1. Einleitung
In Wallenstein entwirft Schiller eine Rolle des Protagonisten, die es als solche in der Geschichte nicht gab. Dem historischen Wallenstein, welcher keine Leidenschaften zeigte, sondern nur auf seine Macht fixiert war, fügte Schiller noch eine idealistische Seite hinzu, sodass Wallenstein letztendlich von Goethe als der „phantastische Geist, der von der einen Seite an das Große und Idealische, von der anderen an den Wahnsinn und das Verbrechen grenzt“ 1 bezeichnet wird. Seiner Meinung nach biete, Wallenstein […] das Beispiel eines realistischen Phantasten, dessen Tiefsinn an wirklich große Fragen stößt 2 . Das bedeutet, Wallensteins Charakter ist gespalten, er möchte Realität und Idealität und schwankt zwischen Rationalität und Irrationalität, kann sich aber für keine dieser Seiten entscheiden, da er ihnen gleichen Anspruch auf ihre Existenz einwilligt. Auf der einen Seite ist er ein revolutionärer Idealist, da er um das Bestehen und die Notwendigkeit der Gesetze Bescheid weiß und sich dazu berufen fühlt, einen Zustand der Freiheit herzustellen. Andererseits ist er zu sehr auf die Wirklichkeit ausgerichtet, ein Realist des politischen Lebens, der die Intrige wie auch die Mittel dieser kennt und sich ihrer bedient. Es ist der Doppelsinn des Lebens, der ihn hier verklagt. 3 Dieser Zwiespalt, durch welchen seine Person tragisch wirkt, wird von zweien seiner Freunde verkörpert, seine Projektionen, nämlich von Octavio Piccolomini und dessen Sohn Max Piccolomini. Während Octavio mit seiner realistisch-pragmatischen Denkweise den Staat verkörpert, ist Max idealistisch, welt- und geschichtsfern veranlagt. Er symbolisiert also den Idealismus Wallensteins. 4 Als historische Figur nicht existent, führte Schiller ihn und seine Freundschaft zu Wallenstein ein, um dem Feldherrn diese menschliche Seite aufzusetzen. Durch diese rein menschlichen Qualitäten einer Figur, die Schiller in familiären Beziehungen sichtbar werden lässt, ist es möglich das Publikum zu rühren. 5
1 Goethe, Johann Wolfgang von: Die Piccolomini. Wallensteins erster Teil. In: Schillers Wallenstein. Hrsg. von Fritz Heuer und Werner Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1977 (= Wege der Forschung. Bd. 420). S. 9.
2 Reinhardt, H.: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Kröner 1998. S. 405
3 Vgl. Müller-Seidel, Walter: Die Idee des neuen Lebens: Eine Betrachtung über Schillers „Wallenstein“. In: Schillers Wallenstein. Hrsg. von Fritz Heuer und Werner Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1977 (= Wege der Forschung. Bd. 420). S. 380.
4 Vgl. Edelmann, Thomas; Hofmann, Michael: Friedrich Schiller. Wallenstein. Hrsg. von Klaus- Michael Bogdal; Clemens Kammler. München: Oldenbourg 1998. S. 64f.
5 Vgl. Borchmeyer, Dieter: Macht und Melancholie, Schillers Wallenstein. Frankfurt am Main: Athenäum 1988. S. 113.
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Auf jene eingeführte Seite durch Max und dessen Beziehung zu Wallenstein soll es im Folgenden gehen. Max soll als der Idealist im Wallenstein hervor gehen und vom Protagonisten abgegrenzt, wie auch mit ihm verglichen werden. Warum und auf welche Weise ihre Beziehung sich verändert und in welcher Hinsicht dieser Wandel mit dem Idealismus verbunden ist, ist der Kern dieser Arbeit. Da die hierzu erschienene Sekundärliteratur dieses Thema zwar oft thematisiert, jedoch häufig bloß knapp unter einem anderen Gesichtspunkt und mit Schwerpunkt auf Wallenstein betrachtet, erscheint es mir wichtig, hier einen Überblick über den Wandel der Beziehung zwischen Max und Wallenstein zu geben, in welchem Max im Mittelpunkt steht.
Als Grundlage ist zu Beginn eine Veranschaulichung des Idealismus‘ notwendig. Anschließend wird die Beziehung beider Figuren aufgezeigt. Der anfängliche Umgang miteinander wird durch den Verrat Wallensteins bedeutend verändert. Deshalb ist dieser anschließend aus Maxens Perspektive näher zu betrachten. Ein wichtiger, hier aufgegriffener Aspekt dessen ist die Aufklärung. Es wird erläutert, wodurch und inwiefern Max den Prozess der Mündigkeit durchläuft und welche Konsequenzen dies bezüglich der idealistischen Weltanschauung Maxens hat. Eine Konsequenz ist der Tod Maxens, der schließlich genauer auf die Gründe und Aussagekraft hin betrachtet wird. Durch eine fortlaufende Bezugnahme zum Idealismus Maxens können hier ebenfalls Schlüsse gezogen werden.
Um die Hauptaspekte gründlich darzustellen, wird auf die Ästhetik ebenso wenig eingegangen wie auf die Liebesbeziehung Maxens zu Thekla und seiner Bindung zu seinem Vater Octavio. Auch die Bedeutung der Planeten wird lediglich angeschnitten.
2. Der Idealismus
Die Grundidee des Idealismus‘ besteht in der Annahme Platons, für jedes Ding unserer Sphäre gäbe es eine Idee, ein Urbild, das wir erfassen müssen, um das Ding an sich zu verstehen. Diese Ideen und Urbilder tragen wir in unserer eigenen Seele, da diese vor der Niederlassung in unserem Körper im Reich der reinen Ideen Urbilder geschaut hat, derer sie sich nun auf-grund der Ähnlichkeit zu den sinnlichen Dingen erinnert. Das Erkennen bzw. Verstehen eines
Dinges ist deshalb nach Platon das bloße Wiedererkennen dessen, was im Reich der reinen Ideen von unserer Seele aufgenommen wurde. Die Innenwelt, zu der das Ich, der Geist, das Denken und auch das Bewusstsein zählen, ist demnach die eigene Wirklichkeit, die auf die Außenwelt übertragen wird. Die äußeren Dinge entspringen also unserer inneren Welt, sodass ein ideales, gedachtes oder bewusstes Sein entsteht, das wir als Wirklichkeit bezeichnen. 6
Auch Schiller musste nach dem Ausgang der französischen Revolution feststellen, „dass die bloße Befreiung von den äußeren Zwängen des ancien régime längst noch nicht die Freiheit im Menschen befreit“ 7 , was eine allgemeine Enttäuschung hervorbrachte. Dieser Verlust der Freiheit inspirierte die Systementwürfe des Idealismus‘.
Es gilt mehrere Arten des Idealismus‘ zu unterscheiden. Hier aufgenommen, würde bloß ein aus dem Kontext gegriffenes, weit umfassendes philosophisches Thema angeschnitten werden, welches nicht vollständig erläutert wäre. Aus diesem Grund werden sie hier nicht angeführt. Ausschließlich eine Art ist zu erwähnen, da sie meiner Meinung nach in Max wiederzufinden ist. Der Idealist, welcher dem historischen Idealismus angehört, versteht die Idee nicht nur als eigentliches Sein, sondern ebenso als die Leitmacht der ganzen Weltgeschichte. Wie bei jeder anderen Ausprägung des Idealismus‘ gilt auch hier: „Immer hat der Geist den Vor- rangvor dem Stoff, die Seele vor dem Leib, das Denken vor dem Wahrnehmen.“ 8
Aus jener Grundlage schöpft auch Schiller seine Vorstellung von Idealismus und Ideal.
Den Begriff „Ideal“ bezieht Schiller auf die Kunst, wobei er jedoch verschiedene Gruppierun- gendarlegt. So gibt es zum einen den Idealbegriff Schillers, welcher moralische und sittliche Veredlung fordert und in welchem das sogenannte „Idealisieren“ in eine reine Form verwandeln, aber nicht veredeln bedeutet. Nach Schiller behandelt der Künstler „das idealistische, oder das kunstmäßig [A]userwählte aus einem wirklichen Gegenstand. […] z.B. behandelt er nie die Moral, nie die Religion sondern nur diejenige Eigenschaft einer jenen, die er sich zu-
6 Vgl.Fischl, Johann: Idealismus Realismus und Extentialismus der Gegenwart. Ein Beitrag zur Aussprache über die Weltanschauung des modernen Menschen. Graz, Wien, Köln: Styria. S. 1-4.
7 Feger, Hans: Die Entdeckung der modernen Tragödie. Wallenstein - die Entscheidung. In: Friedrich Schiller. Die Realität des Idealisten. Hrsg. von Hans Feger. Heidelberg:Universitätsverlag WINTER 2006. S. 252.
8 Fischl, J.: Idealismus Realismus und Extentialismus der Gegenwart. S. 2.
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sammendenken will“ 9 . Das Ideal ist also die reinste Ausprägung eines Typs. Zum anderen kommt seinem Ideal noch die Bedeutung hinzu, welche für den Wallenstein wichtig ist. Das Ideal ist hier auch das, was in einem Künstler steckt und was verwirklicht werden muss, demnach ein ästhetisches, unendliches Ideal. Hierbei wird die Wirklichkeit selbst als ungenügend erkannt, sodass man bestrebt ist, das Leben gedanklich zu durchdringen und auf einen Zielpunkt hinzuführen, sich über die Wirklichkeit zu erheben. 10 Die utopische Dimension entsteht in dem ästhetischen Idealismus, welchen Schiller vertritt, nicht durch die Flucht aus der Wirklichkeit, ihrer Überwindung oder ihrem Ausgleich, sondern aufgrund einer tieferen Einsicht in die Wirklichkeit. Der ideale Zustand, der auch als Idylle bezeichnet wird, herrschte nach Schiller schon in Arkadien im Hirtenzeitalter, in welchem der Mensch sich noch im Na-turzustand befand und wurde durch den Gesellschaftsvertrag verdrängt. 11 Wie in den Wünschen der beiden Geliebten des Dramas ausgedrückt, erhofft er diesen Zustand der Idylle erneut am Zielpunkt der Geschichte. 12
Heutzutage wird der Idealist oft mit einem Schwärmer, Träumer oder Phantast verglichen, der sich unerreichbare Ziele setzt und an diese seine ganzen Kräfte vergeudet, da unsere heutige Zeit vorwiegend durch den Realismus geprägt ist. Zum besseren Verständnis, ist hier eine kurze Darstellung des Realismus‘ sinnvoll, da dieser gegen den Idealismus ankämpft und im Wallenstein weit verbreitet ist.
9 Lange, Barbara: Die Sprache von Schillers „Wallenstein“. Hrsg. v. Stefan Sonderegger und Thomas Finkenstaedt. Berlin, New York: Walter de Gruyter. S. 217.
10 Lange, Barbara: Die Sprache von Schillers „Wallenstein“. Hrsg. v. Stefan Sonderegger und Thomas Finkenstaedt. Berlin, New York: Walter de Gruyter. S. 216ff
11 Ein Vertrag bezeichnet Hobbes als „wechselseitige Übertragung von Recht.“ Für ihn war so ein Vertrag zwischen den Menschen notwendig, da sie in diesem Naturzustand keinem Gesetz unterliegen. Somit besteht auch keine Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht, das Unrecht existiert nicht, stattdessen hat jedes Individuum ein Recht auf alles. Hobbes beschreibt den Menschen im Naturzustand als ein eigennütziges Individuum, das unaufhörlich nach Macht strebt. Aus diesem Grund konkurrieren sich alle Menschen und keiner ist mehr vor dem anderen sicher, da auch ein Mord nichts Unrechtes wäre. Im Gegensatz zu Schiller ist der Naturzu-stand für ihn der unsicherste und schlechteste Stand der Menschheit. Um nun die Sicherheit jedes Einzelnen zu garantieren, muss also ein Vertrag abgeschlossen unter diesen abgeschlossen werden. Zwar würde hierdurch die Freiheit jedes einzelnen dort aufhören, wo die eines anderen anfängt, wäre demnach eingeschränkt, doch nur durch diesen wechselseitigen Verzicht auf unbegrenzte Interessenverfolgung ist eine friedliche Kooperation möglich. Damit der Vertrag eingehalten wird, übergibt die Bevölkerung ihre Macht an einen Souverän, welcher das Unrecht bestrafen darf. Hobbes vertritt die Staatsphilosophie eines absolutistischen Staats. (Vgl. Hobbes, Thomas: Leviathan. In: Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Hrsg. von Robin Calikates und Stefan Gosepath. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009. [= Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft]. S. 118f.)
12 Vgl. Borchmeyer, D.: Macht und Melancholie. S. 107.
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Der echte Realismus vereint den Materialisten, welcher bloß die stoffliche, nicht aber die sinnliche Welt anerkennt und den Idealisten als Realist, welcher ausschließlich die sinnliche Welt bejaht. Er bekennt sich zu jener Wirklichkeit, die nicht nur das Geistige und Ideale sondern auch das Körperliche und Materielle umfasst. Für ihn sind die Ideen ebenso vorhanden wie für den Idealisten, doch er sieht sie dagegen vereint mit den wirklichen Dingen, d.h. er trennt jene nicht, sondern sieht die Ideen in der Wirklichkeit realisiert, in der Alltagswirklichkeit erlangen sie ihre Sicherheit. 13
3. Das Verhältnis von Max und Wallenstein
3.1. Die beidseitige Abhängigkeit
Zu Beginn glaubt Wallenstein in Octavio einen wahren Freund zu haben, mit dem er schon Jahre durchlebt hat und welchem er sich jederzeit anvertrauen kann. Durch ihre gemeinsame Geburtskonstellation identifiziert er sich mit jenem und sieht Max, Octavios Sohn, auch als seinen eigenen an. Seine väterliche Liebe zu ihm lässt Max Vorzüge genießen, zu denen auch seine Erziehung zu einem Soldaten durch Wallenstein zählt. Jenes familiäre Gefühl wird durch Max erwidert, welcher in Wallenstein einen väterlichen Freund erkennt. In eben diesen Freund projiziert Max sein wahres Ich, sodass er sich in ihm selbst wiederfinden kann, doch nicht nur er, auch Thekla scheint die Spiegelung ihres Geliebten in Wallenstein wahrzunehmen. 14 Dies macht Thekla ihm deutlich, als er sich entscheidet, Wallenstein solle sein „Glück entscheiden, er ist wahrhaft, / ist unverstellt und hasst die krummen Wege, / er ist so gut, so edel - “ 15 und sie ihn unterbricht: „Das bist du!“ 16 Mit diesen Worten erkennt sie nicht nur Max in Wallenstein, sondern spricht ihm gute und edle Eigenschaften zu. Diese positiven Wesenszüge sind auch jene, die Wallenstein in Max projiziert. Auch wenn beide ihre Charakteristiken auf jeweils den anderen übertragen, gibt es dennoch einen wesentlichen Unterschied, denn während Max sein wahres Ich Wallenstein zuschreibt, „projiziert [dieser] sein besseres, sein ersehntes Selbst“ 17 , also sein erträumtes Ich, auf Max. Hieraus lässt sich schließen, dass Max für ihn das Ideal, die Idylle, also das Schöne und das Ästhetische, verkörpert.
13 Vgl. Fischl, J.:Idealismus Realismus und Extentialismus der Gegenwart. S. 3f.
14 Vgl. Borchmeyer, D.: Macht und Melancholie. S. 95.
15 Schiller, Friedrich: Die Piccolomini. V. 1700f.
16 Ebd. V. 1702.
17 Borchmeyer, D.: Macht und Melancholie. S. 95.
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Arbeit zitieren:
Santana Overath, 2009, "Einst erwacht für immer entschlafen", München, GRIN Verlag GmbH
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