleiden (Explanas, Gesetz). Da Person X raucht (Explanas, Randbedingung), wird sie auch einen Herzinfarkt erleiden (Explanandum).“ 12 Esser entwickelt in seinem Einführungswerk „Soziologie - Allgemeine Grundlagen“ sowie in seinem sechbändigen Werk „Soziologie - Spezielle Grundlagen“ in Anlehnung
5 Hempel, Carl G./Oppenheim, Paul (1948):
Studies in the Logic of Explanation,
in: Philosophy of Science. 1948:15, S. 135-175.
6 In etwa: „Warum tritt das Phänomen auf?“ Hempel/Oppenheim: S. 136.
7 In etwa: „Aufgrund welcher allgemeingültigen Gesetze und aufgrund welcher Vorbedingungen tritt das Phänomen auf?“ ebd.
8 Vergleiche dazu Kirchners Begriffsdefinition in:
Kirchner, Friedrich bearb. von Michaëlis, Carl: Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe. 5. Aufl, Lepzig: Verlag der Dürr'schen Buchhandlung 1907.
9 Partizip Präsens Aktiv von lat. explanare „auslegen, erklären, deuten“. Also: Das erklärende.
10 Gerundivum neutrum von lat. explanare „auslegen, erklären, deuten“. Also: Das zu erklärende.
11 Vgl. Hempel/Oppenheim: S. 136-138. Insbesondere auch die schematische Darstellung einer deduktiv-nomologischen Erklärung auf S. 137.
12 Vgl. Ludwig-Mayerhofer, Wolfgang: Internet-Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung.
http://www.lrz.de/~wlm/ilm_d15.htm (30.06.2011).
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an James Coleman 13 und auf Grundlage des RC-Ansatzes sein dreischrittiges Modell der soziologischen Erklärung, welches er als eine allgemeingültige Gesellschaftstheorie, gemäß seiner an den französischen Soziologen Emil Durkheim angelehnten Auffassung, die Soziologie müsse eine systematisch erklärende Wissenschaft sein, welche gewisse stabile Gesetzmäßigkeiten benötige, versteht. 14 Methodisch bedient sich Esser der oben dargelegten deduktiv-nomologischen Erklärung nach Hempel/Oppenheim. 15 Im Gegensatz zu Durkheims und in Anlehnung an Giddens wissenschaftstheoretischen Überlegungen 16 , nimmt das Modell eine individualistische Perspektive ein und versucht Erklärungsgegenstände der Makroebene auf der Mikroebene zu erläutern. Um mithilfe von Essers Modell der soziologischen Erklärung soziale Prozesse, Phänomene oder Ereignisse auf der Makroebene zu erklären, bedarf es im ersten Schritt des Übergangs von der Makro- auf die Mikroebene. So geht es also „im ersten Schritt der Erklärung, ausgehend von den Randbedingungen, um die Rekonstruktion der sozialen Situation, der sich die Akteure ausgesetzt sehen.“ 17 Diese Art der Beziehung zwischen Situation und Akteur nennt Esser Logik der Situation. 18 Bei der Rekonstruktion der sozialen Situation verbindet der Akteur objektive Merkmale der Situation mit der eigenen, subjektiven Deutung derselben. 19 Diese subjektive Deutung lässt sich als Modell der Situation beschreiben. Die Wahl des entsprechenden Modells bezeichnet Esser auch als „framing“. Nach Esser besteht diese Wahl zwischen genau zwei Modellen, 20 einem plausibleren und einem nächst plausibleren Modell. 21 Im Falle eines perfekten Übereinstimmens (matching) der situativ gegebenen Hinweise mit dem
13 Siehe dazu: Coleman, James S.:
Foundations of Social Theory.
1. Aufl., Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press, 1990.
14 Vgl. Esser, Hartmut: Soziologische Anstöße. 1. Aufl., Frankfurt a.M.: Campus Verlag, 2004, S. 21.
15 Vgl. Esser 1999: S. 42f.
16 Vgl. Esser 2004: S. 40f.
17 Esser 1999: S. 94.
18 Vgl. ebd.
19 Vgl. Esser, Hartmut (1996): Die Definition der Situation, in: Kölner Fachzeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 48, S. 1-34.
20 Ob eine Wahl zwischen genau zwei Modellen plausibel scheint, stellt der Soziologe Karl-Dieter Hopp, sowie die Soziologen Christian Lüdemann und Heinz Rothgang in Frage. Vgl. Greve, Jens (2006): Logik der Situation, Definition der Situation, framing und Logik der Aggregation bei Esser und Luhmann, in: Schimank, Uwe (Hrsg.): Integrative Sozialtheorie? Esser -Luhmann - Weber. 1. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag, 2006, S. 17.
21 Vgl. Greve 2006: S. 16.
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Modell, handelt der Akteur ohne weiteres Überdenken der Handlungswahl wie automatisch im sogenannten automatischen Modus. Stimmen situative Hinweise und Modell jedoch nicht überein, sodass kein matching stattfinden kann, geht der Akteur in den reflexiv-kalkulierenden Modus über. In diesem Modus unterzieht der Akteur die Situation und ihren möglichen Folgen bewusst einer gedanklich Prüfung. Auch die Wahl des Modus hängt unter anderem davon ab, wie gravierend die Kosten einer Fehleinschätzung des Modells sind - eine Kosten-Nutzen-Abschätzung geschieht nach dem Muster der deduktiv-nomologischen Erklärung. Durch die Einführung des framing-Konzepts und des reflexiv-kalkulierenden Modus wird die Beschreibung des individuellen Handelns gesetzmäßiger, also eher nomologisch. Im zweiten und wichtigsten Schritt des Modells, welcher als Logik der Selektion bezeichnet wird, liegt nach Esser dessen nomologischer Kern, ohne den sein Modell keine „richtige ‚Erklärung‘“ 22 darstellen würde. 23 Für die Bestimmung der Logik der Selektion sind nach Esser zwar eine Reihe von Handlungstheorien denkbar, er schlägt jedoch die nomologische
Wert-Erwartungstheorie vor, welche dem Rational-Choice-Ansatz zugerechnet werden kann. Diese nimmt an, dass der handelnde Akteur die möglichen Handlungsalternativen hinsichtlich ihres Nutzens bewertet und nach ihrer jeweiligen
Eintrittswahrscheinlichkeit gewichtet. Der Akteur wählt in der Wert-Erwartungstheorie nach Esser schließlich jene Handlung, welcher er den höchsten zu erwartenen Nutzen zuschreibt. 24 Um soziale Erklärungsgegenstände der Makroebene mithilfe der auf der Mikroebene getroffenen Handlungsentscheidungen erklären zu können, bedarf es der Herstellung einer Verbindung zwischen den Ebenen. Dazu führt Esser den dritten Schritt seines Modells, die Logik der Aggregation, ein, welcher die Verbindung der individuellen Handlungen mit den kollektiven Handlungsfolgen zum Gegenstand hat. Der dritte und letzte Schritt des Modells weist den geringsten nomologischen Charakter auf. Handelt es sich hierbei schließlich um den „kompliziertesten der drei Schritte“ 25
22 Esser 1999: S. 95.
23 Vgl. ebd.
24 Vgl. Greve 2006: S. 18.
25 Esser 1999: S. 97.
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Philip John Mordecai, 2011, Die Rolle der deduktiv-nomologischen Erklärung in der Rational Choice Theorie in der Variante Hartmut Essers, München, GRIN Verlag GmbH
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