I. Einleitung:
In der folgenden Ausarbeitung mit dem Oberthema „Bilder und Visualisierungen von Gruppen und Nationen im Spätmittelalter“ soll herausgestellt werden, welche Rolle Wappen zur Bildung von Identität von Individuum und Gruppe spielen. Meine Arbeit gliedert sich in verschiedene Punkte und soll in erster Linie einen kleinen Überblick über die verschiedenen Anwendungsbereiche von heraldischer Symbolik, besonders in Hinblick auf die Verwendung von Wappen während der spätmittelalterlichen Adelsreise, mit Blick auf Turniergesellschaften, und auf kriegerische Auseinandersetzungen und Abgrenzungen geben. Eine genaue Analyse heraldischer Strukturen verschiedener Länder und ihren Funktionen über die gesamte Epoche des Spätmittelalters würde den Umfang dieser Arbeit sprengen, sodass ich mich auf die drei genannten Unterpunkte konzentriere und versuchen werde, neben einer groben Erläuterung des Anwendungsgebietes auch jeweils ein kleines explizites Beispiel zu erläutern. Letztendlich soll die „Omnipräsenz und Multifunktionalität der Wappen“ dem Leser ein wenig näher gebracht werden.
Die Literatur, die ich zur Erschließung des Themas verwendet habe, erstreckt sich über Handbücher zur Genealogie und Heraldik, bis hin zu Aufsätzen verschiedener Historiker in Sammelbänden zum Thema der Heraldik im Spätmittealter.
II. Was wir an Wappen erkennen können
Dass Wappen nicht nur schöne, in verschiedenen Formen gestaltete Kunstwerke sind, sondern dass sich hinter dieser Optik ein tieferer Sinn oder vielmehr ein weiterführender Symbolgehalt steckt, setzen wir an dieser Stelle der Untersuchung voraus. Wappen stehen repräsentativ für ein Individuum und seine Abstammungsgemeinschaft, sowie für Gruppierungen, die sich aus verschiedensten Lebenssituationen herausbildeten. So kann man aus ihnen ablesen, welche soziale Stellung und Position ein Individuum innerhalb seiner Familie oder innerhalb seiner gesellschaftlichen Verhältnisse inne hat. 1 Darüber hinaus lässt sich ebenso erkennen, wie sich die Stellung der entsprechenden Familie
1 Arndt, Jürgen, Heraldik, in: Handbuch der Genealogie. Für den Herold, Verein für Heraldik, Genealogien und verwandte Wissenschaften zu Berlin, hrsg. v. Eckart Henning u. Wolfgang Ribbe, Neustadt a. d. Aisch 1972, S. 159-161. ~ 2 ~
innerhalb von Verwandtschaftsgruppen, innerhalb einer Klientel, Heiratsverbindungen oder aber in einem politischen Gefüge darstellt. 2 So halten wir fest, dass das Wappen als Repräsentationsform nach Außen dient und als Aus-drucksform von Gruppenidentität definiert werden kann. Es dient als Identifizierungsmittel innerhalb einer Gesellschaft, an dem auch der Grad an Ruhm und Ehre und somit hierarchische Strukturen abzulesen sind. Demnach sind Wappen oder allgemein heraldische Symbole und Elemente vor allem an Plätzen aufzufinden, an denen es wichtig war, sich zu repräsentieren beziehungsweise diese Präsenz auch über den Tod hinaus aufrecht zu erhalten. So finden sich Wappen vor allem an beliebten Pilger- und Wallfahrtsorten, auf Turnieren und der Begräbnisstelle. 3 Sowohl auf die Pilger- und Wallfahrtsorte, als auch auf die großen Turniere und der dortigen Repräsentation durch Wappen, kommen wir im späteren Verlauf noch zu sprechen.
Die Fülle von Gruppen, die sich durch Wappen vertreten lassen, ist enorm groß und vielfältig. Nicht nur Familien und Familienverbände lassen sich durch sie darstellen, sondern auch Bruderschaften, Städte und Städteverbände, sowie auch die Zugehörigkeit eines bestimmten Standes, wie etwa Kaiser, Könige, Fürsten oder die Ritterschaft. 4 So lässt sich zusammenfassen, dass durch Wappen nicht nur Gruppierungen dargestellt und voneinander abgegrenzt werden, sondern dass durch sie eine Art politische Ordnung auf phänotypischer Ebene entsteht.
III. Mobiliora - nobiliora
III.1. Spätmittelalterliche Adelsreise. Erwerb von Ehre und Hinterlassung von Erinnerung
In der spätmittelalterlichen Gesellschaft war es für Adlige ein absolutes Muss, Reisen durchzuführen, sofern sie ihren aktuellen Status in der Gesellschaft beibehalten wollten oder diesen durch die auf den Reisen erworbene Ehre weiter nach oben ausbauen wollten. Je gefährlicher und überregionaler eine Reise war, desto höher war die Ehre, die ein Adliger erlangen konnte. So kam es
2 Paravicini, Werner, Gruppe und Person. Repräsentation durch Wappen im späteren Mittelalter, in: Die Repräsentation der Gruppen. Texte, Bilder, Objekte, hrsg. v. Otto Gerhard Oexle u. Andrea von Hülsen-Esch, Göttingen 1998, S. 340-341.
3 ebd. S. 343.
4 ebd. S. 347. ~ 3 ~
schließlich auch zum grundlegenden Motto der spätmittelalterlichen adligen Gesellschaft „mobiliora - nobiliora“, was nichts anderes bedeutet als die erwähnte Erlangung von Renommee durch Mobilität, das heißt durch Reisen. 5 Damit geklärt werden konnte, ob und wie die Reise stattgefunden hatte, war es nötig, der Gesellschaft ein Zeugnis über diese Reise zu hinterlassen und dem entsprechend die Berechtigung der angeeigneten Ehre zu verifizieren. Dies konnte auf zweierlei Wegen geschehen. Zum einen wurden umfangreiche und ausführliche Reiseberichte geschrieben. Entweder verfassten die adligen Reisenden diese selbst oder sie hatten unter ihren Gefolgsleuten Schreiber, die diese Aufgabe übernahmen. So konnte die heimische Gesellschaft nachvollziehen, wie sich die Reise zugetragen hatte und der entsprechende Respekt und Ruhm konnte dem Adligen zu Teil werden. 6
Zum anderen bestand die Möglichkeit, sich durch heraldische Symbolik auf den Wegen, die man auf der Reise zurück gelegt hatte, oder direkt an bestimmten Reisezielen zu hinterlassen. Zu diesen Symbolen zählten neben kunstvoll gestalteten Glasfenstern, Statuen und Inschriften vor allem Wappentafeln, die sich im Laufe der Zeit zu Gästebüchern gestalteten. Jeder Adlige der ein bestimmtes Reiseziel hatte, hinterließ neben seinem Wappen auch seinen Namen und das Jahr seines Besuches. Die Wahl des Ortes seiner Hinterlassung war sehr wohl überlegt und gezielt gewählt. Denn je berühmter ein Reiseziel, beispielsweise berühmte Pilger- oder Wallfahrtsorte, desto höher die Besucherzahl. Damit ging einher, dass Besucher anderer Regionen die Wappen adliger Herren erkannten und diese Erkenntnis in ihre Region hineintrugen, sodass dieser auch dort Ansehen und Ehre genießen konnte und sich sein Name und seine Wappengestaltung herumsprachen. 7
Doch nicht nur der Platz der Anbringung der Wappen, sondern auch die An-ordnung unterschiedlicher Wappen verschiedener Adeliger innerhalb eines Ortes spielte für soziale Gruppenbildung eine wichtige Rolle. Auffallend war zunächst, dass Adlige bei Anbringung ihrer Wappen stets die Nähe zu promi- 5 Kraack, Detlev, Von Wappen und Namen. Konstitution, Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung von Individuum und Gruppe im Spiegel der monumentalen Zeugnisse der spätmittelalterlichen Adelsreise, in: Menschenbilder, Menschenbildner. Individuum und Gruppe im Blick des Historikers, hrsg. v. Stephan Selzer u. Ulf-Christian Ewert, Berlin 2002, S.95-196.
6 ebd. S. 196.
7 ebd. S. 196-197. ~ 4 ~
Arbeit zitieren:
Christopher Stickdorn, 2011, Bilder und Visualisierungen von Gruppen und Nationen im Spätmittelalter - Omnipräsenz und Multifunktionalität der Wappen, München, GRIN Verlag GmbH
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