Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Bedeutung der Sprache in Heinrich von Kleists Penthesilea 4
2.1. Die Sprache als Kommunikationsmittel 4
2.2. Sprachlosigkeit und Narrative Elemente im Trauerspiel 7
2.3. Penthesileas Selbstmord als Beispiel für die Kraft der Sprache 10
3. Zusammenfassung 12
4. Literaturverzeichnis 13
5. Sachbibliographie 15
5. 15
2
2
1. Einleitung
Über das 1808 erschienene Trauerspiel Penthesilea von Heinrich von Kleist wurde häufig bezüglich seiner Bühnentauglichkeit diskutiert. Die Häufung von narrativen Elementen wie Botenbericht und Teichoskopie ist ungewöhnlich für ein Drama und führt nicht nur auf der Bühne zu einer anderen Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Daher scheint es unerlässlich, sich auch darüber hinaus näher mit der Sprache des Stückes zu beschäftigen. Ziel dieser Hausarbeit soll es daher sein, die verschiedenen Funktionen und Wirkungsweisen von Sprache in Kleists Penthesilea zu untersuchen und vor allem die Frage zu klären, inwieweit die Sprache Einfluss auf den Handlungsverlauf nimmt und man tatsächlich von einer „Tragödie der Sprache“ sprechen kann.
Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Sprache als Kommunikationsmittel. Der zweite Teil geht auf die Sprachlosigkeit im Stück und die narrative Informationsvermittlung ein. Der dritte Teil beleuchtet schließlich die metaphorische Kraft der Sprache in Penthesileas Selbstmord.
Das Thema dieser Arbeit erfordert eine klare Eingrenzung, insbesondere im Hinblick auf die Primärliteratur. So soll Penthesilea als Hauptfigur den Ausgangspunkt aller Betrachtungen bilden, da sie mit unterschiedlichsten Formen der Sprache in Berührung kommt und selbige bei ihrer Selbsttötung eine besondere Rolle spielt. Dabei kann und soll keine Vollständigkeit aller möglichen sprachlichen Wirkungen im Trauerspiel erreicht werden. Vielmehr soll eine Auswahl der Deutungsmöglichkeiten erläutert und an einigen exemplarischen Beispielen belegt werden.
Eine wichtige Grundlage dieser Arbeit bilden die Aufsätze von Daniel Graf und Walter Müller-Seidel, da sich beide grundlegend mit der Auseinandersetzung von Sprache in der Penthesilea beschäftigen. Während Müller-Seidel die Grenzen der Sprache in Redeunfähigkeit, Pantomime und Berichten anderer Figuren aufzeigt, stellt Graf die Sprache gar als eigentlichen Held des Stückes heraus. Einen anderen Ansatz findet Maximilian Nutz indem er Sprache und Körper im Zusammenspiel betrachtet. Bettine Menke bemüht sich dagegen die Wirkung narrativer Elemente im Drama zu konkretisieren, ohne sie dem epischen Theater zuzuschreiben. Mit Hilfe dieser und anderer Forschungsbeiträge konnte daher die Rolle der Sprache in Kleists Penthesilea erläutert werden. 3
2. Die Bedeutung der Sprache in Heinrich von Kleists Penthesilea
2.1. Die Sprache als Kommunikationsmittel
Kleist thematisiert die Kommunikation und insbesondere ihr Nichtzustandekommen in vielen seiner Werke. Kommerells Einschätzung, dass oftmals schon von Beginn an „die Sprechenden in einer falschen Lage gegeneinander sind“ 1 , trifft insbesondere auf die Penthesilea zu. Penthesilea steht als Königin der Amazonen dem Achill als Mann und Griechen von vornherein in einer feindlichen Ausgangslage gegenüber. Darüber hinaus ist sie sichtlich nicht in der Lage, die gegenseitigen Liebeserklärungen in der Idylle des fünfzehnten Auftritts 2 in eine spätere Kommunikation mit Achill einzubinden 3 . Die Griechen dagegen nutzen die Sprache gezielt als „ein Mittel, mit dem man etwas erreichen kann“ 4 und setzen auf die Macht der Rhetorik. So vermischt Achill auf irritierende Weise immer wieder Bilder kriegerischer Gewalt mit denen der Liebe in Äußerungen wie „Küssen heiß von Erz“ 5 und „Als bis ich sie zu meiner Braut gemacht, / Und sie, die Stirn bekränzt mit Todeswunden“ 6 und erschwert damit eine Verständigung zwischen den Liebenden 7 .
Weiterhin bereitet Achill die Mehrdeutigkeit der Sprache großes Vergnügen 8 , so dass er über die ihn verfehlenden Pfeilschüsse der Amazonen scherzt: „Laßt, laßt! / Mit euren Augen trefft ihr sicherer. / Bei den Olympischen, ich scherze nicht, / Ich fühle mich im Innersten getroffen (…)“ 9 . Das Spiel mit den Worten gewinnt noch mehr an Doppeldeutigkeit wenn das eigentliche Verhältnis zwischen Sieger und Besiegter umgekehrt wird und Achill freiwillig einwilligt, den Gefangenen zu spielen, um Penthesileas Gefühle nicht zu verletzen. Hier antwortet Achill auf Penthesileas Frage „Sprich! Fürchtest du, die dich in Staub gelegt?“ 10 mit
1 Max Kommerell: Die Sprache und das Unaussprechliche. Eine Betrachtung über Heinrich von Kleist. In: Max Kommerell (Hrsg.): Geist und Buchstabe der Dichtung. Frankfurt am Main 1991, S. 243-317, S. 297-298.
2 Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Zweibändige Ausgabe in einem Band. Hrsg. von Helmut Sembdner. München 2001, S. 382.
3 Vgl. Karin Ockert: Recht und Liebe als symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien in den Texten Heinrich von Kleists. St. Ingbert 2005, S. 208.
4 Walter Müller-Seidel: Kleists Penthesilea im Kontext der Deutschen Klassik. In: Walter Müller-Seidel (Hrsg.): Die Geschichtlichkeit der deutschen Klassik. Literatur und Denkformen um 1800. Stuttgart 1983, S. 209-230, S. 219.
5 Kleist, S. 342, Vers 606.
6 Kleist, S. 342, Vers 613-614.
7 Vgl. Dirk Grathoff: Liebe und Gewalt. Überlegungen zu Kleists Penthesilea. In: Dirk Grathoff (Hrsg.): Kleist: Geschichte, Politik, Sprache. Aufsätze zu Leben und Werk Heinrich von Kleists. Opladen/Wiesbaden 1999, S. 125-131, S. 126.
8 Vgl. Daniel Graf: Das gebrochene Wort. Kleists Penthesilea als Tragödie der Sprache. In: Euphorion 101 (2007), S. 147-175, S. 158.
9 Kleist, S. 370, Vers 1416-1419.
10 Kleist, S.382, Vers 1753.
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dem Vergleich „Wie Blumen Sonnenschein“ 11 und verneint damit die Frage zwar ehrlich, aber mit einem gewissen Spott. Ebenso wird offensichtlich, dass Penthesilea mit derlei Wortspielen nicht gut umgehen kann und stets die „Bilder wörtlich nimmt“ 12 . So erwidert sie: „Gut, gut gesagt! / So sieh mich auch wie deine Sonne an“ 13 . Achill offenbart ihr schließlich, dass sie die eigentliche Gefangene und ihm im Kampf Unterlegene sei. Nachdem die Amazonen Penthesilea aus der Gewalt der Griechen befreien, sinnt Achill daraufhin nach einer List, um sie endgültig für sich zu gewinnen: „Ja. Doch eine Grille, die ihr heilig, / Will, daß ich ihrem Schwert im Kampf erliege; / Eh nicht in Liebe kann sie mich umfangen“ 14 . Penthesilea durchschaut hier die sprachliche Mehrdeutigkeit genauso wenig wie den eigentlichen Hintergund dieser Forderung zum Kampf: die dahinter stehenden Liebesabsichten Achills. Die Einladung zum Kampf fasst sie folglich auch wörtlich als eine solche auf und fühlt sich von Achill getäuscht: „Der mich zu schwach weiß, sich mit ihm zu messen, / Der ruft mich, Prothoe, ins Feld? / Hier diese treue Brust, sie rührt ihn erst, / Wenn sie sein scharfer Speer zerschmetterte?“ 15 . Dieses Wörtlich-Nehmen, das „aus der fundamentalen Fremdheit der Figuren in ihren Erkennungssituationen“ 16 entsteht, begleitet Neumann zufolge die verhängnisvolle Zuspitzung des Konflikts.
Diese eskaliert schließlich in dem mörderischen Akt, in dem Penthesilea Achill jagend mit einem Pfeil erschießt, um ihn anschließend gemeinsam mit ihren Hunden zu zerfleischen. Nutz, der Kleists Penthesilea als „Körperdrama“ untersucht, kommt zu dem Schluss, dass hier der Körper letztlich zur Sprache bringt, „was in diesem Prozeß zum Schweigen gebracht wurde“ 17 . Damit wird der Mordakt zur unmittelbaren Konsequenz der mangelnden Verständigung zwischen den Protagonisten. Dementsprechend verteidigt Penthesilea später diesen Mord auch als ein Versehen, das wie ein Versprechen der Worte zweier Extreme sei 18 : „So war es ein Versehen. Küsse, Bisse, / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andre greifen“ 19 . Der „Reim für das Moment des Unbestimmten
11 Kleist, S. 382, Vers 1755.
12 Graf, S. 158.
13 Kleist, S. 382, Vers 1756-1757.
14 Kleist, S. 406, Vers 2460-2462.
15 Kleist, S. 403, Vers 2385-2388.
16 Gerhard Neumann: Bildersturz. Metaphern als generative Kerne in Kleists Penthesilea. In: Rüdiger Campe (Hrsg.): Penthesileas Versprechen. Exemplarische Studien über die literarische Referenz. Freiburg im Breisgau/Berlin/Wien 2008, S. 93-126, S. 105.
17 Maximilian Nutz: Lektüre der Sinne. Kleists „Penthesilea“ als Körperdrama. In: Dirk Grathoff (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Studien zu Werk und Wirkung. Opladen 1988, S. 163-185, S. 185.
18 Vgl. Müller-Seidel, S. 219.
19 Kleist, S. 425, Vers 2981-2983. 5
Arbeit zitieren:
Maxi Hoffmann, 2009, Eine Tragödie der Sprache - Heinrich von Kleists 'Penthesilea', München, GRIN Verlag GmbH
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