Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Träume: ein Überblick 5
1.1. Träume in der Literatur 5
1.2. Träume im Werk Dostoevskijs 7
2. Träume in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“ 9
2.1. Raskol'nikovs Träume 9
2.1.1. Erster Traum 10
2.1.2. Zweiter Traum 12
2.1.3. Dritter Traum 13
2.1.4. Vierter Traum 14
2.1.5. Fünfter Traum 16
2.1.6. Träume Raskol'nikovs im Kontext des Romans 17
2.2. Svidrigajlovs Träume 20
3. Optische und akustische Ebenen in den Träumen 24
4. Schlusswort 29
5. Literaturverzeichnis 31
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Einleitung
Träume 1 sind ein fester Bestandteil unseres Lebens. Die Menschheit hat sich seit jeher mit Träumen beschäftigt. In der fiktionalen Literatur nehmen Träume einen wichtigen Platz ein und übernehmen mehrere Funktionen.
Eine besonders große Aufmerksamkeit gewinnen Träume in der Romantik. Die Romantiker gehören zu den ersten, die das „Unbewusste“ des menschlichen Daseins beschreiben und ein besonderes Interesse an Träumen als Ausdruck dieses Unbewussten entwickeln.
Die Geschichte der Traumdarstellung in der russischen Literatur hat eine lange Tradition und erreicht ihren Höhepunkt im 19.Jahrhundert. „In virtually every major novel writting during the nineteenth century, Russian writers evinced an overwhelming fascination with dreams: their fictional heroes and heroines fall asleep and, almost without exception, witness imaginative night visions.“ 2 F.M. Dostoevskij zählt zu den bedeutendsten Repräsentanten des russischen Romans des 19. Jahrhunderts. Dostoevskijs Originalität als Künstler besteht darin, dass er neue Formen der künstlerischen Vision in die Literatur mitbrachte. Eine solche Form ist der Traum. Dostoevskij beschreibt in seinen Werken nicht nur das bewusste Leben seiner Protagonisten, sondern auch ihre inneren, ihnen unbewusste Vorgänge. Er setzt damit eine Tradition fort, die in der Romantik ihren Anfang nahm. Die Wörter „son“ und „snovidenie“ (Traum, Traum/Nachtvision) kommen in den Titeln von drei Werken Dostoevskijs („Djadjuškin son“, „Peterburgskie snovidenija v stihah i proze“, „Son smešnogo čeloveka“) vor. Aber auch die Helden der anderen Erzählungen und Romanen sehen besondere Träume, die der Autor auswendig beschreibt. Das Interesse dieser Arbeit gilt ausschließlich den Träumen des Romans „Verbrechen und Strafe“. Dieser Roman ist besonders reich an Träumen, die eine enorm wichtige Rolle für das Konzept des gesamten Werkes spielen. Angesichts der unzureichenden Untersuchungen auf diesem Gebiet soll die Arbeit einen Beitrag dazu leisten, auf Grundlage der ausgewählten Beispiele die Besonderheiten der Traumdarstellung
1 Michael Katz unterscheidet in seinem Werk „Dreams and the Unconscious in Nineteenth-Century Russian Fiction“ (1984) zwischen „figurativen Träumen“ (mečty) und „erlebten Träumen“ (sny, grezy). Der deutsche Begriff „Traum“ ist zu umfassend und macht in der Übersetzung keinen Unterschied zwischen „figurativen“ und „erlebten“ Träumen möglich. Deshalb nehme ich hier die These von Katz auf, um klar zu stellen, dass es in meiner Arbeit um die sogenannten „erlebten Träume“ geht.
2 Katz,M.(1984):„Dreams and the Unconscious in Nineteenth-Century Russian Fiction“. Hannover/London: University Press of New England. S. 1
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Dostoevskijs darzulegen.
In der Arbeit wird folgendermaßen vorgegangen. Zunächst wird ein Überblick über die Natur der Träume und insbesondere der literarischen Träume gegeben. Der zweite Abschnitt bildet den eigentlichen Teil der Arbeit mit der Analyse der Träume im Roman „Verbrechen und Strafe“. Dabei wird ein besonderer Wert auf die Darstellung Raskol'nikovs Träume gelegt. Die Alpträume seines Doppelgängers Svidrigajlovs werden in diesem Teil auch analysiert.
Im dritten Teil werden optische und akustische Ebenen der Träume von Raskolnikov und Swidrigajlow untersucht und ihre vielfältige Seiten anhand der Textbeispiele gezeigt.
Anschließend fasse ich alle in der Arbeit dargestellten Thesen zusammen. Das Literaturverzeichnis bildet den Abschluss der Arbeit.
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1. Träume: ein Überblick
Träume gehören zu unserem alltäglichen Leben. Alle haben sie gesehen, aber keiner kann eindeutig sagen, was sie sind und woher sie kommen. Dieses Phänomen ist sehr gut erforscht und bleibt trotzdem unklar. Bereits der Begriff „Traum“ wird auf verschiedene Weise interpretiert und verstanden.
Aus dem Deutschen Wörterbuch „Wahrig“ (2006: 1492) lässt sich eine allgemeine Definition für Träume entnehmen: "Vorstellungen, Bilder, Gefühle, die während des Schlafes auftreten“. 3 Es gibt andere weitere interessante Definitionen, die sich je nach Disziplin unterscheiden.
Laut dem Psychologischen Wörterbuch „Dorsch“ (2004: 968) sind Träume eine „besondere Form des Erlebens im Schlaf, häufig von lebhaften Bildern begleitet und oft mit intensiven Gefühlen verbunden, an die sich der Betroffene nach dem Erwachen meist nur teilweise erinnern kann.“ 4
Hans Dieckmann hat Träume wie folgt definiert und erläutert: „Der Traum ist die Sprache des Unbewussten, eine Bildersprache, in der das Unbewußte sich unserem bewußten Ich mitteilt. Von Anbeginn der Überlieferungen unserer Kultur hat sich der Mensch bemüht, diese Sprache zu verstehen und zu übersetzen.“ 5
1.1. Träume in der Literatur
Träume und ihre Interpretationen fanden ihren Platz schon im Alten Testament, im Talmud und im Koran. Im Laufe der Jahrhunderte hat das Interesse für dieses Rätsel der menschlichen Existenz in der Weltliteratur nicht abgenommen, sondern immer wieder neue Anregungen bekommen. Der Traum war in allen Epochen und Gattungen ein bedeutendes Motiv der Literatur. „Der Traum hat eindeutige Motivfunktion, da er nicht nur vorausdeutet, sondern auch die Eigenschaften der Figuren und ihre Verhaltensweisen verdeutlicht.“ 6
Michail Dynnik in „Slovar' literaturnych terminov“ schildert sehr ausführlich
3 Wahrig Deutsches Wörterbuch/ hrsg. von Renate Wahrig-Burfeind. (2006): Gütersloh/München. S. 1492
4 Hartmut O. Häcker, Kurt-H. Stapf (Hrsg.)(2004): Dorsch psychologisches Wörterbuch. Bern .S. 968
5 Dieckmann, Hans (1978): Träume als Sprache der Seele: Einführung in der Traumdeutung der analytischen Psychologie C. G. Jungs. Waiblingen-Hohenacker: Bonz. S. 9.
6 Daemmerich, Horst S. (1995): Themen und Motive in der Literatur. Tübingen. S. 353
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verschiedene Funktionen, die Träume in einem fiktionalen Werk haben können. 7 So kann ein Traum einer handelnden Person als ein Rahmen oder eine Einrahmung des Hauptsujets dienen. Wir treffen dieses literarische Verfahren in einem Märchen von „1001 Nächte“, wo der Traum des Kaufmanns Abu-Hassan am Anfang und am Ende des Märchens eine Einrahmung für die Entwicklung des Hauptsujets ist. Ähnlich, aber nicht identisch mit dem letzten Fall ist der Traum als Form des Hauptsujets. Der Inhalt des Traumes des Protagonisten bildet das ganze Werk, wie in der Erzählung von Vladimir Korolenko „Son Makara“.
Der Traum kann nicht nur das Hauptsujet bilden, sondern auch das „episodische“ Sujet. Auf diese Weise wird die Episode von dem eigentlichen Sujet hervorgehoben, es wird ihre Wichtigkeit im Konzept des gesamten Werkes gezeigt. Als Beispiel für den Traum als Form des episodischen Sujets kann der Traum Oblomovs dienen, der in sich das Wesentliche und Charakteristische für das Verständnis des ganzen Werkes sammelte. Die Darstellung eines Traums kann ein sehr effektives literarisches Mittel sein, wenn es dem Leser ein phantastisches, unklares Sujet angeboten wird und nicht erwähnt wird, dass es den Trauminhalt bildet. Zu diesem literarischen Mittel greift Gogol' in der Erzählung „Majskaja noč' ili utoplenniza“zu, in der erst am Ende der Geschichte erklärt wird, dass alles, was so unrealistisch und unklar vorkam, nur ein Traum war. In einem utopischen Roman kann der Traum als Übergang von der Realität in die utopische Zukunft in den Stoff des Werkes eingebettet sein, wie im Roman „Wenn der Schläfer erwacht“ von H.G. Wells.
Eine bedeutende Rolle spielt in der Literatur der prophetische Traum, wie der Traum von Anna Karenina im Roman Tolstojs. In diesem Fall ist die Darstellung von dem prophetischen Traum ein besonderes künstlerisches Mittel, da die ganze Entwicklung des Sujets vom Inhalt des Traums vorausbestimmt wird. Der Ausgang des Romans wird von vornherein vorgegeben.
Der Traum im fiktionalen Werk kann auch zur Wiedergabe der Weltanschauung einer handelnden Person dienen, so wie der Traum von Ippolit in Dostoevskijs Roman „Idiot“.
Manchmal braucht der Autor für sein Sujet ein Element der moralischen Bewertung
7 Michail Dynnik. Son, kak literaturnyj priem. Online: http://feb-web.ru/feb/slt/abc/lt2/lt2-6416.htm
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seiner Helden. Der Traum des Verbrechers kommt dann zu Hilfe, wie der Alptraum Svidrigajlovs in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“, in dem sich der Verbrecher an seine Sünde erinnert.
Es kann eine beliebige Form des Traums sein, die der Autor für sein Werk auswählt. Die Verwendung dieses universellen literarischen Mittels erzeugt mehr Spannung, Abwechslung und Polyphonie im fiktionalen Werk. In dem folgenden Zitat werden nochmal einige Eigenschaften des literarischen Traums erwähnt: „Träume, Berichte von Träumen und ihre Deutungen vergegenwärtigen verborgene Bewußtseinsinhalte, rufen eine starke Spannung im Handlungsverlauf hervor, weisen auf zukünftige Ereignisse hin und können den Eindruck eines unabänderlich abrollenden Geschehens erwecken. Das Verfahren ist nicht nur ausgesprochen bühnenwirksam, sondern begünstigt auch die intensive Identifikation während des Lesens.“ 8
1.2. Träume im Werk Dostoevskijs
Die Rolle des Traums im Werk Dostoevskijs ist kaum zu überschätzen: in seinen Erzählungen und Romanen wird sehr viel geträumt. Laut Bachtin 9 gäbe es in der gesamten europäischen Literatur keinen anderen Schriftsteller, in dessen Schaffen Träume solche große und wesentliche Rolle spielten wie bei Dostoevskij. 10 Wir finden in Dostoevskijs Werken Träume aller Art, besonders berühmt sind seine symbolische Träume,
„insbesondere seine Alpträume, die voll eines hintergründigen, mystischen Sinns sind, bei aller Symbolhaftigkeit wirken sie aber auch äußerst anschaulich, konkret, ja geradezu hand-greiflich. Si sind voll von vibrierendem, sich unterstürzendem Leben, geballt, dynamisch, Atem beraubend im wahrsten Sinne des Wortes. Dostoevskijs Träume gehören zu den packendsten Stellen seiner Romane. Bon ihnen her ließe sich die gesamte untergründige Problematik des Werkes aufdecken. Lange vor Sigmund Freud und der Psychoanalyse kannte Dostoevskij die Tiefenstruktur des Traums und ihre Bedeutung für den Bewußtwerdungsprozeß des Menschen.“ 11
Drei Werke Dostoevskijs beinhalten die Wörter „son“ und „snovidenie“ („Djadjuškin son“, „Peterburgskie snovidenija v stihah i proze“, „Son smešnogo čeloveka“). Aber auch in den anderen Erzählungen und Romanen sehen Dostoevskijs Helden besondere Träume, die der Autor auswendig beschreibt und die für das Konzept des Werkes eine
8 Daemmrich. S. 353
9 Bachtin,M. (1963): Problemy poetiki Dostoevskogo. Moskva: Sovetskij pisatel'.
10 vgl. Bachtin, S. 198
11 Reber, N. (1983): Die Tiefenstruktur des Traums in Dostoevskijs Werk und ihre Bedeutung für den Bewußtwerdungsprozeß des Menschen. In: Rothe, H. (Hg.): Dostojevskij und die Literatur. Köln/Wien: Böhlau Verlag. S. 189
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entscheidende Rolle spielen. Im Roman „Idiot“ wird nicht nur viel geträumt, sondern auch die Überlegungen des Autors über die Natur der Träume dargestellt: „Почему тоже, пробудясь от сна и совершенно уже войдя в действительность, вы чувствуете почти каждый раз, а иногда с необыкновенною силой впечатления, что вы оставляете вместе со сном чтото для вас неразгаданное. Вы усмехаетесь нелепости вашего сна и чувствуете в то же время, что в сплетении этих нелепостей заключается какая-то мысль, но мысль уже действительная, нечто принадлежащее к вашей настоящей жизни, нечто существующее и всегда существовавшее в вашем сердце; вам как будто было сказано вашим сном что-то новое, пророческое, ожидаемое вами; впечатление ваше сильно, оно радостное или мучительное, но в чем оно заключается и что было сказано вам - всего этого вы не можете ни понять, ни припомнить.“ 12
Im nächsten Kapitel der vorliegenden Arbeit werden Träume des Romans „Verbrechen und Strafe“ systematisch beschrieben und analysiert. Diese Träume sind nicht nur rein inhaltlich beachtenswert, sondern bilden auch einen wichtigen Teil der Existenz der Träumenden und tragen zum Verständnis ihrer Taten, Gedanken und Lebensphilosophie bei.
12 Dostoevskij, F.M.(1957): Idiot. Sobranie cočinenij. Tom 6. Moskva: Gosudarstvennoe izdatel'stvo chudožestvennoj literatury. S.284
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Arbeit zitieren:
Anastasia Heidrich, 2010, Träume in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“, München, GRIN Verlag GmbH
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