Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 1
2. Einführung in die Thematik 2
3. Sterben und Tod - von der „ars moriendi“ bis in die Gegenwart 3
4. Institutionalisierung des Sterbens 6
4.1 Krankenhäuser und Pflegeheime als ungeeignete Orte zum Sterben 7
4.2 Das Hospiz als Anfang einer Lösung 9
5. „Sterbekultur“ heute 11
5.1 Sterbehilfe und der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung 12
5.2 Ein nötiger Wandel 14
6. Fazit 15
7. Quellen 16
1. Einleitung
„Death has got something to be said for it: There is no need to get out of bed for it; wherever you may be, they bring it to you, free.” “Delivery Guaranteed”Kingsley, Amis (1922)
Schon seit Menschen auf der Erde leben, ist es völlig gleich, wie unterschiedlich ihre Existenzen ablaufen. In einem Punkt sind wir alle gleich: Das Sterben und der Tod gehören genauso zu jedem Dasein, wie das Leben an sich. Dabei entwickeln wir schon in unserer Kindheit ein Bewusstsein über die eigene Sterblichkeit, das mit dem Älterwerden und den ersten deutlichen Anzeichen des Alters immer intensiver wird. Wie Amis Kingsley es so schön beschreibt, findet der Tod früher oder später zu jedem von uns. Aber wer beschäftigt sich in einer hektischen, erfolgsorientierten und technologisierten Wissenschaftsgesellschaft wie der unsrigen, in der persönliche Nähe und die Familie eine scheinbar untergeordnete Rolle im Alltag spielen, schon gerne mit so etwas rudimentär lästigem und finalem wie dem eigenen Tod?
Wie ich im Verlauf dieser Arbeit zeigen werde, haben sich die Einstellungen der Menschen bezüglich ihres Ablebens im Verlauf unserer Geschichte deutlich gewandelt - gab es, einige Generationen zuvor, größtenteils noch den Wunsch einer ausführlichen Vorbereitung auf den Tod und auf ein absehbares und organisiertes Sterben, so leben wir heute in einer Gesellschaft, in der das Thema völlig verdrängt und die eigene Sterblichkeit gerne gänzlich ignoriert wird (vgl. Freud 1924, S. 20; bzw. Ariès 1980, S. 782ff.). Aber auch der Umgang mit Toten, die Betreuung der Sterbenden und viele andere Todes-Angelegenheiten haben sich im Verlauf der Geschichte enorm verändert.
In dieser Arbeit gebe ich zunächst eine kurze Einführung in die Thematik und Problematik des Sterbens in der modernen Gesellschaft. In einem anschließenden Kapitel werde ich die Veränderung der Einstellungen zum Tod im Verlauf der Geschichte, vor allem anhand der von Philippe Ariès verfassten „Geschichte des Todes“, beschreiben und schließlich auf die Fakten unseres Systems Tod eingehen. Welche Sterbekultur es heute, im 21. Jahrhundert, gibt und wie wir mit dem Tod und unserer eigenen Sterblichkeit, auch in den Medien und der Öffentlichkeit, umgehen, werde ich daraufhin erläutern. Im Anschluss gehe ich auf das Sterben in Krankenhäusern und Pflegeheimen ein, um zu zeigen, was mit der „Institutionalisierung“ des Sterbens gemeint ist.
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Schließlich möchte ich nach Lösungsmöglichkeiten für ein „würdiges Sterben“, eine neue „ars moriendi“, der Kunst des schönen Sterbens des 21. Jahrhunderts suchen. Dabei spreche ich vor allem die Themen Hospiz, Sterbehilfe und Selbstbestimmung am Lebensende an. Weiterhin zeige ich Ansätze für den nötigen Wandel in unserer Sterbekultur auf, um einen würdevollen Tod in der säkularisierten Gesellschaft wieder zu ermöglichen. In einem abschließenden Fazit werden die Kernergebnisse zusammengefasst und ein Resümee gezogen.
2. Einführung in die Thematik
1997 wurde in Amerika das Buch „Tuesdays with Morrie“ veröffentlicht. Eine wahre Geschichte vom im Sterben liegenden Soziologieprofessor Morrie Schwartz, der, trotz seiner schweren Erkrankung am Lou Gehring Syndrom und dem dadurch nahenden Tod, nicht aufhörte, seinem ehemaligen Lieblingsstudenten und Autor dieses Buches, Mitch Albom, sowie seinen Freunden und Verwandten, ein guter Lehrer zu sein (vgl. Albom 1997/2002, S. 2f.). Morrie behandelte seinen bevorstehenden Tod wie eine zur Publikation bestimmte Studie. Er sah den Sinn seines Ablebens in der Analyse und dem Studium des Sterbens und half anderen dabei, sich mit seinem Tod auszusöhnen und ein Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit zu entwickeln, um ihnen so zu einem glücklicheren und erfüllteren Leben zu verhelfen. Frei nach dem Motto „Ich bin hier auf der letzten großen Reise - und die Leute möchten, daß ich ihnen sage, was man dafür einpacken soll“ (ebenda, S. 45). Insofern können wir Morrie als ein Vorbild betrachten. Es gelang, ihm einen schönen Tod zu erleben, zu Hause, immerzu begleitet und unterstützt durch seine Familie, seine unzähligen Freunde und eine optimale medizinische Betreuung. Er hatte in jeder Phase seiner Krankheit eine große Zahl an Pflegekräften, Masseuren, Mediatoren und Ärzten um sich, die sich um sein Wohl kümmerten (vgl. Bitó 2008, S. 22ff.).
Vergleicht man die Umstände, unter denen Morrie sein Leben beenden konnte, auf das Leben und die Existenzbedingungen eines gewöhnlichen, altersleidenden Sterbenden in der heutigen Gesellschaft, so erscheinen diese allerdings sehr unrealistisch (vgl. Schmied 1985, S. 51f.). Morrie hatte nicht nur jede erdenkliche medizinische Fürsorge erfahren, sondern, aufgrund seiner beruflichen Vergangenheit als Universitätsprofessor, auch ein dickes finanzielles Polster und eine private Krankenversicherung, die ihm die Pflege in seinem zu Hause ermöglichten. Er brauchte weder eine Unterbringung in einem Heim, noch verlangte er nach 2
Sterbehilfe und war, dank seiner Intelligenz und seinem Wissen, fähig dazu, die eigene Angst vor dem Tod zu überwinden (vgl. Bitó 2008, S. 21f.).
Gehen wir jedoch von einem durchschnittlichen Bürger mit einer kleinen Rente, einer gesetzlichen Krankenversicherung, vielleicht sogar ohne Familie oder zumindest mit Familienmitgliedern, die zwar für den Betroffenen da sind oder sein möchten, aber den Job und das eigene Leben nicht aufgeben können, um demjenigen einen schönen Lebensabend zu gestalten und ihn zu pflegen, aus, so stoßen wir schnell auf die Problematik in unserer Gesellschaft: „Wir brauchen Gesetze und Rechtsvorschriften, Institutionen, Berufe und Riten, die einen menschenwürdigen und schönen Tod für jedermann in erreichbare Nähe rücken“ (ebenda). Schließlich sterben heute knapp 90% der Menschen in einem Altersheim oder Krankenhaus, unter Bedingungen, die die Sterbenden in nur sehr geringem Maße beeinflussen können (vgl. Gronemeyer 2005, S. 210).
Dass diese Situation noch recht neu in unserer Geschichte ist und welche Gründe für die Entstehung dieser Bedingungen verantwortlich sind, werde ich in den nachfolgenden Kapiteln erläutern und verdeutlichen. Im nächsten Abschnitt gebe ich zunächst einen kurzen Abriss über die Entwicklung der Einstellungen zu Sterben und Tod im Verlauf unserer Geschichte.
3. Sterben und Tod - von der „ars moriendi“ bis in die Gegenwart
Philippe Ariès Arbeit „Geschichte des Todes“ ist eine sehr umfangreiche Untersuchung über die Einstellungen der Europäer zum Thema Tod und Sterben, wobei Ariès von der Antike als Ausgangspunkt für seine Analyse ausgeht, die bis in die Moderne und das Jahr 1970 reicht (vgl. Hahn; Hoffmann 2009, S. 124). Er unterscheidet fünf grundlegende Orientierungen, die die historischen Einstellungen der Menschen zum Tod beschreiben und sich jeweils durch die Kombination von weiteren Parametern ergeben. Diese Parameter sorgen für die Unterschiede zwischen den Kulturen und sind: das Bewusstsein des Menschen von sich selbst, der Glaube an ein Leben nach dem Tode, die Verteidigung des Menschen gegen die wilde Natur und der Glaube an die Existenz des Bösen (vgl. Ariès 1980, S. 773f.).
So lässt sich laut Ariès eine Entwicklung feststellen, die mit dem öffentlichen Tod, dem sogenannten „gezähmten Tod“, der von der Antike bis in etwa die Zeit des Mittelalters erlebt wurde, begann. Damals gehörte der Tod noch als integraler Bestandteil zum alltäglichen Leben dazu. Die Bevölkerung erreichte normalerweise kein hohes Lebensalter, Hygiene und Medizin gab es faktisch noch nicht. Tagtäglich wurden die Menschen mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert und akzeptierten diese auch, was zu einer regelrechten Vertrautheit
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mit dem Tod führte. Familienmitglieder und Nachbarn begleiteten die Sterbenden auf ihrer „letzten Reise“ und kümmerten sich anschließend um die Trauernden. Das Ende eines Lebens stellte weder für die Angehörigen, noch für die Gesellschaft einen Bruch im Alltag dar (vgl. ebenda, S. 13ff.). Ein plötzlicher und unvorbereiteter Tod dagegen wurde als „Zorn Gottes“ und als beschämend aufgefasst, eine Situation, in die niemand geraten wollte (vgl. ebenda, S. 19f.).
Um das 15. Jahrhundert entstand darüber hinaus im heutigen christlichen Europa die religiöse Literaturgattung der sogenannten „ars moriendi“, zu Deutsch „der Kunst des heilsamen Sterbens“, die damals weit verbreitet und in der Bevölkerung sehr beliebt war (vgl. Tenschert 1995, S. 16f.). In Text und Bild sollte dem Bürger des späten Mittelalters vermittelt werden, wie er angemessen und im Rahmen bürgerlicher Pflichterfüllung sterben sollte, beziehungsweise zu sterben hatte. Darin enthalten waren Anweisungen, Vorschläge und Regeln, wie ein Moribundi, ein Sterbender, auf seinen nahenden Tod vorbereitet werden musste (vgl. Rolfes 1989, S. 17f.) und wie es auch ohne geistlichen Beistand zu bewältigen war, den Versuchungen des Teufels auf dem Sterbebett zu widerstehen (vgl. Imhof 1998, S. 13). Das durchschnittliche Lebensalter in der Bevölkerung war zu dieser Zeit zwar sehr niedrig, doch gerade deshalb richtete man sein Augenmerk darauf, ein gottgefälliges Leben zu führen und sich auf die Zeit nach dem Tod vorzubereiten. Dem Sterben wurde daher nicht mit Angst und Schrecken entgegen geblickt, sondern mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben (vgl. Rolfes 1989, S. 19). Die „ars moriendi“ suggerierte dem mittelalterlichen Bürger also die Möglichkeit eines „gezähmten Todes“.
Die drei zeitlich darauf folgenden Perioden nach Ariès, „der eigene Tod“, „der lange und nahe Tod“ und „der Tod des Anderen“, füllen den Zeitraum vom 13. bis zum 19. Jahrhundert aus. 1 Die Phase des „Tod des Anderen“ beschreibt Ariès als die Zeit um das 19. Jahrhundert, in der das Leben seine Bedeutung durch persönliche Beziehungen zu anderen Menschen erhielt. Somit war das Sterben eines Nahestehenden hauptsächlich als Verlust einer Beziehung zu betrachten und wurde, beziehungsweise wird, seitdem von großer Trauer begleitet. Der Tod stellte nun nicht mehr nur noch einen Verlust für die Gemeinschaft, sondern vielmehr die körperliche Trennung von einer geliebten Person dar. Das Sterben fand damals bereits im Privaten und, im Gegensatz zum „gezähmten Tod“, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, meist im Heim des Sterbenden statt (vgl. Ariès 1980, S. 782ff.). Aber erst mit dem Übergang von der Periode des „Tod des Anderen“ zur letzen, von Ariès beschriebenen Periode, der des „ins
1 Näheres zu diesen Typen kann direkt bei Ariès 1980, oder als Zusammenfassung bei Wittkowski 2003, S. 21ff.
nachgelesen werden.
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Arbeit zitieren:
Simon Busch, 2010, So stirbt man heute!, München, GRIN Verlag GmbH
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