1. Einleitung
In der folgenden Ausarbeitung wird eine Denkmalsanalyse des Ehrenmals auf dem Tönsberg bei Oerlinghausen durchgeführt. Zu Beginn der Ausführungen sollen zunächst die Charakteristika herausgearbeitet werden, die den Ersten Weltkrieg so besonders machten, um ein Verständnis für die Errichtung von Kriegerdenkmälern und die Aufrechterhaltung und Verbreitung des Totenkultes dieser Zeitspanne zu entwickeln.
Im Anschluss daran erfolgt eine ausführliche Beschreibung des Denkmals. Aufgrund der mangelnden Quellenlage, was die äußere Gestalt des Denkmals und deren Entwicklung angeht, wird bei dieser Beschreibung im großen Maße auf eigenständige Bearbeitung von Originalfotos aus der Entstehungszeit, sowie auf eigene Messungen am Denkmal selbst zurückgegriffen. Zudem wurden zahlreiche Gespräche mit einem renommierten Heimatforscher aus Oerlinghausen geführt, der engen Kontakt mit auf dem Tönsberg stationierten ehemaligen Offizieren des Königs-Infanterie-Regiments Nr. 145 gepflegt hat. Im selben Sinnesabschnitt werden dann noch die Standortfaktoren der Stadt Oerlinghausen, die Beschreibung und Deutung der Einweihungszeremonie, sowie das Finanzierungskonzept des Denkmals erläutert. Im Anschluss daran soll gezeigt werden, in wie fern sich die Demokratisierung des Todes an diesem Denkmal erkennen lässt und in wie weit es einen Zusammenhang zwischen der Lage des Denkmals und dessen Bedeutung zur Entstehungszeit, sowie in den darauf folgenden Nachkriegsjahren bis heute in Bezug zur Natur und christlicher Symbolik gibt. Hierbei sollen vor allem die Ausführungen und Forschungen von Mosse und Koselleck Aufschluss geben.
Im letzten Abschnitt sollen vor allem durch die Forschungen vom bereits erwähnten Heimatforscher Werner Höltke sowie durch aktuelle Zeitungs -und Erfahrungsberichte erläutert werden, ob das Ehrenmal auch zur heutigen Zeit noch eine politisch bedeutende Rolle spielt oder nur eines von vielen Sehenswürdigkeiten eines gemütlichen Sonntagnachmittagspaziergangs geworden ist. In diesem Zusammenhang soll
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zudem verstärkt ins Auge gefasst werden, ob die eigentliche und ursprüngliche Bedeutung des Denkmals durch diverse politische Aktivisten verfehlt bzw. in gewisser Weise sogar missbraucht worden ist.
2. Charakteristik des Ersten Weltkrieges
Um die Masse an Kriegerdenkmälern, Mahnmählern und Ehrenmählern, die im Zuge oder aufgrund des Ersten Weltkrieges entworfen und angefertigt wurden zu erfassen und vor allem den Grund dafür, muss man sich die Charakteristik des Krieges zunächst klar vor Augen führen. Im Gegensatz zu den vorhergegangenen bedeutenden Kriegen zwischen 1790 und 1914, beklagten die am Krieg beteiligten Nationen eine unvorstellbar große Zahl an Toten. Hierzu zählten nicht nur die Menschen, die im direkten Gefecht ihr Leben ließen, sondern auch Gefallene der Heimatfront 1 und diejenigen, die ihren Kriegsverletzungen erlagen. Insgesamt verloren rund dreizehn Millionen Menschen ihr Leben. 2
Im Zuge der stets voranschreitenden Entwicklung von Waffen- und Kommunikationstechnik, breitete sich der Krieg rasch aus und führte zu einer unaufhaltsamen und omnipräsenten Massentoderfahrung, die bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannt war. Ein weiterer Punkt, der genau zu dieser Omnipräsenz führte, war vor allem die Kriegspropa-ganda, die zur systematischen Motivationsschaffung in allen Bevölkerungsschichten führte und somit eine rasche Ausbreitung begünstigte. Die ursprüngliche Vorstellung des Krieges, d.h. sich seinem Feind Auge in Auge gegenüber zu stehen und dessen Tod zwangsläufig miterleben zu müssen, verlor sich im Zuge der modernen Waffentechnik. Somit wurden auch soziale und zwischenmenschliche Gefüge, sowie ein natürliches Gewissen und Erbarmen nunmehr unterdrückt. Das vom Chemiker Fritz Haber entwickelte Giftgas erlaubte nun, aus weiter Entfernung zur eigentlichen Front große Opferzahlen zu erzielen, zu der
1 Alle Gesellschaftschichten wurden nun eingesetzt, die Versorgung der Front sicher-
zustellen, sei es in der Rüstungsindustrie, der Nahrungs- oder Bekleidungsindustrie.
2 Mosse, G.L., Gefallen für das Vaterland. Nationales Heldentum und namenloses
Sterben, Stuttgart 1993, S.9.
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zwangsweise auch immer mehr zivile Opfer gehörten. 3 Die Totalität des Krieges, die zur Erfassung der gesamten Gesellschaft führte, führte diesbezüglich auch zur Massenerrichtung von Krieger- und Mahnmälern. Es waren nun nicht mehr nur Soldaten, denen gedacht werden musste, sondern auch zahlreiche zivile Gesellschaftsmitglieder, zu denen auch viele Frauen und Kinder, die die Heimatfront bildeten, gehörten.
Diesbezüglich muss man sich über die Folgen der Niederlage der Deutschen Nation auseinandersetzen. Entscheidend für eine Nation im Hinblick auf den Krieg war Sieg oder Niederlage. Die Behauptung der nationalen Qualität bzw. der Rechtfertigung der Nation, für welche gekämpft und gestorben wurde, musste trotz der Niederlage aufrecht erhalten werden, sodass die zahlreichen Denkmäler zweierlei betrachtet werden konnten. Zum einen sollten sie die Bevölkerung ermahnen und zum anderen diente die Errichtung derartiger Denkmäler zum Aufruf zur Revanche für die Folgegenerationen, welche somit zur Imitation aufgerufen wurden. 4 Nur so lässt sich die breite Spanne und vor allem die unterschiedliche Namensgebung, d.h. in Krieger- und Mahnmälern, erklären und ausreichend verstehen. Das Verständnis und die Identifikation mit der eigenen Nation spielt diesbezüglich, kombiniert mit der oben genannten Charakteristik des Krieges, die größte Rolle.
3. Das Ehrenmal auf dem Tönsberg - Beschreibung
Das zu beschreibende Kriegerdenkmal steht in Form eines Ehrenmals auf dem Kammweg auf dem Tönsberg, der 333 Meter über Normalnull oberhalb von Oerlinghausen liegt und Teil des Hermannsweges ist. Kaum ein anderes Teilstück dieses Weges bietet, neben einer guten Aussicht über die Landschaft Oerlinghausens derart viele Sehenswürdigkeiten wie z.B. die ehemalige Windmühle, das Lönsdenkmal, die
3 Ein schlimmes Bespiel hierfür bildete die „Gashölle“ auf Ypern, bei deren ganze
Städte durch die Verwehung des Gases ausgelöscht wurden und dessen Bewohner
einen äußerst qualvollen Tod erleiden mussten. Siehe hierzu: Billstein, Heinrich,
Gashölle Ypern. [SVCD], [28.46]min, Stuttgart 2004.
4 Mosse, G.L., Gefallen für das Vaterland. Nationales Heldentum und namenloses
Sterben, Stuttgart 1993, S.13.
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Antoniuskapelle sowie das Ehrenmal, um welches es in dieser Ausarbeitung gehen soll.
Das Denkmal wurde 1930 zur Erinnerung an die gefallenen Soldaten des Königlichen-Infanterie-Regiments Nr. 145 des ersten Weltkrieges errichtet und tritt in einer schlichten, jedoch erhebenden Gestalt auf. Es ist auf einer Gesamtfläche von 108 Quadratmetern säulenförmig auf einem leicht erhöhten Fundament erbaut worden. 21 Säulen mit jeweils einem Durchmesser von rund einem Meter wurden um das gesamte Denkmal errichtet und schirmen den inmitten liegenden in Bronze gegossenen Soldaten von der prächtigen Natur ab. Dieser trägt seine Uni-form, welches an dem Wappen des Königs-Infanterie-Regiments Nr. 145 auf seinen Schultern gut zu erkennen ist. Unter dem Soldaten befindet sich ein Kenotaph mit einer Höhe von 1,5 Metern inklusive Sockel und Deckel, in dem zur Einweihung am 31. August 1930 eine Urne eingelassen wurde. Der Soldat liegt flach und mit geschlossenen Augen auf diesem Sarkophag und wurde mit der Truppenfahne der Preußischen Armee eingehüllt. Seine linke Hand umschließt sein längs unter der Decke herunter liegendes Gewehr auf Bauchhöhe. Seine rechte Hand liegt militärisch stramm und flach an seinem Körper, die Finder eng beieinander liegend, an das „still gestanden“ erinnernd. Auf der Truppenfahne des Soldaten ist auf der vorderen Seite ein empor fliegender Adler 5 eingraviert und auf der Rückseite die Zeilen „pro gloria et patria“ 6 , welches der Wahlspruch und das Motto der Preußischen Armee war und unter Friedrich II. an Stelle von „non soli cedit“ 7 eingeführt wurde. Darüber hinaus ist der Name Berthold Müller am Fuße des Soldaten zu entnehmen, der aus Oerlinghausen stammte und das Denkmal entworfen hatte, sowie H. Noack, der eine Bildgießerei in Berlin-Friedenau hatte und den Soldaten in Bronze goss. Auf der Vorderseite des Sarkophags wurde ein Kreuz in den Oerlinghauser Sandstein eingraviert. Dieses sticht aufgrund seiner farblichen Absetzung deutlich in das Auge des Betrachters. Auf der Rück- 5 DerAdler geht auf den deutschen Orden zurück. Preußen übernahm ihn als könig-
lich-preußischen Adler mit Zepter und Reichsapfel.
6 Übersetzung: Für Ruhm und Vaterland.
7 Übersetzung: Der Sonne entgegen. Das Motto wurde aufgrund des „Sonnenkönigs“
Ludwig XIV von Frankreich in das Obige geändert.
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seite findet sich zwischen den beiden Jahreszahlen 1914 und 1918, die die Kriegsjahre symbolisieren, die Anmerkung über die gefallenen Soldaten des Regiments. So heißt es: „Es fielen vom Königs-Infanterie- RegimentNr. 145 111 Offiziere[,] 125 Feldwebel und Vizefeldwebel [und] 3300 Unteroffiziere und Mannschaften“. 8 Auf den Traversen, die oberhalb der prächtigen Säulen angebracht sind, wurde folgender Spruch eingemeißelt: „Wanderer hemme den Schritt[.] Schirmend der Heimat heiligen Boden[,] starben die Tapferen unbesiegt[.] Beuge dich vor des Opfers Größe.“ Der Spruch „Wanderer hemme den Schritt“ ist direkt über dem ruhenden Soldaten angebracht und sticht beim Vorbeigehen sofort ins Auge. Der Kammweg führt direkt auf das Denkmal zu, sodass dies der erste Spruch ist, den ein Wanderer direkt erfassen kann und dazu angeregt ist, einen Moment lang zu verweilen und den Opfern dieses Regiments zu gedenken. Etwa 30 Meter hinter dem Denkmal befindet sich ein Stein. In der Nacht vom 26. zum 27. November 1945 stürzte ein britischer Jagdbomber des Typs „Mosquito“ kurz hinter dem Denkmal ab und zwei englische Flie- gerstarben. 9 Das Denkmal wurde durch Flugzeugteile an den südlichen Säulen beschädigt. Die Ausbesserungsarbeiten der beschädigten Stellen sind heute noch leicht am Denkmal erkennbar.
3.1 Standortfaktor Oerlinghausen und Einweihung Nachdem der Erste Weltkrieg nun einige Jahre zurücklag, die schrecklichen Folgen jedoch physisch und psychisch dennoch omnipräsent waren, beschloss der Kameradschaftsverband des ehemaligen Königs-Infanterie-Regiments Nr. 145 auf dem Tönsberg bei Oerlinghausen ein Ehrenmal zu errichten. Der Standort Oerlinghausen bot sich besonders gut an, weil sich dort in den Kriegsjahren zwischen 1914-1918 der Garnisionsort eines Ersatzbataillons dieses Regiments befand. Der feste Sitz des Regiments befand sich in Metz in Lothringen. Es wurde am 28. Juli 1890 aufgestellt und war Teil des XVI. Armee Korps.
8 Wortlaut der Gravur
9 Höltke, Werner, Der Tod am Tönsberg. Britische Flieger starben 1945 bei
Oerlinghausen, in: Der Minden Ravensberger 79 (2006), S. 51-54.
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Arbeit zitieren:
Christopher Stickdorn, 2010, Denkmalsanalyse zum Ehrenmal auf dem Tönsberg bei Oerlinghausen, München, GRIN Verlag GmbH
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