Die Ambivalenz des kindlichen Wesens in Hanna Nitschs
C äcilia I-IV, 2010
Inhalt
1. Einleitung - Fleurs du mal 4
2. Cäcilia I-IV 5
2.1. Bildbeschreibung 5
2.2. Bildentstehung. 10
3. Bildnerische Mittel 11
3.1. Malweise 11
3.2. Farbgebung 14
3.3. Licht 17
3.4. Komposition. 18
3.5. Wirkung 19
4. Die Ambivalenz des kindlichen Wesens 20
4.1. Das Kind als süßes, unschuldiges und klischeebehaftetes Wesen 20
4.2. Merkwürdig verstörend: Das Kind als unberechenbarer Täter 22
4.3. Das Kind als verführerische Lolita 27
4.3.1. Voyeurismus? Die Rolle des Betrachters 31
4.3.2. Von der Mutter bloßgestellt? 32
5. Fazit - Warnung erkannt? 34
6. Literatur 35
Anhang :
- Abbildungen
- Erklärung
3
1. Einleitung - Fleurs du mal
„Fleurs du mal“ lautete der Titel der Ausstellung von Hanna Nitsch, die dieses Jahr zuerst in der Kunstvereinigung Diepenheim (NL) und in veränderter Form anschließend im Kunstverein Augsburg zu sehen war. Eine blühende Orchidee, bei deren Betrachtung erst auf den zweiten Blick auffällt, dass ihr Stängel mit Rosendornen besetzt ist, stellt eine witzartige Verbildlichung des Titels dar. Der Gedichtzyklus von Baudelaire ist der eigentliche Namensgeber.
Als ich mir die vielseitige Ausstellung im Augsburger Holbeinhaus im Juli anschaute, waren es vor allem die vier großformatigen Porträts im Obergeschoss, die mich sofort in ihren Bann zogen. Die Serie „Cäcilia I-IV“ entstand 2010 und befindet sich nun in Privatbesitz. Cäcilia ist Hanna Nitschs älteste Tochter; als die Serie entstand war sie gerade 12 Jahre alt. Die Arbeiten sind mit Tusche auf Papier gemalt und jeweils 197 x 150 cm groß. Sie hingen ungerahmt, nur an Clips befestigt im Raum. Was mich an ihnen sofort faszinierte, war der Kontrast. Nach dem Motto „Fleurs du mal“ zogen mich die wunderschönen Porträts einerseits aufgrund der realistischen Malweise und grellen Farbigkeit an, andererseits wirkten sie auch brutal, abschreckend und verstörend. Das Mädchen verfolgte jeden Besucher mit ihren kühlen, durchdringenden Blicken durch den gesamten Raum. Trotzdem sah sie auf einem der Bilder kindlich unschuldig, auf einem anderen verführerisch lieblich aus. Ihre gesamte Ausstrahlung war ambivalent. Gustav Graber definierte „Ambivalenz“ 1924 als: „die aus der Spaltung der Psyche in zwei Funktionstendenzen mit meist gegensätzlichem Charakter entstandene doppelte Wertung der Objektwelt, speziell
1 des Menschen.“
Und diese doppelte Wertung Cäcilias soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden: Durch welche bildnerischen Mittel entsteht sie? Wie kann man die erkennbaren Typen genau definieren?
1 Graber, Gustav Hans: Die Ambivalenz des Kindes, Wien, 1924, S. 3.
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Die populäre Seite des kindlichen Wesens ist bezaubernd süß, unschuldig und liebenswert. Doch wer kennt den Ausspruch „Kinder können grausam sein“ nicht? „Regellos, unberechenbar, zerstörerisch“ 2 sind Eigenschaften, die höchstens zwischen Eltern, Pädagogen oder Psychologen besprochen werden. Zu diesem Typ gehört auch das Bild des Verführer-Kindes, welches insbesondere durch die Figur der „Lolita“ in Nabokovs gleichnamigen Roman verkörpert wird. Aufgrund der Parallelen zu Cäcilia soll es gesondert betrachtet werden.
2. Cäcilia I-IV
2.1. Bildbeschreibung
Die Serie Cäcilia I-IV besteht aus vier hochformatigen Tuschemalereien. Mit Maßen von jeweils 195 x 150 cm sind die Porträts des Mädchens Cäcilia überdimensional groß.
Der Hintergrund ist undefiniert und ausschließlich in Weiß gehalten. Davor - imVordergrund - heben sich Gesicht und Oberkörper durch Schattierungen in vorherrschend Rot-, aber auch Ocker- und Blautönen ab. Die Porträtierte ist auf jeder der vier Arbeiten aufrecht abgebildet und schaut den Betrachter an, wobei ihre Mimik relativ neutral-entspannt ist. Der Kopf ist jeweils an der oberen Kante angeschnitten und nimmt etwas über die Hälfte des gesamten Formates ein. In der unteren Hälfte sind Hals, Schultern und teilweise auch die Arme oder die nackte Brust zu erkennen. Betrachtet man Cäcilia I 3 genauer, fällt der erste Blick sofort auf die Augen. Mit ihrem Blick fixiert die Dargestellte den Betrachter sofort, beobachtet ihn bei jeder Bewegung und lässt nicht von ihm ab. Ihre Augenfarbe ist stechend blau, was einen Kalt-Warm-Kontrast zu den großen roten, zerfließenden Flächen im Bereich der Augen und Wangenknochen bildet. Dieser starke Kontrast lässt ihren Blick kühl und abweisend erscheinen.
2 Nitsch, Hanna; Körber, Marcus (Hrsg.): Hanna Nitsch - Fleurs du mal, Berlin, 2011, S. 23.
3 Abb. 1: Nitsch, Hanna: Cäcilia I, 2010, 197 x 150 cm, Tusche auf Papier, Privatbesitz.
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Der Mund ist in derselben roten Farbe gehalten und befindet sich ungefähr im Bildmittelpunkt. Die auffällig roten, glänzenden Lippen bilden einen starken Kontrast zum unnatürlich blassen Inkarnat und ziehen damit den zweiten Blick des Betrachters auf sich. Vermutlich sind sie stark geschminkt, ihr Umriss ist sehr unregelmäßig und teilweise verschmiert. Der Blick wandert nun weiter nach unten auf den Oberkörper des Mädchens. Dabei fällt sofort auf, dass dieser völlig entblößt ist. Der Betrachter hat damit einen freien Blick auf den noch kaum entwickelten Busen des Mädchens, wodurch sich ihr Alter annährend erahnen lässt. Die Dargestellte wirkt sehr jung, schätzungsweise 10 Jahre alt.
Ihre nackte Haut ist zum größten Teil weiß und nur partiell durch grelle Rot-und sehr zarte Ocker-, Blau- und Rosé-Töne schattiert, bzw. akzentuiert. Im Bereich der Schlüsselbeine tritt der Körper damit deutlich aus dem Hintergrund hervor, an wiederum anderen, wie z. B. den Schultern, geht er in den hellen Hintergrund über. Zahlreiche rote, ockerfarbene und grünliche Flecken wirken wie Blutergüsse. Als brutale Verletzungen interpretiert, erwecken sie den Eindruck, hier handle es sich um das Foto eines Kindes, welches nach einer schweren Misshandlung entstand. Sie scheint zwar entspannt und lässt die Schultern hängen, schaut den Betrachter jedoch in einer seltsamen Mischung aus Trauer, Müdigkeit, aber auch Trotz und Zorn vorwurfsvoll an.
Sie trägt eine Art Haarreifen aus weißen Perlen auf dem Kopf. Zwei Haarsträhnen umrahmen ihr Gesicht seitlich, während es unterhalb durch ein Tuch in Leopardenfell-Optik, welches ähnlich einengend und fast stützend wie eine Halskrause umgebunden ist, übermäßig in den Vordergrund tritt. Zusammen mit Feder-Ohrringen und einer Kette mit einem roten, tropfenförmigen Anhänger erweckt das Mädchen den Eindruck einer Verkleideten. Cäcilia könnte sich damit einerseits unerlaubt und ganz mädchentypisch im Kleiderschrank ihrer Mutter bedient haben, woraufhin sie nun gerade zurechtgewiesen wird. Auf der anderen Seite stehen immer noch die auffälligen roten und ockerfarbenen Flecken. Die stark geschminkten Lippen und das Leopardenmustertuch sind zum Teil klischeebehaftete Accessoires und verleihen der Porträtierten damit in
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Kombination mit ihrem nackten, verletzlichen Körper eine abschreckende, unvorstellbar abgründige und Betroffenheit verursachende Ausstrahlung.
Im zweiten Bild 4 ähnelt Cäcilia in ihrer Körperhaltung und Mimik sehr der Darstellung im ersten, jedoch würde man sie deutlich älter - mindestens 16 Jahre alt - schätzen. Ihre Gesichtszüge haben nur wenig Kindliches an sich. Sie scheint reifer, selbstbewusster, sogar verbittert und abgebrüht. Diese Wirkung entsteht durch die schrägen, tief sitzenden Augenbrauen und die folglich entstehende, schmalere Augenform.
Im Gegensatz zum ersten Bild ist ihre Brust auch nicht entblößt und ihre Haut nicht derart übersät mit blutergussähnlichen Flächen, die sie verletzlich erscheinen lassen würden.
Sie trägt nur ein Kopftuch, die Enden sind um den Hals nach hinten geschlungen. Oberhalb ist ein Teil des rot-braunen Haars vom weißen, mit Spitze besetzten Tuch unbedeckt.
Ihre Haut ist glatt, weiß und erinnert an Alabaster. Betrachtet man den Körper genauer, fällt auf, dass die Partie um die Achselhöhlen, anders als im ersten Bild, fülliger und ein Brustansatz erkennbar ist, welcher wiederum für ein höheres Alter spricht.
Wahrscheinlich trägt auch die Schlichtheit des Tuches maßgeblich dazu bei, dass Cäcilia hier keineswegs mit Prostitution in Verbindung gebracht werden würde. Trotzdem - zwar auf eine andere Art und Weise - wirkt auch sie verkleidet: Das Tuch bietet ihr Schutz und lässt sie durch die weiße Farbe sogar unschuldig erscheinen, was jedoch einen starken Kontrast zu ihren eher „bösen“ Gesichtszügen darstellt. Man könnte hier quasi vom berühmten „Wolf im Schafspelz“ sprechen.
Cäcilia III 5 unterscheidet sich deutlich von den ersten beiden Porträts. Das Mädchen schaut den Betrachter von unten herauf an und beißt dabei vermutlich in eine Erdbeere, die sie mit der rechten Hand hält. Dadurch wirkt
4 Abb. 2: Hanna Nitsch, Cäcilia II, 2010, 197 x 150 cm, Tusche auf Papier, Privatbesitz.
5 Abb. 3: Hanna Nitsch, Cäcilia III, 2010, 197 x 150 cm, Tusche auf Papier, Privatbesitz.
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sie einerseits naiv und unerfahren, andererseits jedoch auch sehr verführend und überlegen.
Über Stirn, Nase zum Mund sowie mittig vom Hals bis zur Brust hinab läuft eine rote Flüssigkeit in zwei breiten, geraden Linien herunter. Die gleichzeitig expressive und deskriptive Geste erzeugt eine Bewegung im Bild und verhindert damit zusätzlich, dass sie nur das teilnahmslose „Fleischbeschauungsobjekt“ darstellt. Stärker als in den ersten beiden Porträts, spricht sie den Betrachter hier direkt an. Auffällig ist zudem, dass ihre Augen nicht blau sondern braun sind. So wirkt ihr Blick nicht abweisend und kühl, sondern warm und anziehend. Bei genauerem Hinsehen erkennt man die Feder-Ohrringe (von Cäcilia I) und das weiße Tuch (Cäcilia II) wieder. Über ihren Schultern liegend, verdeckt es ebenso, wie ihre gehobene Hand und die langen, zusammengebundenen Haare, einen Großteil des sonst nackten Oberkörpers. Damit ist nur circa ein Drittel dessen dem Blick des Betrachters freigegeben - darunter auch die mädchenhafte, linke Brust. Die Haut des Mädchens schimmert fleckig in Ocker- und Grüntönen, die - ebenso wie im ersten Bild - an Misshandlung erinnern.
Eine Besonderheit bei diesem Porträt stellt die rote Flüssigkeit dar. Anhand der Erdbeere könne man auf Fruchtsaft schließen, jedoch könnte es sich, betrachtet man die scheinbaren Blutergüsse, auch um Blut handeln. Es läuft scheinbar aus ihrem ebenfalls rötlichen Haaransatz heraus - nach unten, bis zur Erdbeere in ihrem Mund. Auch die Finger sind damit beschmiert. Etwas kurios ist dann der weitere Verlauf: Vom Hals an führt die Linie unter dem völlig sauberen weißen Tuch hindurch bis zum Brustbein. Damit berührt das Tuch ihre Haut entweder nicht oder die Flüssigkeit ist bereits getrocknet. Denkbar wäre auch, dass sie vom Tuch nicht aufgenommen wird, weil es eine Art Schutzschild für sie oder einfach ein Symbol ihrer Unschuld und Jungfräulichkeit darstellt, die dann jedoch - ähnlich in Cäcilia II - ihrer Ausstrahlung gegenüber steht.
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Das vierte und letzte Porträt 6 hebt sich wiederum ab. Als erstes fällt auf, dass es völlig überbelichtet wirkt. Dieser Eindruck deutet darauf hin, dass Nitsch mit Fotovorlagen gearbeitet hat.
Das Gesicht des Mädchens ist hell angestrahlt. Oberkopf und Stirn sowie Nase und Wangen scheinen sich im weißen Hintergrund aufzulösen. Die Wimpern und einzelne Härchen sind als feine, weiße Linien dargestellt. Auffällig sind die roten Flecken auf den weißen Wangen, die jeweils von den Mundwinkeln zum Wangenknochen führen. Unklar bleibt, ob es sich dabei um einen Schatten, Schminke oder auch um verschmierten Fruchtsaft oder Blut handelt.
Cäcilia wirkt hier herausfordernd, kontrollierend, einschüchternd. Sie lehnt sich mit dem Oberkörper in Richtung des Betrachters, wodurch ihr Gesicht etwas nach hinten kippt und sie ihn aus halb offenen Augen von oben herab anschaut. Durch diese Pose wirkt auch sie bewegt und nimmt die Rolle des Subjekts ein, das den Betrachter von oben „beschaut“. Ruft man sich Nitschs mögliches Verwenden von Fotovorlagen ins Gedächtnis, könnte Cäcilia hier beispielsweise gerade das Posieren vor einer Kamera üben.
Ihr Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten, die vor der Brust liegen. Sie trägt viele dünne Ketten aus bunten Perlen um den Hals und außerdem ein dunkelblaues Bikini-Oberteil. Ihr Oberkörper ist im Bereich des Halses, der Brust und auf der gesamten rechten Seite auffällig farbig modelliert, wodurch er viel räumlicher und lebendiger wirkt - im Gegensatz zu Cäcilia I-III. Zahlreiche große, rote Flächen bilden die Schattenpartien. Die hell erleuchteten Schultern treten einfach in den Hintergrund über. Sie scheint aus dem gleißenden Licht herauszutreten und könnte jeden Moment wieder darin verschwinden.
6 Abb. 4: Hanna Nitsch, Cäcilia IV, 2010, 197 x 150 cm, Tusche auf Papier, Privatbesitz.
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Julia Kiefer, 2011, Die Ambivalenz des kindlichen Wesens in Hanna Nitschs "Cäcilia I-IV", München, GRIN Verlag GmbH
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