Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung: 3
2. Irdisches Recht und göttliche Gerechtigkeit: 5
3. Schuld und Unschuld: 8
4. Gnade und Vergeltung: 14
5. Schicksal und Freiheit: 18
6. Schluss: 21
7. Literaturverzeichnis: 23
2
1. Einleitung:
Die vorliegenden Interpretationen zu Annette Droste-Hülshoffs „Judenbuche“ sind vielfältig, oft sogar widersprüchlich. Was seinen Gattungscharakter betrifft, ist das wohl bekannteste Werk der Dichterin von den einen als Novelle 1 , von den anderen als Kriminalgeschichte 2 gedeutet worden. Manche - nicht zuletzt wegen des Untertitels „Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen“ - sprechen von einer konsequent realistischen Milieustudie 3 , während wieder andere die gesamte Erzählung als „religiöses Exemplum“ 4 deuten. Die Vielfalt der Interpretationsansätze erklärt sich v.a. aus der „inhaltlichen Dunkelheit“ 5 der „Judenbuche“. Zusammenhänge und Ereignisse bleiben oft mehrdeutig, so dass in der Tat unterschiedliche Schlussfolgerungen möglich sind. Zurecht spricht Roland Schneider also von einer „Synthese mehrfacher und sehr unterschiedlicher Gestaltungsintentionen“ 6 . Diesen unterschiedlichen „Gestaltungsintentionen“ nachzuspüren wird Ziel der nachfolgenden Ausführungen sein. Dabei soll das Werk v.a. unter dem Aspekt der Vergeltung analysiert werden. Als Grundlage wird hierbei die gleichnamige Ballade der Dichterin dienen, die in etwa zur gleichen Zeit entstanden ist 7 und sich nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich der verwendeten Symbole und stilistischen Mittel stark mit der Novelle überschneidet. Ein Vergleich der beiden Texte erscheint daher in mehrfacher Hinsicht als lohnend. Zum einen ermöglicht er ein tieferes Verständnis der „Judenbuche“ und vermag zumindest z.T. Licht in die „inhaltliche Dunkelheit“ zu bringen. Insbesondere die letztlich ungeklärten Morde an dem Förster Brandis und dem Juden Aaron können vor dem Hintergrund der Ballade auf interessante und aufschlussreiche Weise gedeutet werden. Zum anderen wird gerade durch die Unterschiede zur „Vergeltung“ die Vielschichtigkeit der Novelle deutlich. Letztere nämlich geht bei näherer Betrachtung weit über das bloße Prinzip der Vergeltung hinaus und enthält neben dem alttestamentlichen Pathos der Ballade auch durchaus Gedankengut des Neuen Testaments.
Themenkreise, die sich in diesem Rahmen bewegen und die besonders zu beleuchten sein werden, sind der Gegensatz von irdischem und göttlichem Recht, das Nebeneinander von
1 Vgl. hierzu: Wiese, 1956. S.154 - 175.
2 Vgl. hierzu: Henel, 1967. S.146 -172.
3 Vgl. hierzu: Heitmann, 1914.
4 Vgl. hierzu: Rölleke, 1968. S.399-426.
5 Schneider, 1995. S.103.
6 Ebd. S.108.
7 „Die Vergeltung“ entstand 1841 als erste der „Meersburger Balladen“. „Die Judenbuche“ erschien nur ein Jahr später, nämlich 1842, als Fortsetzungsnovelle für das „Morgenblatt für gebildete Leser“.
3
„äußerem Recht“ und „innerem Rechtsgefühl“ 8 , die Begriffe von Schicksal und Freiheit sowie
das den Texten zugrundeliegende Verständnis von Schuld.
8 Droste-Hülshoff, 1975. S.4.
4
2. Irdisches Gericht und göttliche Gerechtigkeit:
Die Ballade „Die Vergeltung” ist in zwei Teile untergliedert. Im ersten wird bei einem Schiffsbruch ein mitreisender Passagier schuldig, indem er einen Kranken von einem im Meer treibenden Balken stößt, um sein eigenes Leben zu retten. Im zweiten Teil der Ballade wird eben dieser Passagier aufgrund eines Justizirrtums - das Schiff, von dem er gerettet wird, ist ein Korsarenschiff - für einen Piraten gehalten und hingerichtet. Vordergründig betrachtet könnte es sich um einen bloßen Zufall handeln, dass der Passagier nach seinem rücksichtslosen Überlebenskampf für einen Piraten gehalten und zum Tode verurteilt wird. Sogar er selbst kommt ja kurz vor seiner Hinrichtung zu dem Schluss, „dass des Himmels Walten / nur seiner Pfaffen Gaukenspiel“ 9 sei. Erst als sich in der letzten Zeile des Gedichts herausstellt, dass es sich bei dem Galgen um denselben Balken handelt, von dem er zuvor den Kranken gestoßen hat, bekommt der scheinbare Zufall für den Leser einen Sinn und er erkennt, vermutlich genau wie der Passagier, dass hinter dem, was geschieht, ein göttlicher Plan steht.
Börries von Münchhausen, der „Die Vergeltung“ zu den deutschen „Meisterballaden“ zählt, unterscheidet also nicht umsonst zwischen einem „unteren“- und einem „oberen Vorgang“ 10 . Auf der einen Seite die beschränkte Wirklichkeit des Menschen, auf der anderen Seite die transzendente Wirklichkeit Gottes. Die einzige Verbindung, die zwischen diesen beiden Welten besteht, ist das Dingsymbol des Balkens: ein scheinbar bedeutungsloses Stück Holz, das auf einer höheren Ebene zur „Hand Gottes“ wird und so, wie Börries von Münchhausen sagt, den „Hintergrund der Gründe“ 11 offenbart.
Den Figuren der Ballade, abgesehen vom Passagier vielleicht, bleibt dieser „Hintergrund der Gründe“ verborgen. „Gottes Hand“ - wie die Ballade ursprünglich heißen sollte - wirkt nicht umsonst durch einen menschlichen Justizirrtum. Was hier zum Ausdruck gebracht wird, ist der unüberbrückbare Gegensatz von irdischem Recht und göttlicher Gerechtigkeit: Der Mensch ist fehlbar und letztlich nicht dazu in der Lage, ein Urteil zu fällen, geschweige denn Gerechtigkeit zu schaffen. Letzteres obliegt ganz dem Wirken Gottes, der allein alle Zusammenhänge kennt - und dessen Vergeltung daher unbeirrbar den Richtigen trifft. An dieser Stelle ist an die Eingangsverse der „Judenbuche“ zu erinnern, in denen es heißt: „Wo ist die Hand so zart, dass ohne Irren / Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren / so
9 Droste-Hülshoff, 2003. S. 100/ Zeile 99f.
10 Münchhausen, 1922. Sp. 1030
11 Ebd., Sp. 1030.
5
fest, dass ohne Zittern sie den Stein / mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein.“ 12 Schon zu Beginn der Novelle wird hier, nicht zuletzt unter Bezugnahme auf das Neue Testament 13 , darauf hingewiesen, dass die menschliche Urteilsfähigkeit beschränkt ist und dass die ganze Wahrheit dem Menschen letztlich unzugänglich bleibt. Damit wird - genau wie in der Ballade - der Topos von Schuld und Vergeltung um den Aspekt „des Richtens“ erweitert. So sieht beispielsweise Winfried Freund das „eigentliche Thema der Novelle in dem ständigen Irregeleitetsein des Menschen(...), der ständig urteilt und sich doch meistens in Fehlschlüsse verstrickt.“ 14
Wie bereits angedeutet, ist der Inhalt der „Judenbuche“ längst nicht so eindeutig wie es zunächst scheinen mag. Insbesondere was den Mord an Aaron betrifft, bleibt vieles offen. Nimmt man die Dichterin also in ihrer Forderung ernst und ist mit seinem „Urteil“ vorsichtig, gibt es allen Anlass, eine Täterschaft Friedrichs zu bezweifeln. Zwar sprechen Friedrichs Selbstmord und das Motiv des gekränkten Selbstwertgefühls klar für seine Schuld, der Brief des Gerichtspräsidenten, in dem es heißt, ein anderer habe die Tat gestanden, bleibt allerdings bis zum Schluss als entlastendes Moment bestehen. Hinzu kommt, dass es kaum zu erklären ist, warum Friedrich, sollte er tatsächlich der Mörder sein, erst drei Tage nach der Tat die Flucht ergreift. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass er erst im Zusammenhang mit seiner geplanten Verhaftung von dem Mord an Aaron erfährt und nur deshalb flieht, weil ihn jemand vor der anrückenden Polizei warnt. Nicht umsonst heißt es im Text: „Schöne Polizei!(...)jede alte Schachtel im Dorf weiß Bescheid, wenn es recht geheim zugehen soll.“ 15 Solche und andere Überlegungen führen letztlich zu zwei möglichen Interpretationswegen. Auf der einen Seite besteht die Möglichkeit, Friedrich tatsächlich als den Mörder Aarons anzusehen. In diesem Fall kulminieren Friedrichs Vergehen gegen die Natur („Blaukittel“) und den Förster schließlich im Mord an dem Juden. Letzterer wird durch den Freitod am Ende auf geheimnisvolle Weise gerächt. Geschildert wird also ein allmählicher Sündenfall, der die Hauptfigur schicksalhaft der göttlichen Vergeltung entgegenführt, wobei die Buche dieselbe Funktion erfüllt wie der Balken in der „Vergeltung“. Wie zu zeigen sein wird, ist es aber ebenso möglich, Friedrich vom Mord am Juden freizusprechen.
Entscheidend ist, dass es sich bei beiden Interpretationswegen um Spekulation handelt; welcher der beiden der richtige oder „bessere“ ist, lässt sich nicht sagen. Während in der Ballade „Die Vergeltung“ zumindest der Leser die wahren Zusammenhänge erkennt, wird in der „Judenbuche“ nicht einmal dieser über die Wahrheit aufgeklärt. In der „Vergeltung“ wird
12 Droste-Hülshoff, 1975. S. 3.
13 Vgl. Joh. 8/7: „Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“
14 Winfried Freund, 1969. S. 246.
15 Droste-Hülshoff, 1975. S.44.
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Arbeit zitieren:
Josua Handerer, 2004, Das Prinzip der Vergeltung in der gleichnamigen Ballade und der "Judenbuche", München, GRIN Verlag GmbH
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