Veränderte Kindheit: Eine Herausforderung für die Grundschule Romy Stegen
1. Einleitung
„Grundschulkinder sind anders geworden, so die Erfahrung vieler Lehrerinnen und Lehrer: Viele von ihnen, so meinen sie, sind Einzelgänger und können mit den andern nicht viel anfangen. Sie sind egozentrisch und haben Schwierigkeiten, sich in eine Gruppe einzuordnen. Sie können sich weniger konzentrieren, sind unruhiger, zappeliger, leichter irritierbar, aber auch selbstbewusster geworden. Anweisungen leisten sie nur nach wiederholtem Ermahnen Folge oder kümmern sich gar nicht darum. Sie können weniger mit sich anfangen, ruhen weniger in sich selbst und sind dauernd „in action“. Sie sind leicht reizbar, geraten rasch in Streitereien und tragen diese nicht selten hoch aggressiv aus. Vor allem, so meinen die Lehrerinnen und Lehrer, seien die Unterschiede in der kognitiven Entwicklung zwischen den Kindern größer geworden, speziell im sprachlichen Bereich, die Entwicklungsschere habe sich weiter geöffnet (Fölling‐Albers 1989, 1992). Solche auffälligen Veränderungen im Verhalten von Kindern legen nahe, veränderte Bedingungen des Aufwachsens, veränderte Kindheit, dafür verantwortlich zu machen.“ 1
Diese Aussage spiegelt wieder, dass die heutige Kindheit aus dem Blick der Lehrerinnen und Lehrer einen Wandel vollzogen hat. In besonderem Maß betroffen, scheint das Sozialverhalten der GrundschülerInnen zu sein, denn die Tendenz zu Einzelgängern habe enorm zugenommen. Weshalb die Ausmaße dieser Einschätzungen derart drastisch sind, hängt von vielerlei Faktoren ab. Veränderte Kindheit bedeutet gleichzeitig eine Veränderung der gesamten Gesellschaft und gleichzeitig deren Struktur. Hatte sich die Kindheit als eigene Lebensphase im 20. Jahrhundert gerade erst etabliert, so scheint das 21. Jahrhundert bereits einen Rückschritt ihrer Entwicklung vorzuweisen. Indirekt begünstigte die wirtschaftliche Stabilität des Industriezeitalters die Autonomie des Kindes. Dabei dürfen Einflüsse wie Wohnraumsicherung, Geburtenkontrollen und veränderte familiäre Strukturen nicht außer Acht gelassen werden. Die Entwicklung der elterlichen psychischen Reife bietet seither ein stabiles und emotionales Binnenklima innerhalb von Familien. 2
1 Knörzer, W./Grass, K./Schumacher, E: Den Anfang der Schulzeit pädagogisch gestalten, Beltz, Weinheim und
Basel, 2007 [2000], S.23
2 Vgl. Knörzer W./Grass, K./Schumacher, E.: Den Anfang der Schulzeit pädagogisch gestalten, Beltz, Weinheim
und Basel, 2007 [2000], S.26f
2
Veränderte Kindheit: Eine Herausforderung für die Grundschule Romy Stegen
Welche Faktoren verantwortlich dafür sind, dass sich Kindheit abermals verändert hat, möchte ich im Folgenden kurz skizzieren. Unsere Gesellschaft ist geprägt von vielerlei Entwicklungen, die gleichzeitig zu Einschränkungen unserer Lebenswelt führen. Es erfolgte im Laufe der Zeit eine tendenzielle Angleichung kindspezifischer und erwachsenenspezifischer Lebens‐ und Verkehrsformen. Der zunehmende KFZ‐Verkehr, mit dem unmittelbar veränderte Siedlungsstrukturen einhergehen, sorgt für eine Verinselung der Kindheit. 3 Dies führt zur Einschränkung der kindlichen Lebensbereiche, sodass sich Kinder nicht mehr gefahrlos frei auf den Straßen bewegen können und sich alternativ häufig zuhause oder in öffentlichen Räumen treffen. Den Umweltbeschränkungen zufolge wird auch die kindliche Zeitstruktur durch die der Erwachsenen durchsetzt. Die kindlichen Lebensbereiche werden durch erwachsenenspezifische Mediengewohnheiten ersetzt, wodurch eine Nivellierung des Kindheits‐ und Erwachsenenstatus einhergeht. 4 Postman spricht sogar vom „Verschwinden der Kindheit.“(Postman 1983) 5 Die Zahl der Ehescheidungen und der drastische Geburtenrückgang in den letzten Jahrzehnten sind exemplarisch dafür, dass Kinder immer seltener unter Geschwistern aufwachsen. Demzufolge leidet die Ausbildung der sozialen Komponente enorm, hinsichtlich einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung. Kinder behaupten sich innerhalb von Gruppen immer weniger durch die Fähigkeit des kooperativen Umgangs miteinander. Vielmehr hängt deren Statussymbol vom Konsum neuester Trends ab, seien es Spielsachen oder Kleidung.
Dieser kurze Abriss über die Veränderungen der Gesellschaft soll zunächst einem tieferen Verständnis für die Thematik folgender Arbeit dienen.
3 Vgl. Peuckert, R:Familienformen im sozialen Wandel,Opladen:Leske und Budrich,Augsburg,1991, S.95f.
4 Ebd.
5
Zit. n.: Peuckert, R:Familienformen im sozialen Wandel,Opladen:Leske und Budrich,Augsburg,1991, S.95f.
Veränderte Kindheit: Eine Herausforderung für die Grundschule Romy Stegen
2. Veränderte Kindheit: Eine Aufgabe für die Schule
2.1 Erziehung und Unterricht
Die Hauptaufgabe der Schule besteht darin, Kinder zu erziehen und zu unterrichten. Allen Lehrerinnen und Lehrern sollte demnach zu Bewusstsein geführt werden, auf welche Herausforderung sie sich dabei einlassen
und was sie im Laufe ihrer Schullaufbahn als Pädagoge zu leisten haben. Der Erziehungs‐ und Bildungsauftrag Baden‐Württembergs sieht vor, Unterricht so zu gestalten, dass „Bildung als ganzheitliche Wahrnehmung ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten“ 6 erfahren werden kann. Lediglich
ganzheitliches Lernen im Unterricht kann zu einer optimalen Persönlichkeitsentwicklung führen, die sich, mithilfe der Vermittlung von Handlungs‐ kompetenz, in vollem Ausmaß entfalten kann. „Handlungskompetenz entwickelt sich durch das
Zusammenwirken der vier Kompetenzfelder
6 http//: km‐bw.de/servlet/PB/.de Stand: 05.05.2009
7 Vgl. Meyer, H./ Vogt, D.: Schulpädagogik Band 1. Die Menschen zuerst. Carl von Ossietzky Universität.
Zentrum für pädagogische Berufspraxis, Oldenburg, 1997, S.35
Veränderte Kindheit: Eine Herausforderung für die Grundschule Romy Stegen
Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat sich die extreme Autoritätsstruktur, im Sinne einer Erwachsenen‐Kind‐Hierarchie, gewandelt, zu einer „Emanzipation des Kindes“. Geringere Strafpraktiken ermöglichen egalitäre Umgangsformen und der steigende Einfluss von Kindern bei beispielsweise innerfamiliären Entscheidungsprozessen führt zur Autonomie des Kindes. 9 Die moderne Grundschule reagiert auf diese Veränderungen und hat sich längst von dem dargestellten Erziehungsverständnis in Abbildung 1 gelöst. Sie versucht auf anderem, neuem Weg, ihre Schülerinnen und Schüler zu erziehen.
8 http//: www.svs.hamburg.de/images/1_karikatur.jpg; Stand: 05.05.2009
9 Vgl. Peuckert, R.: Familienformen im sozialen Wandel. Leske + Budrich, Opladen, 1991, S.96
5
Arbeit zitieren:
Romy Stegen, 2009, Veränderte Kindheit - eine Herausforderung für die Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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