Inhalt
1. Einleitende Worte 3
2. La desheredada im Kontext von Galdós Gesamtwerk 4
3. Inhalt und Themen des Romans 5
4. Der Naturalismus in Spanien 7
5. Textanalyse 10
5.1 Politik und Geschichte: ein historischer Roman in der Gegenwart 10
5.2 Gesellschaftskritik 20
5.3 Die Moderne in Madrid 23
6. Conclusio 24
7. Bibliographie 25
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1. Einleitende Worte
Benito Pérez Galdós hat mit La desheredada nicht nur den so genannten ersten naturalistischen Roman Spaniens geschrieben; vielmehr ist er ein Abbild der Veränderungen, die das 19. Jahrhundert prägten: Desamortización, Verfall des Adels und synchroner Aufstieg einer kleiner Schicht des reichen Bürgertums; soziale Missstände der breiten Masse und parasitäre Mentalität der Oberschicht sind die wohl auffälligsten Merkmale. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Aufhebung der Schichten, zumindest hinsichtlich Verhalten und Äußerlichkeiten. Die realistische Darstellung der spanischen Gesellschaft der Jahre 1872-1876 soll in dieser Arbeit im Vordergrund stehen. Der Autor schafft es mit Hilfe der Figur Isidora Rufete und ihres Umfeldes die historischen Ereignisse dieser Jahre darzustellen und aufzuzeigen, in wie weit diese Geschehnisse Auswirkungen auf das Individuum haben. Er analysiert demnach komplexe historische Veränderungen und psychologische Abgründe, um seine Enttäuschung kundzutun: für die Liberalen war die Restauration ein wahrer Rückschlag, die Scheinheiligkeit der Gesellschaft kaum noch zu ertragen. Durch ein breites Feld an Charakteren bildet Galdós unterschiedlichste politische Gesinnungen und soziale Stellungen ab: Monarchisten, Anarchisten, Arme, Neureiche, usw. geben ein realistisches Bild wieder. Im Vergleich zu früheren Romanen (etwa Doña Perfecta), die als Thesenromane eine sehr polarisierte Auseinandersetzung erforderten, erweitert Galdós in La desheredada diese Typisierungen: es gibt sehr wohl Figuren, die für etwas Bestimmtes repräsentativ sind, doch können nur sehr wenige tatsächlich als negativ beschrieben werden, da die meisten Protagonisten - wie der Mensch nun mal wirklich ist - sowohl über schlechte als auch gute Seiten verfügen. Jene Figuren, die Galdós negativ belässt, sind jene, die für einen raschen sozialen und somit wirtschaftlichen Aufstieg über Leichen gehen und jegliche moralische Bedenken verweigern. Er zeigt in weiterer Folge auf, wie eben diese Personen durch ihr Handeln die restliche Bevölkerung beschmutzen und vernichten.
Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich einen kurzen Überblick zu Galdós` Werk erstellen, Inhalt und Themen des Romans zusammenfassen und den spanischen Naturalismus thematisieren, da etliche Aspekte von La desheredada den naturalistischen Einfluss offenbaren. Diese sollen an Hand der Theorie kurz angedeutet werden, sind jedoch nicht das zentrale Thema dieser Arbeit. Der Hauptteil wird schließlich die Frage zu beantworten versuchen, wie Galdós den sozialen Wandel in diesem Werk darstellt: Geschichtlichkeit, Gesellschaftskritik und Fortschritt sind hierbei die Schwerpunkte.
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2. La desheredada im Kontext von Galdós Gesamtwerk
Am 10. Mai 1843 in Las Palmas geboren zieht Benito Pérez Galdós im Jahre 1862 für Studienzwecke nach Madrid.
Contaba diecinueve años y se encuentra con un Madrid isabelino, agradable, simpático, de vida fácil, donde se podía vivir sin trabajar. Pero en la década del 60 al 70 va a experimentar una gran transformación. 1
In diesem Jahrzehnt studiert Don Benito Rechtswissenschaften (1869 exmatrikuliert), verbringt jedoch seine Zeit mehrheitlich in den Cafés und beim Flanieren, widmet sich dem Journalismus und verfasst seine ersten dramatischen Werke. Er reist nach Paris, übersetzt und studiert die großen europäischen Vorbilder wie Dickens oder Balzac. Erst 1867 beginnt der Schriftsteller Prosa zu schreiben und veröffentlicht seinen ersten Roman La Fontana de Oro, der von den Kritikern äußerst positiv aufgenommen wird und ihm den Weg in den Olymp der spanischen Autoren ebnet. Zu dieser Zeit endet auch sein Leben als Bohemien und fortan wird strenge Arbeitsdisziplin vorherrschen. Seine Romane sind beliebt und insbesondere seine Episodios Nacionales verhelfen ihm zu Berühmtheit. Galdós setzt sich hauptsächlich mit der sozialen Problematik des 19. Jahrhunderts auseinander, und bezieht sich in seinen Analysen vor allem auf historische Ereignisse - er besaß jedoch auch die Gabe, gegenwärtige Geschehnisse als historisch erkennen zu können.
Er veröffentlichte 77 Romane und 22 Theaterstücke, wobei sein Werk in vier Perioden eingeteilt werden kann: 2 1. Die historische Periode (1867-1879). 2. Die Naturalistische Periode (1881-1892). 3. Die spiritualistische Periode (1892-1907) 4. Die mythologische Periode (1908-1918).
Der Roman La Desheredada ist der Beginn der zweiten Periode und gehört zu den so genannten novelas españolas contemporáneas. Dies ist ein Komplex von 21 Romanen, die (außer Angel Guerra) alle in Madrid situiert sind und abermals in zwei Subklassen unterteilt werden können. Einerseits jene Romane, die sich mit der Zeitspanne von ca. 1868-1875 auseinandersetzen (8 Romane), andererseits Werke, die in der Restaurationszeit spielen. Galdós schafft mit diesen Novelas-Komplex jedoch keine wirklich unabhängigen Werke:
1 Elizalde, Ignacio: Pérez Galdós y su novelística. Bilbao: Publicaciones de la Universidad de Deusto, 1981; S.
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2 Vgl: ebenda; S. 18 f.
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durch das wiederholte Auftreten vieler Figuren, Handlungsorte, usw. webt Galdós eine eigene Welt, in der Madrid als Spiegel der gesamten spanischen Gesellschaft dient. Der Roman besteht aus zwei Teilen, zu je 18 Kapiteln, bzw. im zweiten Teil wird eine Moraleja als 19. Kapitel gerechnet, und wurde 1881 als Fortsetzungsroman veröffentlicht: insgesamt 16 Teile, die ursprünglich wöchentlich erscheinen sollten, schließlich jedoch viel länger dauerten (von März bis Ende August). Im September 1881 erschien die erste Buchedition des Werkes. 3 Nachdem das Publikum nahezu ein Jahr auf ein neues Werk des Autors gewartete hatte, fielen die Kritik und die Aufnahme bei der Leserschaft zuerst negativ aus.
3. Inhalt und Themen des Romans
Der Roman La desheredada thematisiert die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen Spaniens in den 1870er Jahren. Im Zentrum der Handlung steht Isidora Rufete, eine bildhübsche, junge Frau, die in La Mancha bei ihrem Onkel, dem Canónigo, aufgewachsen ist, und im Jahre 1872 nach Madrid zurückkehrt. Ziel ihrer Reise ist hauptsächlich die Anerkennung ihres durch Dokumente belegten Adelstitels. Seit ihrer Kindheit machen ihr die männlichen Verwandten glaubhaft, sie sei in Wirklichkeit nicht eine gewöhnliche Rufete aus dem Volk, sondern stamme aus der ehrwürdigen Adelsfamilie Aransis ab. Mit der Aussicht auf eine gesicherte und sehr wohlhabende Zukunft verbringt sie ihr Leben in Träumereien, welche sich ausschließlich mit den noblen Seiten des Lebens beschäftigen, die reale Welt immer mehr in den Hintergrund rückend.
[...] tenía la costumbre de representarse en su imaginación, de una manera muy viva, los acontecimientos antes que fueran efectivos. Si esperaba para deteminada hora un suceso cualquiera que la interesase, visita, entrevista, escena, diversión, desde mediodía o medianoche antes el suceso tomaba en su mente formas de extraordinario relieve y color, desarrollandóse con sus cuadros, lugares, perspectivas, personas, figuras, actitudes y lenguaje. (S. 94)
3 Vgl.: Ribbans, Geoffrey: La desheredada, novela por entregas: apuntes sobre su primera publicación. In:
Anales galdosianos, 1992-93; S. 68-75
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Die Realität sieht sie als Qual an, die ungerechtfertigt auf ihr lastet, und notwendigerweise alsbald durch die Erfüllung ihrer Träume ein Ende finden muss. Sie verweigert jegliche Ausbildung, sieht in ihrem Umfeld eine bloße und ihr unwürdige Belastung, und verfällt einem unaufhaltsamen Luxus- und Kaufrausch, da sie - obwohl in ärmlichen Verhältnissen lebend - glaubt, sie habe auf Grund ihrer Herkunft das Recht, wie andere reiche Damen gekleidet und ausstaffiert zu sein.
Su apetito de engrandecerse no era un deseo tan sólo, sino una reclamación. Su pobreza no le parecía desgracia, sino injusticia, y el lujo de los demás mirábalo como cosa que le había sido sustraída, y que, tarde o temprano, debía volver a sus manos. (S. 232)
Vor der Ersten Republik muss Isidora auf die Gnade der Marquesa hoffen, sie empfangen zu wollen; durch die rechtlichen Veränderungen in der Ersten Republik hingegen, erhält Isidora das Recht einen Prozess gegen Aransis zu führen. Der Rechtsstreit um ihren Titelanspruch, und dementsprechend ihr immenses Erbe, zieht sich über lange Zeit, in welcher sich Isidora durch reiche Geliebte einen relativ luxuriösen, jedoch sehr labilen und abhängigen Lebensstil ermöglicht. Von ihren Träumen geblendet sieht sie nicht, dass diese Liebhaber ihr mehr Schaden als Nutzen zufügen. Je länger sie in Madrid bleibt desto tiefer fällt sie (von Joaquín Pez, über Botín bis zu Gaitica), bis sie schlussendlich verunstaltet in der Prostitution endet. Auf den ersten Blick ist La desheredada ein Roman, der sich mit dem Fall seiner Protagonistin auseinandersetzt. Doch wäre es nicht Galdós, wenn nicht etliche Faktoren ein sehr komplexes Netz spannen würden: einerseits ist die Geschichte Isidoras ein Kampf gegen die Zeit. Die Abschaffung der Monarchie lässt ihren Wunsch nach einem Adelstitel geradezu pathologisch erscheinen. Es ist die Epoche, in der sozialer Aufstieg nur mehr mit Geld möglich ist. Selbst in Situationen, in denen Isidora durch eine gute Partie diesen Aufstieg schaffen würde, lehnt sie diese Eheschließungen kategorisch ab, da sie ihr zu gering sind; auf Grund des Titels und des hohen Erbes wäre ihr nur ein hoher Adeliger gut genug. Sie erkennt zu spät, dass ihr die adelige Herkunft verwehrt bleibt und ihre Taten (ständige Geliebte, ein uneheliches Kind, hohe Schulden, Arroganz ihrem Umfeld gegenüber) moralisch verwerflich sind. Das Ziel honrada zu sein verbaut sie sich durch ihre Naivität, Geldsucht und zwanghafte Erbanspruchs-Phantasie ganz alleine.
Andererseits öffnet Galdós ein breites Spektrum an Charakteren: zum Einen Realitätsverweigerer, die gleichzeitig nicht arbeiten wollen und im Laufe der Handlung immer mehr zu Grunde gehen (Isidora selbst, ihr Bruder Mariano, ihr Onkel dritten Grades
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Don José Relimpio). Isidora und Don José sind ebenso außergewöhnliche Narzissten. Zum Anderen selbstbewusste, hart arbeitende Figuren, die stets das Ende von Isidora voraussagen und sehr bodenständige Typen sind (Doña Laura Relimpio und Tía Encarnación). Weiters politisch Engagierte (der Katalane Juan Bou, Mariano), und Figuren die das Beamtentum und die Korruption repräsentieren (los Peces). Es gibt Adelige, Verrückte, cervantinische Figuren (der Canónigo aus La Mancha), Naturwissenschaftler (Augusto Miquis) und Neureiche, die durch Betrug und/oder Glück zu Geld kamen (Melchor Relimpio, Gaitica).
4. Der Naturalismus in Spanien
Der Naturalismus entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich, wobei das Vorwort der Gebrüder Goncourt zu ihrem Roman Germinie Lacerteux, der 1864 erschien, als erstes theoretisches Manifest der entstehenden Epoche angesehen wird.
Kennzeichnend für den Naturalismus ist das sozialpolitische Engagement; die Intention auch die basses classes zu Wort kommen zu lassen, das Augenmerk auf die sozial schwächer Gestellten zu richten und ihnen in der Literatur eine Stimme zu verleihen. Beim Versuch den Naturalismus zu beschreiben, ist es unabdingbar, Zola und seine theoretischen Ansätze, die er in Le roman expérimental schriftlich festgehalten hat, zu erwähnen. 4 Denn gerade das bereits angedeutete sozialpolitische Engagement griff Zola auf und widmete sich in den 20 Romanen seiner Serie Rougon-Macquart allen sozialen Schichten und Berufsständen. Hierbei stand vor allem die Schilderung der durch die industrielle Revolution veränderten Umstände und Lebensbedingungen im Mittelpunkt seines Interesses. 5 Ein weiterer wichtiger Aspekt der naturalistischen Tradition war die Verwissenschaftlichung des Romans, man könnte bei manchen Werken beinahe von einer soziologischen Arbeit sprechen, da die detailgenaue Darstellung des sozialen Milieus der unterschiedlichen sozialen Schichten in den Vordergrund trat und nicht mehr das Schicksal einer einzelnen Figur entscheidend war. 6 Zola war zudem ein Verfechter des Determinismus und ging davon aus, dass das Umfeld sowie die ökologischen Bedingungen das Handeln der Menschen bestimmen. Ein weiterer entscheidender Faktor - waren seiner Überzeugung zufolge - die
4 Vgl.: Schmitz, Sabine: Spanischer Naturalismus - Entwurf eines Epochenprofils im Kontext des
`Krausopositivismo`. Tübingen: Niemeyer, 2000; S. 71 f.
5 Vgl.: Neuschäfer, Hans - Jörg: Der Naturalismus in der Romania. Wiesbaden: Akademische
Verlagsgesellschaft Athanaion. 1978; S. 2 f.
6 Vgl.: ebenda; S. 7
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Arbeit zitieren:
Silvia Freudenthaler, 2011, Schein und Sein in 'La Desheredada' von Benito Pérez Galdós, München, GRIN Verlag GmbH
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