Stasis, heute wohl als Bürgerkrieg zu bezeichnen, auf Kerkyra und der mit einhergehenden Verrohung der Sitten. Ein letzter Auszug ist der Melierdialog (IV, 85-115), indem die Athener mit den Meliern verhandeln, um ein friedliches Ende der Belagerung zu beschließen. Zum Abschluss der Arbeit folgt eine kurze Zusammenfassung des in Thukydides Werk gezeichneten Menschenbildes.
Der Pestbericht ( II, 47-54)
Die Schilderung dieser verheerenden Epidemie gehört zu den „eindringlichsten und zugleich bedrückendsten Partien des gesamten Werkes“ 3 . Nach Thukydides soll die Pest von ihrem Ausgang in Ägypten über Libyen und Persien durch Händler in den Piräus nach Athen gekommen sein(II, 48,1). Auch andere Teile Griechenlands sollen von der Pest heimgesucht worden sein, doch nirgendwo hatte sie so große Ausmaße wie in Athen. Thukydides beschrieb nach dem Verbreitungsweg der Pest, rein deskriptiv und ohne subjektive Deutung den medizinischen Verlauf der Krankheit und ihre Symptome.
In dem folgenden Abschnitt über die Reaktionen der Menschen und der Umgang mit den Pestkranken, lässt sich zum ersten Mal ein Teil von Thukydides Menschenbild herausarbeiten. Er spricht davon, dass die meisten Kranken von ihren Mitmenschen isoliert waren (II, 51,5), da die Pfleger der Kranken selbst umkamen und niemand mehr wagte einen verwandten Mitmenschen zu pflegen. Die mangelnde Hilfsbereitschaft ist der erste Punkt von Thukydides moralischer Kritik 4 . Durch das allgegenwärtige Leid, so beschreibt es Thukydides, stumpften die Menschen ab und scherten sich nicht mehr um ihre Mitmenschen und deren Leiden.
Nach dem Tod eines Verwandten, „kehrten [sie] sich nicht mehr an göttliches und menschliches Gebot.“ 5 Damit meint er, dass die meisten Bürger den gängigen Bestattungsritualen nicht mehr Folge leisteten und den Toten nicht die nötige Pietät darbrachten. Sie legten sie auf bereits gerichtete oder schon brennende Scheiterhaufen, um den leblosen Körper auf schnellste und bequemste Weise loszuwerden.
Thukydides sieht darin den „Anfang der Sittenlosigkeit“ 6 . Aus seiner aristokratischen Sicht kritisiert er die ärmeren Leute, die an ein größeres Vermögen gekommen waren und damit begannen „das Angenehme möglichst rasch und lustvoll zu genießen“ 7 . Niemand plant mehr
3 Sonnabend, H.: Thukydides, Darmstadt, 2004, S. 91.
4 Ebd. S. 92.
5 Thukydides: II, 52, 3.
6 Ebd. II, 53, 1.
7 Ebd. II, 53, 2.
für die Zukunft und bemühte sich um ein edles Ziel. Die Leute begannen damit, jeden Tag wie den letzten ihres Lebens zu genießen und kümmerten sich weder um die Religion („Götterfurcht“ 8 ) noch um das gesellschaftliche Leben („Menschensatzung“ 9 ). Was sollten sie fromm sein, wenn Fromme wie auch Nicht-Fromme gleichermaßen starben und die Hilfsbereiten noch eher als diejenigen, die nur auf ihr eigenes Wohl bedacht waren.
Thukydides beginnt an dieser Stelle mit seiner Kritik an den Menschen. Der „Anfang der Sittenlosigkeit“ 10 wird sich in seinen weiteren Berichten noch fortsetzen. Die Menschen werden bei dieser Stelle als egoistisch, sittenlos und rücksichtslos dargestellt. Es steht natürlich außer Frage, dass die Pest die Menschen vollkommen unerwartet traf und Thukydides hier mit seiner Kritik in einer Ausnahmesituation beginnt, die man so damals nicht gekannt hatte. Die Menschen flohen vom Land in ihr Polis, um dem anrückenden Heer der Spartaner 11 zu entfliehen und an dem Ort, an dem sie sich den Schutz erwarteten, wurde sie noch stärker getroffen als auf dem Land. Bei einer solch nie dagewesenen Situation kann man nur schwer erwarten, dass die Menschen in einer nie gekannten Solidarität zueinander stehen. Thukydides Kritik ist an dieser Stelle schlicht übertrieben, denn selbst bei Belagerungen und Situationen im Krieg gegen die Perser gab es eine solche Situation für die Athener nicht. In den Perserkriegen flohen sie aus Athen und eine solche Seuche konnte nie auftreten, somit ist diese Situation für die Athener so erschreckend neu, dass man ihnen die Sittenlosigkeit zwar vorwerfen kann, sie aber nicht so stark wie Thukydides formulieren und auf die äußeren Bedingungen und Vorgeschichte mehr Wert legen sollte.
Der Mytilene-Beschluss (III, 35-50)
Eine weitere Passage in der wir etwas von Thukydides Menschenbild interpretieren können ist der Beschluss über die Verfahrensweise mit Mytilene. Mytilene war eine Polis auf der Insel Lesbos und von großer maritimer Bedeutung, da sie im attisch-delischen Seebund nicht den normal Tribut in Silber zahlte, sondern Schiffe mit Mannschaft und Ausrüstung unterhielt. Diese Polis war eine der wenigen, die es sich leisten konnte eine Flottenmacht zu stellen und war somit einer der wichtigsten Partner im attisch- delischen Seebund. Durch zunehmende Unzufriedenheit über das harte Regiment des Hegemons Athen auf Seiten der Mytilener und wachsendes Misstrauen auf Seiten der Athener kam es 428 v. Chr. Zum Abfall der Stadt. Die
8 Ebd. II, 53, 4.
9 Ebd. II, 53, 4.
10 Ebd. II, 53, 1.
11 Im Archidamischen Krieg (431 v. Chr.- 421v.Chr.) fiel der spartanische König jährlich mit seinem Heer in Attika ein, was die Menschen dazu veranlasste, sich hinter den Festungsmauern des Piräus zu verstecken.
Polis suchte nun den Anschluss an den Peloponnesischen Bund der Spartaner aufgenommen zu werden. Athen reagierte mit der gewohnten Entschlossenheit beim Abfall eines Bündners. Die Stadt wurde belagert, ausgehungert und 427 v. Chr. nach Kapitulation übergeben. Die in Athen einberufene Volksversammlung stimmte darüber ab, wie mit Mytilene verfahren werden sollte. Thukydides schreibt folgendes: „ Im Zorn“ 12 beschlossen sie alle Erwachsenen Mytilener hinzurichten und Frauen und Kinder in die Sklaverei zu verkaufen. Am folgenden Tag überkam sie dann plötzlich Reue und der Gedanke, es sei doch ein sehr roher und schwerwiegender Entschluss, eine ganze Stadt auszurotten.“ 13
Nach einer langen Rede des Demagogen Kleon, der zu der Zeit in Athen sehr hoch angesehen war, folgt eine Gegenrede des Diodotos. Kleon, einer der Politiker der am Vortag schon für die Hinrichtung aller Mytilener eingestanden war, argumentiert damit, dass eine geringere Strafe für einen solchen Verrat, Schwäche offenbaren würde und der Tod aller Mytilener nur gerecht wäre. Gegen Ende wirft Kleon noch das Argument ein, dass Demokratie gänzlich ungeeignet sei, um über andere zu herrschen, da das Volk wankelmütig sei und sich oft von Mitleid lenken lasse. 14
Diodotos, der Sohn des Eukrates, war in der vorherigen Versammlung für die Hinrichtung der Schuldigen am Abfall Mytilenes und nicht der gesamten Bevölkerung der Polis. Sein zentrales Argument handelt davon, dass man nicht schauen müsse was „gerecht“ sei, sondern was „zuträglich“ 15 sei. Allein um die Nützlichkeit und den Vorteil Athens müsse es gehen. „Wir beraten über sie, wie es uns den größten Nutzen bringt.“ 16 Danach kommt Diodotos auf einen Punkt zu sprechen, der mit großer Sicherheit, wie bei vielen anderen Reden auch, thukydideisches Gedankengut enthält. Er spricht davon, dass es in der Natur jedes Einzelnen liege einen Hang zum Verbrechen zu haben und es kein Gesetzt gebe, der die Menschen davon abhalten kann. Thukydides schreibt hier wie auch später noch zweimal, dass es in der Natur des Menschen liege die Gesetzte zu brechen und Verbrechen zu begehen.
Bei dieser Stelle zeigt uns Thukydides, dass die Menschen damals von ihrer Macht verleitet und um ihren Erhalt fürchtend, selbst vor der Hinrichtung einer ganzen Stadt nicht zurückgeschreckt wären. Auch wenn Diodotos die Volksversammlung noch einmal davon abbringen kann, so tut er dies, weil es keinen Nutzen für Athen hat alle umzubringen. Wäre es
12 Ebd. III, 36, 2.
13 Ebd. III, 36, 4.
14 Vgl. Ebd. III, 37, 1f.
15 Vgl. Ebd. III, 44, 2.
16 Ebd. III, 44, 4.
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Marius Kurschus, 2010, Das Menschenbild bei Thukydides, München, GRIN Verlag GmbH
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