Gliederung
1. Einleitung 3
2. Das dynamisch-transaktionale Modell 5
2.1 Modell Theorie 5
2.2 Grundlagen 6
2.2.1 Dynamik 7
2.2.2 Transaktionalität 8
2.2.3 Molarer Kontext 9
2.3 Anwendbarkeit des DTA 11
3. Weitere Bausteine des Bewerbungsprozessmodells 12
3.1 Web 2.0 12
3.2 Der Arbeitskraftunternehmer (AKU) 14
3.3 Triadisches Denken 15
3.4 Die triadische Berufspersönlichkeit 18
4. Das Bewerbungsprozessmodell (BPM) 20
4.1 Untersuchungsgegenstand (Web-Kommunikation) 20
4.2 Modellebenen 21
4.2.1 Makroebene 21
4.2.2 Mikroebene 25
4.2.3 Phasenmodell 28
4.3 Operationalisierbarkeit 30
5. Diskussion und Fazit des BPM 32
Quellen 34
2 S e i t e
1. Einleitung
Mit der Entwicklung des dynamisch-transaktionalen Ansatzes durch Früh und Schönbach (1982) entstand einer der wenigen umfassenden Theorieansätze der Kommunikationswissenschaft, der sich den neuen Medienwirklichkeiten stellte. Die neue Macht des Publikums wurde nunmehr berücksichtigt und einfache Sender-Empfänger-Modell endgültig verworfen. Die Wissenschaft nahm den DTA dabei durchaus kritisch auf; dass er auch heute noch immer intensiv diskutiert wird, zeugt von seiner fortwährenden Relevanz und möglicherweise schlummernden Potentialen. Für die hier vorliegende Arbeit sollten die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des DTA genutzt werden, um sie auf die multimediale Wirklichkeit moderner Bewerbungsprozesse anzuwenden. Ausgangspunkt war dabei die vermeintliche Webnutzung von Personalverantwortlichen, die Informationen über Bewerber aus Sozialen Online-Netzwerken recherchierten. Vor diesem Hintergrund entstand ein Kommunikationsmodell, das neue Wege der Modellierung und Theoretisierung kommunikativer Prozesse aufzeigen möchte und vorschlägt. Bekannte und anerkannte Modellvorstellungen wurden dabei in einem kommunikativen Forschungsprozess mit neuen kreativen Ideen kombiniert, um Vorgänge der Web-Kommunikation fassbar zu machen, die sich ebenso aus bereits bekannten sowie neuen Vorgängen konstituiert. Früh hat die Methoden der Theorie- und Modellbildung ähnlich beschrieben (2008b:19). Er unterscheidet kreativ spontane Ad-hoc-Theorien, die selektive Auswahl aus bereits dem bestehenden Theoriearsenal und entsprechende Anpassung des Forschungsgegenstandes an diese sowie die Orientierung der gesamten Forschungsarbeit an akzeptierten und renommierten Theorien (ebd.). In diesem Zusammenhang kritisiert er ein Defizit an Fortschrittskultur und Theorieentwicklung in der Kommunikationswissenschaft. Hier wurde indes mit einem durchaus kühnen Vorstoß im Rahmen einer studentischen Arbeit versucht, von bestehenden Akzeptanzmustern abzuweichen und durch Symbiose bekannter Modellvorstellungen mit eigenen kreativen Ideen, neue Wege zu gehen und ein eigenes theoretisches Konstrukt zu entwerfen.
Problematisch war dabei die Vereinigung der Vielzahl sinnvoller Ansätze zu einem Modell. Hierbei muss die Komplexität des Forschungsgegenstandes „Bewerbungsprozesses“ gleichsam berücksichtigt werden. So musste das Modell die Einflussnahme einer Fülle an Medien (Bewerbungsschreiben, E-Mail, Telefoninterview, etc. und natürlich soziale Online
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Netzwerke 2 ) ermöglichen, sowie die beteiligten Akteure „Bewerber“ und „Personaler“ in aktiver Art und Weise in den Fokus rücken, wobei deren spezifische professionelle Rollen auf wichtige Eigenschaften reduziert werden mussten. Ferner musste der zeitliche Ablauf und die damit einhergehenden Veränderungen im einzelnen Bewerbungsvorgang abgebildet werden können.
Die Anforderungen an das Modell hätten daher größer kaum sein können. So musste sich das Abstraktionslevel auf recht hohem Niveau befinden, wobei eine Vielzahl möglicher Einflussfaktoren zugelassen werden musste, aber eine sinnvolle Komplexitätsreduktion dennoch ermöglicht werden sollte. Diese Überlegungen führten zu einem modulartigen Modellaufbau. Der dynamisch-transaktionale Ansatz (DTA) von Früh und Schönbach bot als einziges kommunikationswissenschaftliches Modell die Möglichkeit zur Beschreibung einer hochkomplexen Kommunikationssituation in einem multimedialen Kosmos wie dem Internet (vgl. Rössler, 1998:124f.). In den transaktionalen Beziehungen und der zwangsläufigen Dynamik des DTA findet sich die multidimensionale Sichtweise auf den Untersuchungsgegenstand wieder, die zuvor in der Ideenfindung erarbeitet wurde. Einzig Molarität und ökologische Sichtweise des DTA bedurften einer Konkretisierung auf den Forschungsgegenstand.
Im Folgenden soll das dynamisch-transaktionale Paradigma 3 und damit eine besondere Denk-und Sichtweise auf kommunikationswissenschaftliche Prozesse charakterisiert und im Anschluss ihre Implikationen und spezifischen Auswirkungen auf das Bewerbungsprozessmodell (BPM) erläutern werden. Mit dem entstandenen Modell sollte eine brauchbare heuristische Theorieleitung der anschließenden empirischen Forschung ermöglicht werden. Dabei wird mit dieser theoretische Arbeit keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Vielmehr sollen neue Möglichkeiten und Optionen der Modellierung des dynamischtransaktionalen Ansatzes aufgezeigt und vorgeschlagen werden. Das BPM dient hierbei als exemplarische Ausformung dieser Ansätze und soll deren Nutzen für einen konkreten Forschungsgegenstand aufzeigen. Eine empirische Untersuchung kann sich an diese Ausführungen anschließen, so dass auch ein vermeintliches Defizit des DTA im Feld möglicherweise aufgearbeitet werden kann.
2 entspricht „sozialen Netzwerkseiten“ (Social Network Sites, SNS vgl. Abschnitt 3.1)
3 In Zukunft wird hier die Abkürzung „DTA“ zu Gunsten der Lesbarkeit synonym für das dynamisch- transaktionaleModell und das dynamisch-transaktionale Paradigma verwandt. Sofern eine konkrete Variante erforderlich ist, wird im Text darauf hingewiesen. 4 | S e i t e
2. Das dynamisch-transaktionale Modell
2.1 Modell & Theorie
Da der Hauptfokus mit den sozialen Netzwerkseiten von Beginn an auf einem internetbasierten Kommunikationsangebot lag, gestaltete sich die Ausformung eines brauchbaren Modell als überaus komplex. Außerdem bewegt sich die Disziplin mit dem Web 2.0 auf theoretischem Neuland. Ihle und Bernhard konstatieren sogar eine „weitgehende Unzulänglichkeit kommunikationswissenschaftlicher Begrifflichkeit und Modelle für den Bereich des Internets und der Onlinemedien“ (2008:226ff.). Der Mangel an fundierten Theorien, die ein System verallgemeinerbarer, kausaler Aussagen empirisch überprüfbar in einen logischen Zusammenhang bringen, 4 war für die anschließende empirische Erhebung wie selbstverständlich die Grundlage der Entscheidung für das qualitative Forschungsparadigma. Statt einzelne Hypothesen einer zu überprüfenden Theorie zu testen, musste zunächst Explorationsarbeit geleistet werden. Aber auch die Erforschung eines neuen Gebietes erfordert eine heuristische Leitung in Form zumindest grundlegender theoretischer Rahmungen. Die dynamisch-transaktionale Sichtweise der Kommunikation kann als eine solche Metatheorie betrachtet werden (vgl. Früh & Schönbach:2005:304). Der dynamischtransaktionale Ansatz der Kommunikation fügt sich auf der Mesoebene als Rahmentheorie an. Sie stellt eine Art Grundgerüst eines Ausschnitts der Realität dar und bietet dabei gleichzeitig die Möglichkeit des Andockens spezialisierter Einzelbausteine mit niedrigerem Abstraktionsniveau in einem Modulsystem (vgl. Ihle & Bernhard, 2008:247). Dies ermöglicht eine Konkretisierung des DTA auf den Bewerbungsprozess und erlaubt gleichsam, ein eigenes Modulsystem zu entwickeln, in dem auf der Mikroebene die Kommunikation zwischen Bewerber und Personaler über verschiedene Medien betrachtet werden kann. Dabei stellt der DTA zunächst keine empirisch falsifizierbare Theorie dar, sondern ein Modell, dessen heuristischer Gehalt in seiner theorieleitenden Funktion besteht (Schönbach & Früh, 1984:316). Überdies dienen Modelle vornehmlich zur organisierenden graphischen Abbildung und Benennung von einzelnen Beziehungen und sollen drittens Prognosen zu einem Ereignis ermöglichen 5 (vgl. McQuail & Windahl, 1993:2f.).
4 vgl. Theoriedefinitionen in Maletzke (1998:100ff.)
5 Das Modell des DTA wird oft ob seiner stark eingeschränkten Prognosefähigkeit kritisiert, die in dessen molaren Kontext begründet liegt. Hier muss allerdings zwischen den unterschiedlichen möglichen Abstraktionsgraden dynamisch-transaktionaler Modelle unterschieden werden. Zur weiteren Diskussion vgl. Wünsch (2007:26).
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Da das Ziel aber die Anwendung des DTA auf einen konkreten Prozess ist, sollte er nicht nur paradigmatische Implikationen zu Grunde legen, sondern auch erste Theorieansätze generieren. Dafür musste der breite Blickwinkel des DTA sinnvoll eingeschränkt werden. Mit der Integration der triadischen Persönlichkeitsstruktur von Rappe-Giesecke (2008) und dem triadischen Denken von Giesecke sollten die Schwächen des ökologische Denkens (mangelnde Komplexitätsreduktion) und die unzulässigen Vereinfachungen des kausalen „Entweder-Oder-Denkens“ (vgl. Giesecke, 2006:6) harmoniert werden. Auf der Mikroebene der (mediatisierten) interpersonalen Kommunikation finden sich daher mit den „unabhängigen Variablen“ Person, Profession und Funktion erste Ansätze theoretischer Hypothesen, die Möglichkeiten für die Anschlussforschung bieten.
2.2 Grundlagen
Die bisherigen Ausführungen bewegten sich auf einem grundsätzlichen,
erkenntnistheoretischen Diskurs der Modellfindung. Um das Bewerbungsprozessmodell im Anschluss detailliert zu beschreiben, soll das Verständnis zunächst durch einen Rekurs auf die Eigenschaften und daraus resultierenden Folgen des DTA erleichtert werden. Der DTA verschmilzt Ansätze der Medienwirkung und -nutzung zu einem integrativen Modell. Damit verabschiedet er sich von der strikten Trennung zwischen Kommunikator und Rezipient der Stimulus-Response-Ansätze und setzt eine standardmäßig dynamische Betrachtung des Kommunikationsprozesses ins Zentrum (vgl. Wünsch, 2007:21). In diesem Prozess nehmen die beteiligten Akteure (hier Personaler und Bewerber) zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Rollen jeweils als Kommunikator und Rezipient ein. Legt man weiterhin die Lupe auf diesen Vorgang, so findet dieser Rollenwechsel auf immer kleinerer Ebene statt. Zum Beispiel von der globalen Betrachtung eines Gesprächs über einzelne Dialogstücke der Rede- und Gegenrede zu Mikrotransaktionen während des Sprechens durch Mimik und Gestik. Schließlich sind die Rollen nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden und es kann von einer oszillatorischen Verschmelzung gesprochen werden (vgl. Früh & Schönbach, 1982:79).
Ähnlich verhält es sich mit den Beziehungen zwischen den Beteiligten. Diese stehen nicht mehr in einem kausalen Ursache-Wirkung-Zusammenhang, sondern sind transaktionaler Art. Ursache und Wirkung bedingen sich gegenseitig fortwährend bis zu einem Punkt, an dem es unmöglich wird zu sagen, ob die Ursache die Wirkung bedingt oder umgekehrt oder beides parallel. Diese Verweigerung von einfachen monokausalen Beziehungsmustern des DTA
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findet sich ebenso in seiner dritten wichtigen Eigenschaft wieder, dem molaren oder ökologischen Kontext. Es wird dazu aufgefordert, „gezielt nach […] Möglichkeiten der Komplexion zu suchen und mit so gebildeten Syndromen zu argumentieren“ (Wünsch, 2007:21). Menschliches Verhalten findet immer in einem komplexen System aus unüberschaubaren Variablen (überkomplex) statt, deren Einfluss auf den Ausgang nicht unzulässigerweise ausgeblendet werden darf. Früh selbst schlägt eine triadische Einteilung des Ursachenfittings vor. Dabei sollen Personenmerkmale, Stimulus-/Medienmerkmale und Merkmale des situativen und gesellschaftlich-kulturellen Kontextes besondere Aufmerksamkeit erhalten (vgl. ebd.:20).
Im späteren Verlauf wird diese Einteilung auf die explizite Kommunikationssituation weiter spezifiziert werden. Zunächst sollen die zentralen Eigenschaften des DTA betrachtet werden.
2.2.1 Dynamik
In den modernen Wissenschaften stellt die Erkenntnis der dynamischen Perspektive ein bedeutendes Thema dar. „Je kleiner man den Maßstab […] wählt, desto mehr lösen sich statisch erscheinende Objekte in Szenarien ständiger Bewegung auf“ (Früh 1991:131). Die Sonne rotiert um das Zentrum der Galaxie, die Erde kreist um die Sonne, die Erde dreht sich ums sich selbst und selbst die feste Struktur der Rocky Mountains besteht bei näherer 7 | S e i t e
Arbeit zitieren:
Hannes Tonat, 2010, Neue Modellierungsmöglichkeiten des dynamisch-transaktionalen Ansatzes, München, GRIN Verlag GmbH
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